Blaue Flecken auf der Seele

„Blaue Flecken auf der Seele“ von Françoise Sagan (1972)

In den letzten Wochen habe ich mich unter dem Motto „Gehobene Sommerlektüre“ durch eine beträchtliche Anzahl von Romanen von Françoise Sagan gelesen – und sicherlich wären sie alle besprechenswert, doch in „Blaue Flecken auf der Seele“ bespricht Sagan sich selbst, ihr Gesamtwerk (bis 1972) und entwirft gleichzeitig eine vage Fortsetzung für zwei Figuren aus „Ein Schloß in Schweden“.

Die wohl bekanntesten Romane von Sagan sind ihr Debüt „Bonjour Tristesse“ und „Lieben Sie Brahms?“ – zwei Geschichten, die an vermeintlichen Skandalthemen rütteln und die 2019 wirklich niemanden mehr durch ihre bloße Handlung oder fehlende bürgerliche Moral erschüttern. „Blaue Flecken auf der Seele“ vermag immer noch zu erschüttern und zu schockieren, weil es keine konsequent erzählte Geschichte ist sondern immer wieder Szenen unterbrochen werden, weil eine Erzählerin, die sich als die Autorin Sagan offenbart, ihre Schreibblockade schildert, ihre Unlust das Werk weiterzuführen, ihre Reisen durch Frankreich, ihre ermüdenden Begegnungen mit begeisterten Lesern ihrer „wohl bekanntesten Romane“ und den Plänen für ihre Figuren.

Worum geht es also?

Das ist schwer zu sagen. Es geht um Sébastien und Eleonore, die beiden schwedischen Geschwister mit den französischen Vornamen und der Unfähigkeit zu Arbeiten, die nach Paris zurückkehren und ohne besonders viel Elan oder Ehrgeiz nach einem guten Geist suchen, der ihr Leben finanziert. Diese beiden Schmarotzer in Reinkultur wirken wie ein Kommentar von Sagan, die von Kritikern häufig damit konfrontiert wurde, unfunktionale Figuren zu schreiben, die nicht in der Lage sind zu arbeiten und ein nützliches Leben zu führen, weil sie in der „Sagan-Welt“ leben, in der Nachtbars, gepflegte Langeweile, unvorhersehbare und berechenbare Affären an der Tagesordnung stehen. Die beiden Geschwister, deren enges Verhältnis natürlich auch ein wenig inzestuös anheimelt ohne explizit als solches gezeigt zu werden, finden Menschen, die bereit sind ihren Wohlstand mit ihnen zu teilen, mit ihnen essen zu gehen, mit ihnen ins Bett zu gehen und ihnen die Langeweile zu finanzieren. Diese Verwicklungen sind mehr oder weniger interessant und man erwartet gar nicht, vom Ende der Geschichte schockiert werden zu können, weil ja eigentlich nichts passiert, aber auf den letzten zwanzig Seiten habe ich dann doch mehrfach das Buch geschlossen und entgeistert durch den Innenhof der Uni (einer meiner bevorzugten Leseplätze zwischen meinen Seminaren) gestarrt.

Und sonst so? Sagan gibt auch vor aus dem Nähkästchen zu plaudern und flechtet immer wieder kleine Episoden aus ihrem Alltag ein, thematisiert die Schwierigkeiten des Schreibens und des Nicht-Schreibens und lässt uns daran teilhaben, ob ihre Ideen aufgehen, sich verändern oder schlichtweg keinen Sinn mehr ergeben. Diesen Einbruch der vierten Wand kennt man eher aus dem Theater als aus der Literatur und doch ist es ganz eigenartig erfrischend mit der Schriftstellerin zu sprechen, die in der Geschichte auch noch nicht weiter ist als man selbst. Man fühlt sich Sagan eigenartig nah, obwohl zwischen ihrem Schreiben und meinem Lesen des Buches ja nicht weniger als 47 Jahre liegen. Natürlich ist diese Nähe ein literarischer Trick, ein Scherz gewissermaßen, aber Sagan nimmt uns die Kritik an der vermeintlichen Ziellosigkeit ihres Werks weg, indem sie ganz offen zugibt, dass sie gar nicht so genau weiß, was sie da tut…

… und am Ende weiß sie es dann doch und ich habe mich betrogen gefühlt, weil sie mich so kalt erwischt hat und sie sich schon 47 Jahre vor mir darüber im Klaren war, was sie mit ihren Figuren und ihren Worten anrichtet.

Read it or eat it?

Françoise Sagan und ihre „Sagan-Welt“ muss man mögen – und gerade im Sommer und wenn man sich ein bisschen wie in einem 50er, 60er oder 70er-Jahre-Film fühlen möchte und nicht immer alles so schnell gehen darf, ist es besonders angenehm sich in diese Welt entführen zu lassen. Allerdings muss man bereit sein Sagan und ihren Figuren glauben, dass die Welt so langweilig und berechenbar und verletzend sein kann wie sie von ihnen erlebt wird. Das Leben und das Lesen sind gefährlich und verlangen eine gewisse Leichtfertigkeit, um die titelgebenden „Blauen Flecken auf der Seele“ zu bewundern und zu genießen.

