Sabotage

Alfred Hitchcock: „Sabotage“ (1936)

So viel Zeit daheim zu verbringen… das macht schon was mit mir. Und nachdem ich einige tolle Blogs über Filme entdeckt habe, war mir irgendwie danach, meinen eigenen Blog zu erweitern. Leselisten… ja, hier sollte es ursprünglich nur um Bücher gehen, aber warum denn eigentlich? Ich gucke ebenso gerne Filme und Serien wie ich lese – und wenn ich mich entscheiden müsste, ob ich den Rest meines Lebens nur noch Bücher lesen oder nur noch Filme anschauen kann, dann wäre das keine Entscheidung, die ich spontan treffen könnte!

In den letzten Tagen, als das Wetter dann mal etwas schlechter gewesen ist, habe ich die Mediathek des Senders arte wieder für mich entdeckt. Seit Wochen gucken mich die herrlichen Schwarz-Weiß-Schinken dort schon an und zuletzt bin ich endlich dazu gekommen, mich etwas in das Frühwerk von Alfred Hitchcock reinzufinden…

Sabotage ist ein Film, der keine Minute zu lang ist. (Das wäre bei 74 Minuten aber auch ein starkes Stück, wenn man ehrlich ist.) In der ersten Szene wird ein  – wenn man die Entstehungszeit bedenkt – sehr imposanter Stromausfall inszeniert. London verschwindet in der Finsternis. Der Besitzer eines Kinos, das besser laufen könnte, kommt nach Hause, legt sich eine Tageszeitung aufs Gesicht, stellt sich schlafend und tut so, als wäre er nie weggewesen. Ein junger Mann, der gegenüber von dem Kino an einem Stand Obst und Gemüse verkauft, beobachtet dieses merkwürdige Verhalten. Und viel mehr kann man schon gar nicht erzählen, ohne nicht etwas zu verraten.

Die Spezialeffekte des Films sind… nicht von schlechten Eltern. Die Verkehrsmittel einer Großstadt in den 30er-Jahren zu sehen ist grandios. Offene Busse und Straßenbahnen, die so langsam fahren, dass man darauf springen kann? Unabhängig von Haltestellen? Ein Traum. Der Einblick in die Technik der alten Tage des Kinos ist außerdem für mich – als jemand, der weiß, wie es in heutigen Kinos hinter den Kulissen aussieht – hochspannend gewesen. Filmrollen, mit denen man nicht Bus fahren darf, weil es so brandgefährlich ist? Leinwände, hinter denen man stehen kann? Ein Traum.

Was man Sabotage außerdem schon anmerken kann, ist Hitchcocks Neigung zur Psychologisierung seiner Figuren. Was zum Beispiel etwas später im Jahr 1945 bei Ich kämpfe um dich (Originaltitel: Spellbound) in ganze Traumlogik-Sequenzen ausartet, sind hier nur kleine Szenen, in denen man einen subtilen Einblick in die Psyche der weiblichen Hauptfigur bekommt. Der gute Sigmund lässt grüßen!

Um vielleicht doch noch einmal einen kleinen Schwenk in Richtung der guten alten Literatur zu machen: Der Film basiert auf einem Roman von Joseph Conrad, dessen Titel schon wieder ein bisschen zu viel preisgibt – doch wenn der Film das in den ersten Minuten kann, dann kann ich den Titel hier wohl auch nennen: The Secret Agent.

Info: In der arte-Mediathek ist der Film noch bis zum Ende des Monats Mai kostenlos und ohne Anmeldung abzurufen. Das ist jetzt keine Werbung für arte… wobei doch, es ist Werbung für arte. Unbezahlt und mit voller Überzeugung!

Der Mensch erscheint im Holozän

„Der Mensch erscheint im Holozän“ von Max Frisch (1979)

„Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen.“

Max Frisch

Angesichts des Klimawandels und anderen tagesaktuellen Krisen sticht dieser eine Satz aus Der Mensch erscheint im Holozän regelrecht hervor. Die Diskussion, ob wir uns nicht bereits im Anthropozän und nicht mehr im Holozän befinden, weil der Mensch die Welt so stark geprägt hat, dass man von einem geochronologischen Erdzeitalter des Menschen sprechen könnte, gehört eher dem Jahr 2020 als dem Jahr 1979 an, aber gerade deshalb ist der Roman von Max Frisch hochspannend – und seiner Zeit voraus.

Es wird die kurze Geschichte von Herrn Geiser erzählt. Herr Geiser lebt in Tessin, im Gebirge, und stellt während einer „Regenzeit“ fest, dass man nicht den ganzen Tag lesen kann. Er will sein Wissen sammeln, schreibt wichtige Informationen aus seinen Lexika heraus und heftet sie an die Wand, um sie immer sehen zu können. Er leidet unter seinem zunehmend schlechter werdenden Gedächtnis.

Die Tage im Leben eines alten Mannes, der dem Wissen nachjagt, es festhalten will und dabei beobachtet, ob es zu einem Rutsch des Berges kommt, der seinen Lebensraum vernichtet, ist detailverliebt niedergeschrieben. Die Zettel mit dem Wissen, das Herr Geiser für besonders wichtig erachtet, sind auch für den Leser abgedruckt, sodass man das Gefühl hat, den Raum mit den gesammelten Zetteln sehen zu können. Erst nach der Lektüre ist mir klar geworden, dass Herr Geiser fast bis zum Schluss nicht mit anderen Personen interagiert. Es ist ein Ein-Mann-Roman, Herr Geiser ist ein Solokünstler, der auch den Leser in seiner subjektiven Gedankenwelt gefangen hält.

