Leselistenthema: Valentinstag

Leselistenthema: Valentinstag

Denn Roman kommt von romantisch.

Dem Valentinstag kann man wirklich viele Vorwürfe machen (Amerikanisierung, Konsumfeiertag, bla), aber man kann den 14. Februar auch zum Anlass nehmen, um einfach mal wieder etwas richtig Kitschiges zu lesen. Hier kommen fünf Bücher, die teils gut geschriebene Liebesromane und teils besser sind als ihr Ruf, aber deswegen noch kein hochliterarisches Material.

Die Liebe in den Zeiten der Cholera – Gabriel García Márquez (1985)

Im Prinzip eignet sich wohl jeder Roman von Márquez zur Lektüre am Tag der Liebenden, denn so ein bisschen verquere Romantik bieten seine Geschichten immer, aber „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ ist einfach eine ganz massive, Jahrzehnte umfassende Romanze. Die Lebensgeschichten der zuerst jugendlichen Liebenden Florentino Ariza und Fermina Daza hat alles, was man will: postpubertäre Entfremdung; ein Ritt auf einem Esel durch die Pampa; ein gutaussehender Arzt als Konkurrent; eine Flussreise (Traumschiff und so); Running Gags; Pferdekutschen; Geigenmusik; einfach alles. Zugegeben, diese Elemente klingen alle ein bisschen nach der Kulisse von den Liebesfilmen, die bei der ARD oder beim ZDF am Nachmittag ausgestrahlt werden und ich kann den Roman wirklich schwer in Worte fassen… es ist eine Reise. So. Man begleitet die Liebenden durch alle Stadien des Lebens und auch, wenn es höchst unwahrscheinlich ist, den Roman an einem einzigen Tag zu lesen (so ganz dünn ist das gute Stück nämlich nicht): Es ist immer der richtige Tag, um mit diesem Buch anzufangen!

Kribbeln unter der Haut – Katarina von Bredow (2005)

Wer Katarina von Bredow nicht kennt und ein Herz für Jugendbücher hat, dem muss nun sowieso klar sein, dass er was verpasst hat… die schwedische Autorin ist eine zuverlässige Adresse für realistische und herzerwärmende Jugendbücher! In „Kribbeln unter der Haut“ ist die vierzehnjährige Natalie die Protagonistin. Gemeinsam mit ihrer Mutter, zu der sie ein sehr gutes Verhältnis hat, zieht sie zu deren neuen Freund und seinem Sohn auf einen ländlich gelegenen Pferdehof.  Dort muss Natalie sich in der neuen Umgebung zurechtfinden und lernen, wer es gut mit ihr meint und wer nicht. Ihr neuer Stiefbruder Jerker geht direkt auf sie zu, nimmt sie im wahrsten Sinne des Wortes an die Hand und sorgt dafür, dass Natalie die Knie ganz weich werden. Dann ist da Ira, das mysteriöse, übercoole Mädchen aus der Schule, zu dem alle aufschauen und das seine ganz eigenen Probleme hat… und der komische, ältere Junge, der auf dem Hof arbeitet und von Jerker getriezt wird. Eine Erinnerung an ihr altes Leben ist Maja, ihre beste Freundin, der Natalia eifrig Emails schreibt und von sämtlichen Ereignissen berichtet… bis Maja schließlich zu Besuch kommt und alles durcheinanderbringt….

Ich könnte mich endlos in den tollen Nebenfiguren und der Handlung verlieren, aber ich halte mich jetzt zurück und sage nur, dass der Roman „Kribbeln unter der Haut“ hält, was sein (deutscher) Titel verspricht!

Love, Simon – Becky Albertalli (2015)

„Love, Simon“ war mein absolutes Lesehighlight im Frühling/ Sommer 2018, als auch gerade die Verfilmung in die Kinos kam – aber weil es damals diesen Blog noch nicht gab, habe ich niemals ein Wort über dieses fantastische Buch verlauten lassen! „Love, Simon“ ist das Jugendbuch über einen schwulen Teenager, nach dem ich nie gefragt und das ich doch so dringend gebraucht habe!

Simon ist schwul, aber das weiß noch niemand. Im Internet, auf dem tumblr-Tratsch-Blog seiner Schule,  entdeckt er eines Tages einen anonymen Post, in dem er sich selbst wiederfindet. Er schreibt dem Verfasser und es beginnt ein reger Mailkontakt mit Blue… dem bezaubernden, ebenfalls schwulen Blue, der auf Simons Schule geht und sich (ha, Wortspiel) Simon gegenüber nicht „outen“ will. Tagträumend und doch mit wachen Augen geht Simon durch den Schulalltag und versucht, Blues Identität herauszukriegen. So ganz zielstrebig geht er dabei nicht vor, denn er muss ja noch mit den komischen, einseitigen Verliebtheiten (ja, Mehrzahl) zwischen seinen drei besten Freunden umgehen: Nick, der coole, Gitarre spielende Nick, der total auf Abby steht. Abby, die einfach alle lieben und die deshalb von Leah, der unsicheren, leicht übergewichtigen Leah, neidisch beäugt wird. Leah steht übrigens auch voll auf Nick. Denkt Simon. Alles schön kompliziert und eigentlich doch ganz simpel und toll. Man kann die Figuren lieben und hassen und irgendwann merkt man auch, dass man in Simons subjektiver Weltsicht festhängt und vielleicht alles doch ein bisschen anders ist als man dachte…

Was ich besonders schön finde: In „Love, Simon“ geht es zwar um einen schwulen Jungen, aber das ist nicht alles. Das ist zwar auf den ersten Blick das Ding, was dieses Buch von anderen guten Jugendbüchern abhebt, doch der Roman ruht sich nicht darauf aus, dass er den Puls der Zeit getroffen und (mehr oder weniger, es gibt sicher noch mehr Bücher zu dem Thema, aber „Love, Simon“ ist durch die Decke gegangen) eine Marktlücke entdeckt hat, sondern überzeugt durch mehr als bloß die sexuelle Orientierung seines Protagonisten und die Online-Lovestory.

