Der Tod in Venedig

„Das Tod in Venedig“ von Thomas Mann (1911)

Thomas Mann hat seinen Ruf als einer der wichtigsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts zweifelsohne nicht zu Unrecht – und ich frage mich immer noch, wie ich es in fünf Jahren literaturwissenschaftlichem Studium geschafft habe, diesem Mann (unbeabsichtigt schlechtes Wortspiel, sorry) aus dem Weg zu gehen.

Nachdem ich im zarten Alter von 13 oder 14 Jahren die Verfilmung von Der Tod in Venedig gesehen und mich tödlich gelangweilt habe, ist mein Interesse an einer näheren Bekanntschaft mit dem Autor ehrlich gesagt auch eher… verhalten… gewesen. Man könnte auch sagen, ich habe ganz gehörigen Respekt vor Thomas Mann, das klingt etwas besser. Die Annäherung ist in langsamen Schritten erfolgt… ein Besuch im Thomas-Mann-Haus in Lübeck… die Lektüre von Klaus Manns Schlüsselroman Mephisto… und gestern habe ich mich dann überwunden und die Erzählung Der Tod in Venedig in die Hand genommen.

Bereits nach wenigen Sätzen habe ich festgestellt, dass ich nicht ohne Grund jahrelang so meine Bedenken hatte… die Sprache des eigentlich gar nicht so langen Textes ist extrem vielseitig, sehr kunstvoll geschliffen und das Vokabular, das in der Erzählung steckt, ist ganz beachtlich! Da hat jemand keine halben Sachen gemacht, sondern allen bewiesen, was für einen großen Wortschatz er hat. Und wie lang ein Satz doch werden kann, ohne grammatikalische Fehler aufzuweisen. Das Lesen war mühsam, anstrengend und trotzdem irgendwie… schön. Um die Sätze besser handhaben zu können, habe ich mir den kompletten Text Wort für Wort selbst vorgelesen. Das ist eine Lese-Technik, auf die ich nur zurückgreife, wenn es ernst ist. Wenn das Überspringen von einzelnen Wörtern absolut verhängnisvoll ist und dazu führt, dass ich den Absatz quasi nochmal neu anfangen kann. Ich glaube, das letzte Buch, das ich so konsequent laut gelesen habe, waren Goethes Wahlverwandtschaften…ja doch, das gehört definitiv in dieselbe Liga wie Der Tod in Venedig.

Zur Handlung gibt es gar nicht so viel zu sagen: Der Schriftsteller Gustav von Aschenbach unternimmt eine Reise in den Süden, kommt schließlich in Venedig unter und fühlt sich dort gar nicht mal so wohl. Doch in seinem Hotel ist auch eine polnische Familie abgestiegen… die einen schönen Jüngling, schöner noch als eine antike Statue weil menschlich, bei sich hat… und da ist es um Gustav von Aschenbach geschehen. Der Roman berichtet von dem Schicksal eines einsamen, faszinierten Menschen. Unseriöse Anmerkung: Als meine Mutter den Film zum ersten Mal sah, fragte jemand in den Raum hinein: „Wann macht er endlich den Jungen klar?“ – und was soll ich da noch hinzufügen?

Ich habe mich für die Erzählung als Einstieg in das Werk von Mann weniger wegen dieser einseitigen Liebesgeschichte (ich will es mal so nennen) entschieden, sondern wegen der unterschwelligen Stimmung, der Krankheit der Stadt Venedig. Die Instinkte des Protagonisten, der in der Stadt schlecht zu atmen glaubt und sich immer wieder zurück zum etwas abgelegenen Hotel flüchtet, täuschen ihn nämlich nicht: Der Tod geht um in Venedig, die indische Cholera hat den Weg bis ins Mittelmeer gefunden…

Vielleicht ist es ein wenig geschmacklos ausgerechnet jetzt gerade eine Erzählung zu lesen, in der eine Seuche im Mittelpunkt steht, aber mir kam das höchst passend vor. Und es ist doch mehr als spannend, dass auch vor über hundert Jahren jemand über das Verhalten einer Stadt geschrieben hat, die sich zwar um die Gesundheit ihrer Einwohner und Besucher sorgt, sich fortwährend desinfiziert und ihre Toten verbirgt, aber zugleich nicht ihre Einnahmen durch den Tourismus verlieren will und an ihrem wirtschaftlichen Kapitel hängt. Ich kann nur sagen: Für mich kam dieser Klassiker zur rechten Zeit – und vielleicht wage ich mich in naher Zukunft an ein wesentlich umfangreicheres Werk, ein Monument, von Thomas Mann: Der Zauberberg. Mein Ehrgeiz ist zumindest geweckt.

Friedhof der Kuscheltiere

„Friedhof der Kuscheltiere“ von Stephen King (1983)

Egal wie lange ich auch nachdenke, mir fällt kaum ein produktiverer Autor als der König des Horrors ein. Pro Jahr veröffentlicht Stephen King gefühlt drei Bücher, die alle so dick sind, dass ich mich da erstmal einige Monate mental drauf vorbereiten muss. Warum ich mir dann kein frisches Werk von King gegriffen habe, sondern diesen alten Schinken? Ich weiß es selbst nicht so genau. Ich weiß nur, dass dieses Buch seit geraumer Zeit in meinem Regal steht und ich sowohl die alte als auch die neue Verfilmung dieses Horrorklassikers gesehen habe… es war also längst überfällig.

