Die Frau und der Affe

„Die Frau und der Affe“ von Peter Høeg (1996)

Bei dieser Rezension weiß ich gar nicht, in welche Kategorie ich sie packen soll, denn es ist wirklich schwer Die Frau und der Affe irgendeinem Genre zuzuordnen. Es ist nicht Fantasy, es ist nicht wirklich Science-Fiction, es ist auch kein richtiger Thriller, es ist nicht mal wirklich mit dem Schlagwort Magischer Realismus zu fassen, obwohl es gefühlt Spuren von allem Möglichen enthält. Trotzdem ist das Buch nicht unentschlossen. Ich habe wirklich lange nichts mehr gelesen, das so reingehauen hat!

Ich habe gefühlt drei oder vier Mal während der gesamten Lektüre innegehalten und einen Satz immer und immer wieder gelesen, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass das wirklich da steht! Also in Sachen unvorhersehbare Wendepunkte liegt dieses Buch ganz weit vorne. Da liest man Sätze, die man so einfach nicht hat kommen sehen. Und so wahrscheinlich auch nirgendwo sonst lesen kann. Es ist einfach alles unfassbar innovativ und so wenig abgeschmackt – mir fällt absolut kein Buch ein, das ich inhaltlich so richtig damit vergleichen könnte. Und das muss man ja auch erstmal schaffen.

Zur Ausgangssituation: Madelene, eine gebürtige Dänin, ist mit dem Engländer Adam Burden verheiratet, der bald schon der Direktor des angesehenen Londoner Zoos werden soll. Der Erfolg, der Reichtum und das gute Aussehen von Adam führen allerdings nicht dazu, dass Madelene in ihrer Ehe besonders glücklich ist. Sie trinkt – und das nicht zu knapp. Als eines Tages ein Menschenaffe auf der Bildfläche erscheint, mit dem Adam sich seinen zoologischen Weltruhm sichern will, gerät der apathische Alltag von Madelene außer Kontrolle.  

Auch auf der sprachlichen und stilistischen Ebene bin ich ziemlich überzeugt worden. Die Kapitel haben eine angenehme Länge, die Sätze genauso. Es gibt kein Gelaber, nichts an der Geschichte fühlt sich zu ausgeschmückt oder zu sparsam erzählt an. Es ist nicht melodramatisch, es ist nicht prätentiös, es haut einfach nur rein, da kann ich mich nur wiederholen.

Die Hauptfigur Madelene ist für den Leser oftmals ein bisschen schwer zu fassen, aber das macht sie nur umso interessanter. Sie weiß immer wieder zu überraschen und ist zugleich immer auf einem ähnlichen „Wissensstand“ wie der Leser, sodass man ihr gut durch die Handlung folgen kann. Viele der Figuren, die eigentlich doch relativ wichtig sind, lesen sich eher wie Nebenfiguren, aber das stört gar nicht, denn sie verkommen nicht zu Klischees oder handeln allzu durchschaubar. Die andere Titelfigur, der Affe, ist eine Nummer für sich und über ihn kann man kaum etwas sagen, ohne direkt zu viel zu verraten.

Eine absolute Leseempfehlung, mehr kann ich hier auch gar nicht mehr sagen. Ich weiß nicht, ob ich mich so bald wieder an den Autor wagen werde, denn immerhin ist Fräulein Smillas Gespür für Schnee auch irgendwie so ein Buch, das man vom Hörensagen kennt und gefühlt auch wieder gelesen haben muss… vielleicht gucke ich auch endlich mal Planet der Affen. Um ein bisschen beim Thema zu bleiben.

Der Goldene Kompass

„Der Goldene Kompass“ von Philip Pullman (1995)

Fantasy und ich, das ist so eine Sache für sich. Ich liebe die Fantasy-Reihen, mit denen ich aufgewachsen bin und ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich die Harry-Potter-Bücher gelesen habe oder die beiden Vampir-Universen von Stephenie Meyer oder Lynn Raven verschlungen habe, aber wenn es darum geht, mich auf ein neues Fantasy-Universum einzulassen, dann bin ich sehr zögerlich. Woran genau das liegt, weiß ich gar nicht, es ist nämlich nicht so, als wäre ich dem Genre entwachsen, aber irgendwie messe ich jedes neue Buch an meinen persönlichen Klassikern. Und wie viele Welten sind schon so gut gemacht wie Mittelerde oder Narnia?

Doch im Rahmen der „Arbeit“ an meinem „Regal ungelesener Bücher“ habe ich mich nach Jahren des Aufschiebens mal wieder an den Auftakt einer Fantasy-Reihe gewagt. Ich fand schon immer, dass His Dark Materials ein wahnsinnig toller Titel ist – und doch habe ich lange nicht kapiert, dass Der Goldene Kompass und dieser tolle Titel etwas miteinander zu tun haben. Aber die deutsche Übersetzung des Originaltitels Northern Lights ist auch wahrlich keine Glanzleistung. Überhaupt ist es ein einziger Unsinn, denn es geht nicht mal wirklich um einen Kompass. Das hat mich schon verwirrt, als ich vor etwas mehr als zehn Jahren die wenig gerühmte Verfilmung dieses Buches angesehen habe, das mich dann in der letzten Woche echt unvorbereitet umgehauen hat.

