Unterleuten

„Unterleuten“ von Juli Zeh (2016)

Als ich dieses Buch begonnen habe, ist der Hype um „Unterleuten“ von Juli Zeh zwar längst vorbei gewesen, aber ich hatte immer noch im Hinterkopf, wie lang dieser Titel in den Bestseller-Listen zu finden war – und meine Erwartungen sind ganz unwillkürlich sehr hoch gewesen. Das kann ja nur schief gehen, dachte ich – und ich hatte irgendwie Recht.

Worum geht es?

„Mit dem Dorf stimmt was nicht. Ganz massiv.“ Diese zwei kurzen Sätze sind auf dem Buchrücken abgedruckt und fassen den Inhalt des über 600 Seiten langen Romans ganz hervorragend zusammen: Unterleuten, das Dorf mit dem sprechenden Namen, das im Brandenburg‘schen Nichts liegt und in dem sich die großen Konflikte der deutschen Gegenwart auf kleinstem Raum abspielen.

Das Konzept, wichtige gesellschaftliche und politische Themen irgendwie greifbarer zu machen, indem sie auf den Mikrokosmos eines Dorfes projiziert werden, ist wirklich gut. Über Windkraft, die Krise der Landwirtschaft, die Altlasten der DDR, Sozialismus und Kapitalismus und all das zu sprechen, ohne dabei staubtrocken, belehrend oder einfach nur anstrengend zu sein, ist nicht einfach. Ich bin immer noch beeindruckt, dass ein Buch, in dem all diese Themen durchgehend präsent sind, ein Bestseller geworden ist. So weit, so gut.

In Unterleuten versammeln sich „Wessis“ und „Ossis“, Zugezogene und Alteingesessene, Sozialisten und Kapitalisten, Gutgläubige und Bösdenkende. Die Geschichte des Dorfes wird aus mehr als einem Dutzend Perspektiven erzählt und jeder der Protagonisten liest sich ein wenig anders. Trotz der Vielzahl der Figuren und Verstrickungen verliert man nicht den Überblick, sondern kann die Handlungsstränge und Familienzugehörigkeiten immer einwandfrei zuordnen. Das liegt zum einen daran, dass das Buch sehr gut geschrieben ist – und zum anderen daran, dass die Figuren nicht direkt Klischees sind, aber doch immer sehr repräsentativ. Sie sind Stellvertreter für eine bestimmte Denkweise, demonstrieren eine Zwickmühle, eine politische Gesinnung, eine gesellschaftliche Rolle oder einfach nur ein böses Vorurteil.

Was ist Freiheit? Was ist Macht? Was ist Feindschaft? Die Klärung all dieser großen Begriffe, mit denen gerade in den „sachlichen“ Medien, aber auch in der Literatur, gerne ein bisschen verschwenderisch umgegangen wird, strebt der Roman an. Dass das Buch dabei selbst zu der inflationären Verwendung solcher großen Wörter neigt… daran kann man sich stören, muss man aber nicht. 600 Seiten sind viel Platz, da muss man sich auch schon mal wiederholen.

Read it?

Eine ganze Weile lang macht es Spaß, sich in den komplexen, sozialen Lebensraum Unterleuten einzulesen und sich in die verschiedenen Dynamiken hineinzudenken, aber für meinen Geschmack ist letzten Endes doch zu wenig passiert. Ein Kind scheint verschwunden, ein Windpark soll entstehen und doch nicht entstehen, ein vermeintlicher Mord, der zwanzig Jahre her ist, will geklärt werden. Die Handlung des Romans folgt einem roten Faden und beweist schließlich, dass Macht, Freiheit und Feindschaft nichts bedeuten. Alles ändert sich und doch bleibt alles wie es ist. Das ist natürlich so ganz richtig und ich bin niemand, der daran glaubt, dass besonders dicke Bücher auch eine besonders krasse Botschaft haben müssen, aber letzten Endes habe ich wohl doch zu viel erwartet.

