Die Frau und der Affe

„Die Frau und der Affe“ von Peter Høeg (1996)

Bei dieser Rezension weiß ich gar nicht, in welche Kategorie ich sie packen soll, denn es ist wirklich schwer Die Frau und der Affe irgendeinem Genre zuzuordnen. Es ist nicht Fantasy, es ist nicht wirklich Science-Fiction, es ist auch kein richtiger Thriller, es ist nicht mal wirklich mit dem Schlagwort Magischer Realismus zu fassen, obwohl es gefühlt Spuren von allem Möglichen enthält. Trotzdem ist das Buch nicht unentschlossen. Ich habe wirklich lange nichts mehr gelesen, das so reingehauen hat!

Ich habe gefühlt drei oder vier Mal während der gesamten Lektüre innegehalten und einen Satz immer und immer wieder gelesen, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass das wirklich da steht! Also in Sachen unvorhersehbare Wendepunkte liegt dieses Buch ganz weit vorne. Da liest man Sätze, die man so einfach nicht hat kommen sehen. Und so wahrscheinlich auch nirgendwo sonst lesen kann. Es ist einfach alles unfassbar innovativ und so wenig abgeschmackt – mir fällt absolut kein Buch ein, das ich inhaltlich so richtig damit vergleichen könnte. Und das muss man ja auch erstmal schaffen.

Zur Ausgangssituation: Madelene, eine gebürtige Dänin, ist mit dem Engländer Adam Burden verheiratet, der bald schon der Direktor des angesehenen Londoner Zoos werden soll. Der Erfolg, der Reichtum und das gute Aussehen von Adam führen allerdings nicht dazu, dass Madelene in ihrer Ehe besonders glücklich ist. Sie trinkt – und das nicht zu knapp. Als eines Tages ein Menschenaffe auf der Bildfläche erscheint, mit dem Adam sich seinen zoologischen Weltruhm sichern will, gerät der apathische Alltag von Madelene außer Kontrolle.  

Auch auf der sprachlichen und stilistischen Ebene bin ich ziemlich überzeugt worden. Die Kapitel haben eine angenehme Länge, die Sätze genauso. Es gibt kein Gelaber, nichts an der Geschichte fühlt sich zu ausgeschmückt oder zu sparsam erzählt an. Es ist nicht melodramatisch, es ist nicht prätentiös, es haut einfach nur rein, da kann ich mich nur wiederholen.

Die Hauptfigur Madelene ist für den Leser oftmals ein bisschen schwer zu fassen, aber das macht sie nur umso interessanter. Sie weiß immer wieder zu überraschen und ist zugleich immer auf einem ähnlichen „Wissensstand“ wie der Leser, sodass man ihr gut durch die Handlung folgen kann. Viele der Figuren, die eigentlich doch relativ wichtig sind, lesen sich eher wie Nebenfiguren, aber das stört gar nicht, denn sie verkommen nicht zu Klischees oder handeln allzu durchschaubar. Die andere Titelfigur, der Affe, ist eine Nummer für sich und über ihn kann man kaum etwas sagen, ohne direkt zu viel zu verraten.

Eine absolute Leseempfehlung, mehr kann ich hier auch gar nicht mehr sagen. Ich weiß nicht, ob ich mich so bald wieder an den Autor wagen werde, denn immerhin ist Fräulein Smillas Gespür für Schnee auch irgendwie so ein Buch, das man vom Hörensagen kennt und gefühlt auch wieder gelesen haben muss… vielleicht gucke ich auch endlich mal Planet der Affen. Um ein bisschen beim Thema zu bleiben.

Der Schüler Gerber

„Der Schüler Gerber“ von Friedrich Torberg (1930)

Es ist schon ein paar Jahre her, seitdem ich im Filmraum meiner Schule gesessen und mit meinem Pädagogik-Kurs „Der Schüler Gerber“ angesehen habe – und ich war beim Lesen wirklich sehr überrascht, wie präsent mir einige Szenen und Figuren doch noch waren.

Die Prämisse des Buchs ist ziemlich klar. Da ist Kurt Gerber, der in einem Jahr seine Matura-Prüfungen ablegen muss und da ist „Gott“ Kupfer, der gnadenlose Mathematik-Professor, der dafür lebt, Schüler scheitern zu sehen, die ihm persönlich gegen den Strich gehen. Der lebensfrohe, eigensinnige Kurt, der beim Gedanken an die Matura-Prüfungen nicht sofort in Panik ausbricht, ist ihm ein Dorn im Auge. Der Roman umfasst das letzte Schuljahr von Kurt und wechselt dabei immer mal wieder den Fokus. Meistens geht es freilich um den titelgebenden Schüler Gerber, aber der Leser erhält auch Einsicht in die Psyche von „Gott“ Kupfer höchstpersönlich und Kurts Langzeit-Schwarm Lisa. Die verschiedenen sozialen Komponenten von Kurts Leben werden förmlich seziert und alle miteinander in Verbindung gebracht. Kurts Schulfreunde, Lisa, Lisas Freunde, die auch zu Kurts Bekannten werden und Kurts Familie, all das ist nicht unabhängig von der heiligen Matura. Alle Fäden scheint „Gott“ Kupfer zwischenzeitlich in der Hand zu halten. Um Leben und Tod geht es schon, wenn Kurt daran denkt, wie sein Vater mit dem schwachen Herzen auf einen blauen Brief reagieren wird, den er sich eingehandelt hat. Und um Leben und Tod geht es dann aber auch wirklich. Das Thema Leistungsdruck und Schülerselbstmorde wird nie ein alter Hut sein und es ist doch irgendwie sehr unheimlich, wie Kurt binnen einen Jahres immer weiter zur Verzweiflung getrieben wird und schließlich den Lebensmut verliert. (Ist das ein Spoiler? Vielleicht, aber eigentlich ist schon beim Blick auf die Buchrückseite überdeutlich, wo das alles hinführen wird. Das Buch liest sich auch nochmal viel intensiver, wenn man weiß, was am Ende passiert. Ich weiß noch, dass ich es beim Film auch irgendwie gewusst habe… und trotzdem hat das Ende reingehauen.)

