2019 – Meine Autoren

2019

Jahresrückblick: Meine Autoren

Das Jahr 2019 nähert sich dem Ende, ich habe fast 100 Bücher gelesen und ich habe es endlich mal geschafft, einen Buchblog einzurichten… mit dem Gedanken spiele ich seit Jahren und auch, wenn dieses Projekt hier immer noch in seinen Kinderschuhen steckt, bin ich schon etwas stolz, dass ich es überhaupt mal gemacht habe.

Ursprünglich wollte ich meine 19 Lieblingsbücher des Jahres heraussuchen und vorstellen, aber beim Durchgehen der Liste mit den Titeln, die ich gelesen habe, sind mir zwei Dinge aufgefallen. Zum einen habe ich den Büchern, die mir besonders am Herzen lagen, schon virtuellen Raum auf dieser Seite gewidmet – zum anderen sähe so eine Liste eher einseitig aus, weil ich mich in diesem Jahr auf einige Autoren eingeschossen habe. Also habe ich entschieden, hier fünf von den Autoren vorzustellen, die mich mit ihren Werken durch das Jahr begleitet haben.

Colette

Sidonie-Gabrielle Claudine Colette wurde 1873 geboren und verstarb 1954. Sie war die erste Französin, die ein Staatsbegräbnis erhielt. Anfang des Jahres ist ein filmisches Porträt ihres Lebens die Kinos gekommen und ich war direkt fasziniert von Colettes Geschichte. Im Sommer habe ich mich dann einer ganz persönlichen Herausforderung gestellt und mir den Debütroman von ihr im französischen Original geholt: Claudine à l’École.

Die Geschichte über Claudine, ein forsches, freches Mädchen aus einer französischen Kleinstadt, das mit Intelligenz und Witz durch den Schulalltag geht und dabei die Moral und Regeln ihrer Zeit auf den Kopf stellt, ist 1900 erschienen. Das ist verdammt lange her – und trotzdem macht es immer noch Spaß, sich Claudines Eskapaden durchzulesen. Das Buch kommt wie ein „Mädchenroman“ daher, ist aber trotzdem gemein und manches Mal so subtil, dass meine Französisch-Kenntnisse an ihre Grenzen gestoßen sind… ehrlicherweise muss ich wohl sagen, dass ich das Buch zu 85 Prozent wirklich gelesen und mir den Rest irgendwie zusammengereimt habe.

Ich bin fest entschlossen, mehr von Colette – und eventuell auch mehr von Claudine – zu lesen, auch wenn ich wahrscheinlich beim nächsten Versuch lieber zu einer Übersetzung greifen werde.

Andrea Camilleri

Der italienische Schriftteller Andrea Camilleri ist mir auch eher zu Anfang des Jahres begegnet. Durch puren Zufall, so ganz wunderbar unvorhergesehen bei einem Streifzug durch ein modernes Antiquariat, das eine ganze Ladung Literatur aus Italien bekommen hat. Ich habe mir ein ganz dünnes Buch mit dem Titel „Mein Ein und Alles“ gekauft, es in einem Zug durchgelesen und mir in der nächsten Woche ein zweites, ebenso dünnes Buch geholt: „Ein Nachmittag unter Freunden“. Auch dieses zweite Buch habe ich innerhalb weniger Stunden verschlungen und bei meinem nächsten Besuch in dem modernen Antiquariat musste ich enttäuscht feststellen, dass das Regalbrett mit Camilleri sich bereits geleert hat.

Im Laufe des Jahres habe ich in allen Bibliotheken und Buchhandlungen den Namen Camilleri entdeckt, aber nicht zu einem weiteren Buch gegriffen. Neben Einzelromanen wie solchen, die ich für mich entdeckt habe, kennt man Camilleri vorwiegend für seine „Kommissar Montalbano“-Krimireihe, die sich über mehr als 30 Bände erstreckt und für das italienische Fernsehen verfilmt wurde.