Ich wurde von dem Buch unterhalten – aber leider an keiner Stelle schockiert oder überrascht. Es ist ein gelungenes, zeitgeistliches Porträt, aber gerade in umweltpolitischen Fragen ist seit 2016 doch eine Menge Staub aufgewirbelt worden… und deswegen wirkt der Roman fast schon wieder ein bisschen „zu klein“ gedacht, obwohl das ja nach meinem Verständnis gerade der Witz ist: große Gedanken in einem kleinen, klar abgegrenzten Bereich. Trotzdem wirkt irgendetwas an dem Buch irgendwie jetzt schon „veraltet“ –  sodass unfreiwillig gezeigt wird, dass das Einfangen von einem bestimmten Zeitgeist zwar schön und gut und auch ein großes Kunststück ist, aber dass „zeitgeistlich“ und „zeitlos“ in diesem Fall leider unvereinbare Gegensätze sind.

Das Buch ist gut, aber mit dem Buch stimmt was nicht. Ganz massiv.

Was mich allerdings doch noch richtig begeistert: Die Autorin und der Verlag haben eine Homepage für Unterleuten erstellt und halten so den Anspruch, die Grenzen zwischen Fiktionalität und Realität zu verwischen, noch ein wenig höher: https://www.unterleuten.de/index.html#main

Kaspar

„Kaspar“ von Peter Handke (1967)

In einigen Jahren geht die Vergabe des Literaturnobelpreises unbemerkt an mir vorbei, aber dieses Jahr habe ich aufgehorcht. Zum einen deshalb, weil mir der Name Peter Handke im Laufe meines Studiums bereits einige Male begegnet ist und ich trotzdem nie etwas von ihm gelesen habe und zum anderen, weil es diesmal doch ziemlich viel Gewese darum gab. Ich habe die Interaktionen zwischen dem Autor und der Öffentlichkeit nicht wirklich verfolgt, aber durch die Schlagzeilen, die mir beim Öffnen meines Emailpostfachs auf der Startseite meines Mailanbieters immer wieder angezeigt wurden, ist der Name doch irgendwie ständig präsent gewesen. Gestern habe ich mich dann vor die Regalreihe in meinem Zimmer gestellt, die meine Reihe der Schande ist. Dort stehen Bücher, die mir geschenkt wurden, die irgendein Familienmitglied oder Freund nicht mehr haben wollte oder die ich irgendwann im Affekt gekauft und nie gelesen habe. So eine Reihe haben wahrscheinlich die meisten Leser und ich weiß, dass auf vielen Blogs immer von dem SuB (Stapel ungelesener Bücher) gesprochen wird … und genau dort, erinnerte ich mich dumpf, liegt ein dünnes Buch von Handke herum. Ich kann also nicht wirklich behaupten, dass ich mich bewusst für „Kaspar“ entschieden habe, es ist mir mehr oder weniger in die Hände gefallen.

Worum geht es?

Das ist in diesem Fall keine besonders leicht zu beantwortende Frage. Wichtig zu sagen ist vielleicht erst einmal, dass „Kaspar“ kein Roman ist, sondern ein prosaisches Theaterstück, würde ich sagen. Es gibt so eine Art Erzähler, der Regieanweisungen und mehr erläutert und dann gibt es zwei Monologblöcke. Auf der einen Seite redet Kaspar, die einzige Figur des Stücks (Anmerkung: Es gibt allerding mehr als einen Kaspar. Verwirrender Spoiler Ende), und auf der anderen Seite reden die Stimmen. Teils wechseln sich beide Gesprächsseiten dialogisch ab, teils ergänzen sie einander, teils reden sie aneinander vorbei, teils wird kaum gesprochen. Die Drucklegung des Werks muss ein Abenteuer gewesen sein.

Ein wiederkehrendes Thema des Buches ist Ordnung. Und Plattitüden, Binsenweisheiten, Kalendersprüche, Mantras zum Thema Ordnung. Ich habe immer wieder gedacht, dass das irgendwie doch ein sehr deutsches Buch ist … ich weiß nicht, vielleicht gibt es in anderen Sprachen genauso viele Aphorismen zu dem Thema, aber mir wollten keine einfallen. Außerdem geht es um Sprache: Sprachspiele, Sprachkrisen, Sprachursprünge und mehr. Über einige dieser spielerischen Episoden konnte ich lachen, bei anderen ist der Witz oder der Sinn (falls es einen gab, wer weiß das schon) schlichtweg an mir vorbeigegangen.