Schokolade zum Frühstück – Helen Fielding (1999)

Wer kennt Bridget Jones nicht? Die Filme und Bücher über das Leben von Bridget, die zu viel trinkt, zu viel isst und zu viel liebt, sind irgendwas zwischen Weihnachtsklassiker, ganzjährigem guilty pleasure und chick lit zum Vorzeigen! Spätestens das Comeback von Renée Zellweger (ja, ich nenne es ein Comeback, sie ist ZURÜCK), die vor ein paar Tagen einfach nochmal einen Oscar für ihre Darstellung von Judy Garland abgeräumt hat, nachdem sie so viele Jahre lang totgesagt war und eigentlich nur noch als die Verkörperung von Bridget Jones im Gedächtnis geblieben ist, spätestens dieses Comeback ist ein Grund, um die Filme wieder zu gucken. Oder die Bücher zu lesen. Beides macht gleichwertig viel Spaß!

Inhaltlich klingt das nicht so spektakulär, aber ich fasse es trotzdem zusammen: Bridget lebt in London, will abnehmen, will ihre große Liebe, ihren Mr. Darcy, finden und begegnet dabei mehr als einem Flachwichser (das ist kein sinnloses Schimpfwort, sondern ein Zitat!) und hört doch nicht das Rauchen auf. Spoiler Alert. Bridget ist die Frau, die immer alles aus sich rausholen will, immer alles besser machen will, sich immer neu fordert, die Hoffnung nicht aufgibt und dabei zehnmal sympathischer ist als alle Figuren aus „Sex & The City“ zusammen! Bridget scheitert. Bridget siegt. Bridget ist einfach toll!

Was es ist – Erich Fried

Und alle, die heute ein Date oder einfach zu viel vorhaben, um ein ganzes Buch in die Hand zu nehmen, könnten sich das kurze, unkomplizierte Gedicht von Erich Fried zu Gemüte führen. Da wird nämlich quasi nur jede denkbare Liebesgeschichte eingefangen. In zwanzig Versen.

Hervorgehoben

Das nächste Jahrzehnt

Leselistenthema: Das nächste Jahrzehnt

Eine Leseliste für die nächsten zehn Jahre erscheint vielleicht ein wenig übertrieben, aber man muss ja auch mal groß denken. Tatsächlich ist diese Liste aber auch nur eine charmante Verpackung für meinen „Stapel ungelesener Bücher“ oder meine Lesen-wollen-Liste oder wie auch immer man das adäquat ausdrücken möchte.  Die nachfolgenden Titel will ich teils seit mehreren Jahren lesen… und ich habe dafür eigentlich keine „Deadline“ oder so. In diesem Leben noch. Und vielleicht ja in den nächsten zehn Jahre oder sogar vor meinem dreißigsten Geburtstag.

Diese Liste generiert sich aus Empfehlungen von Freunden, „Tipps“ von Seiten der Universität, Zufällen und regelmäßigen Google-Suchen nach „Büchern, die man gelesen haben muss“ – und dann eben auch gelesen haben will.

Belletristik

Aldous Huxley: Crome Yellow

Alfred Kubin: Die andere Seite

Alfred Uhry: Driving Miss Daisy

Anthony Burgess: Uhrwerk Orange

Arthur Miller: Hexenjagd (22/1/2020)

Barbara Pym: Less Than Angels

Bret Easton Ellis: Die Informanten (3/3/2020)

Charlotte Bronte: Jane Eyre

Christa Wolf: Der geteilte Himmel

Christa Wolf: Kein Ort nirgends

Daphne DuMaurier: Meine Cousine Rachel

Daphne DuMaurier: Rebecca

David Lodge: Die Therapie

David Sedaris: Nackt

E. A. Poe: Der Rabe

Ernest Hemingway: Fiesta

Ernest Hemingway: Männer ohne Frauen

Ernest Hemingway: Wem die Stunde schlägt

Ernest Hemingway: Paris – Ein Fest fürs Leben

Fjodor Dostojewski: Schuld und Sühne

Friedrich Torberg: Der Schüler Gerber

F. Scott Fitzgerald: Die Schönen und die Verdammten

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört

Haruki Murakami: Sputnik Sweetheart

James Joyce: Ulysses (seien wir ehrlich: das wird eher nicht passieren)

Jane Austen: Emma

Joan Didion: Play It As It Lays

Joan Didion: A Book Of Common Prayer

Joan Didion: Slouching Towards Bethlehem

Joan Didion: Blue Nights

Joey Goebel: Vincent

John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama

John Irving: Owen Meany

Kurt Vonnegut: Breakfast of Champions

Leo Tolstoi: Anna Karenina

Leo Tolstoi: Krieg und Frieden

Leo Tolstoi: Die Kreuzersonate

Louisa May Alcott: Little Women

Neil Gaiman: American Gods

Nick Cave: Und die Eselin sah den Engel (27/4/2020)

Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro

Nick Hornby: A long way down

Patrick Süßkind: Das Parfüm

Oscar Wilde: Ein idealer Gatte

Oscar Wilde: Lady Windmeres Fächer

Raymond Chandler: The Big Sleep

Roald Dahl: Matilda

Stephen King: Misery

Stephen King: Friedhof der Kuscheltiere (6/4/2020)

Stephen King: Cujo

Stephen King: Das Institut

Stephen King: Das Spiel

Stieg Larsson: Millennium-Trilogie

Thomas Mann: Tod in Venedig (8/4/2020)

Thomas Mann: Der Zauberberg

Umberto Eco: Der Name der Rose

Vladimir Nabokov: Ada

Vergil: Änaeis

William Styron: Sophies Entscheidung

Philosophie

Friedrich Nietzsche: Ecce Homo

Friedrich Nietzsche: Genealogie der Moral

Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden

Markus Gabriel: Warum es die Welt nicht gibt

Platon: Symposium

Platon: Politeia

tbc

Auch wenn diese Liste mehr oder weniger für mich ist, sind Kommentare, Anregungen und Einsprüche natürlich gerne gesehen!