Also. Der Schüler Gerber. Die Studie eines jungen Mannes, dessen Schicksal letztendlich von seiner sozialen Rolle als Schüler auf fatale Weise bestimmt wird. Ich habe so annähernd zwei Wochen an dem Buch gelesen, das ist für meine Verhältnisse ein relativ langer Zeitraum für so ein nicht wirklich dickes Buch. Diese etwas längere Lesezeit ist nicht der Tatsache geschuldet, dass es langweilig oder langatmig gewesen wäre – ich glaube ehrlich gesagt, ich hab mich ein bisschen davor gedrückt, mich noch einmal mit Kurt Gerbers Untergang auseinanderzusetzen. Aber irgendwann war dann doch die Sog-Wirkung da und ich wollte das Schiff auch sinken sehen…

Eine Leseempfehlung für alle, die ihre Schullaufbahn schon hinter sich haben. Wer sich ohnehin als prüfungsängstlich beschreiben würde, der braucht vielleicht nicht noch zusätzlich den Film in Kurts Kopf, in dem so eine grausame, übermächtig erscheinende Einzelperson wie „Gott“ Kupfer zu einem unüberwindlichen Hindernis wird.

Zum Foto: Eine Aufnahme der Decke von meinem eigenen Abiball. Bisschen Galgenhumor muss sein.

Brida

„Brida“ von Paulo Coelho (1990)

Da der Hype um den brasilianischen Schriftsteller Paulo Coelho ja durchaus real ist, lasse ich mich auch immer mal wieder hinreißen und lese etwas von ihm. Der Alchimist hat bei mir keinen besonderen Eindruck hinterlassen, Veronika beschließt zu sterben fand ich hingegen ziemlich gut und angenehm zu lesen und mit Brida habe ich jetzt ein Buch gefunden, das angenehm zu lesen ist und keinen besonderen Eindruck hinterlässt.

Die Geschichte um die 21-jährige Dublinerin Brida, die weiß, dass sie eine Hexe ist und ihre magischen Kräfte ergründen will, ist… na ja, nicht langweilig, aber besonders spannend fand ich das Gewese um die Sonnentradition, die Mondtradition und die Suche nach dem anderen Teil nicht. Die vermeintliche Dreiecksgeschichte, die auf dem Buchrücken angekündigt wird, ist auch eher… harmlos. Und da die Figuren sowieso nicht besonders zugänglich sind, hab ich mich jetzt auch emotional nicht so abgeholt gefühlt. An sich finde ich die Idee spannend, die das Buch mitbringt. Denn was ist, wenn alle Menschen früher „ein Leben“ waren und dieses Leben, dieses perfekte, harmonische Ganze, sich im Laufe der Zeit gespalten hat, sodass es auf der Welt nicht nur einen, sondern sogar mehrere Menschen gibt, die „der andere Teil“ von einem selbst sind? Und was ist, wenn man gleich zwei von diesen anderen Teilen trifft und sich entscheiden muss? Hinter so einem Gedankenexperiment steckt schon was und ich bin für so philosophisch-romantisches Gedankengut eigentlich immer zu haben, aber Bridas Lebens- und Liebesgeschichte hat mich trotzdem nicht mitgenommen. Dafür ist es bei aller Tiefe irgendwie zu flach gewesen.

Ein weiteres „Problem“, das ich mit dem Buch hatte, war die seltsame Vermischung von Hexerei und Christentum. Die Idee, dass alle Menschen mehr als ein Leben hinter sich haben, dass man von früheren Leben geprägt ist, dass Mensch und Natur verbunden sind und dass man seine eigene Magie kennenlernen kann… das ist schon alles okay als Idee, aber irgendwie fand ich diese alltäglichen Verknüpfungen mit dem Christentum ein bisschen inkonsequent. Also nicht, dass ich mich hier gegen Hexerei, Okkultismus oder das Christentum aussprechen will, auf keinen Fall, aber in Brida findet all das auf eine Weise zusammen, die für mich irgendwie nicht überzeugend gewesen ist. Streckenweise fand ich es sogar regelrecht albern, wie eine 21-jährige Studentin sich da besonders und aufregend fühlt, weil sie mit einem alten Magier durch den Wald läuft und in einem Pub betrinkt, weil das ja alles eine ganz krasse Erfahrung ist…

Das Beste, was ich über das Buch sagen kann, ist wahrscheinlich, dass es sich wunderbar lesen lässt. Wenn es sprachlich und stilistisch nicht so gefällig gewesen wäre, dann hätte ich es vermutlich früher oder später abgebrochen, weil es inhaltlich irgendwie auf der Stelle getreten ist, aber so habe ich mich nicht damit gequält. Leider gehe ich davon aus, dass ich in ein paar Monaten vergessen habe, worum es eigentlich ging… aber vielleicht ist das auch gut, dann bin ich nächstes oder übernächstes Jahr bereit für einen weiteren Roman für Coelho – und vielleicht habe ich diesmal mehr Glück. Vielleicht suche ich da auch etwas gezielter nach einem Werk, das Veronika beschließt zu sterben ähnelt.