Und auch, wenn ich die Geschichte ja schon in zweierlei Varianten kannte, hat das Buch die übliche, hochfaszinierende King’sche Spannungskurve gehabt. Diese Kurve sieht meistens wie folgt aus: Das erste Viertel des Buches ist gut, ja, aber irgendwie liest es sich nicht so flott, etwas zäh, der Horror entfaltet sich langsam und ich kann das Werk auch gut mal ein paar Stunden/ Tage/ Wochen zur Seite legen. So im zweiten Viertel wird es dann intensiver und irgendwann kommt der Punkt, an dem ich wie gebannt von der Geschichte bin und sie einfach nur noch zu Ende lesen will. Zu Ende lesen muss. Weil das kann doch nicht sein, dass es so ausgeht.

Was mich immer wieder an Stephen Kings Romanen besticht ist die gnadenlose Konsequenz, mit der eine schlimme Idee zu Ende gebracht wird. Es gibt mitunter Wendepunkte, ja, aber keine krassen Schockmomente wie man sie gerne bei Horrorfilmen hat. Wenn ich ein Buch von Stephen King aus der Hand lege, habe ich grundsätzlich das Gefühl, dass es schlimmer nicht hätte kommen können. Und dass es anders nicht hätte kommen können. Die Enden von Kings Romanen hinterlassen bei mir immer den Eindruck, das einzig mögliche – und möglichst grausame – Ende gewesen zu sein. Und das ist für mich der Qualitätsbeweis. Dafür quäle ich mich gerne mit langgezogenen, gut gemachten Expositionen.

Friedhof der Kuscheltiere – um hier auch mal etwas spezifisch zu werden – erzählt die Geschichte der Familie Creed. Louis Creed, ein typischer, amerikanischer Familienvater aus dem King-Baukasten (nicht auf dem Level von Jack Torrance, aber schon destruktiv und von sich selbst und überhaupt eingeschränkt in seinen Handlungsmöglichkeiten), nimmt eine Stelle als leitender Arzt am Universitätsklinikum in Maine an und zieht mit seiner Familie, bestehend aus Ehefrau, Tochter, kleinem Sohn und dem  Kater namens Winston Churchill, ins beschauliche Ludlow. Das Haus ist bildschön, die Garten unüberschaubar groß, die Nachbarn freundlich – doch leider führt eine Schnellstraße direkt an dem Grundstück vorbei, die tagsüber wie nachts von schweren Lastwagen befahren wird. Bereits bei ihrer Ankunft warnt der Nachbar von gegenüber, dass die Creeds gut auf ihren Kater aufpassen müssen und ihn besser kastrieren lassen, weil herumstromernde, neugierige Haustiere in der Gegend keine besonders hohe Lebenserwartung haben… aus diesem Grund gibt es, quasi auf dem Grundstück der Creeds, einen Friedhof, auf dem die Kinder der Stadt ihre pelzigen Lieblinge seit Jahrzehnten begraben.

Es kommt dann alles, wie es kommen muss. Kein Unglück wird ausgespart. Kein Potenzial wird verschenkt. Die menschlichen Abgründe nahezu aller Figuren werden ausführlich beleuchtet und man kann keinem vorwerfen, sich ohne Grund irrational und dumm zu verhalten. Das hebt den Roman von zahlreichen Genrefilmen ab – und rechtfertigt auch irgendwie die Dicke des Buches.

Mein neuer Favorit von King wird Friedhof der Kuscheltiere wahrscheinlich eher nicht, dafür ist die Konkurrenz zu stark und meine Kenntnis des Gesamtwerks des Mannes dann doch zu begrenzt. Aber da ich den guten Mister King aller Wahrscheinlichkeit nach um (hoffentlich!) ein paar Jahrzehnte überleben werde, kann ich eventuell eines Tages behaupten, alles von ihm gelesen zu haben und eine weise Entscheidung darüber treffen, welches Buch von ihm mein Lieblingsbuch ist. Und bis dahin kann ich einfach die Stunden genießen, in denen ich beim Lesen meine Fingernägel abkaue.

Zum Foto: Ja, das ist unsere alte Katze… und nein, sie ist auf dem Bild nicht schrecklich unfreundlich getroffen. Das Foto hat ihren Charakter schon ganz gut für die Ewigkeit festgehalten.

Geschichten des Grauens

„Geschichten des Grauens“ von Hanns Heinz Ewers (1972)

An den Beginn dieser kleinen Rezension über ein feines Büchlein gehört erstmal eine Bemerkung zur Jahreszahl in der Überschrift: Die „Geschichten des Grauens“ sind allesamt um die Jahrhundertwende 1900 entstanden und wurden in den 1970er-Jahren neu kombiniert und wiederaufgelegt. Die Sammlung umfasst vier kurze Erzählungen, die (vermutlich) aufgrund ihrer thematischen Überschneidungen so zusammengestellt wurden. Die einzelnen Titel lesen sich wie folgt: Der schlimmste Verrat, Sibylla Madruzzo, Der Spielkasten, Der letzten Willen der Stanislawa d’Asp.