Wer „Blaue Flecken auf der Seele“ mag, der findet vielleicht auch Gefallen an:

  • Bonjour Tristesse von Françoise Sagan. Um mitreden zu können.
  • Ein verlorenes Profil von Françoise Sagan. Zum Herunterlesen und Staunen.
  • Der Liebhaber von Marguerite Duras. Aus der Kategorie „Skandalöse Weibchen aus Frankreich“ – aber vom historischen Kontext her sehr nennenswert. Stichwort Indochina. Explizit.
  • Die Glasglocke von Sylvia Plath. Das geht immer.

Leseliste: Guy de Maupassant

Leselistenthema: Guy de Maupassants Novellen

Es gibt Phasen, in denen reicht die Zeit, Energie oder sogar die Leselust einfach nicht, um sich einem dicken Wälzer zu widmen. Vielleicht liest man auch mal ein Buch, das einen nicht so richtig mitnimmt, das man aber dennoch nicht ganz aus der Hand legen möchte – und dann sucht man nach Ablenkung. Kurzer Zerstreuung. In diesen Phasen lese ich entweder ein Buch, das ich schon kenne und sehr liebe – oder ich greife zu einer Sammlung kurzer Geschichten. Das ist der Mythos wie ich an Guy de Maupassant geraten bin, aber die Wahrheit ist ganz einfach, dass ich mich gerade aufgrund meines Studiums mit ihm beschäftigen „muss“ – und das wirklich gerne tue.

Guy de Maupassants Hauptwerk sind seine Novellen, die ich persönlich als unzählbar empfinde, deshalb gibt es keine konkrete Zahl von mir an dieser Stelle. Aus akademischem Überschwang heraus habe ich mir zwei Bände mit seinen Novellen geholt, die in dem Zeitraum von 1882 bis 1883 sowie von 1887 bis 1889 entstanden sind. In dieser Liste möchte ich zunächst die von mir favorisierten Novellen aus dem Zeitraum von 1882 bis 1883 vorstellen. Aufgrund des Alters der Novellen und Maupassants Status als französischer Klassiker, sind viele dieser kleinen Geschichten online zu finden. Auf Links verzichte ich aus ästhetischen Gründen. (Und weil ich keine Ahnung habe, ob man das Gutenberg-Projekt bewerben darf … upps.)

Madame Baptiste

Ein Reisender wartet in einer fremden Stadt auf seinen Zug und beobachtet dabei einen bemerkenswert kleinen Trauerzug. Er schließt sich dem halben Dutzend Trauergäste an, die eine junge Frau zu Grabe tragen und lässt sich die tragische Geschichte ihres Lebens und die Umstände ihres selbst gewählten Todes erzählen. Ohne viel Kitsch sondern beinahe lakonisch wird von dem Stigma der „Madame Baptiste“, den seelischen und gesellschaftlichen Folgen von sexuellem Missbrauch berichtet.

Meine Frau (Originaltitel: Ma femme)

Eine Gruppe alter Freunde sitzt beisammen und schwelgt in Erinnerungen an ihre wilde Jugend. Obwohl sich damals alle Männer einig waren, dass sie niemals heiraten und unglückliche Ehemänner werden wollten, sind sie im Laufe der Jahre alle vor den Traualtar getreten. Einer von ihnen, dessen Ehefrau ihm von seinen Freunden geneidet wird und der doch am längsten Junggeselle geblieben ist, berichtet von den Zufällen, unter denen er an seine Braut geraten ist. Eine lustige kleine Geschichte über die gesellschaftlichen Zwänge und die bürgerliche Moral des ausgehenden 19. Jahrhunderts – mit einem nicht ganz undankbaren, nicht ganz unglücklichen Ehemanns als Erzähler.

Der Kuss (Originaltitel: Le Basier)

Eine Abhandlung voller Weisheiten über das richtige Timing eines Kusses. Die selbsternannte „alte Tante“ Colette unterrichtet ihre Nichte postalisch darüber, dass man mit Küssen sparsam sein muss, um den Gatten nicht zu verschrecken. Eine amüsante Novelle über das „Nur Rares ist Wahres“-Denken, das immer noch nicht ausgestorben ist. Alleine für den Ausdruck „Marterkuss“ lohnt sich das Lesen. Außerdem hat man danach das Gefühl mit seinen eigenen, stets um gute Ratschläge bemühten Verwandten gesprochen zu haben.

List (Originaltitel: Rouerie)

Eine Geschichte über weibliche List und Tücke. Wenn man mehr sagt, dann verrät man quasi schon alles. Nicht wirklich misogyn, sondern fast schon voller Ehrfurcht erzählt. Deswegen hier ausnahmsweise mal ein kleines Zitat: „Ich bin von einer einfachen Kleinbürgersfrau übertölpelt worden, und zwar auf eine zugleich spaßhafte und meisterliche Weise. Ich will Ihnen die Geschichte erzählen, damit Sie daraus lernen.“

Überhaupt hat man eigentlich nach jeder kleinen Geschichte das Gefühl etwas über Menschen im Allgemeinen gelernt zu haben. Die Figurentypen aus Maupassants kleinen, unerhörten Geschichten sind zwar nicht mehr so ganz auf der Höhe der Zeit, aber in den Geschichten steckt immer noch mehr als ein Fünkchen Wahrheit. Und gehaltvoller als ein Blick durch die gängigen Illustrierten, die über Begebenheiten aus dem Leben prominenter Menschen berichten, ist es allemal. (No offense, ich lese beides.)