2019 – Meine Autoren

2019

Jahresrückblick: Meine Autoren

Das Jahr 2019 nähert sich dem Ende, ich habe fast 100 Bücher gelesen und ich habe es endlich mal geschafft, einen Buchblog einzurichten… mit dem Gedanken spiele ich seit Jahren und auch, wenn dieses Projekt hier immer noch in seinen Kinderschuhen steckt, bin ich schon etwas stolz, dass ich es überhaupt mal gemacht habe.

Ursprünglich wollte ich meine 19 Lieblingsbücher des Jahres heraussuchen und vorstellen, aber beim Durchgehen der Liste mit den Titeln, die ich gelesen habe, sind mir zwei Dinge aufgefallen. Zum einen habe ich den Büchern, die mir besonders am Herzen lagen, schon virtuellen Raum auf dieser Seite gewidmet – zum anderen sähe so eine Liste eher einseitig aus, weil ich mich in diesem Jahr auf einige Autoren eingeschossen habe. Also habe ich entschieden, hier fünf von den Autoren vorzustellen, die mich mit ihren Werken durch das Jahr begleitet haben.

Colette

Sidonie-Gabrielle Claudine Colette wurde 1873 geboren und verstarb 1954. Sie war die erste Französin, die ein Staatsbegräbnis erhielt. Anfang des Jahres ist ein filmisches Porträt ihres Lebens die Kinos gekommen und ich war direkt fasziniert von Colettes Geschichte. Im Sommer habe ich mich dann einer ganz persönlichen Herausforderung gestellt und mir den Debütroman von ihr im französischen Original geholt: Claudine à l’École.

Die Geschichte über Claudine, ein forsches, freches Mädchen aus einer französischen Kleinstadt, das mit Intelligenz und Witz durch den Schulalltag geht und dabei die Moral und Regeln ihrer Zeit auf den Kopf stellt, ist 1900 erschienen. Das ist verdammt lange her – und trotzdem macht es immer noch Spaß, sich Claudines Eskapaden durchzulesen. Das Buch kommt wie ein „Mädchenroman“ daher, ist aber trotzdem gemein und manches Mal so subtil, dass meine Französisch-Kenntnisse an ihre Grenzen gestoßen sind… ehrlicherweise muss ich wohl sagen, dass ich das Buch zu 85 Prozent wirklich gelesen und mir den Rest irgendwie zusammengereimt habe.

Ich bin fest entschlossen, mehr von Colette – und eventuell auch mehr von Claudine – zu lesen, auch wenn ich wahrscheinlich beim nächsten Versuch lieber zu einer Übersetzung greifen werde.

Andrea Camilleri

Der italienische Schriftteller Andrea Camilleri ist mir auch eher zu Anfang des Jahres begegnet. Durch puren Zufall, so ganz wunderbar unvorhergesehen bei einem Streifzug durch ein modernes Antiquariat, das eine ganze Ladung Literatur aus Italien bekommen hat. Ich habe mir ein ganz dünnes Buch mit dem Titel „Mein Ein und Alles“ gekauft, es in einem Zug durchgelesen und mir in der nächsten Woche ein zweites, ebenso dünnes Buch geholt: „Ein Nachmittag unter Freunden“. Auch dieses zweite Buch habe ich innerhalb weniger Stunden verschlungen und bei meinem nächsten Besuch in dem modernen Antiquariat musste ich enttäuscht feststellen, dass das Regalbrett mit Camilleri sich bereits geleert hat.

Im Laufe des Jahres habe ich in allen Bibliotheken und Buchhandlungen den Namen Camilleri entdeckt, aber nicht zu einem weiteren Buch gegriffen. Neben Einzelromanen wie solchen, die ich für mich entdeckt habe, kennt man Camilleri vorwiegend für seine „Kommissar Montalbano“-Krimireihe, die sich über mehr als 30 Bände erstreckt und für das italienische Fernsehen verfilmt wurde.

Am 17. Juli diesen Jahres ist Andrea Camilleri im Alter von 93 Jahren verstorben. Ich bin zuversichtlich, dass der Zufall wieder auf meiner Seite sein wird und mich bald eine andere Geschichte des Autors in ihren Bann ziehen wird. (Vielleicht schummele ich auch einfach und bestelle ganz gezielt etwas. Man kann sich ja nicht immer auf die Fügungen des Schicksals verlassen.)

Sara Shepard

Das ist vielleicht die „zeitgenössischste“ Autorin, die mich dieses Jahr begleitet hat… und wenn man ehrlich ist, dann darf man hier eher nicht von großer Literatur sprechen, aber darum geht es ja auch gar nicht. Sara Shepard und ihre Buchreihen „Pretty Little Liars“ und „The Lying Game“ haben mich durch das Jahr begleitet – aktuell bin ich bei Band 13 von 16 der PLL-Saga und ja… mittlerweile fühlt sich das Lesen richtig heimisch an. Ich glaube, ich habe noch nie mit so einer Ausdauer eine Buchreihe verfolgt… die „Fear Street“-Romane einmal ausgenommen.