Ich muss gestehen, dass ich das Buch relativ wahllos aus dem Regal gegriffen habe, weil es angenehm groß gedruckt und nicht besonders dick ist. Obendrein war mir mal wieder nach kurzen, grausigen Geschichten – und genau das hat der Titel ja versprochen. Mein Fazit vorweg: Das Buch hat meine Erwartungen vollkommen erfüllt, ich habe eine Mischung aus Phantastik, Horror und Romantik bekommen – mit einem kolonialzeitlichen Flair. Hm. Beim Lesen habe ich, aufgrund der Schonungslosigkeit der Ideen und der doch ziemlich modernen, frisch wirkenden Sprache mehrmals überlegt, wann das Buch wohl entstanden sein könnte. Irgendwie kamen das Deutsche Kaiserreich und der Imperialismus des 19. Jahrhunderts doch noch ziemlich… authentisch herüber. Sobald es irgendwie um Saigon, Flussreisen, Tropenfieber und China als Ziel der Kolonialmächte geht, bin ich sowieso immer ein bisschen getriggert, weil dann für mich Heart of Darkness von Joseph Conrad und Apocalypse Now  sofort präsent sind. Und dann muss ich erstmal ganz tief Luft holen.

Das Ende vom Lied ist, dass ich den Namen des Autors durch die Internet-Suchmaschine gejagt habe, ehe ich mich an diese Rezension gesetzt habe und Ewers hat von 1871 bis 1943 gelebt. Meine Einschätzung beim Lesen war also nicht ganz falsch. Ich staune aber immer noch darüber, wie wenig angestaubt der Stil auf mich gewirkt hat!

In ausnahmslos jeder der vier Geschichten spielt Ehebruch – oder zumindest die Dehnbarkeit des Begriffs Ehe – eine große Rolle. Darüber hinaus werden klassische phantastische Grenzüberschreitungen gewagt: Vom Leben zu Tod, von Liebe zu Hass, von Wirklichkeit zu… Unwirklichkeit? Mal nehmen die Geschichten einfach nur einen bösen Twist und das „Grauen“ resultiert aus zutiefst menschlichen Abgründen, doch manchmal steht die Einschätzung des Lesers auf der Kippe. Welcher Figur will ich glauben? Wer ist hier eigentlich der Böse? Und kann das alles wirklich so passiert sein, ist da jemand dem Wahnsinn erlegen oder bin ich bereit, einer vagen Traumlogik zu folgen?

Ich habe eine ganz große Schwäche für Geschichten, die von mir so eine Einschätzung abverlangen und die mir eine erzählte Wirklichkeit liefern, an die ich glauben kann – oder eben auch nicht. Ich liebe es, wenn ich nicht genau weiß, welcher Figur ich vertrauen kann und bei wem ich vielleicht aufpassen muss, wenn er den Mund aufmacht. Obwohl die Geschichten nicht hyperkompliziert sind und ich spätestens nach drei Vierteln doch immer eine üble Ahnung hatte, in welche Richtung das gehen wird, bin ich mir sicher, dass ich mich an diese kleinen, literarischen Bösartigkeiten noch länger erinnern werde!

Wer „Geschichten des Grauens“ gerne gelesen hat, dem gefällt vielleicht auch:

  • Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann. Ein absoluter Klassiker der deutschen, phantastischen Literatur, der im wahrsten Sinne des Wortes phantastisch ist und sehr viel Stoff zur Diskussion bietet.
  • Der Affe von Tanja Blixen. Sprechende Tiere und Nonnen – muss ich mehr sagen?
  • Das Schloss von Franz Kafka. Wenn es einen Autor gibt, dem ich immer misstraue, dann ist das wohl Kafka. Die Reise des Landvermessers K., der auf der Suche nach dem Schloss ist, das überall und nirgends zugleich ist, mag vielleicht keine klassische phantastische Literatur sein, aber trotzdem gehört das Buch auf diese Liste. Eigentlich auf jede Liste.
  • Basar der bösen Träume von Stephen King. Eine Kurzgeschichten-Sammlung des amerikanischen Großmeisters des Horrors. Wenn man King mag, dann wird man hier glücklich. Wenn man ihn nicht mag, dann gruselt man sich eventuell trotzdem.

Der unsichtbare Mann

„Der unsichtbare Mann“ von H.G. Wells (1897)

Und diese Woche habe ich dann meine private kleine Wells-Trilogie mit Der unsichtbare Mann beendet. Ähnlich wie bei Die Zeitmaschine gibt der Titel auch hier sehr viel Aufschluss über den Inhalt, sodass eine Zusammenfassung der Ausgangssituation schnell fabriziert ist: Ein Mann ist unsichtbar – und lernt die Vor- und Nachteile eines Lebens als nicht-sichtbarer Bürger kennen. Ein Beispiel für diese zwei Seiten der Medaille: Erfreut stellt er fest, dass er mit ein bisschen Geschick sehr leicht an Geld kommen kann – weniger erfreut ist er darüber, dass er mit diesem Geld nichts tun kann, wenn er sich nicht umständlich maskiert, sodass er mit seinen Mitmenschen interagieren kann, ohne sie zu Tode zu erschrecken.

