Von Masken und Menschen

Von Masken und Menschen

Die aktuelle Situation bringt ja immer mal wieder so einige Grundsatzdiskussionen und absurde Regelungen mit sich, aber kaum ein Thema war in den letzten Monaten in den Medien und auch in privaten Gesprächen so dauerhaft präsent wie der Mund-Nasen-Schutz. Masken sind Accessoires, modische Statements oder Einweg-Produkte, je nachdem wie umweltfreundlich man sich präsentieren möchte. Sie treten in allen Farben und Materialien auf und sind manchmal eigentlich Schals oder T-Shirt-Säume.

Für mich und meine Schwäche in Sachen Gesichtserkennung sind die Masken auf der einen Seite ein neues Hindernis, aber auf der anderen Seite auch eine Art Segen, denn es geht  gefühlt zum ersten Mal allen Menschen so wie mir. Man überlegt im Supermarkt zweimal, ob sich hinter der hellblauen Maske die Nachbarin verbirgt; ob das ein bekanntes Gesicht ist, das da halb in einen Schal eingewickelt wurde oder ob die Mutter einer Schulfreundin eine von diesen massiven Bauarbeitermasken aufgetrieben hat. Das Grußverhalten der Menschen ist generell entschleunigt – und überhaupt ist „Ich hab dich nicht gleich erkannt“ plötzlich ein Satz, den man einfach so sagen kann. Da kommt dann verständnisvolles Nicken, so ein bisschen Schimpfen über die blöden, aber notwendigen Maskierungen und ein Lächeln, das man nur in den Augen erkennen kann. Ich habe seit Monaten niemandem mehr erklären müssen, dass ich „nicht so gut“ mit Gesichtern bin – das liegt einmal natürlich daran, dass ich in dem letzten halben Jahr deutlich weniger unterwegs gewesen bin als sonst, aber dann liegt es eben auch an den Masken.

Letzte Woche bin ich dann bei der Arbeit erstmalig wieder in die Verlegenheit gekommen, dass ich erkannt wurde, aber nicht wusste, wer mich da erkannt hat. Es war eine Frau, die an zwei Tagen hintereinander im Kino gewesen ist. Am ersten Tag saßen wir im Kinosaal in derselben Reihe, am Platz ohne unsere Masken, wir haben uns freundlich begrüßt, weil man eben einen netten Umgang pflegen kann, wenn einen zwei Meter Abstand trennen und man jeweils alleine in einen Film geht – am zweiten Tag stand ich hinter Maske und Plexiglas  an der Kasse und sie fragte mich ganz freundlich, wie ich den Film gefunden hätte. Und da hatte ich dann meinen ersten Aussetzer und musste mich entschuldigen, weil ich sie nicht einordnen konnte. Nach ein oder zwei Minuten hatte ich dann den entsprechenden Geistesblitz und ihre Reaktion war auch sehr verständnisvoll – wie sollte ich sie denn auch erkennen, wenn sie gerade ihre Maske trägt und ich täglich so viele Menschen sehe? (So viele sind es nicht, aber ich habe da mal nicht widersprochen.)

Ich kann zwar sowieso nicht behaupten, dass es mir schon mal jemand ernsthaft übel genommen hat, dass ich ihn oder sie nicht zeitig erkannt habe, aber ich bilde mir trotzdem ein, dass der Alltag mit Maske einen neuen Level von Verständnis mit sich bringt. Mein klassisches Zögern kann von den meisten Menschen langsam eher nachvollzogen werden, auch wenn es natürlich immer noch die Leute gibt, die nichts und niemand aufhalten kann und die einen auch spontan richtig einordnen können, wenn man Sonnenbrille und ein rosafarbenes Stück Stoff anstelle von Augen, Nase und Mund präsentiert.

Eine Sache, die neben dem „Wiederkennen“ für mich mit den Masken erschwert wird, ist das Schätzen von dem Alter einer anderen Person. Wenn an der Kasse eine Familie vor mir steht, dann muss ich noch genauer als sonst fragen, mit wie vielen Kindern und wie vielen Erwachsenen ich es zu tun habe, weil ich gerade bei groß gewachsenen Kinder und nicht ganz so groß gewachsenen Erwachsenen nicht mehr klar sagen kann, ob jemand 12 oder 32 Jahre alt ist. Das klingt wie ein sehr extrem gewähltes Beispiel, aber ich habe erst neulich eine Gruppe von sieben Personen komplett falsch eingeordnet und zwei Mütter für Kinder gehalten… das war auch schön peinlich.