Die Bücher sind für ein jüngeres Publikum geschrieben und arbeiten mit simplen Methoden, um Spannung zu erzeugen. Es geht um Geheimnisse, Romanzen, Mörder und klassische Krisen aus einer amerikanischen Kleinstadt, die sich in ihrem Wohlstand langweilt. Und es ist trotzdem ein absolut herrlicher Zeitvertreib, ich stehe dazu. Sarah Shepards Romane sind pures und reines guilty pleasure – aber in diesem Jahr definitiv die Konstante in meinem Lese-Leben und deswegen gehört ihr Name auf diese Liste

Françoise Sagan

Vor einigen Jahren habe ich mir „Das Lächeln der Vergangenheit“ aus dem Bücherregal meiner Mutter ausgeliehen und ich war… ja, ganz gut unterhalten, aber nicht heftig begeistert. Ich mochte den Stil von Sagan, aber die Handlung (spoiler: Ich bin nicht sicher, ob es eine gab) hat mich nicht besonders gepackt. Aber weil ich grundsätzlich immer die Klappentexte lese und mehr über die Person hinter dem Buch wissen möchte, hat es nicht lange gedauert, bis ich an Sagans berüchtigten Debüt-Roman „Bonjour Tristesse“ geraten bin. Danach habe ich die Autorin vergessen und sie in diesem Sommer mehr oder weniger wiederentdeckt. Dank eines Verkäufers auf ebay-Kleinanzeigen, der im Besitz einer Sammlung mit Novellen von Guy de Maupassant war… und mehrere Romane von Sagan angeboten hat. Damit der Postbote seine Arbeit auch nicht umsonst war, habe ich mir die Novellen gekauft, die ich für die Uni brauchte – und fünf Bücher von Sagan, die mir alle gleichermaßen viel Freude gemacht haben, sodass ich mich dafür entschieden habe, nur „Blaue Flecken auf der Seele“ zu rezensieren, obwohl es jedes der Bücher verdient hätte, einzeln erwähnt zu werden.

Darum folgt hier nun eine Auflistung der Romantitel von Sagan, die meinen Sommer eine ganze Ecke schöner gemacht haben: „Chamade“ (1965), „Lieben Sie Brahms…“ (1959), „Ein verlorenes Profil“ (1974), „Blaue Flecken auf der Seele“ (1972), „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ (1970).

J.M. Coetzee

Auch J.M. Coetzee ist keine „Neuentdeckung“ für mich. Vor zwei Jahren habe ich – wieder aus dem Bücherregal meiner Mutter – einen Teil seiner Autobiographie gelesen: „Boyhood“. Im Sommersemester ist Coetzee mir dann erneut begegnet, ich habe gelernt wie man seinen Nachnamen korrekt ausspricht (wenn ich noch richtig transkribieren könnte, würde ich das jetzt hier einbringen, aber so ist es nur ein kurzer Moment des Angebens gewesen) und ich habe mich mit drei weiteren Werken auseinandergesetzt. (Und mit einer Unmenge an Sekundärliteratur, die hier nicht wirklich erwähnt werden will.)

  1. „Summertime“ ist quasi eine Fortsetzung von „Boyhood“ und ein weiteres Teilstück von Coetzees autobiographischen Romanen. Ja, richtig gelesen: autobiographische Romane. Bei diesem Autor ist nichts ganz Fakt und nichts ganz Fiktion. Beide Romane tragen den Untertitel „Scenes from Provincial Life“ und spielen im Südafrika der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
  2. „Disgrace“ ist eine Geschichte über einen Literaturprofessor, der seinen Job und sein Ansehen verliert, nachdem er eine kurze, einseitige Affäre mit einer seiner Studentinnen hatte. Er lässt die Stadt hinter sich und kehrt bei seiner Tochter ein, die ein beschauliches Landleben führt. Die Situation eskaliert, als drei Männer in das Haus eindringen und etwas Unaussprechliches passiert. Ein dünnes Buch, das unzählige Motive hält, von denen eines schwerer verdaulich als das andere ist: Holocaust, Vergewaltigung, Doppelmoral, Rassismus – und Schande. Die titelgebende Schande.
  3. „The Good Story“ ist eine Sammlung von Gesprächen zwischen Coetzee, dem Autor und Literaturwissenschaftler und Mathematiker, und Arabella Kurtz, einer Psychologin, die im interdisziplinären Stil über große Themen sprechen: Wahrheit, Fiktion, die Seele des Menschen. Das Werk ist weder Sachbuch noch Roman, sondern einfach eine Unterhaltung zwischen sehr klugen Menschen, die einander verstehen, aber auch missverstehen, sodass man sich als Leser wie ein stummer Zuhörer fühlen darf.

Sommerlektüre

Leseliste: Sommerlektüre

Ich bin ein Ganzjahresleser und an sich finde ich es auch albern zu behaupten, dass Sommerzeit Lesezeit ist, aber ich merke ja selber, dass ich manche Bücher bevorzugt im Sommer lese – und im Dezember oder Januar nicht unbedingt aus dem Regal ziehen würde. Außerdem haben aufgrund der Sommerferien und den erhöhten Temperaturen, die einen manchmal scheinbar zum Nichtstun verdammen, viele Menschen (mein Vater ist nur mal so ein Beispiel) im Sommer irgendwie mehr Zeit zum Lesen.

Was nun folgt ist eine Auflistung von Büchern, die mehr oder weniger zum Themenfeld „Sommer“ passen – entweder weil sie im Sommer spielen, sich selbst als Sommerlektüre vermarkten oder ganz einfach deshalb, weil sie mich im Sommer besonders herausfordernd aus der Vitrine mit meinen Lieblingsbüchern anschauen.

Die „Sommer“-Trilogie von Jenny Han (2011-2012)

Band 1: Der Sommer, als ich schön wurde

Band 2: Ohne dich kein Sommer

Band 3: Der Sommer, der nur uns gehörte

Man merkt es schon an den Titeln … diese Bücher wollen nicht im Herbst, Winter oder Frühling gelesen werden! Jenny Han ist im letzten Jahr einem breiteren Publikum durch „To All The Boys I‘ve Loved Before“ – dem ersten Band einer anderen Trilogie, der von Netflix verfilmt wurde – bekannt geworden, aber bevor es Lara Jean und ihre Briefe gab, da gab es Belly und den Sommer. Der Name des zweiten Bandes ist bei mir Programm, ich lese diese Bücher ganz nostalgisch jedes Jahr und auch wenn ich mit jedem Jahr mehr und mehr merke, dass ich allmählich zu alt und zu kritisch werde, kann ich mich der Sommer-Teenie-Kitsch-Nostalgie nicht entziehen.