Vom Stil und der Idee her hat mir auch diese Geschichte wieder sehr zugesagt, allerdings hat es mich nicht ganz so mitgerissen wie die beiden anderen Bücher. Das liegt einmal daran, dass ich die physikalischen Erklärungen für die Unsichtbar-Werdung nicht so ganz verstanden habe… aber das ist meinem mangelhaften Physik-Grundwissen geschuldet, ich konnte hier einfach nicht durchsteigen, wenn es um Lichtbrechung und Albinismus und was weiß ich nicht alles ging…

Darüber hinaus bin ich mit keiner der Figuren so richtig warm geworden. Der Unsichtbare ist unnahbar – und ich war lange unsicher, ob er wirklich der Protagonist oder nicht doch eher der Antagonist seiner eigenen Geschichte ist. Es ist nun natürlich ein Armutszeugnis, wenn man darauf besteht, dass ein Buch nur mit sympathischen Identifikationsfiguren Spaß machen kann, das würde ich auch niemals behaupten wollen, aber irgendwie… es hat an richtig einprägsamen Charakteren gemangelt. Die Geschichte wird von groben verbalen Auseinandersetzungen, Verfolgungsjagden und Versteckspielen getragen. Für mich macht das leider keine gute Spannungskurve aus, aber allzu groß war meine Enttäuschung nicht, als gegen Ende der Geschichte ein bisschen weniger Bewegung und ein bisschen mehr Märchenstunde gewesen ist… das hat mich doch mit den ersten zwei Dritteln des Romans ausgesöhnt!

Für Erste habe ich jetzt alle Bücher von H.G. Wells aus meinen Regalen weggelesen – und ich denke, sobald die Läden wieder geöffnet und meine Vorräte ausgedünnt sind, werde ich mich mal nach mehr Lesestoff von dem guten Mann umgucken.

Commissario Montalbano #4 – Die Stimme der Violine

 „Die Stimme der Violine“ von Andrea Camilleri (1997)

Aus Gründen die genau zu erläutern unheimlich überflüssig und unnötig kompliziert wäre, haben wir nicht nur den ersten, sondern auch den vierten Fall von Salvo Montalbano im Haus… natürlich hätte ich chronologisch vorgehen und auf E-Books umschwingen können, aber da die Fälle in sich abgeschlossen sind, habe ich keinen Grund gesehen, um nicht einfach das nächstbeste, physisch vorhandene Buch in die Hand zu nehmen.

Durch die Lücke von zwei Bänden habe ich den Anschluss an das Privatleben des Kommissars minimal verloren und das finde ich wirklich schade, weil der Lebensstil, die sozialen Verbandelungen, die familiären Hintergründe und die Essgewohnheiten des Protagonisten für mich die halbe Miete sind. Die Ermittlungen sind natürlich auch spannend, aber ich hätte die beiden Bücher nicht so sehr genossen, wenn es das ganze Drumherum nicht gäbe. Natürlich schlachtet Camilleri weiter einige Klischees aus, mit denen man als deutscher Leser an einen sizilianischen Krimi herangeht – aber wenn man bedenkt, dass der Autor in Porto Empedocle auf (es heißt auf, oder?) Sizilien geboren ist, dann kann man ja fast schon wieder daran glauben, dass es gar keine Klischees, sondern… Wahrheiten sind?

Die Ausgangssituation des Romans ist schnell erzählt: Eine junge Frau, die eigentlich auf dem Festland lebt, von der sizilianischen Landschaft jedoch derartig bezaubert ist, sodass sie mit dem Geld ihres Medizinergatten ein schönes Häuschen einrichtet, wird tot in ihrem unfertigen Schlafzimmer aufgefunden. Noch dazu ist die Frau nicht nur jung, sondern auch schön, nackt und in einer äußerst kompromittierenden sowie eindeutigen Position erstickt worden. Die Umstände des Todes werden nun natürlich geklärt, wie es sich für einen ordentlichen Kriminalroman gehört, aber es geht noch um so viel mehr: Die Scheinheiligkeit der beiden Tageszeitungen der Insel; die Mafia, die im Hintergrund ihre eigenen Spielchen treibt; das üppige Essen; die Schlafstörungen des Kommissars; die üblen und doch pittoresken Straßen der Insel; der Anbruch des digitalen Zeitalters in einem Kommissariat, in dem einige Kollegen schon mit der Bedienung des Telefons nicht zurechtkommen…

Diese Liste könnte endlos lang werden, aber ich stelle eine einfache Diagnose, warum sich die Geschichten um den Commissario Montalbano so gut verkaufen: Die Bücher haben Flair. Italien, das lässt sich leicht mit „Urlaub“ gleichsetzen. Die Bücher entführen den Leser, wie man immer so schön sagt, in eine andere Welt. Das Sizilien der 90er-Jahre hat, so ohne Technik, mit dem derben, unbelehrbaren, politisch angenehm unkorrekten Kommissar, eine gewisse Nostalgie. Und Nostalgie zieht immer. Dabei schadet es natürlich nicht, dass die Bücher gut geschrieben sind: Zackige Dialoge, keine überflüssige Silbe, kein ergreifendes Geschwafel, keine zähen Szenen. Die Mordermittlungen sind spannend, ja doch, aber die Fälle sind nicht umwerfend oder extrem genial konstruiert, da habe ich als nicht so ganz aktive Krimileserin schon deutlich ambitioniertere Ideen kennengelernt – aber auch das spricht eher für die Bücher als gegen sie. Viele Krimis oder Thriller erscheinen mir hyperkonstruiert, überambitioniert und einfach… zu viel.