Am 17. Juli diesen Jahres ist Andrea Camilleri im Alter von 93 Jahren verstorben. Ich bin zuversichtlich, dass der Zufall wieder auf meiner Seite sein wird und mich bald eine andere Geschichte des Autors in ihren Bann ziehen wird. (Vielleicht schummele ich auch einfach und bestelle ganz gezielt etwas. Man kann sich ja nicht immer auf die Fügungen des Schicksals verlassen.)

Sara Shepard

Das ist vielleicht die „zeitgenössischste“ Autorin, die mich dieses Jahr begleitet hat… und wenn man ehrlich ist, dann darf man hier eher nicht von großer Literatur sprechen, aber darum geht es ja auch gar nicht. Sara Shepard und ihre Buchreihen „Pretty Little Liars“ und „The Lying Game“ haben mich durch das Jahr begleitet – aktuell bin ich bei Band 13 von 16 der PLL-Saga und ja… mittlerweile fühlt sich das Lesen richtig heimisch an. Ich glaube, ich habe noch nie mit so einer Ausdauer eine Buchreihe verfolgt… die „Fear Street“-Romane einmal ausgenommen.

Die Bücher sind für ein jüngeres Publikum geschrieben und arbeiten mit simplen Methoden, um Spannung zu erzeugen. Es geht um Geheimnisse, Romanzen, Mörder und klassische Krisen aus einer amerikanischen Kleinstadt, die sich in ihrem Wohlstand langweilt. Und es ist trotzdem ein absolut herrlicher Zeitvertreib, ich stehe dazu. Sarah Shepards Romane sind pures und reines guilty pleasure – aber in diesem Jahr definitiv die Konstante in meinem Lese-Leben und deswegen gehört ihr Name auf diese Liste

Françoise Sagan

Vor einigen Jahren habe ich mir „Das Lächeln der Vergangenheit“ aus dem Bücherregal meiner Mutter ausgeliehen und ich war… ja, ganz gut unterhalten, aber nicht heftig begeistert. Ich mochte den Stil von Sagan, aber die Handlung (spoiler: Ich bin nicht sicher, ob es eine gab) hat mich nicht besonders gepackt. Aber weil ich grundsätzlich immer die Klappentexte lese und mehr über die Person hinter dem Buch wissen möchte, hat es nicht lange gedauert, bis ich an Sagans berüchtigten Debüt-Roman „Bonjour Tristesse“ geraten bin. Danach habe ich die Autorin vergessen und sie in diesem Sommer mehr oder weniger wiederentdeckt. Dank eines Verkäufers auf ebay-Kleinanzeigen, der im Besitz einer Sammlung mit Novellen von Guy de Maupassant war… und mehrere Romane von Sagan angeboten hat. Damit der Postbote seine Arbeit auch nicht umsonst war, habe ich mir die Novellen gekauft, die ich für die Uni brauchte – und fünf Bücher von Sagan, die mir alle gleichermaßen viel Freude gemacht haben, sodass ich mich dafür entschieden habe, nur „Blaue Flecken auf der Seele“ zu rezensieren, obwohl es jedes der Bücher verdient hätte, einzeln erwähnt zu werden.

Darum folgt hier nun eine Auflistung der Romantitel von Sagan, die meinen Sommer eine ganze Ecke schöner gemacht haben: „Chamade“ (1965), „Lieben Sie Brahms…“ (1959), „Ein verlorenes Profil“ (1974), „Blaue Flecken auf der Seele“ (1972), „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ (1970).

J.M. Coetzee

Auch J.M. Coetzee ist keine „Neuentdeckung“ für mich. Vor zwei Jahren habe ich – wieder aus dem Bücherregal meiner Mutter – einen Teil seiner Autobiographie gelesen: „Boyhood“. Im Sommersemester ist Coetzee mir dann erneut begegnet, ich habe gelernt wie man seinen Nachnamen korrekt ausspricht (wenn ich noch richtig transkribieren könnte, würde ich das jetzt hier einbringen, aber so ist es nur ein kurzer Moment des Angebens gewesen) und ich habe mich mit drei weiteren Werken auseinandergesetzt. (Und mit einer Unmenge an Sekundärliteratur, die hier nicht wirklich erwähnt werden will.)