Die drei Bücher erzählen aus dem Leben von Belly, einer zu Beginn Siebzehnjährigen, in deren Leben der Sommer einen besonderen Platz hat, weil sie die Ferien zusammen mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und der Familie der besten Freundin ihrer Mutter verbringt. Das klingt unübersichtlich, aber das ist es nicht, denn diese beiden Familien gehören fest zusammen, gehören in dieses Sommerhaus, an diesen Strand und wachsen dort zusammen, auch wenn sie sich das ganze Jahr über nicht sehen. Während Susanna, die beste Freundin ihrer eigenen Mutter, die Frau ist, die Belly bewundert und über alles liebt, sind ihre Söhne Conrad und Jeremiah, Bellys große Lieben. Auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Es ist eine typische Geschichte über Dreiecke, das Erwachsen-Werden und Trauer. Eine Prise der für amerikanische Jugendbücher manchmal typischen Prüderie wird einem erwachsenen Leser womöglich unangenehm aufstoßen, Bellys Entscheidungen und Gefühle werden weniger nachvollziehbarer mit der Zeit (ich habe die Bücher sicherlich sechs oder sieben Mal gelesen), aber dafür versteht man andere Figuren nach und nach umso besser.

Da ich relativ wenige Bücher in dieser Häufung gelesen habe, erscheint mir Jenny Hans Trilogie mittlerweile womöglich komplexer und irgendwie auch magischer als sie ist und ich will gar nicht leugnen, dass es ein bisschen trivial zugeht … aber schön ist es trotzdem.

Tschick von Wolfgang Herrendorf (2010)

„Tschick“ ist eines dieser Bücher, an denen wohl fast niemand vorbeikommt. Und wenn man das schlichte Cover und den Titel, der erst einmal ratlos stimmt, nur aus dem Augenwinkel mal in einer Buchhandlung gesehen hat, irgendwie kennt man es wohl doch. Wenigstens ging es mir jahrelang so, ehe ich mir das Buch dann endlich gekauft und es verschlungen habe.

Erzählt wird die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei ungleich-gleichen 14-jährigen Jungen, die in einem alten Auto (einem Lada in komplett desaströsem Zustand, wenn man es mal ehrlich sagt wie es ist) in die Walachei fahren wollen. Warum sie das wollen ist gar nicht so wichtig, sie machen es, das zählt. Der Erzähler ist Maik Klingenberg, der eigentlich aus einer Wohlstandsfamilie kommt und cool sein könnte, wenn da nicht seine alkoholkranke Mutter, sein Vater und dessen junge neue Sekretärin und Maiks eigene, übers Ziel hinausschießende Ehrlichkeit wäre, der er in einem Aufsatz über die Krankheit seiner Mutter vor seiner ganzen Klasse Ausdruck verliehen hat. Und dann ist da „Tschick“, der extrem unsolide Tschick, der Neue in der Klasse, dessen Nachnamen niemand so richtig aussprechen kann und der in einer weniger schönen Ecke der Stadt wohnt. Maik selbst identifiziert Tschick schnell als „Asi“ und ist zuerst schockiert, als Tschick sich ihm irgendwie annähert, aber aus gnadenlosem Misstrauen wird irgendwie so etwas wie Freundschaft. Und mehr kann und will man gar nicht sagen, um nichts von der Handlung vorwegzunehmen.

Der Roman, der mittlerweile sogar als Schullektüre für die Mittelstufe gängig geworden ist, beweist meiner bescheidenen Ansicht nach, dass auch alte Männer glaubhafte Jugendbücher schreiben können. Es ist eine schön konstruierte Geschichte mit spannenden Figuren, deren Abgründe angemessen angedeutet aber nicht überspitzt werden, alles bleibt ein bisschen rätselhaft und der Leser wird an Maik gebunden, der nicht alles in der Welt so richtig versteht und viele Dinge mit einer scharfsinnigen Naivität betrachtet, die herzerfrischend und angenehm ist und die stumpfsinnige Autofahrt der beiden Jungen erst zu einem richtigen Abenteuer macht.

„Der Junge“ von J.M. Coetzee (1997)

Der Untertitel von Coetzees autobiographischem (und fiktionalisiertem) Roman ist „Eine afrikanische Kindheit“ und man mag mir jetzt subtilen Rassismus vorwerfen, weil ich einen südafrikanischen Roman als Sommerlektüre verkaufen will, aber so ist es nicht gemeint. Eine Tatsache ist einfach, dass mir das Buch im letzten Sommer in die Hände gefallen ist und ich die Episoden einer Kindheit, die logischerweise so ganz anders war als meine eigene, gerne im Garten gelesen habe, weil ich mir an der frischen Luft und in der Sonne sitzend unbekannte Landschaften besser vorstellen kann als in geschlossenen Räumen. Und „so ganz anders“ oder „fremd“ oder was für schlimme Wörter man noch finden kann, um sich als europäischer Mensch unbeliebt zu machen, waren die kleinen Geschichten aus dem Leben des jungen Autors gar nicht. Kindheitsbiographien sind immer literarische Konstruktionen – und manchmal sind es wirklich gute Konstruktionen. Manchmal will man dank den Geschichten über ein Kind mehr über den ganzen Menschen und seine ganze Umgebung erfahren.

Coetzee erzählt nicht nur für ein Publikum, das mit seiner Lebenswirklichkeit vertraut ist sondern erläutert auch immer wieder Dinge, die jemandem merkwürdig oder unverständlich erscheinen könnten, der keine „afrikanische Kindheit“ erlebt hat – und gleichzeitig schafft er es besondere Anekdoten so zu erzählen, dass sich die kleinen Kinder-Gedanken irgendwie vertraut und schlüssig anfühlen.