Auf die Thriller von Sebastian Fitzek lasse ich eigentlich ungerne etwas kommen, aber sie sind ein gutes Beispiel dafür, dass Irrungen und Wirrungen, unbekannte psychische Krankheiten und das Faszinosum Psychopathie manchmal eine richtig gute Geschichte ergeben und manchmal nur ein umständliches Stück Literatur erzeugen. Womöglich ist es auch unangemessen zwischen Camilleri und Fitzek einen Vergleich ziehen zu wollen, aber man kann beiden Autoren nicht absprechen, dass sie wahnsinnig erfolgreich sind. Trotzdem habe ich beim Lesen ein ganz unterschiedliches Gefühl und finde keinen gemeinsamen Nenner, obwohl es ja im weitesten Sinne dasselbe Muster ist: Jemand stirbt. Etwas Schlimmes passiert. Man soll mehr darüber erfahren. Aber bevor das hier in eine handfeste Krise ausartet, setze ich einen Punkt und freue mich darauf, irgendwann mehr über das Faszinosum Montalbano zu erfahren… sobald die Stadtbücherei wieder geöffnet hat.

Commissario Montalbano #1 – Die Form des Wasser

„Die Form des Wassers“ von Andrea Camilleri (1994)

Bislang habe ich von Andrea Camilleri nur zwei Romane gelesen, doch sowohl Mein Ein und Alles als auch Ein Samstag unter Freunden haben mich schwer begeistert. Dennoch habe ich bislang eher weniger den Drang verspürt, mit der Reihe um den sizilianischen Kommissar Salvo Montalbano anzufangen, die annähernd dreißig Bände umfasst. Aber wie es der Zufall will, haben wir den ersten Band im Haus gehabt und mir war heute nach einen Krimi, den ich an einem Nachmittag weglesen kann. Und dafür ist Die Form des Wassers wirklich das perfekte Buch.

Mit schnellen Dialogen, aberwitzigen Figuren, und einer sehr spezifisch italienischen Art, die Dinge zugleich rasant und gemächlich anzugehen, entspinnt sich das Netz aus Lügen und Morden auf Sizilien. Während die beiden örtlichen Mafiavereinigungen sich gegenseitig monatlich um ein Mitglied verringern, steht im Zentrum von Kommissar Montalbanos Ermittlungen ein einflussreicher Politiker, der eines unrühmlichen Todes gestorben ist. Eines Morgens wird der gut situierte, allseits bekannte Mann mit heruntergelassenen Hosen auf dem Beifahrersitz eines Autos in einer einschlägigen Gegend von zwei Müllmännern aufgefunden.

Wie bei jeder guten Krimireihe braucht es mehr als nur einen guten Fall oder einen originellen Ermittler: Es braucht eine gelungene Mischung aus beiden Komponenten – und das gelingt Camilleri als hätte er nie etwas anderes geschrieben. Seine Figuren sind immer reizvoll, nie ohne Witz und Schärfe, meist ein bisschen derbe, aber dabei nie ohne ein gewisses charakterliches Niveau. Es scheint keine platten Nebenfiguren zu geben, auch wenn der Autor an den Nebenfiguren wirklich nicht spart, sodass man davon ausgehen kann, dass in den zwei Dutzend Fällen, die da noch kommen mögen, einige dieser Figuren auch ihre fünfzehn Minuten Ruhm erleben werden.

Kommissar Montalbano ist eher halbherzig in seine persönlichen Romanzen verstrickt und ist in erster Linie nicht nur mit seinem Beruf, sondern auch mit der Insel verheiratet. Oft denkt er darüber nach, dass man diesen oder jenen Anblick fotografisch festhalten müsste. Eher seltener denkt er an die Gefühle der Frauen in seiner unmittelbaren Umgebung. Aber man verzeiht es ihm, weil der gute Kommissar doch sehr charmant daherkommt – und welcher eisenharte Ermittler hat schon eine glückliche Beziehung? Welcher Tatort-Kommissar lebt das ganz große Familienglück? (Ich weiß es ehrlich gesagt nicht so genau, weil ich kein großer Tatort-Kenner bin, aber mein Vater hat einmal bemerkt, dass da niemand mit einem soliden Privatleben gesegnet ist.)

Zu meiner großen Freude habe ich festgestellt, dass wir offenbar auch den vierten Band der Reihe besitzen. Ich hoffe sehr, dass die in sich abgeschlossenen Fälle nicht chronologisch gelesen werden müssen. Andernfalls muss ich aufgrund der gegenwärtigen Umstände vielleicht ausnahmsweise Mal in ein E-Book investieren…

Wer „Die Form des Wassers“ mochte, liest vielleicht auch gerne:

  • Das Krokodil von Maurizio de Giovanni. Auch sehr italienisch, schönes Mafia-Flair und ein gut ausgedachter Fall. Keine Reihe, soweit ich weiß.
  • Die Tetralogie (= vier zusammenhängende Bücher, aber das ist so ein schönes Wort, man muss es einfach benutzen) um Hannibal Lecter von Thomas Harris. Epische, herrlich erzählte Romane über das Leben des wahrscheinlich berühmtesten, fiktiven Kannibalen unserer Zeit. Ein Band spielt sogar im schönen Florenz – auch wenn ich gerade nicht mehr ganz sicher bin, welcher genau… aber die ganze Reihe lohnt sich.
  • Andere Fälle von Kommissar Montalbano?