Ich will hier nun gar keine Prognose für die Zukunft abgeben, aber ich denke, die Masken werden uns gerade im öffentlichen Personennahverkehr und im Supermarkt noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Meine Hoffnung ruht darauf, dass die Einweg-Maske irgendwann ausgedient hat und Masken eine ähnlich lange Lebenszeit wie andere Kleidungsstücke haben werden, sodass man irgendwann weiß, bei wem man mit welcher Musterung rechnen muss. Dann kann man sich fortan merken, welche diversen Muster von wem bevorzugt werden und am Bahnhof nicht nach der Freundin mit dem markanten Wintermantel, sondern mit dem Mund-Nasen-Schutz in Regenbogenfarben oder politischer Message Ausschau halten. Und für so eine Welt wäre ich ja sogar ein bisschen zu haben.

Erwartungshaltungen oder Den Baum im Wald nicht sehen

Erwartungshaltungen oder Den Baum im Wald nicht sehen

„Context is all.“

Margaret Atwood, The Handmaid’s Tale

Zufallsbegegnungen sind für mich das Grauen, das ist ja klar. Aber ich staune immer wieder darüber, wie klein der „richtige Kontext“ ist, in dem ich Menschen sofort erkennen und einordnen kann. Vielleicht liegt es daran, dass Kontext nicht ganz das richtige Wort ist. Es ist anscheinend weniger eine Frage von Ort und Zeit, sondern mehr noch die Frage danach, ob ich erwarte, jemanden zu sehen.

Zwei Beispiele aus den letzten Wochen und Tagen haben mich daran erinnert, dass ich auch an meinem Arbeitsplatz nicht immer mit meinen Kollegen und auch in der Universität nicht immer mit meinen Mitstudierenden geschweige denn meinen Dozenten rechne.

Ich arbeite neben meinem Studium in einem kleineren Kino mit einer übersichtlichen Anzahl von Kollegen. Ich kenne dieses Dutzend Personen zum Teil seit mehreren Jahren und trotzdem schaue ich vor jeder Schicht auf den Dienstplan, um zu wissen, mit wem ich heute zusammenarbeiten muss. Weil es sonst leider mal passieren kann, dass ich hinter der Kasse stehe und dann ein Mensch durch die Tür kommt, den ich kenne und viel zu langsam erkenne. Eine Situation, auf die man sich leider nicht einstellen kann, ist der Moment, in dem ein Kollege, der nicht arbeiten muss, beschlossen hat, in seiner Freizeit ins Kino zu gehen. Wenn nicht viel Betrieb ist, dann reagiere ich zwar verzögert, aber einigermaßen rechtzeitig. An besucherstarken Tagen jedoch, an denen eine Schlange vor der Kasse steht und ich mich immer nur auf die Person, die direkt vor mir steht und ihre Bestellung aufgibt, konzentrieren kann, werde ich immer wieder aus dem Konzept gebracht und hab schon höflich und etwas zu unpersönlich „Hallo“ gesagt, ehe ich meinen Kollegen erkenne, der in der Masse von „normalen“ Gästen untergegangen ist. Nun gibt es eine Reihe von Entschuldigungen, die ich in diesem Augenblick erfinde könnte, zum Beispiel die mittelmäßige Beleuchtung des Kino-Foyers oder der Stress durch die hohe Anzahl der Besucher, aber meistens sage ich mittlerweile einfach, dass ich leider nicht so „schnell“ darin bin, Menschen zu erkennen. Meistens stößt das, je besser ich die Leute eigentlich kenne, auf umso mehr Empörung. Einen Kollegen zu übersehen, das ist eine Sache, doch wenn die Grenze zwischen Zusammenarbeiten und Freundschaft nicht so klar gezogen ist, dann entsteht leider schnell der Eindruck, dass mir jemand nicht „wichtig“ genug ist, damit ich ihn mir merke. Das ist natürlich Unsinn. Ich kann auch engsten Freunde und meine eigenen Eltern übersehen, wenn die Sterne besonders schlecht stehen – und meine Erwartungshaltung nicht stimmt.

Doch der eigentliche Auslöser dafür, dass ich in dieser Kategorie wieder einen Beitrag schreibe, war der Gruß eines mittelalten Mannes am gestrigen Abend. Ich habe das Universitätsgebäude verlassen, ich war gerade mal mit dem Fuß aus der Tür raus, als ich ein freundliches „Hallo“ gehört habe. Ich habe mich nicht angesprochen gefühlt, aber da außer mir niemand dort war und obendrein nur ein einzelner Mann direkt an mir vorbeigelaufen ist, habe ich ihn direkt angesehen. Und dann einen Dozenten erkannt, den ich in diesem Semester jede Woche sehe und bei dem ich schon vor einem Jahr ein Seminar absolviert habe. Und da hab ich mich mal wieder gefragt, was eigentlich genau mein Problem ist?