Der Goldene Kompass präsentiert „eine Welt, die der unseren sehr ähnlich ist“ und die sich aber doch in einigen wesentlichen Dingen von der sogenannten Realität unterscheidet. Die Weltkarte und die Aufteilung der Kontinente sind nicht ganz fremd, aber eben doch etwas anders. Menschen haben Daemonen an ihrer Seite – Gestaltwandler, die irgendwie so was wie ihre sprechende, personalisierte Seele und ein absolutes Heiligtum sind. Und es gibt sprechende Bären. Panzerbären. Und ganz ehrlich, die Panzerbären waren für mich das absolute Highlight! Auch die anderen Wesen und Völker und Orte, die in dem Buch vorgestellt werden, sind gut ausgedacht, aber die Panzerbären und ihr Königreich Svalbard waren einfach nur großartig! Die Haupthandlung selbst war auch erstaunlich gut gemacht. Anfangs war ich ein bisschen… na ja, nicht gelangweilt, aber eine zehnjährige, weibliche Heldin, die kaum irgendwelche Entscheidungen selbstständig trifft, sondern eher so durch das Abenteuer schlingert und erstmal aufwendig gemacht erfährt, wer ihre leiblichen Eltern sind… ich fand es ein bisschen wenig originell. Und am Ende hab ich mich gleich dafür geschämt, weil Lyra irgendwie doch ein ziemlich gut konstruierter Charakter war. Weil die ganze Figurenkonstellation überhaupt ziemlich wohldurchdacht ist.

Obwohl ich so meine Zweifel daran habe, dass His Dark Materials auf mich persönlich so einen starken Eindruck machen werden die Harry Potter oder Der Kuss des Dämons (ja, es ist eine Schande, weil Philip Pullman der um Welten bessere Autor ist!) oder Herr der Ringe, habe ich den festen Vorsatz, mich auch mit dem Rest der Trilogie auseinanderzusetzen. Und mir zum ersten Mal seit Jahren aus freien Stücken wieder Fantasy-Bücher zu kaufen. Für die frühkindliche Prägung durch die Reihe ist es zwar zu spät, aber vielleicht wird es mal wieder Zeit, sich so richtig auf eine gut gebaute Welt mit eigenen Regeln einzulassen. Außerdem ist Der Goldene Kompass sowieso alles andere als ein Kinderbuch. Das ist auch nur wieder so ein Missverständnis, dem ich erlegen gewesen bin.

Abiball

„Abiball“ von Gwyneth Minte (2011)

Achtung, Achtung, das hier wird ein Verriss. Ich halte ja eigentlich nichts davon, meinen Ärger im Internet loszuwerden, aber manchmal muss ein bisschen Hass einfach sein. Bevor ich aber so richtig loslege, erläutere ich vielleicht erst einmal die Rahmenbedingungen dieser wenig wohlwollenden Rezension:

Abiball war ein Re-Read für mich. Ich habe es mir wahrscheinlich kurz nach der Veröffentlichung gekauft, also so 2011 oder 2012, als ich im besten Jugendbuchalter gewesen bin. Und ich bin mir natürlich darüber im Klaren, wie gefährlich Re-Reading und Re-Watching sein kann… Nostalgie ist schön und gut, aber manchmal wird man eben enttäuscht – und das ist ja auch okay. Dieses Risiko muss sein. Mit Abiball verhält es sich aber nun so, dass ich das Buch sicher dreimal oder so gelesen habe und es nie total toll fand, aber irgendwie doch… einigermaßen spannend. Und ganz gut zu lesen, leicht wegzulesen eben. Nach meinem eigenen Abi hat die Faszination am Thema Abiball dann logischerweise abgenommen. Und letzte Woche, ziemlich genau fünf Jahre nach meinem Abi, habe ich das Buch dann wieder in die Hand genommen. Und echt gekämpft.

Dieser Verriss enthält inhaltliche Spoiler. Warum auch nicht. Also falls jemand das Buch hier unbedingt noch lesen und sich die Spannung erhalten will… bitte wegklicken. Dankeschön.

Ich bin kein Weichei, wenn es um toxische Beziehungen geht. Ob es um wirklich romantische oder freundschaftliche oder familiäre Beziehungen geht, egal, ich kann mir das in literarischer oder filmischer Form jederzeit zu Gemüte führen, ohne einen Schreikrampf zu kriegen. Ich habe mir sogar vor Kurzem nochmal alle Twilight-Filme hintereinander weg angeguckt. Ohne mit der Wimper zu zucken. Das soll nur mal so dazugesagt werden. Aber Abiball ist von vorne bis hinten eine Katastrophe, was das Weltbild angeht, das dem jugendlichen Publikum da vermittelt werden soll. Oder einfach nur präsentiert wird, Vermittlung klingt wieder so nach heftigem pädagogischen Auftrag.

Die Hauptfigur, Sara, ist unsympathisch, selbstgefällig und hält sich dabei für ganz wunderbar unabhängig, erwachsen und über den Dingen stehend. Alle Figuren sind Klischees – und handeln auch so. Eine Jugend, in der Sex und Liebe und die stetige Suche nach einem „Mann“ keine Rolle spielt, eine solche Jugend kann es für die Figuren des Romans nicht geben. Es muss immer geflirtet werden. Es muss immer von Männern gesprochen werden. Es muss immer ein zackiger, pseudo-selbstbestimmer Kommentar auf den Lippen liegen. Und natürlich bekommt die kluge Vroni am Ende den jungen, attraktiven Mathelehrer ab, die etwas pummelige, blonde Vicky wird von einem türkischstämmigen Bruder einer Mitschüler umschwärmt und Sara, die geliebte Protagonistin des Romans, hat natürlich die Wahl zwischen zwei Männern. Am Ende des Abiballs hat sie leidenschaftlichen Sex in einem Kleinwagen und bekommt einen Heiratsantrag. Außerdem geigt sie natürlich all ihren ungeliebten Mitschülern mal so richtig die Meinung. Die unsympathischen Randfiguren wie der sexistische Sören, die eingebildete Desiree und die dumme Wiebke erleben keine Entwicklung. Die Lehrer sind entweder einigermaßen cool oder direkt Witzfiguren, die alle zu viel trinken oder irgendwelche psychischen Probleme haben, über die man sich lustig machen kann, weil es sind ja Lehrer. Keine Menschen.