Ich habe zwar ein Jahr gebraucht, aber bald werde ich mit „Summertime“ von J.M. Coetzee anfangen und vielleicht erfolgt dann noch eine einzelne, detaillierte Rezension.

„Call Me By Your Name“  von André Aciman (2007)

Ich habe den Film gesehen und ich habe das Buch gelesen und so richtig hundertzehnprozentig verstehe ich den Titel immer noch nicht – aber viel mehr kann man an „Call Me By Your Name“ nicht bemängeln. (Womöglich bin ich auch einfach nur zu blöd.) Aciman, der seines Zeichens eigentlich vergleichender Literaturwissenschaftler (Komparatist) ist und seine Leser das auch spüren lässt, erzählt die Geschichte von Oliver und Elio und diese Geschichte ist ganz schön aufregend. Aus mehreren Gründen.

  1. Es ist eine schwule Liebesgeschichte.
  2. Oliver ist ein erwachsener Mann und Elio braucht dafür noch ein paar Jahre.
  3. Es ist ungeheuer romantisch und subtil.
  4. Es ist ungeheuer explizit, wenn man ein wenig Vorstellungskraft hat.
  5. Obst wird zum Gegenstand sexueller Aktivitäten. Stichwort Pfirsich. Wer Pfirsiche tagtäglich und gerne isst und einen schwachen Magen hat, der sollte womöglich doch Abstand von dieser Leseempfehlung nehmen. (Ein YouTube-Video mit dem Titel „Peach Scene“ hat über 800.000 Aufrufe. Ist also schon essentiell und ein Hype.)

Dieser Roman ist keine leichte Kost und das will er auch gar nicht sein. Es ist eine Liebesgeschichte, ja, es ist Sommer, zweimal ja, aber deswegen wird einem das Herz nicht mit jeder umgeschlagenen Seite leichter. Ganz im Gegenteil. Aber man kann trotzdem nicht aufhören weiterzulesen.

„Sommerschwestern“ von Judy Blume (1998)

Ja, hier wird es trivial. Aber ist das so schlimm? Ich denke nicht, denn Judy Blume hat vielleicht eine einfache Sprache, aber das macht es noch lange nicht schlecht. Im Gegenteil. Ich habe vor einem Jahr einfach mal blind ein paar Bücher von Judy Blume billig ersteigert, weil ich wissen wollte, was an dem Mythos dran ist. Jugendbücher? Sexualität jugendgerecht verpackt? Und das alles in den 70ern und in Amerika? Und dann ist Judy Blume auch noch die heimliche Lieblingsautorin von Belly in „Der Sommer, als ich schön wurde“? Eine unheimliche krasse Person muss das sein, dachte ich, und so richtig enttäuscht wurde ich nicht. Denn irgendwie sind Judy Blumes Bücher (wenigstens die, die ich mittlerweile kenne) immer noch krass.

„Sommerschwestern“ erzählt die Geschichte von Vix und Caitlin. Zwei grundverschiedene, aber beste und unzertrennliche Freundinnen, die nicht nur miteinander aufwachsen im Sinne von am selben Ort, zur selben Zeit und in freundschaftlicher Verbundenheit sondern wirklich miteinander. Die Erfahrungen der einen prägen das Leben der anderen, gemeinsam entdecken sie ihre Sexualität, teilen erste Berührungen und erste Schwärmereien für Jungen, die der schüchternen Vix unerreichbar erscheinen und für Caitlin kleine Eroberungen sind. Die beiden Mädchen entsprechen heftigen Gegensätzen, ganz unterschiedlichen Typen von Frauen und trotzdem halten sie aneinander fest. Umso tragischer erscheint es dem mitfühlenden Leser, wenn die Wirklichkeiten der beiden Mädchen auseinanderdriften, gesellschaftliche und familiäre Aspekte eine größere Rolle einnehmen als die Freundschaft und sich die beiden Mädchen als Frauen schließlich entfremden. Das Hin und Her von extremer Nähe und extremer Distanz wird glaubwürdig geschildert und auch wenn sich der Roman zwischendrin nach mutigem Jugendbuch und wilder Seifenoper anfühlt, ist die Geschichte am Ende des Tages mitreißend und lässt den hart-gesottenen Leser mit rationalen Kritikpunkten und irritiertem Herzen zurück.

Also ein klarer Fall von leichter Kost, die einen schwer treffen kann, wenn man bereit ist den „Sommerschwestern“ (mit aufgetautem Herzen und von den sommerlichen Temperaturen erschöpftem Verstand) eine Chance zu geben.

„Mein Ein und Alles“ von Andrea Camilleri (2014)

„Mein Ein und Alles“ ist ein hauchdünner Roman, der alles bietet, was man sich von einem brutalen, romantischen Thriller erhofft: Erotik, Blut, True-Crime-Vibes und Phantastik. Am Ende merkt man, dass sich die Handlung in ein oder zwei Sätzen erzählen ließe, aber die Art und Weise wie Camilleri von der schönen Arianna und ihren Abgründen erzählt ist einfach besser als diese ein oder zwei Sätze, die man sich ausdenken könnte.

Arianna ist das Epizentrum der Geschichte. Einerseits scheint sie ganz Kind zu sein, obwohl sie eine erwachsene, vergebene Frau ist, andererseits ist ihre Sexualität eines ihrer präsentesten Merkmale. Arianna und ihre wilden Spiele, die von Giulio, der sie über alles liebt, toleriert und organisiert werden, sind plakativ und erst die Rückblenden in Ariannas undurchsichtige Vergangenheit verleihen der seltsamen Liebe zwischen Arianna und Giulio Tiefe.

„Mein Ein und Alles“ ist bis zum letzten Wort nicht auserzählt und die perfekte, drastische Lektüre für einen öden Sommernachmittag. Denn mehr als einen Nachmittag braucht man nicht, auch wenn man kein rasanter Leser ist.