Denn der Kontext war ja richtig. Ich war in der Universität – und wo sonst sollte ich mit einem Dozenten rechnen? Gut, streng genommen war ich auf der Treppe vor der Universität und mein Dozent ist mir nicht entgegengekommen, sondern von rechts nach links durch mein Blickfeld gelaufen, aber er hat mich ja schließlich erkannt, obwohl es eigentlich eher anzunehmen wäre, dass ein Dozent eine seiner Studentinnen nicht präsent hat als umgekehrt. Gestern Abend habe ich dann mal wieder angefangen, die Situation zu analysieren und meine vorläufige Problemdiagnose lautet: Mein Dozent hat eine Mütze getragen. Dieses Bild war neu für mich, da ich den Mann normalerweise nur in geschlossenen Räumen und dementsprechend ohne Mütze, Schal oder Jacke sehe – und die Mütze hat es in diesem Fall wahrscheinlich wirklich gerissen. Außerdem war es ein Dienstag – und ich rechne offenbar nur an Donnerstagen damit, besagtem Dozenten im Seminar zu begegnen. (Fun Fact: Ich habe denselben Mann bereits auf einer Veranstaltung der Fachschaft außerhalb des Campus und am Bahnsteig prompt erkannt.) 

Das Ende der Geschichte: Nach einigen Sekunden Verspätung habe ich es dann doch noch geschafft, hastig zurück zu grüßen – und meinen Dozenten damit ebenso sehr verwirrt wie er mich bis dahin. Ich tröste mich damit, dass er vielleicht auch einige Sekunden lang unsicher war, ob er da nicht gerade eine fremde Person angesprochen hat – aber vermutlich hat er sich auch nur gefragt, was denn bitte mit mir los ist, dass ich nur so leise und so verlangsamt „Hallo“ sagen kann.

Und weil das hier ja keine wissenschaftliche Abhandlung ist, in der immer alles logisch sein muss oder ein roter Faden erkennbar sein sollte, berichte ich auch noch kurz von einer kleinen Heldentat meines Hirns in folgender Situation:

Wieder ein Dienstag. Acht Uhr morgens. Am Bahngleis. Ich bin vollkommen darauf konzentriert, in den gut gefüllten Zug zu steigen und im Optimalfall noch einen Sitzplatz zu bekommen. Ich bin schon so halb eingestiegen und werde auf die Schulter getippt. Ich drehe mich um, einer meiner Kollegen, nennen wir ihn S., wünscht mir einen guten Morgen. Ich erkenne S. auf Anhieb und reagiere zeitig und ganz normal. Wir steigen zusammen ein. Happy End.

Wieso hat das nun geklappt? S. steigt normalerweise nicht an diesem Bahnhof ein, hat bis vor kurzem in einer anderen Stadt gewohnt und ist mir noch nie an diesem Ort oder um diese Uhrzeit begegnet. S. hat eine Kopfbedeckung getragen. Ich war müde. Ich habe S. davor seit einigen Wochen nicht mehr bei der Arbeit gesehen, weil sich unsere Schichten nicht gekreuzt haben.

Es ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel, warum ich S. einwandfrei erkannt habe. Eventuell rechne ich an diesem Bahnhof damit, alles und jeden treffen zu können? Oder es liegt daran, dass S. direkt etwas gesagt hat und ich seine Stimme recht gut kenne und ich zugleich frontale Sicht auf sein Gesicht hatte? Oder die Beleuchtung des Zuges ist herausragend gut? Oder ich war gar nicht so müde wie ich dachte?

Circa eine Woche später ist S. zusammen mit seinem Vater im Kino gewesen und ich habe gestutzt, als S. plötzlich „wie aus dem Nichts“ vor mir stand. Da war es dann auf einmal wieder das übliche, peinliche Zögern. Es liegt also nicht daran, dass ich S. immer besonders gut erkennen würde, sondern doch irgendwie wieder an der Situation.

Ist dieser Beitrag frustrierend und sinnlos? Vielleicht. Aber ich habe ja nicht den Anspruch, hier irgendeinen Spannungsbogen aufzubauen oder irgendwie eine Erklärung dafür zu finden, wie Prosopagnosie funktioniert. Und was da genau wann und wieso nicht funktioniert.