Die einzigen Figuren, die so ein bisschen mehr als ein Gesicht haben sind Lasse, ein „love interest“ von Sara – alias „ihr aktueller Freund, der quasi den ganzen Abend nicht auftaucht und den sie auch gar nicht mal so gerne hat, aber es ist halt schön mit ihm Sex zu haben und er kann gut kochen, er ist ja so besonders und schon erwachsen“ – und Saras Eltern, die natürlich spießig und konservativ sind und ihre ganz eigenen Probleme haben.

Hach. Alleine diese Übersicht über die Figuren abzutippen, macht mich irgendwie schon wieder ein bisschen zu wütend. Ich meine, Klischees sind schön und gut, Jugendbücher dürfen auch gerne nach einem gewissen Muster ablaufen und so ein bisschen Teenie-Pathos, das ist auch immer nett, aber an Abiball ist gar nichts nett. Das Bild, das dort von dem Großereignis Abiball und all seinen Teilnehmern entworfen wird, ist schlicht und ergreifend ein hässliches Bild. Toxisch und überzogen. Schon als jugendliche Leserin bin ich nicht so ganz überzeugt gewesen, aber nicht einmal zehn Jahre später liest sich das Buch einfach nur noch unangenehm. Es ist normal, dass Bücher und gerade Jugendbüchern altern, aber so schnell sollte es nicht gehen. So unfassbar unerträglich sollte das alles nicht sein. 2011 hin oder her.

Der Schüler Gerber

„Der Schüler Gerber“ von Friedrich Torberg (1930)

Es ist schon ein paar Jahre her, seitdem ich im Filmraum meiner Schule gesessen und mit meinem Pädagogik-Kurs „Der Schüler Gerber“ angesehen habe – und ich war beim Lesen wirklich sehr überrascht, wie präsent mir einige Szenen und Figuren doch noch waren.

Die Prämisse des Buchs ist ziemlich klar. Da ist Kurt Gerber, der in einem Jahr seine Matura-Prüfungen ablegen muss und da ist „Gott“ Kupfer, der gnadenlose Mathematik-Professor, der dafür lebt, Schüler scheitern zu sehen, die ihm persönlich gegen den Strich gehen. Der lebensfrohe, eigensinnige Kurt, der beim Gedanken an die Matura-Prüfungen nicht sofort in Panik ausbricht, ist ihm ein Dorn im Auge. Der Roman umfasst das letzte Schuljahr von Kurt und wechselt dabei immer mal wieder den Fokus. Meistens geht es freilich um den titelgebenden Schüler Gerber, aber der Leser erhält auch Einsicht in die Psyche von „Gott“ Kupfer höchstpersönlich und Kurts Langzeit-Schwarm Lisa. Die verschiedenen sozialen Komponenten von Kurts Leben werden förmlich seziert und alle miteinander in Verbindung gebracht. Kurts Schulfreunde, Lisa, Lisas Freunde, die auch zu Kurts Bekannten werden und Kurts Familie, all das ist nicht unabhängig von der heiligen Matura. Alle Fäden scheint „Gott“ Kupfer zwischenzeitlich in der Hand zu halten. Um Leben und Tod geht es schon, wenn Kurt daran denkt, wie sein Vater mit dem schwachen Herzen auf einen blauen Brief reagieren wird, den er sich eingehandelt hat. Und um Leben und Tod geht es dann aber auch wirklich. Das Thema Leistungsdruck und Schülerselbstmorde wird nie ein alter Hut sein und es ist doch irgendwie sehr unheimlich, wie Kurt binnen einen Jahres immer weiter zur Verzweiflung getrieben wird und schließlich den Lebensmut verliert. (Ist das ein Spoiler? Vielleicht, aber eigentlich ist schon beim Blick auf die Buchrückseite überdeutlich, wo das alles hinführen wird. Das Buch liest sich auch nochmal viel intensiver, wenn man weiß, was am Ende passiert. Ich weiß noch, dass ich es beim Film auch irgendwie gewusst habe… und trotzdem hat das Ende reingehauen.)

Also. Der Schüler Gerber. Die Studie eines jungen Mannes, dessen Schicksal letztendlich von seiner sozialen Rolle als Schüler auf fatale Weise bestimmt wird. Ich habe so annähernd zwei Wochen an dem Buch gelesen, das ist für meine Verhältnisse ein relativ langer Zeitraum für so ein nicht wirklich dickes Buch. Diese etwas längere Lesezeit ist nicht der Tatsache geschuldet, dass es langweilig oder langatmig gewesen wäre – ich glaube ehrlich gesagt, ich hab mich ein bisschen davor gedrückt, mich noch einmal mit Kurt Gerbers Untergang auseinanderzusetzen. Aber irgendwann war dann doch die Sog-Wirkung da und ich wollte das Schiff auch sinken sehen…

Eine Leseempfehlung für alle, die ihre Schullaufbahn schon hinter sich haben. Wer sich ohnehin als prüfungsängstlich beschreiben würde, der braucht vielleicht nicht noch zusätzlich den Film in Kurts Kopf, in dem so eine grausame, übermächtig erscheinende Einzelperson wie „Gott“ Kupfer zu einem unüberwindlichen Hindernis wird.

Zum Foto: Eine Aufnahme der Decke von meinem eigenen Abiball. Bisschen Galgenhumor muss sein.