Wer sich eine hochspannende Handlungskurve verspricht oder ein emotionales Drama erleben möchte, der ist bei Der Mensch erscheint im Holozän definitiv nicht an der richtigen Adresse. Der Roman ist ruhig, ein bisschen verschroben und auf seine Art dennoch ungeheuer simpel, ohne dabei etwas von seinem philosophischen Charme zu verlieren. Ich habe bei Weitem nicht genug Texte von Max Frisch gelesen, um zu sagen, ob dieser Roman typisch oder untypisch für Frisch ist, aber ich habe nicht das Gefühl, meine Zeit verschwendet zu haben.

Der verlorene Sohn

„Der verlorene Sohn“ von Helme Heine und Gisela von Radowitz (2010)

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich „Der verlorene Sohn“ von der ersten Seite an gepackt hätte, aber nach knapp einem Drittel hat das Buch dann doch Fahrt aufgenommen und ich denke, es hat sich eine ordentliche Rezension verdient. Bei diesem Roman handelt es sich um einen Zufallskauf, von dem ich ungefähr zwei Wochen dachte, dass ich das Geld doch lieber nicht ausgegeben hätte. Der Grund für meine fehlende Begeisterung ist der Protagonist, der 2010 vielleicht noch irgendwie originell gewesen ist, aber zehn Jahre später wie das überzeichnete Klischee eines ratlosen Abiturienten rüberkommt. (Eine männliche Australien-Lisa, falls das irgendwem ein Stichwort ist.)

Thomas hat sein Abitur gemacht und weiß nicht, was er mit seinem Leben anfangen will. Die ganze Welt steht ihm offen – und doch irgendwie nicht. Seine Eltern wünschen sich eine sichere Laufbahn, ein Studium und eine Karriere als Beamter wären schön. Bei dem weiblichen Geschlecht kommt Thomas aufgrund seiner Schüchternheit nicht besonders gut an, doch bei seinem Abiball wird er von seinem Langzeitschwarm mit in ein Hotelzimmer genommen und dort entjungfert. Am nächsten Morgen ist das Mädchen verschwunden und Thomas weiß nicht, was er will. So gar nicht. In seine Abizeitung hat er aufgrund fehlender Träume und Visionen nur ein Wort an die für große Pläne vorgesehene Stelle eintragen lassen: Neuseeland. Weil seine Eltern vor zwanzig Jahren mal ein Paar aus Neuseeland in München getroffen haben und man sich beim sommerlichen Schwatzen im Biergarten so gut verstanden hat, dass man Adressen austauschte. Weil man ja immer mal ans andere Ende der Welt reisen wollte. Dieses einzelne Wort ist es übrigens auch gewesen, das Thomas Schwarm auf ihn aufmerksam gemacht hat. Weil Neuseeland, das ist ja ganz spannend. Das ist ja so ungewöhnlich und mysteriös, dass da irgendjemand hin will. An dieser Stelle ist nun die Anmerkung nötig, dass das Buch in den 80er oder 90er-Jahren spielt. Instagram, Facebook und die „Herr der Ringe“-Filme gehören der Zukunft an, Neuseeland ist also noch keine so ganz bekannte Ecke.

Dieser Ort, die Leute, die seine Eltern damals kennengelernt haben, scheinen also das Schicksal von Thomas zu sein. Sobald er dort ankommt, wird das Buch auch merklich interessanter, denn mit den alten Bekannten seiner Eltern scheint etwas ganz massiv nicht zu stimmen. Nach und nach erfährt Thomas, der vor Ort von allen nur Tom genannt wird, dass die Familie Robinson einen Sohn in seinem Alter hat, dem etwas zugestoßen ist. Die Entblätterung der Geschichte des gleichaltrigen Edward ist das Herzstück des Buches.

Der Roman bekommt eine phantastische Komponente, als Thomas und der Leser erfahren, dass er und der Sohn der Robinsons einander zum Verwechseln ähneln. Das Doppelgänger-Motiv wird hier in eine dramatische, aber nicht überzogene Familientragödie eingebunden, die Komplexität von Eltern-Kind-Beziehungen wird sehr schön dargestellt und der Mythos vom freien, „exotischen“ Neuseeland wird heftig angegangen. Denn nicht nur in Deutschland, mit den Beamtenträumen der eigenen Eltern im Nacken, ist Thomas ein Gefangener. Wie frei ein Mensch sein kann und wie viel Freiheit ein Mensch braucht, das ist eine ziemlich zeitlose Frage, auf die der Roman natürlich nicht die Antwort liefern kann. Doch die Konflikte und Themen, denen der Protagonist hier ausgesetzt wird, die Entscheidungen und Urteile, die ihm abverlangt werden, lassen beim Leser das dringende Gefühl zurück, darüber reden zu wollen. Und was kann man Besseres über einen Buch sagen als dass nach dem Lesen akuter Rede- und Diskussionsbedarf besteht?

Amour Fou

„Amour Fou“ von Arnon Grünberg (2000)

Es gibt sie immer wieder: Diese Autoren, die preisgekrönt, hyperproduktiv und von den Kritikern geliebt sind – und die man trotzdem einfach nicht kennt. Arnon Grünberg ist für mich so ein Autor und ich frage mich mal wieder, was mit mir nicht stimmt und warum es ein geschenktes Buch braucht, um auf diesen schreibenden Menschen aufmerksam zu werden. (Aber besser spät als gar nicht, oder?) „Amour Fou“ ist ein Roman, an den ich ohne allzu viele Erwartungen herangetreten bin – und eventuell hat er deshalb so heftig reingehauen.