Serientäter

Serien sind eigentlich eine sehr dankbare Sache, denn man hat deutlich mehr Zeit als bei einem Film, um sich auf die Figuren und die Handlung einzulassen. Nach einigen Staffeln hat man manchmal sogar das Gefühl, man kehrt zu alten Freunden zurück. Obwohl ich Filme wirklich mag, finde ich das Konzept von Serien manchmal fast noch ein bisschen besser, weil ich mich gerne an Charaktere gewöhne und liebevoll auserzählte Geschichten mag. (Und Running Gags.) Trotzdem gab es in den letzten Jahren mehr als nur eine Serie, die ich als anstrengend empfunden habe … und mittlerweile bin ich mir sicher, dass das auch irgendwie an meiner Schwäche für Gesichter liegt.

Ich habe bereits erwähnt, dass bei vielen Faceblindness-Selbsttests, die man im Internet finden kann, auch die Frage danach kommt, ob man manchmal Schwierigkeiten hat, einer Serie oder einem Film zu folgen. Ob man es herausfordernd findet, den Überblick über die einzelnen Figuren zu behalten und die Charaktere in allen Szenen unmittelbar erkennen kann. Heute möchte ich mich einer Reihe von Serien widmen, die ich eigentlich gerne angesehen habe und die mir trotzdem immer wie „schwere Kost“ erschienen sind.