Träum erst, wenn es dunkel wird

„Träum erst, wenn es dunkel wird“ von Daphne DuMaurier

Träum erst, wenn es dunkel wird ist zugleich der Titel einer einzelnen Kurzgeschichte als auch einer Sammlung von Kurzgeschichten. Ich habe mich durch den ganzen Sammelband gelesen, weil ich vor zwei Jahren die sogenannten Meister-Erzählungen von Daphne DuMaurier gelesen habe und sehr begeistert gewesen bin. Wie ich diese deutschen Ausgaben finden soll und wer für diese Zusammenstellungen und Obertitel verantwortlich ist… ich weiß es nicht so richtig und ich finde es immer verwirrend, wenn so eine Sammlung den Namen einer einzelnen Geschichte trägt, aber gut, das sind die Formalitäten und ich will ja auch nicht undankbar sein, dass ich diese beiden nicht mehr ganz so neuen Bücher auf Flohmärkten und anderswo gebraucht erstanden habe. Nur weiß ich gerade nicht so richtig, was ich hier rezensiere und warum, denn ich bezweifle irgendwie, dass man diese Mischung von Geschichte immer noch in derselben Ausgabe finden kann, wenn man dann diese Rezension als Anregung sehen würde, sich diesen Band kaufen zu wollen… egal, das geht hier schon sehr stark in Richtung einer „Wer bin ich und warum tue ich das, anstatt meine Meinung für mich zu behalten?“-Existenzkrise. Man betrachte diesen Eintrag bitte einfach als ein Plädoyer für den Konsum von Daphne DuMauriers Texten.

Auch wenn in diesem Band keine der „Blockbuster“-Kurgeschichten wie Die Vögel oder Wenn die Golden Trauer tragen enthalten waren, bin ich doch ziemlich gut unterhalten wurde. Die Texte von Daphne DuMaurier haben immer einen doppelten Boden. Nicht immer gibt es Mord, Todschlag und Intrigen, manchmal gibt es auch ein glückliches Ende, aber immer mit einem gewissen Augenzwinkern dabei. Die Figuren reden sich um Kopf und Kragen und häufig schwant einem als Leser schnell, dass der Erzähler vielleicht gar nicht so unbedingt der Sympathieträger ist und dennoch muss man ausgerechnet ihm mit seiner Seite der Geschichte folgen. Die Figuren sind keine Helden, meist nicht einmal Helden des Alltags, sondern häufig selbstsüchtige, gemeine Kleingeister. Die Doppelmoral der feinen Gesellschaft wird hochgenommen. Die Reichen und die Schönen werden von ihrer Überheblichkeit zu Fall gebracht. Und manchmal trifft es auch die Guten, die Armen, eben die, denen man alles Glück der Welt gegönnt hätte, denn so ist das ja auch im Leben, es geht nicht immer gerecht zu, Schwindler werden nicht immer ertappt oder bestraft.

Von einem Roman oder einer Geschichte als „zeitlos“ zu sprechen, finde ich immer ein bisschen schwierig. Aber über die Kurzgeschichten von Daphne DuMaurier kann man vielleicht zumindest irgendwie sagen, dass man beim Lesen nicht unbedingt das Gefühl hat, sich auf ein historisches Setting einlassen zu müssen. Auch wenn man die Währungen nicht kennt, die Preise alle lächerlich bezuglos sind, eigentlich niemand Flugzeuge nutzt und längere Reisen zu Schiff oder mit dem Zug erledigt werden und in Sachen Technik auch nicht so ganz viel los ist. Na gut, so uralt sind die Geschichten nun auch wieder nicht, immerhin hat die Autorin einen Großteil des 20. Jahrhunderts miterlebt. Es gibt also keine Pferdekutschen mehr, aber eben auch noch keine Handys. Und die Zeit und der Raum spielen auch keine allzu große Rolle in den Kurzgeschichten selbst… wobei, London, Venedig und Paris sind doch manches Mal die Dreh- und Angelpunkte.  Also alles abwechselnd hübsch kosmopolitisch oder britisch-ländlich angelegt.

Meine Lieblingsgeschichte war vielleicht sogar die Geschichte Ganymed, die Der Tod in Venedig ganz herrlich aufs Korn genommen und gnadenlos entromantisiert hat. Ein längeres Darüber-Nachsinnen hat aber vermutlich auch Die Großherzogin verdient. In dieser Geschichte werden die Globalisierung und die Entwicklung von Kapitalismus und Tourismus am Beispiel eines fiktiven Staates, dem „letzten Königreich von Binneneuropa“ scharf gezeichnet. Ob die Figur der titelgebenden Großherzogin ein bisschen an Elizabeth II. und an den Sündenfall in der Bibel denken lässt? Vielleicht. Die Königin von England ist ja faszinierenderweise für uns genauso tagesaktuell wie für Daphne DuMaurier. (So viel zum Thema Zeitlosigkeit.)

Also… diese Rezension ist keine runde Sache, wirklich nicht, aber was ich wohl damit sagen will: Wer über einen Flohmarkt schlendert und eine alte, gebundene Ausgabe mit einem glänzenden Umschlag entdeckt, auf dem der Name Daphne DuMaurier steht, der sollte vielleicht einfach ein bisschen Kleingeld locker machen und einen Versuch wagen. Es lohnt sich. Auch wenn es nicht immer die Wucht und die Grausamkeit von Meine Cousine Rachel oder Die Vögel hat.  

Brida

„Brida“ von Paulo Coelho (1990)

Da der Hype um den brasilianischen Schriftsteller Paulo Coelho ja durchaus real ist, lasse ich mich auch immer mal wieder hinreißen und lese etwas von ihm. Der Alchimist hat bei mir keinen besonderen Eindruck hinterlassen, Veronika beschließt zu sterben fand ich hingegen ziemlich gut und angenehm zu lesen und mit Brida habe ich jetzt ein Buch gefunden, das angenehm zu lesen ist und keinen besonderen Eindruck hinterlässt.