Die Insel des Doktor Moreau

„Die Insel des Doktor Moreau“ von H.G. Wells (1896)

Nachdem mich H.G. Wells so angenehm durch die letzte Woche begleitet hat, war es dann für mich keine Frage, dass ich das Wochenende einer anderen seiner Geschichten widme! Trotzdem habe ich versucht, beim Lesen nicht ständig zu vergleichen, welches der beiden Bücher ich besser oder einfallsreicher fand und das möchte ich auch hier nicht tun. Ich halte lediglich fest, dass ich für Die Insel des Doktor Moreau einen Ticken länger gebraucht habe als für Die Zeitmaschine, aber das ist eventuell auch der Länge des Romans geschuldet. (Beide Bücher sind nicht dick, auf gar keinen Fall, aber manchmal machen 40 lächerliche Seiten für mich einen Unterschied, ja, ich schäme mich, aber ich mag dünne Bücher manchmal einfach mehr.)

In Die Insel des Doktor Moreau lesen wir die Notizen eines Gestrandeten, der nach seiner Rückkehr in das zivilisierte englische Landleben auf seine unfreiwilligen Abenteuer zurückblick. Edward Prendick ist Passagier auf einem untergehenden Schiff. Er ist der einzige Überlebende des Unglücks und wird auf hoher See von einem griesgrämigen, rothaarigen Kapitän aufgelesen, der ihn – kaum hat er sich einigermaßen erholt – am liebsten gleich wieder über Bord schicken möchte. Ein anderer Mitreisender, ein gewisser Montgomery, bewahrt Edward Prendick vor dem Tod auf dem Wasser und nimmt ihn mit auf eine geheimnisvolle Insel. Schon bald lernt Edward Prendick den Kollegen seines Retters kennen: Doktor Moreau. Der einst gefeierte englische Biologe hat sich von der akademischen Gesellschaft in die Einsamkeit geflüchtet, um dort seinem wissenschaftlichen Genie freien Lauf lassen zu können.

Die Experimente des Dr. Moreau wäre ein ebenso passender Titel für den Roman gewesen, aber tatsächlich gibt es auch einige sehr schöne, landschaftliche Beschreibungen der Insel. Ich habe normalerweise nicht allzu viel für Abenteuergeschichten übrig, bei denen ein einsamer Mann durch den Dschungel wandert und dort allerlei exotischen Schrecken ausgesetzt ist. Nein, ich habe Robinson Crusoe nie gelesen, obwohl es wahrscheinlich ein fantastisches Buch ist. Schuld daran trägt vielleicht der Französischunterricht in der Mittelstufe, der Deux ans de vacances von Jules Verne in einer gekürzten Fassung ganz unerträglich ausgeschlachtet hat – während wir quasi parallel im Deutschunterricht Herr der Fliegen von William Golding gelesen haben. Nach dieser Überdosis im jugendlichen Alter habe ich von Geschichten mit einem ähnlichen Setting immer sicheren Abstand gehalten… aber Die Insel des Doktor Moreau hat mich damit ein bisschen ausgesöhnt. H.G. Wells Einfallsreichtum und seine Art, von menschlichen Abgründen zu erzählen, ohne eine künstlich dramatisierende, hyperverschnörkelte Sprache zu verwenden, haben mich wirklich bezaubert.

Ich würde mich auch hier gerne wieder über die einzelnen Ideen und Grauen auslassen, aber damit würde ich zu viel über den Inhalt verraten. Es sei nur so viel gesagt: Wer Frankenstein oder Jurassic Park mag, der kommt auch hier auf seine Kosten. Besonders spannend ist für mich außerdem noch der Veröffentlichungszeitraum des Werks. Um 1900 herum waren die Ideen des „survival of the fittest“, des Sozialdarwinismus, der Eugenik oder generell der Rassenlehre noch nicht durch das Dritte Reich und andere, faschistische Regime geprägt – und das erlaubt es H.G. Wells mit diesen Themen keinesfalls naiv, aber irgendwie sorgloser umzugehen als es ein zeitgenössischer Autor könnte. Natürlich wünsche ich mir keinesfalls, dass derartig ideologische Ideen in irgendeiner Weise popularisiert werden und das tut Die Insel des Doktor Moreau auch nicht. Doch der Roman ist nicht nur zeitlos fesselnd, sondern gewinnt durch seinen historischen Kontext noch mehr an unheimlichem Flair. Und weil das Buch so herrlich alt ist, kann man ihm keinerlei politische Unkorrektheit vorwerfen, sondern nur bewundern, mit welcher grausamen Konsequenz sich der Autor mit den denkbaren wahnhaften Ausprägungen der selbsternannten „Krone der Schöpfung“ auseinandergesetzt hat.

Die Zeitmaschine

„Die Zeitmaschine“ von H.G. Wells (1895)

Diese Rezension würde ebenso gut in die Kategorie „Klassiker“ passen, denn nichts anderes ist Die Zeitmaschine von H.G. Wells, aber für den Moment habe ich beschlossen, meine Kategorien auszubauen und ein bisschen spezifischer zu sortieren.

Die Zeitmaschine ist eines dieser Bücher, das ich mir irgendwann mal zugelegt habe, weil ich das Gefühl hatte, das sollte man doch irgendwie im Haus haben. Bis vorgestern stand es schändlich lange in meinem Regal und wurde von mir kaum beachtet, obwohl ich mir – einer merkwürdigen Eingebung folgend – noch mehr Romane des Autors gekauft und ebenfalls nicht gelesen habe. Aber ich kaufe Bücher ja nicht, um sie zu sammeln, sondern weil ich optimistisch bin und immer denke, dass ich das irgendwann schon alles Mal lesen werde. Und in diesem Fall beglückwünsche ich mein Vergangenheits-Ich sehr zu dieser Kaufentscheidung.