  1. Borgia. Diese Serie widmet sich der Familie Borgia, die im Europa des 15. und 16. Jahrhunderts zunehmend an Einfluss gewinnt, nachdem der Patriarch Rodrigo Borgia den Heiligen Stuhl als Papst Alexander VI. besetzt. Borgia ist eine historische Serie, die nicht an aufwendigen Kostümen und Massenszenen spart. Es gibt deutlich mehr männliche als weibliche Figuren – und spätestens dann, wenn in einer Szene alle Kardinäle versammelt werden, sehe ich nur noch ein Dutzend alter Männer in roten Roben, deren Namen ich zwar theoretisch kenne, aber deren Gesichter ich praktisch und im Ernstfall nicht wirklich auseinanderhalten kann. Die Serie lebt von ihren Intrigen, die nicht minutiös und idiotensicher erklärt werden, sodass man als Zuschauer ab und an mit erzählerischen Lücken alleine gelassen wird, die man spielend leicht füllen kann, insofern man in der Lage ist, die Charaktere auch in einer Szene, in der man eventuell nicht mit ihnen gerechnet hat, zu erkennen. Ich habe alle drei Staffeln von Borgia gesehen und meiner Schwäche für „Kostümschinken“ wurde kein Dämpfer versetzt, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass ich mehr hätte „sehen“ können.
  2. Peaky Blinders. Auch die britische Produktion Peaky Blinders, die von den Mitgliedern der Familie Shelby erzählt, die sich im Birmingham der 1910er-Jahre von der gefürchtetsten Gangs der Stadt hin zu einer Familie entwickeln, deren Namen man sogar in New York City kennt, als an der Wall Street 1929 alles zusammenbricht, fällt nun wieder in die Kategorie „historischer Stoff“ und „Familiensaga“ und leichte Kost soll es ganz sicher auch nicht sein. Genau wie im Fall von Borgia ist die Besetzung überwiegend männlich – und zumindest in den ersten Staffeln sind alle Peaky Blinders annähernd identisch gekleidet: lange, staubfarbene Mäntel, Mützen mit den berüchtigten, eingenähten Rasierklingen, kurz geschorene Haare, schick-schäbige Anzüge in braun-grau-Tönen. Die Hauptfiguren Thomas und Arthur Shelby stechen hervor – Thomas durch seine markanten Augen und Wangenknochen, Arthur durch seinen Schnurrbart. Die anderen Shelby-Brüder ähneln Tommy Shelby aufs Übelste, sodass ich manchmal nur durch den Kontext oder durch die Verwendung von Vornamen sicher sein konnte, wer gerade im Bild zu sehen ist. (Zwei der Schauspieler sind tatsächlich Brüder, die Familienähnlichkeit ist also nicht umsonst so überzeugend.)
  3. Babylon Berlin. Und? Erkennt man schon ein Muster? Serien mit historischen Kostümen bereiten mir durch die Bank weg Schwierigkeiten. Bei Babylon Berlin ist es ganz ähnlich wie bei Peaky Blinders, der (männliche) Einheitslook der 20er-Jahre macht mich fertig und dem Anspruch der Serie an den Zuschauer, einige Szenen ohne viele Erklärungen und Worte, sondern durch das bloße Wiedererkennen der Charaktere und das Erinnern ihrer Geschichten, zu erschließen, kann ich nicht immer gerecht werden. Natürlich geht die Handlung nicht komplett an mir vorbei und früher oder später weiß ich dann doch, was gerade passiert und worauf ich achten muss, was die Szene bedeutsam macht, aber ich brauche länger als beispielsweise bei Sitcoms oder Serien, in denen die Hauptfiguren sich klar voneinander unterscheiden lassen. Das Ansehen der Serien wird dadurch anstrengender – und das kann ich bei Babylon Berlin nicht einmal darauf schieben, dass ich gleichzeitig die Untertitel mitlesen (die Synchronisation von Peaky Blinders ist leicht gruselig) oder mich auf italienische Nachnamen konzentrieren muss.
  4. Game of Thrones. Keine real-historische Show diesmal – aber auch wieder eine Serie, die auf mehrere, nebeneinanderherlaufende Handlungsstränge und optische Familienzusammengehörigkeit setzt. Ich bin sicher nicht die Einzige, die einige Folgen gebraucht hat, um sich in dem Universum von Game of Thrones einzufinden, aber ich bezweifle, dass der durchschnittliche Zuschauer sich so auf die Kleidungsstile und das Setting der verschiedenen Königreiche von Westeros fokussiert hat. In dieser Hinsicht sind Fantasy-Epen wie Game of Thrones – oder auch die „Herr der Ringe“-Filme – relativ dankbar, weil die verschiedenen Länder/ Völker meistens sehr deutlich voneinander abgegrenzt werden. Je weiter die Handlung sich entwickelt hat, umso leichter ist es mir auch gefallen, die Mitglieder der Familie Stark auseinanderzuhalten, die alles in allem die größte Herausforderung gewesen sind … bis irgendwann ein paar von ihnen verschieden sind. Aber Spoiler gehören nicht hierher!
  5. Elité und Baby. Sowohl die spanische als auch die italienische Netflix-Produktion arbeiten mit einem sehr jungen Cast und spielen in der Gegenwart. Die Hauptfiguren sind in beiden Serien durch äußerliche Merkmale (Kopftuch; Haarschnitt/ Haarfarbe) relativ gut zu erkennen, aber bei den Nebenfiguren wird es schon schwieriger, da (und das ist der Punkt, an dem das hier rassistisches Potenzial hat, aber so ist es natürlich gar nicht gemeint!) alle Schauspieler, die spanische/ italienische Jungen zwischen 15 und 20 Jahren verkörpern, einigermaßen gleich aussehen. Dunkle Haare, mal lockig, mal kurz geschnitten, ebenmäßige Gesichter und … Schuluniformen. In beiden Serien spielen sich nicht wenige Szenen während der Schulzeit ab, dementsprechend tragen alle Schauspieler identische Kleidung. Und das ist der Horror schlechthin, weil es dadurch deutlich schwieriger wird, Namen und Persönlichkeiten zuzuordnen, die sonst über den Stil der Figuren ausgedrückt werden. Der Gedanke von Schuluniformen ist es ja, eine Art Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und äußerliche Unterschiede weniger wichtig zu machen – und das ist auch ein sehr schöner Gedanke, aber bei dem Konsum dieser beider Serien ist mir das Konzept wirklich in die Quere gekommen.

Nun folgt noch eine kleine Aufzählung von Serien, die ich bald/eines schönen Tages sehen möchte und bei denen ich eine leise Ahnung habe, dass ich das Gucken als anstrengend empfinden werde: Mad Men, Grand Hotel, Versailles, Charité, Land Girls, The Crown, Spartacus, The Assassination of Gianni Versace. Auch hier sind wieder überwiegend historische und spanische/ italienische Serien vertreten sowie Serien, die mit einem großen Cast arbeiten und Massenszenarien nicht ausschließen.

Doch man darf sich schließlich nicht entmutigen lassen und vollkommen den amerikanischen Sitcoms, Animationsserien und grellbunten Teenie-Serien überlassen. Der Konsum von Filmen und Serien darf schließlich auch mal eine kleine Herausforderung sein und ganz bewusst geschehen.

Pro-sop-ag-no-sie

Keine besondere Schwäche.