Das Thema des Buches ist – offensichtlich – Amour Fou. Verrückte Liebe. Das Verrückt-Werden vor Liebe. Aber eigentlich ist es sogar ein bisschen mehr: Es geht um Liebe und es geht um Verrückte und um Wut, aber dabei ist das alles ganz undramatisch erzählt. Und die Art wie erzählt wird ist das eigentlich Highlight, auch wenn die Handlung Spaß macht.

Die Geschichte seiner Kahlheit, die möchte Marek van der Jagt dem Leser präsentieren. Marek ist ein Student der Philosophie, hauptberuflich Nachhilfelehrer und Sohn. Seine Mutter ist eine schillernde, schwierige Persönlichkeit, die ganz Wien um den Finger gewickelt hat und auch nach ihrem Tod eine zentrale Rolle in Mareks Leben spielt. Mareks Vater ist ein großer Schweiger, der sich neu verheiratet hat und ganz offensichtlich auf anstrengende Frauen steht, die sehr viel Aufmerksamkeit benötigen. (Und sehr viel Geld haben.) In einer solchen Familienkonstellation würde man Marek zwei Brüder wünschen, die Verbündete sind, aber Daniel und Pavel sind… einfach nur da. Die drei Brüder stehen in einem unterschwellig rivalisierenden Verhältnis zueinander, aber eigentlich ist ihre geschwisterliche Beziehung dadurch gekennzeichnet, dass es kaum eine Beziehung gibt. Marek ist von jedem einzelnen Mitglied seiner Familie isoliert, man lebt aneinander vorbei, man redet aneinander vorbei – und man tut sich nicht so richtig weh, auch wenn man mitunter grausam miteinander umgeht.

Doch Mareks klar geordnete und gleichzeitig chaotische Familienverhältnisse sind gar nicht sein größtes Problem, so einfach ist es dann doch nicht. Marek ist auf der Suche nach der Amour Fou, die er für den Sinn des menschlichen Lebens hält, für seine Bestimmung. Dabei begegnet er zwei Mädchen aus Luxemburg, die leicht entflammbar sind, aber sich für Marek doch nicht so richtig begeistern können. Man isst Pekingente zusammen. Man schreibt sich eine Postkarte. Und das war’s. Doch Marek gibt nicht auf, er lässt sich von Fräulein Oertel, die fünfzehn Jahre älter ist, an der Abendschule unterrichtet und noch bei ihrer Mutter lebt, mit nach Hause nehmen. Und so weiter und so fort.

Ein junger Mann auf der Suche nach der Amour Fou, Mutterkomplexe, explizit ausgeschriebenes sexuelles Versagen, das Kreisen um die Frage nach echter, funktionaler Männlichkeit – will man das 2020 überhaupt noch lesen? Ist das nicht eigentlich out? Das kann schon sein, aber Grünbergs Art von Mareks Leiden zu erzählen ist hochkomisch und wunderbar leichtfertig, obwohl er seinen Protagonisten durchaus ernst nimmt. Ernst genug, um die Geschichte seiner Kahlheit zunächst unter dem Pseudonym Marek van der Jagt zu veröffentlichen.

Für mich ist „Amour Fou“ eine Geschichte gewesen, die aus vielen einzelnen, absolut zitierfähigen Sätzen besteht und von einer kolossalen Hauptfigur zusammengehalten wird, an die ich mich hoffentlich auch in ein paar Jahren noch erinnern werde, wenn ich das Ende des Romans vergessen habe und das Buch zum zweiten Lesen aus dem Regal ziehe.

The Sick Bag Song

„The Sick Bag Song“ von Nick Cave (2015)

Wenn es um Musik geht, dann neige ich nicht wirklich dazu, fanatisch zu sein und exzessiv und exklusiv für einzelne Musiker zu schwärmen, aber wenn es einen Künstler gibt, der ein gewisses Maß an „Fangirling“ bei mir hervorruft, dann ist das definitiv Nick Cave.

Mit der Band „Nick Cave & The Bad Seeds“ hat Nick Cave in den letzten vier Jahrzehnten mehrere Studioalben veröffentlicht, er hat bei Soundtracks mitgewirkt, Filme gedreht und komponiert – und er hat Bücher geschrieben. Diese Bücher stehen bei mir seit Jahren auf diesen ehrgeizigen, potenziell lebenslänglich fortgeführten Will-Lesen-Listen und an Weihnachten ist endlich der Stein ins Rollen gekommen. Ich habe „The Sick Bag Song“ in einem meiner Lieblingsbuchläden entdeckt und sofort gekauft. Als Weihnachtsgeschenk für meinen Vater. Und für mich. Eine Anschaffung für die ganze Familie, so soll es sein.

Während „The Sick Bag Song“ eher in die Sparte autobiographisch-poetisch fällt, sind „And The Ass Saw The Angel“ und „The Death of Bunny Munro“ eher klassische Romane. (Die ich auch bald, sehr bald, lesen werde, denn ich habe keine halben Sachen gemacht und alle drei Bücher unter dem Weihnachtsbaum deponiert.)

Das Buch ist während einer Tournee der Bad Seeds durch Nordamerika entstanden. In Bussen, Flugzeugen, Hotels. In Bewegung Auf Spucktüten. Deswegen auch der Titel. Simpel und einleuchtend, oder? For Motion Discomfort.