Read it?

Obwohl „Kaspar“ ja nun wirklich nur ein sehr kleiner Teil von Handkes bisherigem Lebenswerk ist, habe ich das Gefühl, einen guten ersten Eindruck von Handkes Art zu schreiben bekommen zu haben. Das Buch ist nicht ohne, es ist eine Herausforderung, wenn man den Anspruch hat, jede Zeile zu verinnerlichen, nachzuvollziehen oder zu deuten. Ich muss ganz ehrlich einräumen, dass ich diesen Anspruch von Anfang an nicht hatte und deswegen habe ich den Text als recht flüssig zu lesen empfunden. Und doch relativ unterhaltsam. Es gab ein paar absurde Momente, ein paar witzige und sehr originelle Einfälle im Umgang mit dem Medium Buch und den Möglichkeiten, die besonders ein gedrucktes Theaterstück bietet. Kurz um: Ich fühle mich bereichert. Mein Interesse für das Mysterium „Kaspar Hauser“ ist wieder ein bisschen geweckt. Ich habe keine Lebenszeit verschwendet.

Things Fall Apart

„Things Fall Apart“ von Chinua Achebe (1958)

In gewisser Weise ist „Things Fall Apart“ ein ganz typischer Roman von Aufstieg und Fall. Okonkwo strebt danach ein ehrenwertes Leben zu führen, einer der mächtigsten und gefürchtetsten Männer seines Dorfes zu werden, seine Familien zu ernähren und seine Kinder zu Männern zu erziehen, auf die er stolz sein kann. Im ersten Teil des Buches wird der Leser langsam und detailliert mit den Traditionen und der Geschichte des Dorfes bekannt gemacht, Rituale wie Hochzeiten, Kämpfe und die Erntefeste werden mit Anekdoten verbunden und durchlebt. Bei einer Beerdigungszeremonie kommt es zu der heftigen Wende: Okonkwo tötet bei einem Ritual, das Waffen beinhaltet, unabsichtlich einen der Söhne des Verstorbenen. Und wenn ein Mann ohne Grund und ohne Absicht einen anderen Mann des Dorfes tötet, dann ist eine siebenjährige Verbannung die Konsequenz.

Okonkwo verliert sein Land und seine Häuser, mit seinen Frauen und einem Großteil seiner Kinder siedelt er um in sein „Mutterland“ und schmiedet dort sieben Jahre lang Pläne für die  glorreiche Rückkehr in sein Dorf. Obwohl er kein junger Mann mehr ist und sich seinen Ruf bereits verdient hat, ist er bereit noch einmal ganz unten anzufangen um wieder ein anerkannter Teil der alten Gemeinschaft zu werden. Doch als Okonkwo in sein Dorf zurückkehrt, haben sich die Dinge verändert. In dem Dorf wurde eine Kirche gebaut, Männer mit weißer Haut bekehren die Dorfbewohner zu ihrem Glauben an den einen, wahren Gott, bauen ihre Regierung auf und richten den Handelsverkehr mit anderen Dörfern und Ländern ein. Für einen Mann wie Okonkwo, der an die Ideale einer scheinbar vergangenen Zeit glaubt, ist die Lage aussichtslos.

Read it or eat it?

„Things Fall Apart“ ist der Debütroman von Achebe und gilt als der weltweit am meisten gelesene Roman eines afrikanischen Autors. Achebe ist Lektüre an Schulen und Universitäten und ein Hauptvertreter der post-kolonialen Literatur. Aber auch abgesehen davon, dass dieses Buch wie eines daher kommt, das man auf jeden Fall gelesen haben muss, ist „Things Fall Apart“ einen Leseversuch allemal wert. Die Sprache ist gespickt mit indigenen Vokabeln, die Figurenkonstellation ist opulent und trotzdem ist der Roman bei allen Details und aller Nebenhandlung sehr deutlich. Man muss nicht besonders viel von Kolonialgeschichte oder afrikanischer Geschichte verstehen, um einen Einstieg in das Buch zu finden, denn das Buch ist ein Einstieg. Simpel, drastisch und zugänglich – wobei gerade diese Zugänglichkeit vermutlich eine Voraussetzung ist, um das am meisten gelesene literarische Werk eines ganzen Kontinents zu sein.