Ich würde eigentlich jederzeit behaupten, dass ich ein ziemlich gutes Gedächtnis habe. Festnetztelefonnummern von Freundinnen, bei denen ich seit zehn Jahren nicht mehr angerufen habe; die Namen der Katzen von diesem Typen, mit dem ich mich vor zwei Jahren auf der Geburtstagsfeier einer Freundin drei Stunden unterhalten habe; den Titel von dem einzigen Paris-Hilton-Song, den man überhaupt kennen kann oder den Geburtstag meiner Klassenlehrerin aus der Grundschule. All diese Dinge, ob Wörter oder Zahlen, sind bei mir abrufbar, einige sogar im Halbschlaf – aber ich habe irgendwann gemerkt, dass es eine Sache auf der Welt gibt, die ich mir überhaupt nicht merken kann: Gesichter.

Wenn ich bei einigen Serien länger gebraucht habe, um die Charaktere auseinanderhalten zu können, dann habe ich mir nichts dabei gedacht, sie sahen schließlich alle ein bisschen gleich aus. Oder da gab es diese eine Freundin aus der Uni, die gerne unterschiedliche Frisuren und Haarfarben ausprobiert und mehr als eine Winterjacke hat und die mich dreimal innerhalb eines Semesters leicht vorwurfsvoll und auch ein bisschen ratlos fragt, warum ich nicht zurückgegrüßt habe. Darüber habe ich mir keine besonders großen Gedanken gemacht, bis ich irgendwo einen Artikel zum Thema „Faceblindness“ gelesen habe. Ich glaube, es ging um irgendeinen Promi, Matthias Schweighöfer oder Brad Pitt, der außer seinen Angehörigen niemanden erkennt, kein Wunder, dachte ich im ersten Moment, wenn man jeden Tag so viele neue Leute kennenlernt.

Aber irgendwie ist das Thema immer wieder aufgekommen und meine Eltern haben immer herzlich darüber gelacht, wenn ich wieder von einem Stammgast erzählt habe, den ich nicht erkannt habe. Es hat immer dazu gehört, dass ich eben ein bisschen schlecht mit Gesichtern bin, aber irgendwann habe ich – was sollte man im Jahr 2019 auch anderes machen, wenn einen etwas beschäftigt – mich dem Internet zugewandt. Und ich bin keineswegs alleine mit Brad Pitt und Matthias Schweighöfer, etwa 2 von 100 Menschen haben Probleme damit, sich an Gesichter zu erinnern. Es gibt sogar einen weitaus weniger griffigen Namen für dieses Phänomen als Faceblindness: Prosopagnosie. Kein sehr handliches Wort, aber ein Wort, das man sich merken kann, wenn man keine Schwierigkeiten mit Fremdwörtern hat – wie geschaffen also für die betroffenen Personen.

Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass ich eine kognitive Störung haben könnte – aber im Internet klingt ja grundsätzlich alles schlimmer als es ist. Bis jetzt habe ich mich auf dem medizinischen Level nicht weiter eingelesen, warum manche Menschen sich problemlos an das Zusammenspiel von Augen, Nasen, Mündern und Wangenknochen erinnern können – und andere eben nicht. Es ist ja auch wirklich nicht tragisch, nicht zu wissen, dass die Frau an der Bushaltestelle, mit der man noch nie geredet hat, fast jeden Tag dort sitzt. Aber ein bisschen blöd kommt man sich manchmal eben doch vor. Prosopagnosie in einer so schwachen Ausprägung wie bei mir als ernsthafte Krankheit oder als richtiges Problem zu bezeichnen, fühlt sich so an, als würde man aus der sprichwörtlichen Mücke den sprichwörtlichen Elefanten machen. Es ist schließlich kein Drama, aber es ist trotzdem interessant zu lesen, dass man damit nicht allein ist. Und dass man nicht unbedingt etwas daran ändern kann.

Als ich meinen Eltern davon erzählt habe, hat sich mein Vater auch an den Artikel über Brad Pitt und den anderen deutschen Promi, den Wie-hieß-er-nochmal erinnert, während meine Mutter meinte, das könnte man doch üben. Im Internet gibt es verschiedene Tests von Universitäten, an denen „Gesichtsblindheit“ untersucht wird, und ich habe meine Eltern dazu bringen können, dieselben Tests wie ich zu machen. Das Ergebnis: meine Mutter war überraschend gut, mein Vater überraschend schlecht. Prosopagnosie ist vererblich, das habe ich wenigstens mal irgendwo gelesen, aber woran liegt es, dass meinem Vater überhaupt nicht bewusst gewesen ist, dass er sich keine Gesichter merken kann? Ich habe doch oft genug von den peinlichen Begegnungen am Bahnhof erzählt, bei denen ich einen alten Klassenkameraden nicht auf Anhieb erkannt habe, obwohl er sich nicht so besonders verändert hat. (Und immer noch dieselbe Winterjacke trägt wie vor vier Jahren.)