Die Geschichte um die 21-jährige Dublinerin Brida, die weiß, dass sie eine Hexe ist und ihre magischen Kräfte ergründen will, ist… na ja, nicht langweilig, aber besonders spannend fand ich das Gewese um die Sonnentradition, die Mondtradition und die Suche nach dem anderen Teil nicht. Die vermeintliche Dreiecksgeschichte, die auf dem Buchrücken angekündigt wird, ist auch eher… harmlos. Und da die Figuren sowieso nicht besonders zugänglich sind, hab ich mich jetzt auch emotional nicht so abgeholt gefühlt. An sich finde ich die Idee spannend, die das Buch mitbringt. Denn was ist, wenn alle Menschen früher „ein Leben“ waren und dieses Leben, dieses perfekte, harmonische Ganze, sich im Laufe der Zeit gespalten hat, sodass es auf der Welt nicht nur einen, sondern sogar mehrere Menschen gibt, die „der andere Teil“ von einem selbst sind? Und was ist, wenn man gleich zwei von diesen anderen Teilen trifft und sich entscheiden muss? Hinter so einem Gedankenexperiment steckt schon was und ich bin für so philosophisch-romantisches Gedankengut eigentlich immer zu haben, aber Bridas Lebens- und Liebesgeschichte hat mich trotzdem nicht mitgenommen. Dafür ist es bei aller Tiefe irgendwie zu flach gewesen.

Ein weiteres „Problem“, das ich mit dem Buch hatte, war die seltsame Vermischung von Hexerei und Christentum. Die Idee, dass alle Menschen mehr als ein Leben hinter sich haben, dass man von früheren Leben geprägt ist, dass Mensch und Natur verbunden sind und dass man seine eigene Magie kennenlernen kann… das ist schon alles okay als Idee, aber irgendwie fand ich diese alltäglichen Verknüpfungen mit dem Christentum ein bisschen inkonsequent. Also nicht, dass ich mich hier gegen Hexerei, Okkultismus oder das Christentum aussprechen will, auf keinen Fall, aber in Brida findet all das auf eine Weise zusammen, die für mich irgendwie nicht überzeugend gewesen ist. Streckenweise fand ich es sogar regelrecht albern, wie eine 21-jährige Studentin sich da besonders und aufregend fühlt, weil sie mit einem alten Magier durch den Wald läuft und in einem Pub betrinkt, weil das ja alles eine ganz krasse Erfahrung ist…

Das Beste, was ich über das Buch sagen kann, ist wahrscheinlich, dass es sich wunderbar lesen lässt. Wenn es sprachlich und stilistisch nicht so gefällig gewesen wäre, dann hätte ich es vermutlich früher oder später abgebrochen, weil es inhaltlich irgendwie auf der Stelle getreten ist, aber so habe ich mich nicht damit gequält. Leider gehe ich davon aus, dass ich in ein paar Monaten vergessen habe, worum es eigentlich ging… aber vielleicht ist das auch gut, dann bin ich nächstes oder übernächstes Jahr bereit für einen weiteren Roman für Coelho – und vielleicht habe ich diesmal mehr Glück. Vielleicht suche ich da auch etwas gezielter nach einem Werk, das Veronika beschließt zu sterben ähnelt.

Der Garten Eden

„Der Garten Eden“ von Ernest Hemingway (1986)

Als Einstieg eine kleine Erläuterung zur Jahreszahl: Der Roman wurde rund fünfundzwanzig Jahre nach dem Tod des Autors publiziert. Das Internet sagt, dass Hemingway 1946 mit dem Buch begonnen und es nie so fertiggestellt hat, dass er damit zufrieden war. Die veröffentlichte Fassung ist dementsprechend eigentlich unvollständig, aber es liest sich ehrlich gesagt schon so, als wäre das Ende ein richtiges Ende. Wenn also vorneherein nicht die Information gedruckt wäre, dass es eine „Post-Production“ ist, dann hätte ich nichts gemerkt. Ich bin aber auch kein Hemingway-Experte.

Bislang ist mir Hemingway zweimal begegnet. Zum einen habe ich – freiwillig – Der alte Mann und das Meer (Originaltitel: The Old Man And The Sea)gelesen, weil irgendwie ist das ja doch ein Titel, der einem immer wieder begegnet und es ist auch ein relativ dünnes Buch, also nichts, womit man sich wochenlang quälen könnte. Zum anderen habe ich In einem andern Land (Originaltitel: A Farewell To Arms) für ein Seminar in der Uni im englischen Original gelesen. Weder das eine noch das andere Werk hat mich jetzt besonders begeistert – oder besonders gefoltert. Die Bücher waren angenehm zu lesen, ich wurde emotional nicht besonders mitgenommen und ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, warum Hemingway als einer der ganz Großen gehandelt wird. Aber vermutlich liegt das daran, dass ich irgendetwas nicht kapiert habe.

Die sprichwörtliche „Spitze des Eisbergs“ kennt man ja dann doch – und ich muss zugeben, ich finde Hemingways literaturwissenschaftliche Eisberg-Theorie immer wieder spannend. Sollte das Wesentliche einer Geschichte wirklich zwischen den Zeilen stecken? Soll das, was tatsächlich schwarz auf weiß niedergeschrieben und in uns bekannte Worte gefasst wird, eigentlich nur ein Hinweis auf das sein, was eigentlich gesagt wird? Diese Theorie hat ihren Reiz definitiv, man kann in einem Text immer nach mehr suchen – und wenn man einen Autor und seine Stilmittel kennt, dann kann dieses Suchspiel auch ehrlich Spaß machen. Vor allem kann man wunderbar über ein Buch diskutieren, wenn man weiß, dass es doch angeblich immer mehr zu entdecken gibt. Aber leider sehe ich dadurch auch immer das Problem, dass zwei Klassen von Lesern entstehen. Die einen Leser, die clever genug sind, die Hinweise zu entdecken und die den Autor besonders gut durchschauen und die deswegen irgendwie die „besseren“ Leser sind – und dann eben die „normalen“ Leser, die einfach „runterlesen“ und dabei vielleicht eine ganz banale Geschichte erfassen, aber kein großartiges Meisterwerk. Als jemand, der seit rund fünf Jahren Texte studiert und den Reiz von diesen Eisbergspitzen zu schätzen weiß, will ich nicht sagen, dass ich diese Herangehensweise an Literatur blöd finde. Aber manchmal fühlt man sich eben blöd, weil man ein Buch ganz privat liest, niemanden zum Diskutieren hat und deswegen schließlich den Eindruck bekommt, eigentlich eher ein halbes Buch gelesen zu haben.