  1. „Summertime“ ist quasi eine Fortsetzung von „Boyhood“ und ein weiteres Teilstück von Coetzees autobiographischen Romanen. Ja, richtig gelesen: autobiographische Romane. Bei diesem Autor ist nichts ganz Fakt und nichts ganz Fiktion. Beide Romane tragen den Untertitel „Scenes from Provincial Life“ und spielen im Südafrika der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
  2. „Disgrace“ ist eine Geschichte über einen Literaturprofessor, der seinen Job und sein Ansehen verliert, nachdem er eine kurze, einseitige Affäre mit einer seiner Studentinnen hatte. Er lässt die Stadt hinter sich und kehrt bei seiner Tochter ein, die ein beschauliches Landleben führt. Die Situation eskaliert, als drei Männer in das Haus eindringen und etwas Unaussprechliches passiert. Ein dünnes Buch, das unzählige Motive hält, von denen eines schwerer verdaulich als das andere ist: Holocaust, Vergewaltigung, Doppelmoral, Rassismus – und Schande. Die titelgebende Schande.
  3. „The Good Story“ ist eine Sammlung von Gesprächen zwischen Coetzee, dem Autor und Literaturwissenschaftler und Mathematiker, und Arabella Kurtz, einer Psychologin, die im interdisziplinären Stil über große Themen sprechen: Wahrheit, Fiktion, die Seele des Menschen. Das Werk ist weder Sachbuch noch Roman, sondern einfach eine Unterhaltung zwischen sehr klugen Menschen, die einander verstehen, aber auch missverstehen, sodass man sich als Leser wie ein stummer Zuhörer fühlen darf.

Sommerlektüre

Leseliste: Sommerlektüre

Ich bin ein Ganzjahresleser und an sich finde ich es auch albern zu behaupten, dass Sommerzeit Lesezeit ist, aber ich merke ja selber, dass ich manche Bücher bevorzugt im Sommer lese – und im Dezember oder Januar nicht unbedingt aus dem Regal ziehen würde. Außerdem haben aufgrund der Sommerferien und den erhöhten Temperaturen, die einen manchmal scheinbar zum Nichtstun verdammen, viele Menschen (mein Vater ist nur mal so ein Beispiel) im Sommer irgendwie mehr Zeit zum Lesen.

Was nun folgt ist eine Auflistung von Büchern, die mehr oder weniger zum Themenfeld „Sommer“ passen – entweder weil sie im Sommer spielen, sich selbst als Sommerlektüre vermarkten oder ganz einfach deshalb, weil sie mich im Sommer besonders herausfordernd aus der Vitrine mit meinen Lieblingsbüchern anschauen.

Die „Sommer“-Trilogie von Jenny Han (2011-2012)

Band 1: Der Sommer, als ich schön wurde

Band 2: Ohne dich kein Sommer

Band 3: Der Sommer, der nur uns gehörte

Man merkt es schon an den Titeln … diese Bücher wollen nicht im Herbst, Winter oder Frühling gelesen werden! Jenny Han ist im letzten Jahr einem breiteren Publikum durch „To All The Boys I‘ve Loved Before“ – dem ersten Band einer anderen Trilogie, der von Netflix verfilmt wurde – bekannt geworden, aber bevor es Lara Jean und ihre Briefe gab, da gab es Belly und den Sommer. Der Name des zweiten Bandes ist bei mir Programm, ich lese diese Bücher ganz nostalgisch jedes Jahr und auch wenn ich mit jedem Jahr mehr und mehr merke, dass ich allmählich zu alt und zu kritisch werde, kann ich mich der Sommer-Teenie-Kitsch-Nostalgie nicht entziehen.