Worum es in Die Zeitmaschine geht ist schnell erzählt – man muss ja eigentlich nur auf den Titel gucken. Was den Roman so lesenswert und zu einem – Vorsicht Anglizismus – pageturner macht ist die gewaltige Vorstellungskraft des Autors. Wie sieht die Welt in rund 6.000 Jahren aus? Oder in ein paar Millionen Jahren? Was ist zu diesem Zeitpunkt aus der Menschheit geworden, die man offenbar schon vor dem Beginn des 20. Jahrhunderts und all seinen Katastrophen (Weltkriege… Atomkriege… ich muss das nicht auflisten, denke ich) für eine Lebensform gehalten hat, die sich potenziell selbst abschaffen könnte. Zu verraten wie H.G. Wells sich die Zukunft der Menschheit ausgemalt hat, würde zu viel von dem Inhalt des Romans vorwegnehmen, deswegen werfe ich hier nur einige Fragen in den Raum, über die man sich vor dem Lesen mal Gedanken machen könnte: Was passiert, wenn es uns zu gut geht? Was geschieht mit dem Menschen, wenn er nichts mehr für sein Überleben tun muss? Was kommt nach dem Fortschritt? Leben wir in einer Klassengesellschaft? Glauben wir wirklich, dass alle Menschen gleich sind? Gibt es zwei Arten von Menschen? Und wie ist das eigentlich mit dem Aussterben der Arten – werden wir alle Vegetarier, falls der Mensch sämtliche Nutztierarten überleben sollte? (Ich weiß zwar nicht, warum gerade der Mensch so widerstands- und anpassungsfähig sein sollte, aber man weiß ja nie.)

Obwohl ich die leise Vermutung habe, dass Die Zeitmaschine im Original sehr lesenswert gewesen wäre, hat mich schon die deutsche Übersetzung ziemlich von den Socken gehauen. Ich kann jetzt schon nicht mehr sagen, ob ich die Sprache wirklich so beeindruckend fand oder ob es einfach die Größe und die Macht der Ideen war, die dafür gesorgt haben, dass mein Vorstellungsvermögen beim Lesen auf Hochtouren lief.

Nun befinde ich mich in der paradoxen Situation, dass ich mir wünsche, es gäbe eine richtig gute, richtig krasse Verfilmung des Romans – und gleichzeitig hoffe, dass sich niemals jemand an diesem Stoff versucht hat. Spoiler: Als ich gerade bei Google nach dem Erscheinungsjahr gesucht habe, das in meiner Ausgabe aus irgendeinem Grund nicht drin steht, habe ich bereits entdeckt, dass es zumindest eine Verfilmung von 1960 gibt… das kann eigentlich gar nichts geworden sein… aber womöglich wird mein Zukunfts-Ich eines Besseren belehrt.

Der Mensch erscheint im Holozän

„Der Mensch erscheint im Holozän“ von Max Frisch (1979)

„Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen.“

Max Frisch

Angesichts des Klimawandels und anderen tagesaktuellen Krisen sticht dieser eine Satz aus Der Mensch erscheint im Holozän regelrecht hervor. Die Diskussion, ob wir uns nicht bereits im Anthropozän und nicht mehr im Holozän befinden, weil der Mensch die Welt so stark geprägt hat, dass man von einem geochronologischen Erdzeitalter des Menschen sprechen könnte, gehört eher dem Jahr 2020 als dem Jahr 1979 an, aber gerade deshalb ist der Roman von Max Frisch hochspannend – und seiner Zeit voraus.

Es wird die kurze Geschichte von Herrn Geiser erzählt. Herr Geiser lebt in Tessin, im Gebirge, und stellt während einer „Regenzeit“ fest, dass man nicht den ganzen Tag lesen kann. Er will sein Wissen sammeln, schreibt wichtige Informationen aus seinen Lexika heraus und heftet sie an die Wand, um sie immer sehen zu können. Er leidet unter seinem zunehmend schlechter werdenden Gedächtnis.

Die Tage im Leben eines alten Mannes, der dem Wissen nachjagt, es festhalten will und dabei beobachtet, ob es zu einem Rutsch des Berges kommt, der seinen Lebensraum vernichtet, ist detailverliebt niedergeschrieben. Die Zettel mit dem Wissen, das Herr Geiser für besonders wichtig erachtet, sind auch für den Leser abgedruckt, sodass man das Gefühl hat, den Raum mit den gesammelten Zetteln sehen zu können. Erst nach der Lektüre ist mir klar geworden, dass Herr Geiser fast bis zum Schluss nicht mit anderen Personen interagiert. Es ist ein Ein-Mann-Roman, Herr Geiser ist ein Solokünstler, der auch den Leser in seiner subjektiven Gedankenwelt gefangen hält.

Wer sich eine hochspannende Handlungskurve verspricht oder ein emotionales Drama erleben möchte, der ist bei Der Mensch erscheint im Holozän definitiv nicht an der richtigen Adresse. Der Roman ist ruhig, ein bisschen verschroben und auf seine Art dennoch ungeheuer simpel, ohne dabei etwas von seinem philosophischen Charme zu verlieren. Ich habe bei Weitem nicht genug Texte von Max Frisch gelesen, um zu sagen, ob dieser Roman typisch oder untypisch für Frisch ist, aber ich habe nicht das Gefühl, meine Zeit verschwendet zu haben.