Der Garten Eden

„Der Garten Eden“ von Ernest Hemingway (1986)

Als Einstieg eine kleine Erläuterung zur Jahreszahl: Der Roman wurde rund fünfundzwanzig Jahre nach dem Tod des Autors publiziert. Das Internet sagt, dass Hemingway 1946 mit dem Buch begonnen und es nie so fertiggestellt hat, dass er damit zufrieden war. Die veröffentlichte Fassung ist dementsprechend eigentlich unvollständig, aber es liest sich ehrlich gesagt schon so, als wäre das Ende ein richtiges Ende. Wenn also vorneherein nicht die Information gedruckt wäre, dass es eine „Post-Production“ ist, dann hätte ich nichts gemerkt. Ich bin aber auch kein Hemingway-Experte.

Bislang ist mir Hemingway zweimal begegnet. Zum einen habe ich – freiwillig – Der alte Mann und das Meer (Originaltitel: The Old Man And The Sea)gelesen, weil irgendwie ist das ja doch ein Titel, der einem immer wieder begegnet und es ist auch ein relativ dünnes Buch, also nichts, womit man sich wochenlang quälen könnte. Zum anderen habe ich In einem andern Land (Originaltitel: A Farewell To Arms) für ein Seminar in der Uni im englischen Original gelesen. Weder das eine noch das andere Werk hat mich jetzt besonders begeistert – oder besonders gefoltert. Die Bücher waren angenehm zu lesen, ich wurde emotional nicht besonders mitgenommen und ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, warum Hemingway als einer der ganz Großen gehandelt wird. Aber vermutlich liegt das daran, dass ich irgendetwas nicht kapiert habe.

Die sprichwörtliche „Spitze des Eisbergs“ kennt man ja dann doch – und ich muss zugeben, ich finde Hemingways literaturwissenschaftliche Eisberg-Theorie immer wieder spannend. Sollte das Wesentliche einer Geschichte wirklich zwischen den Zeilen stecken? Soll das, was tatsächlich schwarz auf weiß niedergeschrieben und in uns bekannte Worte gefasst wird, eigentlich nur ein Hinweis auf das sein, was eigentlich gesagt wird? Diese Theorie hat ihren Reiz definitiv, man kann in einem Text immer nach mehr suchen – und wenn man einen Autor und seine Stilmittel kennt, dann kann dieses Suchspiel auch ehrlich Spaß machen. Vor allem kann man wunderbar über ein Buch diskutieren, wenn man weiß, dass es doch angeblich immer mehr zu entdecken gibt. Aber leider sehe ich dadurch auch immer das Problem, dass zwei Klassen von Lesern entstehen. Die einen Leser, die clever genug sind, die Hinweise zu entdecken und die den Autor besonders gut durchschauen und die deswegen irgendwie die „besseren“ Leser sind – und dann eben die „normalen“ Leser, die einfach „runterlesen“ und dabei vielleicht eine ganz banale Geschichte erfassen, aber kein großartiges Meisterwerk. Als jemand, der seit rund fünf Jahren Texte studiert und den Reiz von diesen Eisbergspitzen zu schätzen weiß, will ich nicht sagen, dass ich diese Herangehensweise an Literatur blöd finde. Aber manchmal fühlt man sich eben blöd, weil man ein Buch ganz privat liest, niemanden zum Diskutieren hat und deswegen schließlich den Eindruck bekommt, eigentlich eher ein halbes Buch gelesen zu haben.

So viel vielleicht allgemein zu Hemingway und mir. Das Gefühl, eher ein halbes Buch gelesen zu haben, hat sich bei Der Garten Eden dann natürlich auch wieder breitgemacht. Oberhalb der Meeresoberfläche haben wir einen Schriftsteller und seine frisch angetraute Ehefrau, die ihre ausgedehnten Flitterwochen in Europa verbringen, am Meer, französische und spanische Küste, alles sehr idyllisch. Der Schriftsteller, David, hat sein zweites Buch veröffentlich, kassiert positive Reaktionen und schreibt gerade an einem Bericht über die Reise von Catherine und ihm. Soweit so gut. Das Miteinander der Eheleute ist geprägt von viel Alkohol, viel Essen, viel Sex und viel Sonne. Alles sehr harmonisch und sehr dialoglastig. Dann kommt Catherine auf die Idee, dass sie ein bisschen Schwung in das gemeinsame Liebesleben bringen möchte. Sie möchte im Bett nicht „das Mädchen“ sein. Was genau man sich darunter vorstellen darf, wird nicht explizit erläutert. Die schmutzige Fantasie des Lesers ist gefragt – auch mal schön. Das Spiel mit Catherines sexueller Identität eskaliert in einem radikalen Friseurbesuch und als schließlich die schöne Marita auftaucht und sich eine „ménage à trois“ entwickelt, da geht dann richtig die Post ab. Mal ganz salopp gesagt.