So viel vielleicht allgemein zu Hemingway und mir. Das Gefühl, eher ein halbes Buch gelesen zu haben, hat sich bei Der Garten Eden dann natürlich auch wieder breitgemacht. Oberhalb der Meeresoberfläche haben wir einen Schriftsteller und seine frisch angetraute Ehefrau, die ihre ausgedehnten Flitterwochen in Europa verbringen, am Meer, französische und spanische Küste, alles sehr idyllisch. Der Schriftsteller, David, hat sein zweites Buch veröffentlich, kassiert positive Reaktionen und schreibt gerade an einem Bericht über die Reise von Catherine und ihm. Soweit so gut. Das Miteinander der Eheleute ist geprägt von viel Alkohol, viel Essen, viel Sex und viel Sonne. Alles sehr harmonisch und sehr dialoglastig. Dann kommt Catherine auf die Idee, dass sie ein bisschen Schwung in das gemeinsame Liebesleben bringen möchte. Sie möchte im Bett nicht „das Mädchen“ sein. Was genau man sich darunter vorstellen darf, wird nicht explizit erläutert. Die schmutzige Fantasie des Lesers ist gefragt – auch mal schön. Das Spiel mit Catherines sexueller Identität eskaliert in einem radikalen Friseurbesuch und als schließlich die schöne Marita auftaucht und sich eine „ménage à trois“ entwickelt, da geht dann richtig die Post ab. Mal ganz salopp gesagt.

Im direkten Vergleich mit Erotikromanen des 21. Jahrhunderts ist die Story absolut harmlos, aber es geht auf den ersten Blick doch wirklich nur um das Eine. Und dann eben auch wieder nicht. Weil da ja der Eisberg ist. Es geht natürlich um mehr als eine schlichte Dreiecksgeschichte, aber irgendwie auch wieder nicht. Ich könnte jetzt hier die Gedanken, die ich mir beim Lesen so gemacht habe, sicherlich aufzählen, aber damit würde ich dann wohl doch zu viel über den Inhalt des Romans verraten… und mich gegebenenfalls blamieren, man weiß ja nie, wie abseitig man dann doch denkt.

Da das ja nun auch eine Rezension und keine Analyse ist, mache ich hier lieber einen Punkt. Der Garden Eden liest sich flüssig, es gibt scharfe Wortwechsel, eine Geschichte in der Geschichte und Figuren, die man auch in einem französischen Schwarz-Weiß-Film gerne sehen würde. Im Grunde genommen ist das Lesen des Buches eigentlich gut mit einem Kinobesuch zu vergleichen. Man sieht den Film, man sieht die Charaktere von außen handeln, man hört die Gespräche – aber man kann nicht in ihre Köpfe gucken. Es gibt keine Inneneinsichten, keine personalen Einstreuungen… und wenn man das nicht frustrierend, sondern reizvoll findet, dann enttäuscht der Roman keinesfalls.

Erkenne dich selbst – Geschichte der Philosophie #1

„Erkenne die Welt – Geschichte der Philosophie Band 1“ von Richard David Precht (2015)

Richard David Precht ist vielleicht einer der Philosophen der Gegenwart, die man irgendwie dem Namen nach kennt. Seine Bücher schaffen es auf Bestsellerlisten, schwere Themen werden so aufbereitet, dass man auch ohne ein Philosophiestudium irgendwie etwas damit anfangen kann. So die allgemeine Meinung. Ich bin in der Oberstufe an Wer bin ich – und  wenn ja, wie viele? recht kläglich gescheitert. Ich hab immer mal wieder reingelesen, nicht so richtig den Anschluss gefunden und das Buch bei Seite gelegt.

Im Jahr 2015 war ich dann plötzlich ein naives Erstsemester, das sich dachte, Philosophie als Begleitfach studieren, das kann man ja mal machen! Das tut ja keinem weh. (Spoiler: Und wie das wehtun kann, die Geschichte hat zwar ein happy end gehabt, aber es gab doch ein paar sehr dunkle Episoden!) Und weil mein erstes Modul in diesem Studium „Philosophiegeschichte“ war, hab ich mal ganz euphorisch meinen zweiten Precht gekauft. Eine Geschichte der Philosophie, nicht überkompliziert geschrieben, ganz frisch aus dem Druck, auf drei Bände ausgelegt, schöner Einband – das wird schon Freude machen. Ja… soweit meine Gedanken, als ich mir das Buch zu Weihnachten gewünscht habe. Etwa fünf Jahre später habe ich das Buch dann tatsächlich ausgelesen. Den ersten Band, versteht sich. Bei Band 2 habe ich heute Morgen mal das Vorwort betrachtet. Band 3 schaffe ich mir in diesem Leben sicher auch noch an, ich kenne mich doch. Wenn ich Wertzersetzung betreibe, dann mit Konsequenz.

Das klingt nun alles arg negativ, aber tatsächlich ist es ein ziemlich tolles Buch. Prechts Stil ist angenehm zu lesen, die Formulierungen und Beispiele sind einleuchtend, der Humor ist auf dem Punkt und wenn man schon  so überambitioniert Weltgeschichte lesen will, dann doch am Besten in Anekdoten. Es hat sich ein bisschen so angefühlt, als würde man ein Doku gucken. Dass ich diese Doku zwischendurch mal für ein oder zwei Jahre unterbrochen habe, ehe ich dann vor ein paar Tagen entschieden habe, dass ich das jetzt diszipliniert zu Ende bringe… darüber reden wir jetzt besser nicht. In gewisser Weise spricht es sogar für das Buch, dass ich mich nach einer so langen Unterbrechung so problemlos wieder einfinden konnte.