Wer „Things Fall Apart“ mag, findet vielleicht auch Gefallen an:

  • „The Heart of Redness“ von Zakes Mda. Wesentlich komplexer und weniger eindeutig in seiner „Message“ – aber für Leser, die sich mit Post-Kolonialer Literatur etwas intensiver beschäftigen wollen oder bereits beschäftigt haben, ein kleiner Tipp.
  • „Boyhood“ und „Summertime“ von J.M. Coetzee. Coetzees autobiografisch gefärbte Romane legen den Fokus beide nicht auf die Hochzeit der Kolonisation und des Imperialismus um und vor 1900, sondern spielen sich vor dem Hintergrund der Apartheid ab. Während Boyhood aus dem Leben eines Kindes erzählt, gewährt „Summertime“ Einblick in das Leben eines 30-jährigen Schriftstellers vor seinem ersten Erfolg.

Orlando

„Orlando“ von Virginia Woolf  (1928)

Ich will gar nicht lügen: Ich hätte meinen Pretty-Little-Liars-Leserausch nicht unterbrochen, wenn ich nicht eine Liste mit Pflichtlektüre im Hinterkopf hätte, die ich nicht endlos aufschieben kann. Also habe ich den seichten Sommer-Teenie-Trash zur Seite gelegt und mich dem kompletten Gegenteil gewidmet: Orlando. Eine fiktive Autobiographie, in der Woolf ihren Protagonisten zur Protagonistin werden und durch vier Jahrhunderte spazieren lässt. Und, schon verwirrt?

Worum geht es?

Orlando ist ein schöner, junger Mann, der in seiner Jugend das sogenannte Goldene Zeitalter Englands erlebt. Unter der Herrschaft von Elizabeth der Ersten blüht die englische Literatur auf, Shakespeare ist eine ganz große Nummer und für die Adeligen ist alles wunderbar. (Ganz grobe Zusammenfassung vom Zeitgeist, das hätte man jetzt deutlich besser machen können, aber für Geschichtsunterricht bin ich hier nicht zuständig.) Nach und nach wird deutlich, dass Orlando keine gewöhnliche Hauptfigur ist, sondern sehr anpassungsfähig. Eine einzige verwischte Grenze ist der gute „Mann“. Orlando lebt und altert zunächst auch ganz gewöhnlich, doch er stirbt nicht. Aus einem Mann wird eine Frau, aus einem Duke eine Lady, aus der glorreichen Monarchie der Neuzeit wird das britische Empire, bis wir schließlich mitsamt Orlando in Woolfs Gegenwart, den 1920ern landen. Und dazwischen passiert sehr viel.

Read it or eat it?

Im Kontext mit Virginia Woolf wird ja gerne eine bestimmte, hochanstrengende Erzähltechnik, der „stream of consciousness“, genannt – und ich will es gar nicht verschweigen, das Lesen dieses Buches ist keine pure Entspannung. Die Sätze sind lang und verworren. Die Handlung ist kompakt, wenn man bedenkt, dass sie im 16. Jahrhundert einsetzt und im 20. Jahrhundert ankommt, aber auch hier muss man mit einer sehr flexiblen Haltung an das Werk herangehen, um ein bisschen Freude damit zu haben.

Weil „Orlando“ definitiv lesenswert ist, aber vielleicht nicht unbedingt die Art Buch ist, die man bei 40 Grad Außentemperatur unbedingt angehen will, folgen hier ein paar kleine Ideen, mit denen das Lesen lustiger wird:

  1. Laut lesen. Ich unterhalte mich immer gerne selber damit, dass ich fremdsprachige Romane oder Gedichte oder einfach sehr verschlungene Texte laut vorlese. In einem abwechselnd brutal deutschen Akzent oder sehr distinguiertem Englisch. (Oder wie ich mir das eben so vorstelle, wenn die Upper Class Haupt- und Nebensätze aneinanderreiht.) Es ist nicht nur herrlich bescheuert, es hilft auch dabei die Bandwurmsätze in den Griff zu kriegen – und bei Dialogen die Pointen nicht zu verpassen. (Ich habe tatsächlich mehrmals laut gelacht. Qualitätsbeweis.)
  2. Historischer Kontext. Woolf setzt ein paar Grundkenntnisse der europäischen (Literatur-)Geschichte voraus und um die Bälle, die sie wirft, sicher zu fangen und nichts ins Gesicht zu kriegen, schadet es nicht, sich vorher ein paar kleine Dokus zu historischen Stoffen zu genehmigen.
  3. Ab und zu an Orlando Bloom denken. Es kann keine Absicht sein, da Virginia Woolf ja bekanntermaßen nicht mehr im Kino sitzen konnte, als Orlando Bloom seine Blockbuster gedreht hat, aber wenigstens zu Anfang entsprechen die Beschreibungen von Orlandos Äußerem der Optik eines jungen Orlando Bloom. Sehr banaler Tipp, ich weiß.

Das war jetzt weniger eine Rezension und viel mehr eine kleine Unterweisung in meinen Lese-Strategien für Bücher, die ich schon immer mal lesen wollte … aber irgendwie auch nicht so richtig.

Wer „Orlando“ mag, der findet vielleicht auch Gefallen an:

  • „To The Lighthouse“ von Virginia Woolf. Ähnlicher Stil, aber übersichtlichere Kulisse und weniger Figuren. Eine komplexe Geschichte in einem übersichtlichen Rahmen.
  • Kurzgeschichten von Katherine Mansfield. Eine Zeitgenossin und Bekannte von Virginia Woolf. Die Themen sind ähnlich, aber der Stil ist leichtfertiger und witziger. Schöne Satiren auf die Gesellschaft der 1910er und 1920er-Jahre. (Die prominenteste der Kurzgeschichten ist vermutlich „Bliss“.)
  • Der Brocken unter den Brocken aller literarischen Brocken: „Ulysses“ von James Joyce. Ich persönlich halte davon (noch und vielleicht auch für alle Zeit) respektvollen Abstand, aber wer sich von Woolfs Bewusstseinsströmen unterfordert fühlt, der findet hier sicherlich seinen Meister.

Blaue Flecken auf der Seele

„Blaue Flecken auf der Seele“ von Françoise Sagan (1972)

In den letzten Wochen habe ich mich unter dem Motto „Gehobene Sommerlektüre“ durch eine beträchtliche Anzahl von Romanen von Françoise Sagan gelesen – und sicherlich wären sie alle besprechenswert, doch in „Blaue Flecken auf der Seele“ bespricht Sagan sich selbst, ihr Gesamtwerk (bis 1972) und entwirft gleichzeitig eine vage Fortsetzung für zwei Figuren aus „Ein Schloß in Schweden“.

Die wohl bekanntesten Romane von Sagan sind ihr Debüt „Bonjour Tristesse“ und „Lieben Sie Brahms?“ – zwei Geschichten, die an vermeintlichen Skandalthemen rütteln und die 2019 wirklich niemanden mehr durch ihre bloße Handlung oder fehlende bürgerliche Moral erschüttern. „Blaue Flecken auf der Seele“ vermag immer noch zu erschüttern und zu schockieren, weil es keine konsequent erzählte Geschichte ist sondern immer wieder Szenen unterbrochen werden, weil eine Erzählerin, die sich als die Autorin Sagan offenbart, ihre Schreibblockade schildert, ihre Unlust das Werk weiterzuführen, ihre Reisen durch Frankreich, ihre ermüdenden Begegnungen mit begeisterten Lesern ihrer „wohl bekanntesten Romane“ und den Plänen für ihre Figuren.

Worum geht es also?