Im direkten Vergleich mit Erotikromanen des 21. Jahrhunderts ist die Story absolut harmlos, aber es geht auf den ersten Blick doch wirklich nur um das Eine. Und dann eben auch wieder nicht. Weil da ja der Eisberg ist. Es geht natürlich um mehr als eine schlichte Dreiecksgeschichte, aber irgendwie auch wieder nicht. Ich könnte jetzt hier die Gedanken, die ich mir beim Lesen so gemacht habe, sicherlich aufzählen, aber damit würde ich dann wohl doch zu viel über den Inhalt des Romans verraten… und mich gegebenenfalls blamieren, man weiß ja nie, wie abseitig man dann doch denkt.

Da das ja nun auch eine Rezension und keine Analyse ist, mache ich hier lieber einen Punkt. Der Garden Eden liest sich flüssig, es gibt scharfe Wortwechsel, eine Geschichte in der Geschichte und Figuren, die man auch in einem französischen Schwarz-Weiß-Film gerne sehen würde. Im Grunde genommen ist das Lesen des Buches eigentlich gut mit einem Kinobesuch zu vergleichen. Man sieht den Film, man sieht die Charaktere von außen handeln, man hört die Gespräche – aber man kann nicht in ihre Köpfe gucken. Es gibt keine Inneneinsichten, keine personalen Einstreuungen… und wenn man das nicht frustrierend, sondern reizvoll findet, dann enttäuscht der Roman keinesfalls.

Der Tod in Venedig

„Das Tod in Venedig“ von Thomas Mann (1911)

Thomas Mann hat seinen Ruf als einer der wichtigsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts zweifelsohne nicht zu Unrecht – und ich frage mich immer noch, wie ich es in fünf Jahren literaturwissenschaftlichem Studium geschafft habe, diesem Mann (unbeabsichtigt schlechtes Wortspiel, sorry) aus dem Weg zu gehen.

Nachdem ich im zarten Alter von 13 oder 14 Jahren die Verfilmung von Der Tod in Venedig gesehen und mich tödlich gelangweilt habe, ist mein Interesse an einer näheren Bekanntschaft mit dem Autor ehrlich gesagt auch eher… verhalten… gewesen. Man könnte auch sagen, ich habe ganz gehörigen Respekt vor Thomas Mann, das klingt etwas besser. Die Annäherung ist in langsamen Schritten erfolgt… ein Besuch im Thomas-Mann-Haus in Lübeck… die Lektüre von Klaus Manns Schlüsselroman Mephisto… und gestern habe ich mich dann überwunden und die Erzählung Der Tod in Venedig in die Hand genommen.

Bereits nach wenigen Sätzen habe ich festgestellt, dass ich nicht ohne Grund jahrelang so meine Bedenken hatte… die Sprache des eigentlich gar nicht so langen Textes ist extrem vielseitig, sehr kunstvoll geschliffen und das Vokabular, das in der Erzählung steckt, ist ganz beachtlich! Da hat jemand keine halben Sachen gemacht, sondern allen bewiesen, was für einen großen Wortschatz er hat. Und wie lang ein Satz doch werden kann, ohne grammatikalische Fehler aufzuweisen. Das Lesen war mühsam, anstrengend und trotzdem irgendwie… schön. Um die Sätze besser handhaben zu können, habe ich mir den kompletten Text Wort für Wort selbst vorgelesen. Das ist eine Lese-Technik, auf die ich nur zurückgreife, wenn es ernst ist. Wenn das Überspringen von einzelnen Wörtern absolut verhängnisvoll ist und dazu führt, dass ich den Absatz quasi nochmal neu anfangen kann. Ich glaube, das letzte Buch, das ich so konsequent laut gelesen habe, waren Goethes Wahlverwandtschaften…ja doch, das gehört definitiv in dieselbe Liga wie Der Tod in Venedig.

Zur Handlung gibt es gar nicht so viel zu sagen: Der Schriftsteller Gustav von Aschenbach unternimmt eine Reise in den Süden, kommt schließlich in Venedig unter und fühlt sich dort gar nicht mal so wohl. Doch in seinem Hotel ist auch eine polnische Familie abgestiegen… die einen schönen Jüngling, schöner noch als eine antike Statue weil menschlich, bei sich hat… und da ist es um Gustav von Aschenbach geschehen. Der Roman berichtet von dem Schicksal eines einsamen, faszinierten Menschen. Unseriöse Anmerkung: Als meine Mutter den Film zum ersten Mal sah, fragte jemand in den Raum hinein: „Wann macht er endlich den Jungen klar?“ – und was soll ich da noch hinzufügen?