Eine richtige Handlung gibt es nicht, es gibt vielmehr einige Motive, quasi rote Fäden, die sich durch das gesamte Buch ziehen, das vielleicht richtigerweise als episches Lang-Gedicht oder Ballade bezeichnet werden müsste. Es liest sich ein wenig wie das Booklet eines Albums, aber doch anders. In der zweisprachigen Ausgabe sind zuerst die von Nick Cave bemalten, betexteten, bekritzelten und doch niemals im klassischen Sinne „benutzten“ Spucktüten in Farbe abgedruckt, dann folgt Stadt für Stadt, Tüte für Tüte die deutsche Übersetzung des Textes, der daraus entstanden ist. Die zweite Hälfte des Buches präsentiert dann ganz schlicht noch einmal die englischen Originalfassungen des gedruckten Textes. Ein multimediales Erlebnis, das dringend nötig ist, denn eine reine Übersetzung zu lesen, wäre irgendwie unbefriedigend gewesen. Obwohl es eine sehr gelungene Übersetzung ist, sehnt man sich als Kenner der Lyrics von Nick Cave nach dem originalen Wortlaut. Man kann sogar so weit gehen und sagen, es kommt auf jedes einzelne Wort an.

Eine Liste von wiederkehrenden Motiven:

Der Junge auf der Brücke, der sein Ohr an die Gleise legt, um den Zug zu hören.

Das Mädchen in dem kurzen Rock (Ahornblätter, stars and stripes, je nachdem), das fliegen und nicht fallen will. Auch auf der Brücke.

Brücken.

Die Frau, die nicht ans Telefon geht. Ring. Ring. Ring.

Die ausgefransten Fäden in den Ärmeln der Jacke.

Der Mann auf der Bühne, der ein Gott ist, der Nichts ist.

Memory is just another form of possession.

Essen.

Listen.

Bryan Ferry, Leonard Cohen, Bob Dylan, John Berryman.

That the world may know that I died of love.

Vampirismus, keine Vampire.

Wem das jetzt zu kontextfrei und unzusammenhängend war, der möge seine Hände von dem „Sick Bag Song“ lassen. Das Buch gefällt wahrscheinlich dann, wenn man die Musik von Nick Cave mag. Es ist einfach ein Teil des Gesamtkunstwerks, das dieser Mann eventuell gar nicht sein will, aber irgendwie doch ist.

Ich weiß nicht so richtig, wie ich das Buch rezensieren sollte, wie ich das zusammenfassen soll, aber es war mir wichtig, etwas darüber zu schreiben und das hier ist der erste Versuch. Vielleicht fällt mir irgendwann mehr ein, aber wahrscheinlich eher nicht.

Ich mache es einfach ganz kurz: „The Sick Bag Song“ ist das erste Buch, das ich 2020 gelesen habe und ich könnte darüber gar nicht glücklicher sein.

Unterleuten

„Unterleuten“ von Juli Zeh (2016)

Als ich dieses Buch begonnen habe, ist der Hype um „Unterleuten“ von Juli Zeh zwar längst vorbei gewesen, aber ich hatte immer noch im Hinterkopf, wie lang dieser Titel in den Bestseller-Listen zu finden war – und meine Erwartungen sind ganz unwillkürlich sehr hoch gewesen. Das kann ja nur schief gehen, dachte ich – und ich hatte irgendwie Recht.

Worum geht es?

„Mit dem Dorf stimmt was nicht. Ganz massiv.“ Diese zwei kurzen Sätze sind auf dem Buchrücken abgedruckt und fassen den Inhalt des über 600 Seiten langen Romans ganz hervorragend zusammen: Unterleuten, das Dorf mit dem sprechenden Namen, das im Brandenburg‘schen Nichts liegt und in dem sich die großen Konflikte der deutschen Gegenwart auf kleinstem Raum abspielen.

Das Konzept, wichtige gesellschaftliche und politische Themen irgendwie greifbarer zu machen, indem sie auf den Mikrokosmos eines Dorfes projiziert werden, ist wirklich gut. Über Windkraft, die Krise der Landwirtschaft, die Altlasten der DDR, Sozialismus und Kapitalismus und all das zu sprechen, ohne dabei staubtrocken, belehrend oder einfach nur anstrengend zu sein, ist nicht einfach. Ich bin immer noch beeindruckt, dass ein Buch, in dem all diese Themen durchgehend präsent sind, ein Bestseller geworden ist. So weit, so gut.

In Unterleuten versammeln sich „Wessis“ und „Ossis“, Zugezogene und Alteingesessene, Sozialisten und Kapitalisten, Gutgläubige und Bösdenkende. Die Geschichte des Dorfes wird aus mehr als einem Dutzend Perspektiven erzählt und jeder der Protagonisten liest sich ein wenig anders. Trotz der Vielzahl der Figuren und Verstrickungen verliert man nicht den Überblick, sondern kann die Handlungsstränge und Familienzugehörigkeiten immer einwandfrei zuordnen. Das liegt zum einen daran, dass das Buch sehr gut geschrieben ist – und zum anderen daran, dass die Figuren nicht direkt Klischees sind, aber doch immer sehr repräsentativ. Sie sind Stellvertreter für eine bestimmte Denkweise, demonstrieren eine Zwickmühle, eine politische Gesinnung, eine gesellschaftliche Rolle oder einfach nur ein böses Vorurteil.