Leseliste: Guy de Maupassant

Leselistenthema: Guy de Maupassants Novellen

Es gibt Phasen, in denen reicht die Zeit, Energie oder sogar die Leselust einfach nicht, um sich einem dicken Wälzer zu widmen. Vielleicht liest man auch mal ein Buch, das einen nicht so richtig mitnimmt, das man aber dennoch nicht ganz aus der Hand legen möchte – und dann sucht man nach Ablenkung. Kurzer Zerstreuung. In diesen Phasen lese ich entweder ein Buch, das ich schon kenne und sehr liebe – oder ich greife zu einer Sammlung kurzer Geschichten. Das ist der Mythos wie ich an Guy de Maupassant geraten bin, aber die Wahrheit ist ganz einfach, dass ich mich gerade aufgrund meines Studiums mit ihm beschäftigen „muss“ – und das wirklich gerne tue.

Guy de Maupassants Hauptwerk sind seine Novellen, die ich persönlich als unzählbar empfinde, deshalb gibt es keine konkrete Zahl von mir an dieser Stelle. Aus akademischem Überschwang heraus habe ich mir zwei Bände mit seinen Novellen geholt, die in dem Zeitraum von 1882 bis 1883 sowie von 1887 bis 1889 entstanden sind. In dieser Liste möchte ich zunächst die von mir favorisierten Novellen aus dem Zeitraum von 1882 bis 1883 vorstellen. Aufgrund des Alters der Novellen und Maupassants Status als französischer Klassiker, sind viele dieser kleinen Geschichten online zu finden. Auf Links verzichte ich aus ästhetischen Gründen. (Und weil ich keine Ahnung habe, ob man das Gutenberg-Projekt bewerben darf … upps.)

Madame Baptiste

Ein Reisender wartet in einer fremden Stadt auf seinen Zug und beobachtet dabei einen bemerkenswert kleinen Trauerzug. Er schließt sich dem halben Dutzend Trauergäste an, die eine junge Frau zu Grabe tragen und lässt sich die tragische Geschichte ihres Lebens und die Umstände ihres selbst gewählten Todes erzählen. Ohne viel Kitsch sondern beinahe lakonisch wird von dem Stigma der „Madame Baptiste“, den seelischen und gesellschaftlichen Folgen von sexuellem Missbrauch berichtet.

Meine Frau (Originaltitel: Ma femme)

Eine Gruppe alter Freunde sitzt beisammen und schwelgt in Erinnerungen an ihre wilde Jugend. Obwohl sich damals alle Männer einig waren, dass sie niemals heiraten und unglückliche Ehemänner werden wollten, sind sie im Laufe der Jahre alle vor den Traualtar getreten. Einer von ihnen, dessen Ehefrau ihm von seinen Freunden geneidet wird und der doch am längsten Junggeselle geblieben ist, berichtet von den Zufällen, unter denen er an seine Braut geraten ist. Eine lustige kleine Geschichte über die gesellschaftlichen Zwänge und die bürgerliche Moral des ausgehenden 19. Jahrhunderts – mit einem nicht ganz undankbaren, nicht ganz unglücklichen Ehemanns als Erzähler.

Der Kuss (Originaltitel: Le Basier)

Eine Abhandlung voller Weisheiten über das richtige Timing eines Kusses. Die selbsternannte „alte Tante“ Colette unterrichtet ihre Nichte postalisch darüber, dass man mit Küssen sparsam sein muss, um den Gatten nicht zu verschrecken. Eine amüsante Novelle über das „Nur Rares ist Wahres“-Denken, das immer noch nicht ausgestorben ist. Alleine für den Ausdruck „Marterkuss“ lohnt sich das Lesen. Außerdem hat man danach das Gefühl mit seinen eigenen, stets um gute Ratschläge bemühten Verwandten gesprochen zu haben.

List (Originaltitel: Rouerie)

Eine Geschichte über weibliche List und Tücke. Wenn man mehr sagt, dann verrät man quasi schon alles. Nicht wirklich misogyn, sondern fast schon voller Ehrfurcht erzählt. Deswegen hier ausnahmsweise mal ein kleines Zitat: „Ich bin von einer einfachen Kleinbürgersfrau übertölpelt worden, und zwar auf eine zugleich spaßhafte und meisterliche Weise. Ich will Ihnen die Geschichte erzählen, damit Sie daraus lernen.“

Überhaupt hat man eigentlich nach jeder kleinen Geschichte das Gefühl etwas über Menschen im Allgemeinen gelernt zu haben. Die Figurentypen aus Maupassants kleinen, unerhörten Geschichten sind zwar nicht mehr so ganz auf der Höhe der Zeit, aber in den Geschichten steckt immer noch mehr als ein Fünkchen Wahrheit. Und gehaltvoller als ein Blick durch die gängigen Illustrierten, die über Begebenheiten aus dem Leben prominenter Menschen berichten, ist es allemal. (No offense, ich lese beides.)

Leseliste: „Drogenliteratur“

Leselistenthema: Drogen und Sucht

Zum Auftakt meiner (hoffentlich stetig wachsenden) Listensammlung habe ich mich für ein wenig erbauliches, aber trotzdem immer wieder lesenswertes Thema entschieden, über das es viele, aber trotzdem nicht genug Bücher gibt: Drogen und Sucht. In der Liste werden sowohl Jugendbücher, als auch Autobiographien und belletristische Werke bunt durchmischt. Es ist keine hierarchische Auflistung, sondern eine gleichwertige Präsentation aller Bücher.