Ich habe mich für die Erzählung als Einstieg in das Werk von Mann weniger wegen dieser einseitigen Liebesgeschichte (ich will es mal so nennen) entschieden, sondern wegen der unterschwelligen Stimmung, der Krankheit der Stadt Venedig. Die Instinkte des Protagonisten, der in der Stadt schlecht zu atmen glaubt und sich immer wieder zurück zum etwas abgelegenen Hotel flüchtet, täuschen ihn nämlich nicht: Der Tod geht um in Venedig, die indische Cholera hat den Weg bis ins Mittelmeer gefunden…

Vielleicht ist es ein wenig geschmacklos ausgerechnet jetzt gerade eine Erzählung zu lesen, in der eine Seuche im Mittelpunkt steht, aber mir kam das höchst passend vor. Und es ist doch mehr als spannend, dass auch vor über hundert Jahren jemand über das Verhalten einer Stadt geschrieben hat, die sich zwar um die Gesundheit ihrer Einwohner und Besucher sorgt, sich fortwährend desinfiziert und ihre Toten verbirgt, aber zugleich nicht ihre Einnahmen durch den Tourismus verlieren will und an ihrem wirtschaftlichen Kapitel hängt. Ich kann nur sagen: Für mich kam dieser Klassiker zur rechten Zeit – und vielleicht wage ich mich in naher Zukunft an ein wesentlich umfangreicheres Werk, ein Monument, von Thomas Mann: Der Zauberberg. Mein Ehrgeiz ist zumindest geweckt.

Die Zeitmaschine

„Die Zeitmaschine“ von H.G. Wells (1895)

Diese Rezension würde ebenso gut in die Kategorie „Klassiker“ passen, denn nichts anderes ist Die Zeitmaschine von H.G. Wells, aber für den Moment habe ich beschlossen, meine Kategorien auszubauen und ein bisschen spezifischer zu sortieren.

Die Zeitmaschine ist eines dieser Bücher, das ich mir irgendwann mal zugelegt habe, weil ich das Gefühl hatte, das sollte man doch irgendwie im Haus haben. Bis vorgestern stand es schändlich lange in meinem Regal und wurde von mir kaum beachtet, obwohl ich mir – einer merkwürdigen Eingebung folgend – noch mehr Romane des Autors gekauft und ebenfalls nicht gelesen habe. Aber ich kaufe Bücher ja nicht, um sie zu sammeln, sondern weil ich optimistisch bin und immer denke, dass ich das irgendwann schon alles Mal lesen werde. Und in diesem Fall beglückwünsche ich mein Vergangenheits-Ich sehr zu dieser Kaufentscheidung.

Worum es in Die Zeitmaschine geht ist schnell erzählt – man muss ja eigentlich nur auf den Titel gucken. Was den Roman so lesenswert und zu einem – Vorsicht Anglizismus – pageturner macht ist die gewaltige Vorstellungskraft des Autors. Wie sieht die Welt in rund 6.000 Jahren aus? Oder in ein paar Millionen Jahren? Was ist zu diesem Zeitpunkt aus der Menschheit geworden, die man offenbar schon vor dem Beginn des 20. Jahrhunderts und all seinen Katastrophen (Weltkriege… Atomkriege… ich muss das nicht auflisten, denke ich) für eine Lebensform gehalten hat, die sich potenziell selbst abschaffen könnte. Zu verraten wie H.G. Wells sich die Zukunft der Menschheit ausgemalt hat, würde zu viel von dem Inhalt des Romans vorwegnehmen, deswegen werfe ich hier nur einige Fragen in den Raum, über die man sich vor dem Lesen mal Gedanken machen könnte: Was passiert, wenn es uns zu gut geht? Was geschieht mit dem Menschen, wenn er nichts mehr für sein Überleben tun muss? Was kommt nach dem Fortschritt? Leben wir in einer Klassengesellschaft? Glauben wir wirklich, dass alle Menschen gleich sind? Gibt es zwei Arten von Menschen? Und wie ist das eigentlich mit dem Aussterben der Arten – werden wir alle Vegetarier, falls der Mensch sämtliche Nutztierarten überleben sollte? (Ich weiß zwar nicht, warum gerade der Mensch so widerstands- und anpassungsfähig sein sollte, aber man weiß ja nie.)

Obwohl ich die leise Vermutung habe, dass Die Zeitmaschine im Original sehr lesenswert gewesen wäre, hat mich schon die deutsche Übersetzung ziemlich von den Socken gehauen. Ich kann jetzt schon nicht mehr sagen, ob ich die Sprache wirklich so beeindruckend fand oder ob es einfach die Größe und die Macht der Ideen war, die dafür gesorgt haben, dass mein Vorstellungsvermögen beim Lesen auf Hochtouren lief.

Nun befinde ich mich in der paradoxen Situation, dass ich mir wünsche, es gäbe eine richtig gute, richtig krasse Verfilmung des Romans – und gleichzeitig hoffe, dass sich niemals jemand an diesem Stoff versucht hat. Spoiler: Als ich gerade bei Google nach dem Erscheinungsjahr gesucht habe, das in meiner Ausgabe aus irgendeinem Grund nicht drin steht, habe ich bereits entdeckt, dass es zumindest eine Verfilmung von 1960 gibt… das kann eigentlich gar nichts geworden sein… aber womöglich wird mein Zukunfts-Ich eines Besseren belehrt.