Was ist Freiheit? Was ist Macht? Was ist Feindschaft? Die Klärung all dieser großen Begriffe, mit denen gerade in den „sachlichen“ Medien, aber auch in der Literatur, gerne ein bisschen verschwenderisch umgegangen wird, strebt der Roman an. Dass das Buch dabei selbst zu der inflationären Verwendung solcher großen Wörter neigt… daran kann man sich stören, muss man aber nicht. 600 Seiten sind viel Platz, da muss man sich auch schon mal wiederholen.

Read it?

Eine ganze Weile lang macht es Spaß, sich in den komplexen, sozialen Lebensraum Unterleuten einzulesen und sich in die verschiedenen Dynamiken hineinzudenken, aber für meinen Geschmack ist letzten Endes doch zu wenig passiert. Ein Kind scheint verschwunden, ein Windpark soll entstehen und doch nicht entstehen, ein vermeintlicher Mord, der zwanzig Jahre her ist, will geklärt werden. Die Handlung des Romans folgt einem roten Faden und beweist schließlich, dass Macht, Freiheit und Feindschaft nichts bedeuten. Alles ändert sich und doch bleibt alles wie es ist. Das ist natürlich so ganz richtig und ich bin niemand, der daran glaubt, dass besonders dicke Bücher auch eine besonders krasse Botschaft haben müssen, aber letzten Endes habe ich wohl doch zu viel erwartet.

Ich wurde von dem Buch unterhalten – aber leider an keiner Stelle schockiert oder überrascht. Es ist ein gelungenes, zeitgeistliches Porträt, aber gerade in umweltpolitischen Fragen ist seit 2016 doch eine Menge Staub aufgewirbelt worden… und deswegen wirkt der Roman fast schon wieder ein bisschen „zu klein“ gedacht, obwohl das ja nach meinem Verständnis gerade der Witz ist: große Gedanken in einem kleinen, klar abgegrenzten Bereich. Trotzdem wirkt irgendetwas an dem Buch irgendwie jetzt schon „veraltet“ –  sodass unfreiwillig gezeigt wird, dass das Einfangen von einem bestimmten Zeitgeist zwar schön und gut und auch ein großes Kunststück ist, aber dass „zeitgeistlich“ und „zeitlos“ in diesem Fall leider unvereinbare Gegensätze sind.

Das Buch ist gut, aber mit dem Buch stimmt was nicht. Ganz massiv.

Was mich allerdings doch noch richtig begeistert: Die Autorin und der Verlag haben eine Homepage für Unterleuten erstellt und halten so den Anspruch, die Grenzen zwischen Fiktionalität und Realität zu verwischen, noch ein wenig höher: https://www.unterleuten.de/index.html#main

Geständnisse

„Geständnisse“ von Kanae Minato (2008)

Die letzten Tage habe ich mit dem Roman „Geständnisse“ von der japanischen Autorin Kanae Minato verbracht, den mir eine Freundin ausgeliehen hat. Wie das bei solchen „Leihgaben“ und „Empfehlungen“ eben ist, waren meine Erwartungen höher als bei einem Zufallsgriff aus der Buchhandlung. Vorne im Buch waren einige lobpreisende Reviews abgedruckt – und es wurde obendrein der Vergleich mit Gillian Flynns Bestseller „Gone Girl“ gezogen, der zu den absoluten Favoriten in meinem Bücherregal gehört. „Geständnisse“ hatte es also nicht leicht – aber ich bin nach der Lektüre nicht wirklich enttäuscht gewesen, eher ein bisschen ernüchtert.

Worum geht es?

Die Mittelschule einer Kleinstadt wurde von einem tragischen Ereignis erschüttert: die 4-jährige Tochter einer Lehrerin ist im Schwimmbecken der Schule ertrunken. Die Geschichte beginnt damit, dass sich die Lehrerin am letzten Schultag des Jahres vor die Klasse stellt und verkündet, dass sie ihren Beruf aufgeben wird – und dass zwei Schüler der Klasse die Mörder ihrer kleinen Manami sind. Ohne Namen zu nennen, berichtet sie davon, wie die beiden Schüler, die sie A und B tauft, zu Mördern wurden. Und wie ihre Strafe aussehen soll.

Das Buch wechselt häufig in der Perspektive und versteht sich darauf, ein und dieselbe Geschichte aus mehreren Blickwinkeln zu erzählen. Es gibt mehrere Themen, die sich wie der berühmte rote Faden durch das Buch ziehen: Das Jugendstrafrecht in Japan; Mutter-Kind-Beziehungen (Helikoptermütter; Die Stigmatisierung von alleinerziehenden Müttern; Mutterkomplexe, die ganze Palette); Die panische Angst vor der Ansteckung mit Krankheiten; Der Leistungsdruck und das Wertesystem, das an japanischen Schulen vermittelt wird; Der Umgang der Medien mit den brutalen Verbrechen von Minderjährigen; Die Pflichten und die Erwartungen, die ein Lehrer erfüllen muss. Das Buch übt Kritik auf mehreren Ebenen – und das fast ohne plakativ oder zu direkt zu werden. Die verhängnisvollen Dynamiken zwischen Schülern und Lehrern, Eltern und Kindern, sind nicht spezifisch auf die japanische Gesellschaft zugeschnitten, sondern eher universell unheimlich. Und spannend. Die Sätze sind kurz, prägnant und eindringlich. Das Buch kommt ohne eine zu bildliche Sprache oder besonders viel Schnickschnack aus und lässt sich wunderbar nebenher lesen – oder am Stück, wenn man die Zeit dafür findet.