Die drei Bücher erzählen aus dem Leben von Belly, einer zu Beginn Siebzehnjährigen, in deren Leben der Sommer einen besonderen Platz hat, weil sie die Ferien zusammen mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und der Familie der besten Freundin ihrer Mutter verbringt. Das klingt unübersichtlich, aber das ist es nicht, denn diese beiden Familien gehören fest zusammen, gehören in dieses Sommerhaus, an diesen Strand und wachsen dort zusammen, auch wenn sie sich das ganze Jahr über nicht sehen. Während Susanna, die beste Freundin ihrer eigenen Mutter, die Frau ist, die Belly bewundert und über alles liebt, sind ihre Söhne Conrad und Jeremiah, Bellys große Lieben. Auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Es ist eine typische Geschichte über Dreiecke, das Erwachsen-Werden und Trauer. Eine Prise der für amerikanische Jugendbücher manchmal typischen Prüderie wird einem erwachsenen Leser womöglich unangenehm aufstoßen, Bellys Entscheidungen und Gefühle werden weniger nachvollziehbarer mit der Zeit (ich habe die Bücher sicherlich sechs oder sieben Mal gelesen), aber dafür versteht man andere Figuren nach und nach umso besser.

Da ich relativ wenige Bücher in dieser Häufung gelesen habe, erscheint mir Jenny Hans Trilogie mittlerweile womöglich komplexer und irgendwie auch magischer als sie ist und ich will gar nicht leugnen, dass es ein bisschen trivial zugeht … aber schön ist es trotzdem.

Tschick von Wolfgang Herrendorf (2010)

„Tschick“ ist eines dieser Bücher, an denen wohl fast niemand vorbeikommt. Und wenn man das schlichte Cover und den Titel, der erst einmal ratlos stimmt, nur aus dem Augenwinkel mal in einer Buchhandlung gesehen hat, irgendwie kennt man es wohl doch. Wenigstens ging es mir jahrelang so, ehe ich mir das Buch dann endlich gekauft und es verschlungen habe.

Erzählt wird die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei ungleich-gleichen 14-jährigen Jungen, die in einem alten Auto (einem Lada in komplett desaströsem Zustand, wenn man es mal ehrlich sagt wie es ist) in die Walachei fahren wollen. Warum sie das wollen ist gar nicht so wichtig, sie machen es, das zählt. Der Erzähler ist Maik Klingenberg, der eigentlich aus einer Wohlstandsfamilie kommt und cool sein könnte, wenn da nicht seine alkoholkranke Mutter, sein Vater und dessen junge neue Sekretärin und Maiks eigene, übers Ziel hinausschießende Ehrlichkeit wäre, der er in einem Aufsatz über die Krankheit seiner Mutter vor seiner ganzen Klasse Ausdruck verliehen hat. Und dann ist da „Tschick“, der extrem unsolide Tschick, der Neue in der Klasse, dessen Nachnamen niemand so richtig aussprechen kann und der in einer weniger schönen Ecke der Stadt wohnt. Maik selbst identifiziert Tschick schnell als „Asi“ und ist zuerst schockiert, als Tschick sich ihm irgendwie annähert, aber aus gnadenlosem Misstrauen wird irgendwie so etwas wie Freundschaft. Und mehr kann und will man gar nicht sagen, um nichts von der Handlung vorwegzunehmen.

Der Roman, der mittlerweile sogar als Schullektüre für die Mittelstufe gängig geworden ist, beweist meiner bescheidenen Ansicht nach, dass auch alte Männer glaubhafte Jugendbücher schreiben können. Es ist eine schön konstruierte Geschichte mit spannenden Figuren, deren Abgründe angemessen angedeutet aber nicht überspitzt werden, alles bleibt ein bisschen rätselhaft und der Leser wird an Maik gebunden, der nicht alles in der Welt so richtig versteht und viele Dinge mit einer scharfsinnigen Naivität betrachtet, die herzerfrischend und angenehm ist und die stumpfsinnige Autofahrt der beiden Jungen erst zu einem richtigen Abenteuer macht.