Vielleicht liegt es daran, dass ich im Alltag häufig in Situationen gerate, in denen ich Menschen wiedererkennen muss, während mein Vater solche Situationen vielleicht sogar unterbewusst meidet oder ganz einfach nicht mehr so viele neue Menschen kennenlernt und abspeichern muss. Ich bin mittlerweile beinahe in einem  zweistelligen Fachsemester an der Uni und ich habe in jedem Semester neue Bekanntschaften geschlossen; bei meinem Nebenjob bin ich an einer Kasse und verkaufe Kinotickets an Menschen, die ich manchmal zuletzt vor einer Woche, vor sechs Monaten oder überhaupt noch nie gesehen habe; auf dem Weg zur Uni nutze ich immer dieselben Bus- und Bahnlinien. An all diesen Orten gibt es Menschen, die ich wiedererkennen könnte. Rein theoretisch. Zwischen vielen Gesichtern, die mir tatsächlich unbekannt sind, muss ich diejenigen bemerken, die ich schon zweimal oder zweihundert Mal gesehen habe.

Wenn man im Internet Tests machen, um herauszufinden, ob man nun wirklich diese Prosopagnosie hat, kommen immer wieder dieselben Arten von Fragen. Einige davon kann ich zweifelsfrei bejahen (etwa so was wie: Konnten Sie schon einmal einem Film oder einer Serie nicht folgen, weil Sie nicht wussten, welche Figur gerade zu sehen ist? oder Haben Sie schon einmal einen Arbeitskollegen in einer ungewohnten Umgebung, zum Beispiel im Supermarkt, nicht erkannt?), bei anderen Fragen dachte ich hingegen nur, um Gottes Willen, wer kann denn so etwas nicht? Wer weiß denn bei einer Familienfeier nicht, wer wer ist? Wer erkennt sich selbst auf Fotos nicht? Und wer erkennt seine eigenen Eltern nicht? Nun muss ich aber bedenken, dass meine Familie relativ klein ist und dass Familienfeiern dementsprechend eine eher übersichtliche Angelegenheit sind. Und ich muss zugeben, dass meine Mutter eine auffällige Haarfarbe hat und ebenso zu auffälliger Kleidung neigt, während mein Vater ein (Achtung, das Wort ist gewagt, wenn es von mir kommt) sogenanntes „Dutzendgesicht“ hat. Je mehr Tests ich gemacht habe, umso deutlicher ist es geworden, dass es etliche Abstufungen von Prosopagnosie gibt – und dass es gar nicht so ungerechtfertigt ist, wenn Wikipedia von einer „Gesichtserkennungsschwäche oder Gesichtsblindheit“ spricht. Eine Schwäche, so würde ich das auch nennen, wie eine Krankheit oder eine Behinderung (darf man das Wort überhaupt so freimütig benutzen?) fühlt es sich eigentlich nicht an.

Ich habe – teils bewusst, teils nicht ganz so bewusst – verschiedene Methoden, um diese Schwäche zu kaschieren. Meine Strategien sind nicht besonders einfallsreich, auch das haben mir meine Ausflüge ins World Wide Web verraten, aber trotzdem lohnt sich eine kleine Liste:

  1. Ich achte auf Frisuren, den Kleidungsstil und bestimmte Lieblingsstücke wie Taschen, Jacken, Mützen und Schals, die immer wieder getragen werden. Diese Methode ist effektiv, wenn es sich um Menschen handelt, die ihrem Stil treu bleiben und nicht dazu neigen, ihre Haarfarben und Frisuren zu ändern wie besagte Kommilitonin von mir.
  2. Ich präge mir Fotos ein. Soziale Medien und Messenger wie beispielsweise WhatsApp sind da eine echte Hilfe. Wenn ich im Zug sitze und glaube, einen alten Mitschüler zu erkennen, dann suche ich in meinem Handy in WhatsApp oder auf Instagram nach einem Foto, um einschätzen zu können, ob ich mich vergucke oder nicht. Generell sind Fotos eine große Hilfe, denn an solche statischen Bilder kann ich mich deutlich besser erinnern als an Gesichter in Bewegung. Ich habe auch keine Probleme damit, jemanden (oder mich selbst) auf einem Bild wiederzuerkennen. Eine echte Ausnahme sind auch C-Promis, die vollkommen unerwartet in einer Trash-Show im Fernsehen oder auf irgendeiner Titelseite wieder auftauchen, da bin ich ganz groß darin, die Leute mit Namen und unnützen Informationen in Gleichklang zu bringen. (Das gibt mir ehrlich gesagt ein bisschen zu denken, es spricht nicht unbedingt für die Prioritäten, die mein Gehirn setzt.)
  3. Immer wachsam! Wenn ich in der Uni oder mit dem öffentlichen Personennahverkehr unterwegs bin, rechne ich immer damit, jemanden zu treffen. Bei der Arbeit sowieso, wenn die Kunden verdächtig freundlich zu mir sind, dann bin ich ebenfalls unfassbar freundlich. Nur für den Fall, dass wir uns irgendwann mal fünf Minuten über das Wetter oder einen Film unterhalten haben.
  4. Stimmen. Besonders bei Filmen und Serien ist es ziemlich einfach auf Stimmen zu achten, weil es anders als im echten Leben keine störenden Hintergrundgeräusche gibt. Außerdem sind die Macher einer Serie meistens (außer jemand hat die Absicht, den Zuschauer aus dramaturgischen Gründen zu verwirren) darauf bedacht, den Figuren irgendeinen Wiedererkennungswert zu verleihen. Serien wie „New Girl“ oder „How I Met Your Mother“ machen es mir einfach, indem sie bewusst auf verschiedene Typen setzen, bei „Gossip Girl“ und „The Vampire Diaries“ hatte ich so meine Startschwierigkeiten, weil alle männlichen Hauptfiguren dunkelhaarig und im selben Alter waren – und bei „Game of Thrones“ habe ich eine volle Staffel gebraucht, um die ganzen Personen mit langen, dunklen Haaren auseinander zu bekommen. Generell habe ich gemerkt, dass ich mir Frauen besser einprägen kann als Männer, was daran liegen mag, dass ich mich auf Haare konzentriere und gerade weibliche Serienfiguren oft einprägsame Haare haben.
  5. Kommunikation. Seitdem ich vor kurzem ein Praktikum gemacht habe, in dem mir bereits an Tag 1 schwante, dass ich nicht alle der Mitarbeiterinnen (es gab einen männlichen Mitarbeiter, er war also nicht Teil des „Problems“, das ich da auf mich zukommen sah) auseinanderhalten können würde, kommuniziere ich sehr deutlich, dass ich „schlecht mit Gesichtern“ bin. Trotzdem war die Mitarbeiterin, die mich am ersten Tag herumgeführt hat, ein wenig beleidigt, als ich mich ihr am nächsten Morgen erneut vorgestellt und nach ihrem Namen erkundigt habe.

Alle Ansätze, um meine Schwäche zu kompensieren, sind nur bedingt wirkungsvoll. Ich kann mich noch daran erinnern, wie viel klarer die Welt geworden ist, als ich bei dem Sehtest für meinen Führerscheintest gemerkt habe, dass ich ein bisschen kurzsichtiger bin als ich fürs Autofahren sein dürfte. Das war ein richtiger, kleiner Aha-Effekt, den ich da erlebt habe, auch wenn ich damals noch nicht meine gesamte Wahrnehmung hinterfragt habe. Vor diesem Sehtest dachte ich, alle anderen würden genauso schlecht sehen wie ich, mittlerweile weiß ich, dass die meisten Menschen, auch die, die ihre Brille vergessen haben, in gewisser Weise besser sehen als ich.

Das ist manchmal ein bisschen unangenehm, aber nichts, worüber man nicht reden könnte. Schließlich geht es wenigstens durchschnittlich 2 von 100 Personen nicht besser als mir. Die meisten meiner Freunde haben angefangen, mir entgegenzukommen. Wenn wir uns an Orten treffen, die für mich unübersichtlich sind, dann bekomme ich vorher eine kurze Textnachricht, in der steht, wie sie angezogen sind, wenn ich nicht zurückgrüße, dann wird lautstark so lange gegrüßt, bis ich reagiere – und wenn ich irgendwann mal im selben Aufzug wie Brad Pitt stehe, ist es sicher in Ordnung, wenn ich es nicht merke.

Falls jemand bis hierhin gelesen hat, dann würde mich das sehr freuen. Ich möchte diesen virtuellen Platz nutzen, um ein paar Gedanken und Geschichten zu dem Thema loszuwerden.