Der Mensch erscheint im Holozän

„Der Mensch erscheint im Holozän“ von Max Frisch (1979)

„Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen.“

Max Frisch

Angesichts des Klimawandels und anderen tagesaktuellen Krisen sticht dieser eine Satz aus Der Mensch erscheint im Holozän regelrecht hervor. Die Diskussion, ob wir uns nicht bereits im Anthropozän und nicht mehr im Holozän befinden, weil der Mensch die Welt so stark geprägt hat, dass man von einem geochronologischen Erdzeitalter des Menschen sprechen könnte, gehört eher dem Jahr 2020 als dem Jahr 1979 an, aber gerade deshalb ist der Roman von Max Frisch hochspannend – und seiner Zeit voraus.

Es wird die kurze Geschichte von Herrn Geiser erzählt. Herr Geiser lebt in Tessin, im Gebirge, und stellt während einer „Regenzeit“ fest, dass man nicht den ganzen Tag lesen kann. Er will sein Wissen sammeln, schreibt wichtige Informationen aus seinen Lexika heraus und heftet sie an die Wand, um sie immer sehen zu können. Er leidet unter seinem zunehmend schlechter werdenden Gedächtnis.

Die Tage im Leben eines alten Mannes, der dem Wissen nachjagt, es festhalten will und dabei beobachtet, ob es zu einem Rutsch des Berges kommt, der seinen Lebensraum vernichtet, ist detailverliebt niedergeschrieben. Die Zettel mit dem Wissen, das Herr Geiser für besonders wichtig erachtet, sind auch für den Leser abgedruckt, sodass man das Gefühl hat, den Raum mit den gesammelten Zetteln sehen zu können. Erst nach der Lektüre ist mir klar geworden, dass Herr Geiser fast bis zum Schluss nicht mit anderen Personen interagiert. Es ist ein Ein-Mann-Roman, Herr Geiser ist ein Solokünstler, der auch den Leser in seiner subjektiven Gedankenwelt gefangen hält.

Wer sich eine hochspannende Handlungskurve verspricht oder ein emotionales Drama erleben möchte, der ist bei Der Mensch erscheint im Holozän definitiv nicht an der richtigen Adresse. Der Roman ist ruhig, ein bisschen verschroben und auf seine Art dennoch ungeheuer simpel, ohne dabei etwas von seinem philosophischen Charme zu verlieren. Ich habe bei Weitem nicht genug Texte von Max Frisch gelesen, um zu sagen, ob dieser Roman typisch oder untypisch für Frisch ist, aber ich habe nicht das Gefühl, meine Zeit verschwendet zu haben.

Der verlorene Sohn

„Der verlorene Sohn“ von Helme Heine und Gisela von Radowitz (2010)

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich „Der verlorene Sohn“ von der ersten Seite an gepackt hätte, aber nach knapp einem Drittel hat das Buch dann doch Fahrt aufgenommen und ich denke, es hat sich eine ordentliche Rezension verdient. Bei diesem Roman handelt es sich um einen Zufallskauf, von dem ich ungefähr zwei Wochen dachte, dass ich das Geld doch lieber nicht ausgegeben hätte. Der Grund für meine fehlende Begeisterung ist der Protagonist, der 2010 vielleicht noch irgendwie originell gewesen ist, aber zehn Jahre später wie das überzeichnete Klischee eines ratlosen Abiturienten rüberkommt. (Eine männliche Australien-Lisa, falls das irgendwem ein Stichwort ist.)

Thomas hat sein Abitur gemacht und weiß nicht, was er mit seinem Leben anfangen will. Die ganze Welt steht ihm offen – und doch irgendwie nicht. Seine Eltern wünschen sich eine sichere Laufbahn, ein Studium und eine Karriere als Beamter wären schön. Bei dem weiblichen Geschlecht kommt Thomas aufgrund seiner Schüchternheit nicht besonders gut an, doch bei seinem Abiball wird er von seinem Langzeitschwarm mit in ein Hotelzimmer genommen und dort entjungfert. Am nächsten Morgen ist das Mädchen verschwunden und Thomas weiß nicht, was er will. So gar nicht. In seine Abizeitung hat er aufgrund fehlender Träume und Visionen nur ein Wort an die für große Pläne vorgesehene Stelle eintragen lassen: Neuseeland. Weil seine Eltern vor zwanzig Jahren mal ein Paar aus Neuseeland in München getroffen haben und man sich beim sommerlichen Schwatzen im Biergarten so gut verstanden hat, dass man Adressen austauschte. Weil man ja immer mal ans andere Ende der Welt reisen wollte. Dieses einzelne Wort ist es übrigens auch gewesen, das Thomas Schwarm auf ihn aufmerksam gemacht hat. Weil Neuseeland, das ist ja ganz spannend. Das ist ja so ungewöhnlich und mysteriös, dass da irgendjemand hin will. An dieser Stelle ist nun die Anmerkung nötig, dass das Buch in den 80er oder 90er-Jahren spielt. Instagram, Facebook und die „Herr der Ringe“-Filme gehören der Zukunft an, Neuseeland ist also noch keine so ganz bekannte Ecke.

