Der unsichtbare Mann

„Der unsichtbare Mann“ von H.G. Wells (1897)

Und diese Woche habe ich dann meine private kleine Wells-Trilogie mit Der unsichtbare Mann beendet. Ähnlich wie bei Die Zeitmaschine gibt der Titel auch hier sehr viel Aufschluss über den Inhalt, sodass eine Zusammenfassung der Ausgangssituation schnell fabriziert ist: Ein Mann ist unsichtbar – und lernt die Vor- und Nachteile eines Lebens als nicht-sichtbarer Bürger kennen. Ein Beispiel für diese zwei Seiten der Medaille: Erfreut stellt er fest, dass er mit ein bisschen Geschick sehr leicht an Geld kommen kann – weniger erfreut ist er darüber, dass er mit diesem Geld nichts tun kann, wenn er sich nicht umständlich maskiert, sodass er mit seinen Mitmenschen interagieren kann, ohne sie zu Tode zu erschrecken.

Vom Stil und der Idee her hat mir auch diese Geschichte wieder sehr zugesagt, allerdings hat es mich nicht ganz so mitgerissen wie die beiden anderen Bücher. Das liegt einmal daran, dass ich die physikalischen Erklärungen für die Unsichtbar-Werdung nicht so ganz verstanden habe… aber das ist meinem mangelhaften Physik-Grundwissen geschuldet, ich konnte hier einfach nicht durchsteigen, wenn es um Lichtbrechung und Albinismus und was weiß ich nicht alles ging…

Darüber hinaus bin ich mit keiner der Figuren so richtig warm geworden. Der Unsichtbare ist unnahbar – und ich war lange unsicher, ob er wirklich der Protagonist oder nicht doch eher der Antagonist seiner eigenen Geschichte ist. Es ist nun natürlich ein Armutszeugnis, wenn man darauf besteht, dass ein Buch nur mit sympathischen Identifikationsfiguren Spaß machen kann, das würde ich auch niemals behaupten wollen, aber irgendwie… es hat an richtig einprägsamen Charakteren gemangelt. Die Geschichte wird von groben verbalen Auseinandersetzungen, Verfolgungsjagden und Versteckspielen getragen. Für mich macht das leider keine gute Spannungskurve aus, aber allzu groß war meine Enttäuschung nicht, als gegen Ende der Geschichte ein bisschen weniger Bewegung und ein bisschen mehr Märchenstunde gewesen ist… das hat mich doch mit den ersten zwei Dritteln des Romans ausgesöhnt!

Für Erste habe ich jetzt alle Bücher von H.G. Wells aus meinen Regalen weggelesen – und ich denke, sobald die Läden wieder geöffnet und meine Vorräte ausgedünnt sind, werde ich mich mal nach mehr Lesestoff von dem guten Mann umgucken.

Die Insel des Doktor Moreau

„Die Insel des Doktor Moreau“ von H.G. Wells (1896)

Nachdem mich H.G. Wells so angenehm durch die letzte Woche begleitet hat, war es dann für mich keine Frage, dass ich das Wochenende einer anderen seiner Geschichten widme! Trotzdem habe ich versucht, beim Lesen nicht ständig zu vergleichen, welches der beiden Bücher ich besser oder einfallsreicher fand und das möchte ich auch hier nicht tun. Ich halte lediglich fest, dass ich für Die Insel des Doktor Moreau einen Ticken länger gebraucht habe als für Die Zeitmaschine, aber das ist eventuell auch der Länge des Romans geschuldet. (Beide Bücher sind nicht dick, auf gar keinen Fall, aber manchmal machen 40 lächerliche Seiten für mich einen Unterschied, ja, ich schäme mich, aber ich mag dünne Bücher manchmal einfach mehr.)

In Die Insel des Doktor Moreau lesen wir die Notizen eines Gestrandeten, der nach seiner Rückkehr in das zivilisierte englische Landleben auf seine unfreiwilligen Abenteuer zurückblick. Edward Prendick ist Passagier auf einem untergehenden Schiff. Er ist der einzige Überlebende des Unglücks und wird auf hoher See von einem griesgrämigen, rothaarigen Kapitän aufgelesen, der ihn – kaum hat er sich einigermaßen erholt – am liebsten gleich wieder über Bord schicken möchte. Ein anderer Mitreisender, ein gewisser Montgomery, bewahrt Edward Prendick vor dem Tod auf dem Wasser und nimmt ihn mit auf eine geheimnisvolle Insel. Schon bald lernt Edward Prendick den Kollegen seines Retters kennen: Doktor Moreau. Der einst gefeierte englische Biologe hat sich von der akademischen Gesellschaft in die Einsamkeit geflüchtet, um dort seinem wissenschaftlichen Genie freien Lauf lassen zu können.

Die Experimente des Dr. Moreau wäre ein ebenso passender Titel für den Roman gewesen, aber tatsächlich gibt es auch einige sehr schöne, landschaftliche Beschreibungen der Insel. Ich habe normalerweise nicht allzu viel für Abenteuergeschichten übrig, bei denen ein einsamer Mann durch den Dschungel wandert und dort allerlei exotischen Schrecken ausgesetzt ist. Nein, ich habe Robinson Crusoe nie gelesen, obwohl es wahrscheinlich ein fantastisches Buch ist. Schuld daran trägt vielleicht der Französischunterricht in der Mittelstufe, der Deux ans de vacances von Jules Verne in einer gekürzten Fassung ganz unerträglich ausgeschlachtet hat – während wir quasi parallel im Deutschunterricht Herr der Fliegen von William Golding gelesen haben. Nach dieser Überdosis im jugendlichen Alter habe ich von Geschichten mit einem ähnlichen Setting immer sicheren Abstand gehalten… aber Die Insel des Doktor Moreau hat mich damit ein bisschen ausgesöhnt. H.G. Wells Einfallsreichtum und seine Art, von menschlichen Abgründen zu erzählen, ohne eine künstlich dramatisierende, hyperverschnörkelte Sprache zu verwenden, haben mich wirklich bezaubert.