Das ist schwer zu sagen. Es geht um Sébastien und Eleonore, die beiden schwedischen Geschwister mit den französischen Vornamen und der Unfähigkeit zu Arbeiten, die nach Paris zurückkehren und ohne besonders viel Elan oder Ehrgeiz nach einem guten Geist suchen, der ihr Leben finanziert. Diese beiden Schmarotzer in Reinkultur wirken wie ein Kommentar von Sagan, die von Kritikern häufig damit konfrontiert wurde, unfunktionale Figuren zu schreiben, die nicht in der Lage sind zu arbeiten und ein nützliches Leben zu führen, weil sie in der „Sagan-Welt“ leben, in der Nachtbars, gepflegte Langeweile, unvorhersehbare und berechenbare Affären an der Tagesordnung stehen. Die beiden Geschwister, deren enges Verhältnis natürlich auch ein wenig inzestuös anheimelt ohne explizit als solches gezeigt zu werden, finden Menschen, die bereit sind ihren Wohlstand mit ihnen zu teilen, mit ihnen essen zu gehen, mit ihnen ins Bett zu gehen und ihnen die Langeweile zu finanzieren. Diese Verwicklungen sind mehr oder weniger interessant und man erwartet gar nicht, vom Ende der Geschichte schockiert werden zu können, weil ja eigentlich nichts passiert, aber auf den letzten zwanzig Seiten habe ich dann doch mehrfach das Buch geschlossen und entgeistert durch den Innenhof der Uni (einer meiner bevorzugten Leseplätze zwischen meinen Seminaren) gestarrt.

Und sonst so? Sagan gibt auch vor aus dem Nähkästchen zu plaudern und flechtet immer wieder kleine Episoden aus ihrem Alltag ein, thematisiert die Schwierigkeiten des Schreibens und des Nicht-Schreibens und lässt uns daran teilhaben, ob ihre Ideen aufgehen, sich verändern oder schlichtweg keinen Sinn mehr ergeben. Diesen Einbruch der vierten Wand kennt man eher aus dem Theater als aus der Literatur und doch ist es ganz eigenartig erfrischend mit der Schriftstellerin zu sprechen, die in der Geschichte auch noch nicht weiter ist als man selbst. Man fühlt sich Sagan eigenartig nah, obwohl zwischen ihrem Schreiben und meinem Lesen des Buches ja nicht weniger als 47 Jahre liegen. Natürlich ist diese Nähe ein literarischer Trick, ein Scherz gewissermaßen, aber Sagan nimmt uns die Kritik an der vermeintlichen Ziellosigkeit ihres Werks weg, indem sie ganz offen zugibt, dass sie gar nicht so genau weiß, was sie da tut…

… und am Ende weiß sie es dann doch und ich habe mich betrogen gefühlt, weil sie mich so kalt erwischt hat und sie sich schon 47 Jahre vor mir darüber im Klaren war, was sie mit ihren Figuren und ihren Worten anrichtet.

Read it or eat it?

Françoise Sagan und ihre „Sagan-Welt“ muss man mögen – und gerade im Sommer und wenn man sich ein bisschen wie in einem 50er, 60er oder 70er-Jahre-Film fühlen möchte und nicht immer alles so schnell gehen darf, ist es besonders angenehm sich in diese Welt entführen zu lassen. Allerdings muss man bereit sein Sagan und ihren Figuren glauben, dass die Welt so langweilig und berechenbar und verletzend sein kann wie sie von ihnen erlebt wird. Das Leben und das Lesen sind gefährlich und verlangen eine gewisse Leichtfertigkeit, um die titelgebenden „Blauen Flecken auf der Seele“ zu bewundern und zu genießen.

Wer „Blaue Flecken auf der Seele“ mag, der findet vielleicht auch Gefallen an:

  • Bonjour Tristesse von Françoise Sagan. Um mitreden zu können.
  • Ein verlorenes Profil von Françoise Sagan. Zum Herunterlesen und Staunen.
  • Der Liebhaber von Marguerite Duras. Aus der Kategorie „Skandalöse Weibchen aus Frankreich“ – aber vom historischen Kontext her sehr nennenswert. Stichwort Indochina. Explizit.
  • Die Glasglocke von Sylvia Plath. Das geht immer.

Murder On The Orient Express

„Murder On The Orient Express“ von Agatha Christie (1934)

Es kommt leider relativ selten vor, dass ich Bücher im Original lese – und wenn ich mich dann schon mal gegen die deutsche Übersetzung entschieden habe, dann muss ich das auch betonen. (Was hiermit geschehen ist.)