Dieser Ort, die Leute, die seine Eltern damals kennengelernt haben, scheinen also das Schicksal von Thomas zu sein. Sobald er dort ankommt, wird das Buch auch merklich interessanter, denn mit den alten Bekannten seiner Eltern scheint etwas ganz massiv nicht zu stimmen. Nach und nach erfährt Thomas, der vor Ort von allen nur Tom genannt wird, dass die Familie Robinson einen Sohn in seinem Alter hat, dem etwas zugestoßen ist. Die Entblätterung der Geschichte des gleichaltrigen Edward ist das Herzstück des Buches.

Der Roman bekommt eine phantastische Komponente, als Thomas und der Leser erfahren, dass er und der Sohn der Robinsons einander zum Verwechseln ähneln. Das Doppelgänger-Motiv wird hier in eine dramatische, aber nicht überzogene Familientragödie eingebunden, die Komplexität von Eltern-Kind-Beziehungen wird sehr schön dargestellt und der Mythos vom freien, „exotischen“ Neuseeland wird heftig angegangen. Denn nicht nur in Deutschland, mit den Beamtenträumen der eigenen Eltern im Nacken, ist Thomas ein Gefangener. Wie frei ein Mensch sein kann und wie viel Freiheit ein Mensch braucht, das ist eine ziemlich zeitlose Frage, auf die der Roman natürlich nicht die Antwort liefern kann. Doch die Konflikte und Themen, denen der Protagonist hier ausgesetzt wird, die Entscheidungen und Urteile, die ihm abverlangt werden, lassen beim Leser das dringende Gefühl zurück, darüber reden zu wollen. Und was kann man Besseres über einen Buch sagen als dass nach dem Lesen akuter Rede- und Diskussionsbedarf besteht?

Amour Fou

„Amour Fou“ von Arnon Grünberg (2000)

Es gibt sie immer wieder: Diese Autoren, die preisgekrönt, hyperproduktiv und von den Kritikern geliebt sind – und die man trotzdem einfach nicht kennt. Arnon Grünberg ist für mich so ein Autor und ich frage mich mal wieder, was mit mir nicht stimmt und warum es ein geschenktes Buch braucht, um auf diesen schreibenden Menschen aufmerksam zu werden. (Aber besser spät als gar nicht, oder?) „Amour Fou“ ist ein Roman, an den ich ohne allzu viele Erwartungen herangetreten bin – und eventuell hat er deshalb so heftig reingehauen.

Das Thema des Buches ist – offensichtlich – Amour Fou. Verrückte Liebe. Das Verrückt-Werden vor Liebe. Aber eigentlich ist es sogar ein bisschen mehr: Es geht um Liebe und es geht um Verrückte und um Wut, aber dabei ist das alles ganz undramatisch erzählt. Und die Art wie erzählt wird ist das eigentlich Highlight, auch wenn die Handlung Spaß macht.

Die Geschichte seiner Kahlheit, die möchte Marek van der Jagt dem Leser präsentieren. Marek ist ein Student der Philosophie, hauptberuflich Nachhilfelehrer und Sohn. Seine Mutter ist eine schillernde, schwierige Persönlichkeit, die ganz Wien um den Finger gewickelt hat und auch nach ihrem Tod eine zentrale Rolle in Mareks Leben spielt. Mareks Vater ist ein großer Schweiger, der sich neu verheiratet hat und ganz offensichtlich auf anstrengende Frauen steht, die sehr viel Aufmerksamkeit benötigen. (Und sehr viel Geld haben.) In einer solchen Familienkonstellation würde man Marek zwei Brüder wünschen, die Verbündete sind, aber Daniel und Pavel sind… einfach nur da. Die drei Brüder stehen in einem unterschwellig rivalisierenden Verhältnis zueinander, aber eigentlich ist ihre geschwisterliche Beziehung dadurch gekennzeichnet, dass es kaum eine Beziehung gibt. Marek ist von jedem einzelnen Mitglied seiner Familie isoliert, man lebt aneinander vorbei, man redet aneinander vorbei – und man tut sich nicht so richtig weh, auch wenn man mitunter grausam miteinander umgeht.

Doch Mareks klar geordnete und gleichzeitig chaotische Familienverhältnisse sind gar nicht sein größtes Problem, so einfach ist es dann doch nicht. Marek ist auf der Suche nach der Amour Fou, die er für den Sinn des menschlichen Lebens hält, für seine Bestimmung. Dabei begegnet er zwei Mädchen aus Luxemburg, die leicht entflammbar sind, aber sich für Marek doch nicht so richtig begeistern können. Man isst Pekingente zusammen. Man schreibt sich eine Postkarte. Und das war’s. Doch Marek gibt nicht auf, er lässt sich von Fräulein Oertel, die fünfzehn Jahre älter ist, an der Abendschule unterrichtet und noch bei ihrer Mutter lebt, mit nach Hause nehmen. Und so weiter und so fort.

Ein junger Mann auf der Suche nach der Amour Fou, Mutterkomplexe, explizit ausgeschriebenes sexuelles Versagen, das Kreisen um die Frage nach echter, funktionaler Männlichkeit – will man das 2020 überhaupt noch lesen? Ist das nicht eigentlich out? Das kann schon sein, aber Grünbergs Art von Mareks Leiden zu erzählen ist hochkomisch und wunderbar leichtfertig, obwohl er seinen Protagonisten durchaus ernst nimmt. Ernst genug, um die Geschichte seiner Kahlheit zunächst unter dem Pseudonym Marek van der Jagt zu veröffentlichen.