Obwohl ich noch nie so lange an einem einzigen Buch geknabbert habe, ohne dabei je wirklich den Punkt zu erreichen, an dem ich bewusst kapituliere und mich dagegen entscheide, jemals weiterzulesen, war es eine gute Leseerfahrung. Mit jedem Kapitel hatte ich das Gefühl, mich etwas besser einzufinden und zu orientieren – allerdings möchte ich mutig behaupten, dass das Philosophiestudium mir schon geholfen hat. So ganz ohne Grundlagen sind nämlich auch Prechts Ausführungen ein ziemlicher Brocken… außer man ist geneigt, alles hinzunehmen und nicht einmal zur Google-Maschine zu greifen.

Inhaltlich kann ich nun schlecht etwas über das Buch sagen… was ich jedoch spannend finde, ist die stetige Reflexion. Precht verfasst eine Philosophiegeschichte – und weist dabei immer wieder auf Menschen hin, die vor zweitausend Jahren – oder vor noch längerer Zeit – dasselbe getan haben. Und vergessen sind. Oder überholt. Oder die sich von Anfang an geirrt haben. Die etwas missverstanden haben, weil irgendwelche Texte erst später wiederentdeckt wurden – oder sich als Fälschungen erwiesen haben. Und in dem Wissen, dass man vielleicht eines Tages einfach nur irgendwo eine liebevoll Randnotiz ist, weil man zu einer Zeit gelebt hat, in der es grundlegende „Denkfehler“ gab, ein auf über 1.500 Seiten ausgebreitetes Werk anzugehen…das nenne ich Sportsgeist.

Im ersten Band wurden Antike und Mittelalter abgefrühstückt – also schon mal rund zweitausend Jahre Menschheitsgeschichte, von 500 vor Christus bis 1500 nach Christus. So in etwa. Band 2 widmet sich der sogenannten Neuzeit… und ich sage mal vorsichtig optimistisch, ich melde mich da spätestens 2025…

Zum Foto: Eine Originalaufnahme vom naiven Erstsemesster vorgenommen.

Der Tod in Venedig

„Das Tod in Venedig“ von Thomas Mann (1911)

Thomas Mann hat seinen Ruf als einer der wichtigsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts zweifelsohne nicht zu Unrecht – und ich frage mich immer noch, wie ich es in fünf Jahren literaturwissenschaftlichem Studium geschafft habe, diesem Mann (unbeabsichtigt schlechtes Wortspiel, sorry) aus dem Weg zu gehen.

Nachdem ich im zarten Alter von 13 oder 14 Jahren die Verfilmung von Der Tod in Venedig gesehen und mich tödlich gelangweilt habe, ist mein Interesse an einer näheren Bekanntschaft mit dem Autor ehrlich gesagt auch eher… verhalten… gewesen. Man könnte auch sagen, ich habe ganz gehörigen Respekt vor Thomas Mann, das klingt etwas besser. Die Annäherung ist in langsamen Schritten erfolgt… ein Besuch im Thomas-Mann-Haus in Lübeck… die Lektüre von Klaus Manns Schlüsselroman Mephisto… und gestern habe ich mich dann überwunden und die Erzählung Der Tod in Venedig in die Hand genommen.

Bereits nach wenigen Sätzen habe ich festgestellt, dass ich nicht ohne Grund jahrelang so meine Bedenken hatte… die Sprache des eigentlich gar nicht so langen Textes ist extrem vielseitig, sehr kunstvoll geschliffen und das Vokabular, das in der Erzählung steckt, ist ganz beachtlich! Da hat jemand keine halben Sachen gemacht, sondern allen bewiesen, was für einen großen Wortschatz er hat. Und wie lang ein Satz doch werden kann, ohne grammatikalische Fehler aufzuweisen. Das Lesen war mühsam, anstrengend und trotzdem irgendwie… schön. Um die Sätze besser handhaben zu können, habe ich mir den kompletten Text Wort für Wort selbst vorgelesen. Das ist eine Lese-Technik, auf die ich nur zurückgreife, wenn es ernst ist. Wenn das Überspringen von einzelnen Wörtern absolut verhängnisvoll ist und dazu führt, dass ich den Absatz quasi nochmal neu anfangen kann. Ich glaube, das letzte Buch, das ich so konsequent laut gelesen habe, waren Goethes Wahlverwandtschaften…ja doch, das gehört definitiv in dieselbe Liga wie Der Tod in Venedig.

Zur Handlung gibt es gar nicht so viel zu sagen: Der Schriftsteller Gustav von Aschenbach unternimmt eine Reise in den Süden, kommt schließlich in Venedig unter und fühlt sich dort gar nicht mal so wohl. Doch in seinem Hotel ist auch eine polnische Familie abgestiegen… die einen schönen Jüngling, schöner noch als eine antike Statue weil menschlich, bei sich hat… und da ist es um Gustav von Aschenbach geschehen. Der Roman berichtet von dem Schicksal eines einsamen, faszinierten Menschen. Unseriöse Anmerkung: Als meine Mutter den Film zum ersten Mal sah, fragte jemand in den Raum hinein: „Wann macht er endlich den Jungen klar?“ – und was soll ich da noch hinzufügen?