Queen July

„Queen July“ von Philipp Stadelmaier (2019)

Die Rückseite des Romans behauptet, es sei „ein Buch wie ein französischer Film – anspruchsvoll, frivol, politisch, atemlos und leicht“ und das trifft es ziemlich genau. Da hat jemand seinen Job – ein ganzes  Buch in nur einen Satz packen – ziemlich gut gemacht. Ich sage trotzdem noch ein bisschen mehr, damit das hier eine anständige Rezension wird.

Queen July ist Architektin, sie baut normalerweise Brücken in Portugal, aber ihren Urlaub verbringt sie zuhause in Paris. Sie thront in ihrer Badewanne, trinkt Wein, lässt immer mal wieder kaltes Wasser nachlaufen und hört sich die elend quälende Liebesgeschichte ihrer Untermieterin Aziza an. Gemessen an dem Titel des Buches sollte man meinen, dass July die Hauptperson ist und irgendwo ist sie das, aber Aziza ist diejenige, die meistens erzählt. Der Leser hört ihr zu und findet sich in Julys Rolle der Zuhörerin wieder. Manchmal streut July aber auch eine Anekdote ein und dann ist der Leser wieder für sich alleine der Beobachter des Geschehens. Alleine dieses Prinzip des abwechselnden Zuhörens und Erzählens ist ziemlich spannend.

Mini-Spoiler: Das Buch hat auch gar nicht den Anspruch, alles fertig zu erzählen, sondern hört manchmal ganz selbstzufrieden an Stellen auf, an denen es eigentlich doch erst spannend werden sollte. Mit diesem leichtfertigen Abbruch von Geschichten in einer Geschichte muss man umgehen können, sonst … ich behaupte mal vorsichtig, dass es dann ein etwas frustrierendes Lese-Erlebnis sein wird.

Die Haupthandlung (an der Anzahl der Seiten und Wörter, die darauf verwendet werden, als solche definiert) ist die Liebesgeschichte zwischen Aziza und Anselm Strehler. In ihrem letzten Schuljahr waren Aziza und Anselm ein paar Monate zusammen. Als Aziza zwei Tage mit ihrer Schwester nach London fährt und dann wiederkommt, will Anselm nicht mehr, es ist ihm alles zu viel, zu eng, ja einen richtigen Grund gibt es nicht, aber er will nicht mehr mit ihr zusammen sein. Dieses Abserviert-Werden ohne richtigen Grund, quasi aus dem Nichts, jagt Aziza. Anselm Strehler folgt ihr wie ein Schatten (ein Phantom, so sagt sie selbst) durch ihr halbes Erwachsenenleben, die Ungewissheit hindert sie daran, ernsthafte Beziehungen einzugehen oder ihn wenigstens zu vergessen. Diese Umtriebigkeit und Ruhelosigkeit sorgen dafür, dass sie sich in Dschibuti befindet, als sie nach rund 15 Jahren der Funkstille auf einmal eine Nachricht von Strehler erreicht. Über Facebook. Die Wiederaufnahme des Kontakts, scheinbar auch mal wieder so ganz ohne Grund, führen zu einer Vielzahl von Spekulationen auf Azizas Seite. Als schließlich das große Wiedersehen bevorsteht, weiß der Leser genauso wenig wie Aziza oder July, was er oder sie von diesem Strehler-Typen halten soll. Ist das nun ein bemitleidenswertes, psychisches Wrack? Ein gewissenloser Herzensbrecher? Eine Flachzange oder ein ganz ganz toller Typ? Man kann es nicht sagen, Azizas subjektives Erzählen ist viel zu perfekt, um die Figur Anselm Strehler zu erfassen, ehe man ihn auch zu fassen kriegen soll.

Queen July ist ein Roman, der auf eine ganz komische Art und Weise an die Nieren geht. Zwischendrin will man Aziza schütteln, weil sie sich so offensichtlich in einer unbedeutenden Jugendliebe verrannt hat, dann will man sie anfeuern, damit sie sich ihren Gefühlen voll und ganz stellt und dann erkennt man sich zwischendurch selbst wieder, weil vermutlich niemand immer nur mutig und vernünftig ist. Und dann ist da auch noch July, die immer mal wieder eine gute oder auch eine richtig blöde Zwischenfragen stellt, für nervige oder wünschenswerte Unterbrechungen der Strehler-Elegie sorgt… und die trotzdem eher mittendrin als nur dabei ist.

Es ist ganz schwer zu sagen, warum mich dieses Buch begeistert hat. Der Sprachstil war mir abwechselnd zu schwülstig und zu roh – aber vielleicht war das gar nicht der Stil des Buchs, sondern nur eine Laune von Aziza? Alles sehr schwer einzuschätzen. Das Buch ist nicht besonders dick und dieser Vergleich mit dem französischen Film, der trifft den Nagel auf den Kopf. Die Geschichte kommt mit ihrer Ausgangssituation so ganz schlicht und einfach daher, dann wird es kompliziert und emotional, dann sind alle wieder ganz lakonisch und leichtfertig und am Ende gibt es einen Wendepunkt, den man hätte fühlen müssen. Weil man an dem ganzen Roman fühlen kann.