Ich glaube, ich habe noch nie ein Buch gelesen, das so ordentlich aufgebaut war. Das muss gleich gesagt werden. Die Art und Weise wie Hercule Poirot – eine der kultigsten Ermittlerfiguren, die ich kenne – an einen schier unlösbaren Fall mit seiner gelassenen Systematik herangeht, ist unaufgeregt und trotzdem nicht langweilig. Man sollte meinen, dass es irgendwie ermüdend oder einseitig sein könnte, sich nacheinander zwölf Zeugenbefragungen durchzulesen … aber dem ist nicht so. Eine Kriminalgeschichte mit so vielen gleichwertig interessanten Figuren zu entwerfen, bei denen es keine richtigen „Nebenfiguren“ gibt und alle Charaktere ihre fünfzehn Minuten Ruhm bekommen, ist absolut erstaunlich.

Worum geht es?

Der berühmt-berüchtigte Detektiv Hercule Poirot reist mit dem Orient-Express von Istanbul nach London. Nachts fährt der Zug durch das verschneite Jugoslawien – und am nächsten Morgen ist ein Passagier tot. Durch witterungsbedingte Störungen (kennt man bei der Deutschen Bahn ja immer noch) kommt der Zug auf freier Strecke auf unbestimmte Zeit zum Stehen. (Auch dieser Moment ist einem abgehärteten Pendler nicht unbekannt. Ganz im Gegenteil. Aber das gehört nicht hierher.) Die unbehagliche Vermutung, dass einer der Reisenden der Mörder sein muss, steht im Raum … und Hercule Poirot beginnt zu ermitteln. Sehr gründlich, sehr hypothetisch – und sehr unterhaltsam.

Die Kulisse dieser Kriminalgeschichte ist ebenso detailverliebt wie statisch. Das Abteil, in dem Poirot und die Verdächtigen feststecken, wird in allen Einzelheiten beschrieben, die Reisenden weisen zum Teil schillernde Persönlichkeiten und aufregende Biographien vor – und selbst der Ermordete langweilt nicht, obwohl er sich ja logischerweise nicht mehr rühren kann. Die Geschichte lebt nicht von Verfolgungsjagden, Drohanrufen, Undercover-Missionen oder irgendwelchen Actionszenarien, sondern von Observationen und Verhören. Beschreibungen und Dialoge sind schlichte, erzählerische Mittel, die ich persönlich unterschätzt habe. (Unappetitliche Anmerkung: Ich kannte die Auflösung schon, da ich eine Verfilmung des Romans gesehen habe, aber ich habe trotzdem an den Fingernägeln gekaut!)

Read it?

Ich vermute, mein enthusiastischer Unterton hat bereits nahegelegt, dass dieser Klassiker der Kriminalliteratur absolut lesenswert ist. An dieser Stelle sei vielleicht gesagt, dass ich nicht unbedingt eine Person bin, die jeden Thriller liest, den sie in die Finger kriegen könnte. Und es ist ein ganz alter Hut Sherlock Holmes und Hercule Poirot zu feiern – und trotzdem tue ich es.

Was „Murder On The Orient Express“ zu einer Leseempfehlung macht, sei einfach noch einmal in wenigen Worten wiederholt: einprägsame Figuren; ausgeklügelte Hintergrundgeschichten; ein selbstherrlicher, exaltierter und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen großartiger Detektiv und eine umwerfende Kulisse. Der Orient-Express ist vielleicht im Jahr 2019 keine Institution mehr und überhaupt haben Zugreisen ihren Charme irgendwie verloren, aber gerade deshalb ist diese Zeitreise so verlockend. Der Roman ist zeitlos und nostalgisch zugleich. Und ich höre jetzt auf, weil das hier keine ernsthafte Kritik ist, sondern ein Loblied.

Also nochmal für alle: wer „Murder On The Orient Express“ seit Jahren im Regal stehen hat und noch nie dazu gekommen ist, einen Blick ins erste Kapitel zu werfen … der sollte es einfach tun. Der Rest erledigt sich von ganz alleine. Nur mal kurz reinlesen funktioniert nämlich nicht.

Wer „Murder On The Orient Express“ mag, der liest vielleicht auch gerne:

  • Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Romane (Eine Studie in Scharlachrot; Im Zeichen der Vier und Der Hund von Baskerville kann ich guten Gewissens empfehlen, alles andere lagert noch auf meinem Nachttisch.)
  • Der Verdacht von Friedrich Dürrenmatt.
  • … sagt ihr es mir?