Read it?

Auch wenn ich nicht die Absicht gehabt hätte, das Buch seiner Besitzerin sobald wie möglich zurückzugeben, hätte ich „Geständnisse“ vermutlich ziemlich zügig gelesen, da die Spannungskurve nicht nachlässt. Obwohl ich im Nachhinein sagen muss, dass ich den Anfang besser fand als den Schluss. Das kann daran liegen, dass man sich irgendwann daran gewöhnt, dass alles immer ein bisschen anders ist als es scheint. Schon durch den Vergleich mit „Gone Girl“ (den ich nicht unterschreibe, nein wirklich nicht) ist irgendwie gesetzt, dass es heftige Plot-Twist geben wird. Aber wenn man auf Wendepunkte wartet, dann sind sie leider nur noch halb so wirkungsvoll. Leider ist das Ende des Romans deshalb auch beim ersten Lesen nicht schockierend. Das Konstrukt, das damit abgeschlossen wird, ist insgesamt so gemein, dass das Ende nicht wirklich nachtreten oder „noch einen draufsetzen“ kann. Besagte Freundin und Besitzerin des Buches meint allerdings, dass das Ende umso drastischer und gnadenloser erscheint, je länger das Lesen zurücklegt… also vielleicht ist es vorschnell eine Rezension zu schreiben, nachdem ich das Buch erst gestern Abend ausgelesen habe.

Da ich mich nun so viel über den Gone-Girl-Vergleich ausgelassen habe, möchte ich aber auch noch einem der abgedruckten Reviews zustimmen. Denis Scheck sagt über „Geständnisse“, es gehöre „zum Subtilsten, was ich seit langem gelesen habe“ – und da kann ich nur zustimmen. Einerseits setzt „Geständnisse“ auf Momente des lauten Schocks, aber andererseits schleicht die Boshaftigkeit der Geschichte sich an den Leser heran und wartet nur darauf, sich in einem der Wendepunkte zu offenbaren.

Wer „Geständnisse“ mag, liest vielleicht auch gerne:

  • „Gone Girl“ von Gillian Flynn. (Was für eine Überraschung.) Oder andere Thriller von Flynn wie „Cry Baby“ (Originaltitel: Sharp Objects) oder „Dark Places“.
  •  „Nichts. Was im Leben wichtig ist.“ von Janne Teller. Mindestens genauso abgründig, wenn es um die Dynamiken geht, die in einer Schulklasse entstehen können.
  • „Ich. Darf. Nicht. Schlafen.“ von S.J. Watson
  • „Miss Lizzie“ von Walter Satterthwait

Kaspar

„Kaspar“ von Peter Handke (1967)

In einigen Jahren geht die Vergabe des Literaturnobelpreises unbemerkt an mir vorbei, aber dieses Jahr habe ich aufgehorcht. Zum einen deshalb, weil mir der Name Peter Handke im Laufe meines Studiums bereits einige Male begegnet ist und ich trotzdem nie etwas von ihm gelesen habe und zum anderen, weil es diesmal doch ziemlich viel Gewese darum gab. Ich habe die Interaktionen zwischen dem Autor und der Öffentlichkeit nicht wirklich verfolgt, aber durch die Schlagzeilen, die mir beim Öffnen meines Emailpostfachs auf der Startseite meines Mailanbieters immer wieder angezeigt wurden, ist der Name doch irgendwie ständig präsent gewesen. Gestern habe ich mich dann vor die Regalreihe in meinem Zimmer gestellt, die meine Reihe der Schande ist. Dort stehen Bücher, die mir geschenkt wurden, die irgendein Familienmitglied oder Freund nicht mehr haben wollte oder die ich irgendwann im Affekt gekauft und nie gelesen habe. So eine Reihe haben wahrscheinlich die meisten Leser und ich weiß, dass auf vielen Blogs immer von dem SuB (Stapel ungelesener Bücher) gesprochen wird … und genau dort, erinnerte ich mich dumpf, liegt ein dünnes Buch von Handke herum. Ich kann also nicht wirklich behaupten, dass ich mich bewusst für „Kaspar“ entschieden habe, es ist mir mehr oder weniger in die Hände gefallen.

Worum geht es?

Das ist in diesem Fall keine besonders leicht zu beantwortende Frage. Wichtig zu sagen ist vielleicht erst einmal, dass „Kaspar“ kein Roman ist, sondern ein prosaisches Theaterstück, würde ich sagen. Es gibt so eine Art Erzähler, der Regieanweisungen und mehr erläutert und dann gibt es zwei Monologblöcke. Auf der einen Seite redet Kaspar, die einzige Figur des Stücks (Anmerkung: Es gibt allerding mehr als einen Kaspar. Verwirrender Spoiler Ende), und auf der anderen Seite reden die Stimmen. Teils wechseln sich beide Gesprächsseiten dialogisch ab, teils ergänzen sie einander, teils reden sie aneinander vorbei, teils wird kaum gesprochen. Die Drucklegung des Werks muss ein Abenteuer gewesen sein.