Ich würde mich auch hier gerne wieder über die einzelnen Ideen und Grauen auslassen, aber damit würde ich zu viel über den Inhalt verraten. Es sei nur so viel gesagt: Wer Frankenstein oder Jurassic Park mag, der kommt auch hier auf seine Kosten. Besonders spannend ist für mich außerdem noch der Veröffentlichungszeitraum des Werks. Um 1900 herum waren die Ideen des „survival of the fittest“, des Sozialdarwinismus, der Eugenik oder generell der Rassenlehre noch nicht durch das Dritte Reich und andere, faschistische Regime geprägt – und das erlaubt es H.G. Wells mit diesen Themen keinesfalls naiv, aber irgendwie sorgloser umzugehen als es ein zeitgenössischer Autor könnte. Natürlich wünsche ich mir keinesfalls, dass derartig ideologische Ideen in irgendeiner Weise popularisiert werden und das tut Die Insel des Doktor Moreau auch nicht. Doch der Roman ist nicht nur zeitlos fesselnd, sondern gewinnt durch seinen historischen Kontext noch mehr an unheimlichem Flair. Und weil das Buch so herrlich alt ist, kann man ihm keinerlei politische Unkorrektheit vorwerfen, sondern nur bewundern, mit welcher grausamen Konsequenz sich der Autor mit den denkbaren wahnhaften Ausprägungen der selbsternannten „Krone der Schöpfung“ auseinandergesetzt hat.

Die Zeitmaschine

„Die Zeitmaschine“ von H.G. Wells (1895)

Diese Rezension würde ebenso gut in die Kategorie „Klassiker“ passen, denn nichts anderes ist Die Zeitmaschine von H.G. Wells, aber für den Moment habe ich beschlossen, meine Kategorien auszubauen und ein bisschen spezifischer zu sortieren.

Die Zeitmaschine ist eines dieser Bücher, das ich mir irgendwann mal zugelegt habe, weil ich das Gefühl hatte, das sollte man doch irgendwie im Haus haben. Bis vorgestern stand es schändlich lange in meinem Regal und wurde von mir kaum beachtet, obwohl ich mir – einer merkwürdigen Eingebung folgend – noch mehr Romane des Autors gekauft und ebenfalls nicht gelesen habe. Aber ich kaufe Bücher ja nicht, um sie zu sammeln, sondern weil ich optimistisch bin und immer denke, dass ich das irgendwann schon alles Mal lesen werde. Und in diesem Fall beglückwünsche ich mein Vergangenheits-Ich sehr zu dieser Kaufentscheidung.

Worum es in Die Zeitmaschine geht ist schnell erzählt – man muss ja eigentlich nur auf den Titel gucken. Was den Roman so lesenswert und zu einem – Vorsicht Anglizismus – pageturner macht ist die gewaltige Vorstellungskraft des Autors. Wie sieht die Welt in rund 6.000 Jahren aus? Oder in ein paar Millionen Jahren? Was ist zu diesem Zeitpunkt aus der Menschheit geworden, die man offenbar schon vor dem Beginn des 20. Jahrhunderts und all seinen Katastrophen (Weltkriege… Atomkriege… ich muss das nicht auflisten, denke ich) für eine Lebensform gehalten hat, die sich potenziell selbst abschaffen könnte. Zu verraten wie H.G. Wells sich die Zukunft der Menschheit ausgemalt hat, würde zu viel von dem Inhalt des Romans vorwegnehmen, deswegen werfe ich hier nur einige Fragen in den Raum, über die man sich vor dem Lesen mal Gedanken machen könnte: Was passiert, wenn es uns zu gut geht? Was geschieht mit dem Menschen, wenn er nichts mehr für sein Überleben tun muss? Was kommt nach dem Fortschritt? Leben wir in einer Klassengesellschaft? Glauben wir wirklich, dass alle Menschen gleich sind? Gibt es zwei Arten von Menschen? Und wie ist das eigentlich mit dem Aussterben der Arten – werden wir alle Vegetarier, falls der Mensch sämtliche Nutztierarten überleben sollte? (Ich weiß zwar nicht, warum gerade der Mensch so widerstands- und anpassungsfähig sein sollte, aber man weiß ja nie.)

Obwohl ich die leise Vermutung habe, dass Die Zeitmaschine im Original sehr lesenswert gewesen wäre, hat mich schon die deutsche Übersetzung ziemlich von den Socken gehauen. Ich kann jetzt schon nicht mehr sagen, ob ich die Sprache wirklich so beeindruckend fand oder ob es einfach die Größe und die Macht der Ideen war, die dafür gesorgt haben, dass mein Vorstellungsvermögen beim Lesen auf Hochtouren lief.

Nun befinde ich mich in der paradoxen Situation, dass ich mir wünsche, es gäbe eine richtig gute, richtig krasse Verfilmung des Romans – und gleichzeitig hoffe, dass sich niemals jemand an diesem Stoff versucht hat. Spoiler: Als ich gerade bei Google nach dem Erscheinungsjahr gesucht habe, das in meiner Ausgabe aus irgendeinem Grund nicht drin steht, habe ich bereits entdeckt, dass es zumindest eine Verfilmung von 1960 gibt… das kann eigentlich gar nichts geworden sein… aber womöglich wird mein Zukunfts-Ich eines Besseren belehrt.