Ich habe mich für die Erzählung als Einstieg in das Werk von Mann weniger wegen dieser einseitigen Liebesgeschichte (ich will es mal so nennen) entschieden, sondern wegen der unterschwelligen Stimmung, der Krankheit der Stadt Venedig. Die Instinkte des Protagonisten, der in der Stadt schlecht zu atmen glaubt und sich immer wieder zurück zum etwas abgelegenen Hotel flüchtet, täuschen ihn nämlich nicht: Der Tod geht um in Venedig, die indische Cholera hat den Weg bis ins Mittelmeer gefunden…

Vielleicht ist es ein wenig geschmacklos ausgerechnet jetzt gerade eine Erzählung zu lesen, in der eine Seuche im Mittelpunkt steht, aber mir kam das höchst passend vor. Und es ist doch mehr als spannend, dass auch vor über hundert Jahren jemand über das Verhalten einer Stadt geschrieben hat, die sich zwar um die Gesundheit ihrer Einwohner und Besucher sorgt, sich fortwährend desinfiziert und ihre Toten verbirgt, aber zugleich nicht ihre Einnahmen durch den Tourismus verlieren will und an ihrem wirtschaftlichen Kapitel hängt. Ich kann nur sagen: Für mich kam dieser Klassiker zur rechten Zeit – und vielleicht wage ich mich in naher Zukunft an ein wesentlich umfangreicheres Werk, ein Monument, von Thomas Mann: Der Zauberberg. Mein Ehrgeiz ist zumindest geweckt.

Friedhof der Kuscheltiere

„Friedhof der Kuscheltiere“ von Stephen King (1983)

Egal wie lange ich auch nachdenke, mir fällt kaum ein produktiverer Autor als der König des Horrors ein. Pro Jahr veröffentlicht Stephen King gefühlt drei Bücher, die alle so dick sind, dass ich mich da erstmal einige Monate mental drauf vorbereiten muss. Warum ich mir dann kein frisches Werk von King gegriffen habe, sondern diesen alten Schinken? Ich weiß es selbst nicht so genau. Ich weiß nur, dass dieses Buch seit geraumer Zeit in meinem Regal steht und ich sowohl die alte als auch die neue Verfilmung dieses Horrorklassikers gesehen habe… es war also längst überfällig.

Und auch, wenn ich die Geschichte ja schon in zweierlei Varianten kannte, hat das Buch die übliche, hochfaszinierende King’sche Spannungskurve gehabt. Diese Kurve sieht meistens wie folgt aus: Das erste Viertel des Buches ist gut, ja, aber irgendwie liest es sich nicht so flott, etwas zäh, der Horror entfaltet sich langsam und ich kann das Werk auch gut mal ein paar Stunden/ Tage/ Wochen zur Seite legen. So im zweiten Viertel wird es dann intensiver und irgendwann kommt der Punkt, an dem ich wie gebannt von der Geschichte bin und sie einfach nur noch zu Ende lesen will. Zu Ende lesen muss. Weil das kann doch nicht sein, dass es so ausgeht.

Was mich immer wieder an Stephen Kings Romanen besticht ist die gnadenlose Konsequenz, mit der eine schlimme Idee zu Ende gebracht wird. Es gibt mitunter Wendepunkte, ja, aber keine krassen Schockmomente wie man sie gerne bei Horrorfilmen hat. Wenn ich ein Buch von Stephen King aus der Hand lege, habe ich grundsätzlich das Gefühl, dass es schlimmer nicht hätte kommen können. Und dass es anders nicht hätte kommen können. Die Enden von Kings Romanen hinterlassen bei mir immer den Eindruck, das einzig mögliche – und möglichst grausame – Ende gewesen zu sein. Und das ist für mich der Qualitätsbeweis. Dafür quäle ich mich gerne mit langgezogenen, gut gemachten Expositionen.

Friedhof der Kuscheltiere – um hier auch mal etwas spezifisch zu werden – erzählt die Geschichte der Familie Creed. Louis Creed, ein typischer, amerikanischer Familienvater aus dem King-Baukasten (nicht auf dem Level von Jack Torrance, aber schon destruktiv und von sich selbst und überhaupt eingeschränkt in seinen Handlungsmöglichkeiten), nimmt eine Stelle als leitender Arzt am Universitätsklinikum in Maine an und zieht mit seiner Familie, bestehend aus Ehefrau, Tochter, kleinem Sohn und dem  Kater namens Winston Churchill, ins beschauliche Ludlow. Das Haus ist bildschön, die Garten unüberschaubar groß, die Nachbarn freundlich – doch leider führt eine Schnellstraße direkt an dem Grundstück vorbei, die tagsüber wie nachts von schweren Lastwagen befahren wird. Bereits bei ihrer Ankunft warnt der Nachbar von gegenüber, dass die Creeds gut auf ihren Kater aufpassen müssen und ihn besser kastrieren lassen, weil herumstromernde, neugierige Haustiere in der Gegend keine besonders hohe Lebenserwartung haben… aus diesem Grund gibt es, quasi auf dem Grundstück der Creeds, einen Friedhof, auf dem die Kinder der Stadt ihre pelzigen Lieblinge seit Jahrzehnten begraben.

Es kommt dann alles, wie es kommen muss. Kein Unglück wird ausgespart. Kein Potenzial wird verschenkt. Die menschlichen Abgründe nahezu aller Figuren werden ausführlich beleuchtet und man kann keinem vorwerfen, sich ohne Grund irrational und dumm zu verhalten. Das hebt den Roman von zahlreichen Genrefilmen ab – und rechtfertigt auch irgendwie die Dicke des Buches.

Mein neuer Favorit von King wird Friedhof der Kuscheltiere wahrscheinlich eher nicht, dafür ist die Konkurrenz zu stark und meine Kenntnis des Gesamtwerks des Mannes dann doch zu begrenzt. Aber da ich den guten Mister King aller Wahrscheinlichkeit nach um (hoffentlich!) ein paar Jahrzehnte überleben werde, kann ich eventuell eines Tages behaupten, alles von ihm gelesen zu haben und eine weise Entscheidung darüber treffen, welches Buch von ihm mein Lieblingsbuch ist. Und bis dahin kann ich einfach die Stunden genießen, in denen ich beim Lesen meine Fingernägel abkaue.

Zum Foto: Ja, das ist unsere alte Katze… und nein, sie ist auf dem Bild nicht schrecklich unfreundlich getroffen. Das Foto hat ihren Charakter schon ganz gut für die Ewigkeit festgehalten.