„Der Junge“ von J.M. Coetzee (1997)

Der Untertitel von Coetzees autobiographischem (und fiktionalisiertem) Roman ist „Eine afrikanische Kindheit“ und man mag mir jetzt subtilen Rassismus vorwerfen, weil ich einen südafrikanischen Roman als Sommerlektüre verkaufen will, aber so ist es nicht gemeint. Eine Tatsache ist einfach, dass mir das Buch im letzten Sommer in die Hände gefallen ist und ich die Episoden einer Kindheit, die logischerweise so ganz anders war als meine eigene, gerne im Garten gelesen habe, weil ich mir an der frischen Luft und in der Sonne sitzend unbekannte Landschaften besser vorstellen kann als in geschlossenen Räumen. Und „so ganz anders“ oder „fremd“ oder was für schlimme Wörter man noch finden kann, um sich als europäischer Mensch unbeliebt zu machen, waren die kleinen Geschichten aus dem Leben des jungen Autors gar nicht. Kindheitsbiographien sind immer literarische Konstruktionen – und manchmal sind es wirklich gute Konstruktionen. Manchmal will man dank den Geschichten über ein Kind mehr über den ganzen Menschen und seine ganze Umgebung erfahren.

Coetzee erzählt nicht nur für ein Publikum, das mit seiner Lebenswirklichkeit vertraut ist sondern erläutert auch immer wieder Dinge, die jemandem merkwürdig oder unverständlich erscheinen könnten, der keine „afrikanische Kindheit“ erlebt hat – und gleichzeitig schafft er es besondere Anekdoten so zu erzählen, dass sich die kleinen Kinder-Gedanken irgendwie vertraut und schlüssig anfühlen.

Ich habe zwar ein Jahr gebraucht, aber bald werde ich mit „Summertime“ von J.M. Coetzee anfangen und vielleicht erfolgt dann noch eine einzelne, detaillierte Rezension.

„Call Me By Your Name“  von André Aciman (2007)

Ich habe den Film gesehen und ich habe das Buch gelesen und so richtig hundertzehnprozentig verstehe ich den Titel immer noch nicht – aber viel mehr kann man an „Call Me By Your Name“ nicht bemängeln. (Womöglich bin ich auch einfach nur zu blöd.) Aciman, der seines Zeichens eigentlich vergleichender Literaturwissenschaftler (Komparatist) ist und seine Leser das auch spüren lässt, erzählt die Geschichte von Oliver und Elio und diese Geschichte ist ganz schön aufregend. Aus mehreren Gründen.

  1. Es ist eine schwule Liebesgeschichte.
  2. Oliver ist ein erwachsener Mann und Elio braucht dafür noch ein paar Jahre.
  3. Es ist ungeheuer romantisch und subtil.
  4. Es ist ungeheuer explizit, wenn man ein wenig Vorstellungskraft hat.
  5. Obst wird zum Gegenstand sexueller Aktivitäten. Stichwort Pfirsich. Wer Pfirsiche tagtäglich und gerne isst und einen schwachen Magen hat, der sollte womöglich doch Abstand von dieser Leseempfehlung nehmen. (Ein YouTube-Video mit dem Titel „Peach Scene“ hat über 800.000 Aufrufe. Ist also schon essentiell und ein Hype.)

Dieser Roman ist keine leichte Kost und das will er auch gar nicht sein. Es ist eine Liebesgeschichte, ja, es ist Sommer, zweimal ja, aber deswegen wird einem das Herz nicht mit jeder umgeschlagenen Seite leichter. Ganz im Gegenteil. Aber man kann trotzdem nicht aufhören weiterzulesen.