Ein wiederkehrendes Thema des Buches ist Ordnung. Und Plattitüden, Binsenweisheiten, Kalendersprüche, Mantras zum Thema Ordnung. Ich habe immer wieder gedacht, dass das irgendwie doch ein sehr deutsches Buch ist … ich weiß nicht, vielleicht gibt es in anderen Sprachen genauso viele Aphorismen zu dem Thema, aber mir wollten keine einfallen. Außerdem geht es um Sprache: Sprachspiele, Sprachkrisen, Sprachursprünge und mehr. Über einige dieser spielerischen Episoden konnte ich lachen, bei anderen ist der Witz oder der Sinn (falls es einen gab, wer weiß das schon) schlichtweg an mir vorbeigegangen.

Read it?

Obwohl „Kaspar“ ja nun wirklich nur ein sehr kleiner Teil von Handkes bisherigem Lebenswerk ist, habe ich das Gefühl, einen guten ersten Eindruck von Handkes Art zu schreiben bekommen zu haben. Das Buch ist nicht ohne, es ist eine Herausforderung, wenn man den Anspruch hat, jede Zeile zu verinnerlichen, nachzuvollziehen oder zu deuten. Ich muss ganz ehrlich einräumen, dass ich diesen Anspruch von Anfang an nicht hatte und deswegen habe ich den Text als recht flüssig zu lesen empfunden. Und doch relativ unterhaltsam. Es gab ein paar absurde Momente, ein paar witzige und sehr originelle Einfälle im Umgang mit dem Medium Buch und den Möglichkeiten, die besonders ein gedrucktes Theaterstück bietet. Kurz um: Ich fühle mich bereichert. Mein Interesse für das Mysterium „Kaspar Hauser“ ist wieder ein bisschen geweckt. Ich habe keine Lebenszeit verschwendet.

Das Geschenk

„Das Geschenk“ von Sebastian Fitzek (2019)

Auch wenn man es diesem Blog noch nicht ansehen kann, so ab und an lese ich gerne mal ein Buch, bei dem der Autor das Ziel verfolgt, mich meine Fingernägel abknabbern zu lassen und meinen Puls in die Höhe zu treiben. Wenn es um deutschsprachige Thriller geht, bin ich dann auch sehr „basic“ und verschlinge alles von Sebastian Fitzek. Die Frankfurter Buchmesse hat in meinem Leben bisher ehrlich gesagt keinen besonders hohen Stellenwert, aber ich weiß genau, Messezeit ist die Zeit, in der ein neuer Fitzek den Weg in mein Bücherregal findet! Und nachdem ich dann gestern brav in die Buchhandlung gegangen bin, war klar, dass der heutige Tag dem „Geschenk“ gewidmet wird. Denn ein Fitzek, den man nicht am Stück durchlesen will … hui, das wäre wohl ein schlechter Fitzek!

Worum geht es?

Analphabetismus. Und den üblichen Stoff, aus denen Fitzek seine Thriller webt: unzuverlässige Erzähler; Kindheitstraumata; undurchsichtige, männliche Protagonisten; noch undurchsichtigere, perfide, weibliche Nebenfiguren. Also eigentlich alles wie immer. Über den Inhalt des Buches kann man eigentlich kaum etwas sagen, ohne zu viel zu verraten, deswegen hier nur eine knappe Zusammenfassung der Ausgangssituation:

Milan ist Analphabet und kompensiert seine Schwäche sehr geschickt, um so gut wie möglich ein normales und funktionales Leben zu führen. Als eines Tages ein Auto an ihm vorbeifährt, in dem ein Mädchen sitzt, das voller Verzweiflung einen Zettel an die Scheibe presst, den Milan nicht entziffern kann, steht allerdings nicht nur die Beziehung zu seiner Freundin Andra auf der Kippe. Da Milan die Vorstellung nicht ertragen kann, dass wegen ihm und seiner Unfähigkeit, einen einfachen Satz zu lesen, ein Kind zu Schaden kommt, beginnt eine hitzige Verfolgungsjagd durch Berlin und Rügen.

Im Hintergrund lauert immer wieder die Frage, warum es Psychopathen gibt. Wie viele von ihnen gibt es? Ist jeder Psychopath gefährlich und wird früher oder später zum Mörder? Wo ist der Ursprung des Bösen? Und ist das Böse vererblich?

Seinem Roman stellt Fitzek mehrere Zitate zu diesem Thema voran. Alles wirklich Böse beginnt in Unschuld – ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers Ernest Hemingway – springt dabei besonders ins Auge.

Ein kleines Highlight ist wie immer das Lokalkolorit –  zu dem typischen Schauplatz von Fitzek-Thriller (Berlin) kommt auch die Insel Rügen dazu.

Read it?

„Das Geschenk“ ist ein typischer Psychothriller und gleichzeitig auch typisch Fitzek – man kommt als Fan also auf seine Kosten, die Fingernägel werden auch vernichtet und man erfährt nebenbei noch allerlei spannende Kleinigkeiten über das Leben von Analphabeten. Man macht sich also Gedanken über Themen, die einem sonst vielleicht nicht unbedingt präsent sind. (Und das ist immer eine gute Sache.) Zwischenzeitlich merkt man, dass Fitzek selbst Vater und es deswegen gewöhnt ist, Zusammenhänge sehr sehr anschaulich zu erklären (Hauptsätze, Hauptsätze, Hauptsätze), doch dann kommt wieder eine kleine Anstrengung für das Hirn des Lesers und man fühlt sich herausgefordert. Der Balanceakt zwischen plakativ und mysteriös ist also einigermaßen gelungen – und ich darf ganz stolz behaupten, dass ich als routinierte Leserin ziemlich oft auf der richtigen Spur gewesen bin, aber eine Wendung habe ich dann doch nicht kommen sehen. Ich fühlte mich also sehr lange sehr schlau und war dann am Ende doch überrascht – und was kann man mehr wollen?