Für mich ist „Amour Fou“ eine Geschichte gewesen, die aus vielen einzelnen, absolut zitierfähigen Sätzen besteht und von einer kolossalen Hauptfigur zusammengehalten wird, an die ich mich hoffentlich auch in ein paar Jahren noch erinnern werde, wenn ich das Ende des Romans vergessen habe und das Buch zum zweiten Lesen aus dem Regal ziehe.

The Sick Bag Song

„The Sick Bag Song“ von Nick Cave (2015)

Wenn es um Musik geht, dann neige ich nicht wirklich dazu, fanatisch zu sein und exzessiv und exklusiv für einzelne Musiker zu schwärmen, aber wenn es einen Künstler gibt, der ein gewisses Maß an „Fangirling“ bei mir hervorruft, dann ist das definitiv Nick Cave.

Mit der Band „Nick Cave & The Bad Seeds“ hat Nick Cave in den letzten vier Jahrzehnten mehrere Studioalben veröffentlicht, er hat bei Soundtracks mitgewirkt, Filme gedreht und komponiert – und er hat Bücher geschrieben. Diese Bücher stehen bei mir seit Jahren auf diesen ehrgeizigen, potenziell lebenslänglich fortgeführten Will-Lesen-Listen und an Weihnachten ist endlich der Stein ins Rollen gekommen. Ich habe „The Sick Bag Song“ in einem meiner Lieblingsbuchläden entdeckt und sofort gekauft. Als Weihnachtsgeschenk für meinen Vater. Und für mich. Eine Anschaffung für die ganze Familie, so soll es sein.

Während „The Sick Bag Song“ eher in die Sparte autobiographisch-poetisch fällt, sind „And The Ass Saw The Angel“ und „The Death of Bunny Munro“ eher klassische Romane. (Die ich auch bald, sehr bald, lesen werde, denn ich habe keine halben Sachen gemacht und alle drei Bücher unter dem Weihnachtsbaum deponiert.)

Das Buch ist während einer Tournee der Bad Seeds durch Nordamerika entstanden. In Bussen, Flugzeugen, Hotels. In Bewegung Auf Spucktüten. Deswegen auch der Titel. Simpel und einleuchtend, oder? For Motion Discomfort.

Eine richtige Handlung gibt es nicht, es gibt vielmehr einige Motive, quasi rote Fäden, die sich durch das gesamte Buch ziehen, das vielleicht richtigerweise als episches Lang-Gedicht oder Ballade bezeichnet werden müsste. Es liest sich ein wenig wie das Booklet eines Albums, aber doch anders. In der zweisprachigen Ausgabe sind zuerst die von Nick Cave bemalten, betexteten, bekritzelten und doch niemals im klassischen Sinne „benutzten“ Spucktüten in Farbe abgedruckt, dann folgt Stadt für Stadt, Tüte für Tüte die deutsche Übersetzung des Textes, der daraus entstanden ist. Die zweite Hälfte des Buches präsentiert dann ganz schlicht noch einmal die englischen Originalfassungen des gedruckten Textes. Ein multimediales Erlebnis, das dringend nötig ist, denn eine reine Übersetzung zu lesen, wäre irgendwie unbefriedigend gewesen. Obwohl es eine sehr gelungene Übersetzung ist, sehnt man sich als Kenner der Lyrics von Nick Cave nach dem originalen Wortlaut. Man kann sogar so weit gehen und sagen, es kommt auf jedes einzelne Wort an.

Eine Liste von wiederkehrenden Motiven:

Der Junge auf der Brücke, der sein Ohr an die Gleise legt, um den Zug zu hören.

Das Mädchen in dem kurzen Rock (Ahornblätter, stars and stripes, je nachdem), das fliegen und nicht fallen will. Auch auf der Brücke.

Brücken.

Die Frau, die nicht ans Telefon geht. Ring. Ring. Ring.

Die ausgefransten Fäden in den Ärmeln der Jacke.

Der Mann auf der Bühne, der ein Gott ist, der Nichts ist.

Memory is just another form of possession.

Essen.

Listen.

Bryan Ferry, Leonard Cohen, Bob Dylan, John Berryman.

That the world may know that I died of love.

Vampirismus, keine Vampire.

Wem das jetzt zu kontextfrei und unzusammenhängend war, der möge seine Hände von dem „Sick Bag Song“ lassen. Das Buch gefällt wahrscheinlich dann, wenn man die Musik von Nick Cave mag. Es ist einfach ein Teil des Gesamtkunstwerks, das dieser Mann eventuell gar nicht sein will, aber irgendwie doch ist.

Ich weiß nicht so richtig, wie ich das Buch rezensieren sollte, wie ich das zusammenfassen soll, aber es war mir wichtig, etwas darüber zu schreiben und das hier ist der erste Versuch. Vielleicht fällt mir irgendwann mehr ein, aber wahrscheinlich eher nicht.

Ich mache es einfach ganz kurz: „The Sick Bag Song“ ist das erste Buch, das ich 2020 gelesen habe und ich könnte darüber gar nicht glücklicher sein.