„Sommerschwestern“ von Judy Blume (1998)

Ja, hier wird es trivial. Aber ist das so schlimm? Ich denke nicht, denn Judy Blume hat vielleicht eine einfache Sprache, aber das macht es noch lange nicht schlecht. Im Gegenteil. Ich habe vor einem Jahr einfach mal blind ein paar Bücher von Judy Blume billig ersteigert, weil ich wissen wollte, was an dem Mythos dran ist. Jugendbücher? Sexualität jugendgerecht verpackt? Und das alles in den 70ern und in Amerika? Und dann ist Judy Blume auch noch die heimliche Lieblingsautorin von Belly in „Der Sommer, als ich schön wurde“? Eine unheimliche krasse Person muss das sein, dachte ich, und so richtig enttäuscht wurde ich nicht. Denn irgendwie sind Judy Blumes Bücher (wenigstens die, die ich mittlerweile kenne) immer noch krass.

„Sommerschwestern“ erzählt die Geschichte von Vix und Caitlin. Zwei grundverschiedene, aber beste und unzertrennliche Freundinnen, die nicht nur miteinander aufwachsen im Sinne von am selben Ort, zur selben Zeit und in freundschaftlicher Verbundenheit sondern wirklich miteinander. Die Erfahrungen der einen prägen das Leben der anderen, gemeinsam entdecken sie ihre Sexualität, teilen erste Berührungen und erste Schwärmereien für Jungen, die der schüchternen Vix unerreichbar erscheinen und für Caitlin kleine Eroberungen sind. Die beiden Mädchen entsprechen heftigen Gegensätzen, ganz unterschiedlichen Typen von Frauen und trotzdem halten sie aneinander fest. Umso tragischer erscheint es dem mitfühlenden Leser, wenn die Wirklichkeiten der beiden Mädchen auseinanderdriften, gesellschaftliche und familiäre Aspekte eine größere Rolle einnehmen als die Freundschaft und sich die beiden Mädchen als Frauen schließlich entfremden. Das Hin und Her von extremer Nähe und extremer Distanz wird glaubwürdig geschildert und auch wenn sich der Roman zwischendrin nach mutigem Jugendbuch und wilder Seifenoper anfühlt, ist die Geschichte am Ende des Tages mitreißend und lässt den hart-gesottenen Leser mit rationalen Kritikpunkten und irritiertem Herzen zurück.

Also ein klarer Fall von leichter Kost, die einen schwer treffen kann, wenn man bereit ist den „Sommerschwestern“ (mit aufgetautem Herzen und von den sommerlichen Temperaturen erschöpftem Verstand) eine Chance zu geben.

„Mein Ein und Alles“ von Andrea Camilleri (2014)

„Mein Ein und Alles“ ist ein hauchdünner Roman, der alles bietet, was man sich von einem brutalen, romantischen Thriller erhofft: Erotik, Blut, True-Crime-Vibes und Phantastik. Am Ende merkt man, dass sich die Handlung in ein oder zwei Sätzen erzählen ließe, aber die Art und Weise wie Camilleri von der schönen Arianna und ihren Abgründen erzählt ist einfach besser als diese ein oder zwei Sätze, die man sich ausdenken könnte.

Arianna ist das Epizentrum der Geschichte. Einerseits scheint sie ganz Kind zu sein, obwohl sie eine erwachsene, vergebene Frau ist, andererseits ist ihre Sexualität eines ihrer präsentesten Merkmale. Arianna und ihre wilden Spiele, die von Giulio, der sie über alles liebt, toleriert und organisiert werden, sind plakativ und erst die Rückblenden in Ariannas undurchsichtige Vergangenheit verleihen der seltsamen Liebe zwischen Arianna und Giulio Tiefe.

„Mein Ein und Alles“ ist bis zum letzten Wort nicht auserzählt und die perfekte, drastische Lektüre für einen öden Sommernachmittag. Denn mehr als einen Nachmittag braucht man nicht, auch wenn man kein rasanter Leser ist.