Ein Buch unmittelbar nach dem ersten Lesen zu rezensieren ist vielleicht nicht besonders vernünftig oder sinnvoll… ich hab den letzten Satz nicht mal vor einer Stunde gelesen und vielleicht bin ich noch gar nicht in der Verfassung das Gelesene zu bewerten, aber ich habe das vage Gefühl, dass „Das Geschenk“ nicht mein neuer Liebling von Fitzek ist … dafür war dann doch zu viel Altvertrautes und zu wenig Schockierendes und Innovatives dabei. Allerdings bin ich einen ganzen Nachmittag lang sehr gut unterhalten gewesen, ich habe mich nicht gelangweilt, muss meine Nagelschere nicht mehr suchen und überhaupt kann das Rad auch nur einmal erfunden werden. Also wenn jemand den Eindruck haben sollte, dass ich gerade gejammert habe … dann wirklich nur auf allerhöchstem Niveau.

Wer „Das Geschenk“ mag, liest vielleicht auch gerne:

  • Alles andere von Fitzek? Nur so eine Vermutung. Für mehr Empfehlungen bin ich im Thriller-Bereich einfach nicht belesen genug … aber der gute Mann ist ja zum Glück auch seit über zehn Jahren fleißig mit mindestens einem neuen Buch pro Jahr am Start.

Things Fall Apart

„Things Fall Apart“ von Chinua Achebe (1958)

In gewisser Weise ist „Things Fall Apart“ ein ganz typischer Roman von Aufstieg und Fall. Okonkwo strebt danach ein ehrenwertes Leben zu führen, einer der mächtigsten und gefürchtetsten Männer seines Dorfes zu werden, seine Familien zu ernähren und seine Kinder zu Männern zu erziehen, auf die er stolz sein kann. Im ersten Teil des Buches wird der Leser langsam und detailliert mit den Traditionen und der Geschichte des Dorfes bekannt gemacht, Rituale wie Hochzeiten, Kämpfe und die Erntefeste werden mit Anekdoten verbunden und durchlebt. Bei einer Beerdigungszeremonie kommt es zu der heftigen Wende: Okonkwo tötet bei einem Ritual, das Waffen beinhaltet, unabsichtlich einen der Söhne des Verstorbenen. Und wenn ein Mann ohne Grund und ohne Absicht einen anderen Mann des Dorfes tötet, dann ist eine siebenjährige Verbannung die Konsequenz.

Okonkwo verliert sein Land und seine Häuser, mit seinen Frauen und einem Großteil seiner Kinder siedelt er um in sein „Mutterland“ und schmiedet dort sieben Jahre lang Pläne für die  glorreiche Rückkehr in sein Dorf. Obwohl er kein junger Mann mehr ist und sich seinen Ruf bereits verdient hat, ist er bereit noch einmal ganz unten anzufangen um wieder ein anerkannter Teil der alten Gemeinschaft zu werden. Doch als Okonkwo in sein Dorf zurückkehrt, haben sich die Dinge verändert. In dem Dorf wurde eine Kirche gebaut, Männer mit weißer Haut bekehren die Dorfbewohner zu ihrem Glauben an den einen, wahren Gott, bauen ihre Regierung auf und richten den Handelsverkehr mit anderen Dörfern und Ländern ein. Für einen Mann wie Okonkwo, der an die Ideale einer scheinbar vergangenen Zeit glaubt, ist die Lage aussichtslos.

Read it or eat it?

„Things Fall Apart“ ist der Debütroman von Achebe und gilt als der weltweit am meisten gelesene Roman eines afrikanischen Autors. Achebe ist Lektüre an Schulen und Universitäten und ein Hauptvertreter der post-kolonialen Literatur. Aber auch abgesehen davon, dass dieses Buch wie eines daher kommt, das man auf jeden Fall gelesen haben muss, ist „Things Fall Apart“ einen Leseversuch allemal wert. Die Sprache ist gespickt mit indigenen Vokabeln, die Figurenkonstellation ist opulent und trotzdem ist der Roman bei allen Details und aller Nebenhandlung sehr deutlich. Man muss nicht besonders viel von Kolonialgeschichte oder afrikanischer Geschichte verstehen, um einen Einstieg in das Buch zu finden, denn das Buch ist ein Einstieg. Simpel, drastisch und zugänglich – wobei gerade diese Zugänglichkeit vermutlich eine Voraussetzung ist, um das am meisten gelesene literarische Werk eines ganzen Kontinents zu sein.

Wer „Things Fall Apart“ mag, findet vielleicht auch Gefallen an:

  • „The Heart of Redness“ von Zakes Mda. Wesentlich komplexer und weniger eindeutig in seiner „Message“ – aber für Leser, die sich mit Post-Kolonialer Literatur etwas intensiver beschäftigen wollen oder bereits beschäftigt haben, ein kleiner Tipp.
  • „Boyhood“ und „Summertime“ von J.M. Coetzee. Coetzees autobiografisch gefärbte Romane legen den Fokus beide nicht auf die Hochzeit der Kolonisation und des Imperialismus um und vor 1900, sondern spielen sich vor dem Hintergrund der Apartheid ab. Während Boyhood aus dem Leben eines Kindes erzählt, gewährt „Summertime“ Einblick in das Leben eines 30-jährigen Schriftstellers vor seinem ersten Erfolg.