Panikherz – Benjamin von Stuckrad-Barre (2016)

Benjamin ist in einer beschaulichen Ecke Deutschlands, einem irgendwo im niedersächsischen Nirgendwo, aufgewachsen und er sehnt sich nach der großen weiten Welt, nach Anerkennung und Ruhm und Glamour. Als das jüngste von vier Kindern einer Pastorenfamilie aufzuwachsen, Vollkornbrote zu essen und in der Schule eher so mittelprächtig zu sein, ist nämlich alles andere als glamourös. Mit 30 Jahren hat Benjamin es geschafft: er hat sein Kindheitsidol Udo Lindenberg kennengelernt, er lebt in einer Großstadt, er kann einen Verlag auf seinen nächsten Roman warten lassen und er ist endlich cool. Außerdem ist er abhängig, hat seinen zweiten Entzug unbeeindruckt hinter sich gebracht und fühlt sich immer noch zu dick, obwohl ihm mittlerweile niemand mehr sagt, dass er aber schön dünn geworden ist.

Panikherz ist mehr als die autobiographische Beichte eines bekehrten Abhängigen, sondern ein Querschnitt durch die deutsche Popkultur der 80er, 90er und 2000er Jahre. Das Name-Dropping und die Zitate sind überbordend und stellen manchmal sogar das eigentliche Thema in den Schatten. Aber Benjamin ist ein guter Erzähler, er erinnert den Leser immer daran, dass er süchtig ist – nach Aufmerksamkeit, nach Blitzlicht, nach Kokain und danach dünner zu werden. An dem Romane sind gleich mehrere Dinge besonders: der Protagonist überlebt seine Sucht und er erzählt seine Geschichte auf eine erwachsene, ehrliche und trotzdem distanzlose Weise, der man sich nur schwer entziehen kann. Schlussendlich ist man zwar nicht unbedingt dazu geneigt Benjamin, den Erzähler, sympathisch zu finden, aber man muss Benjamin von Stuckrad-Barre, dem Autor, seinen Respekt dafür zollen, dass er sich selbst nicht in Schutz nimmt. Gleichzeitig erinnert man sich dann daran, dass die Probleme des Erzählers damit angefangen haben, dass er sich immer ein bisschen zu schlecht, irgendwie unzulänglich, zu dick, zu träge gefühlt hat. Und dann wünscht man sich irgendwie doch, dass Panikherz mit einem selbstbewussteren, selbstliebenderen Unterton geschrieben worden wäre, auch wenn es dann ein grundlegend anderes Buch geworden wäre

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – Christiane F. (1978)

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo ist natürlich der Klassiker der deutschen „Drogenliteratur“ schlechthin und genau deshalb darf es auf dieser Liste nicht fehlen, auch wenn gerade vielleicht irgendjemand vor dem Bildschirm mit den Augen rollt oder gähnt, weil es so verdammt offensichtlich war, dass ich diesen Titel anbringen werde. Aber dafür gibt es auch einfach genug Gründe – angefangen damit, dass Wir Kinder vom Bahnhof Zoo das erste Buch gewesen ist, in dem es um Drogenabhängigkeit geht, das ich gelesen habe. Und ich habe es im klischeehaften, ultimativen Setting gekauft: Berlin. Herbst. Pubertät. Vielleicht war ich deshalb so schwer beeindruckt, so tief getroffen und so eigenartig fasziniert. Aber vielleicht kann man sich der Geschichte auch einfach nur schwer entziehen, selbst wenn man 35 Jahre nach Christiane F. und somit in einer komplett anderen Generation geboren wurde.

Erzählt wird die Geschichte von Christiane, die in einer schäbigen Ecke von Berlin aufwächst (Hundekacke im Flur, ich sage es nur, das werde ich nie vergessen, das ist für mich das Sinnbild von einer schlechten Wohnlage, auch wenn es definitiv Schlimmeres gibt), in keine ganz einfache Familie hineingeboren wurde und dann mit 13 Jahren zum ersten Mal Heroin nimmt. Die drogenabhängigen Kinder (man darf bei Jugendlichen, die durchschnittlich 13 oder 14 sind, durchaus noch von Kindern sprechen), die sich am Bahnhof Zoo prostituieren, um das Geld für den nächsten Schuss zu kriegen, die verliebt und trotzdem alle völlig abgestumpft sind, die leben und trotzdem sterben, sind keine Figuren, sondern echte Kinder.

Und die Lebensgeschichte einer 16-jährigen ist ja leider nur dann interessant, wenn in den ersten sechzehn Lebensjahren irgendetwas besonders Schlimmes oder besonders Schönes passiert ist. Bei Wir Kinder vom Bahnhof Zoo steht – anders als bei Panikherz – gar nicht zur Diskussion, ob Christianes Leben irgendwie beeindruckend oder glamourös sein könnte. Wer danach der Idee von Abhängigkeit noch irgendetwas Romantisches oder Reizvolles abgewinnen kann,  der muss schon eine ganz eigentümliche Art von Ignoranz mitbringen. Ich bin jedenfalls bis heute kein zweites Mal nach Berlin gefahren.

Candy – Kevin Brooks (2005)

Es ist ehrlich gesagt schon relativ lange her, dass ich dieses Buch zum letzten Mal in der Hand hatte, aber ich kann mich trotzdem immer noch relativ gut an die Handlung erinnern – und das spricht doch für sich, oder? Der Erzähler ist in diesem Fall nicht der oder die Abhängige selbst, sondern der gut behütete, musikalische 16-jährige Joe, der zufällig Candy kennenlernt. Von der ersten Sekunde an ist er von ihr fasziniert und auch extrem eingeschüchtert, weil er (man verzeiht es ihm sofort) unbeholfen im Umgang mit Mädchen ist. Joe ist zurückhaltend, schüchtern, intelligent – und von Candy überfordert. Trotzdem verabreden sie sich irgendwie, gehen zusammen in den Zoo und ganz langsam bekommt Joe Einblick in Candys Welt, die so ganz anders ist als seine eigene. Candy ist eine minderjährige, heroinabhängige Prostituierte, die sich die Fassade eines normalen Mädchens aufbauen will, das mit einem normalen Jungen zusammen sein kann.

Ich bin kein uneingeschränkter Fan von Kevin Brooks Jugendbüchern, weil mir irgendwie immer das gewisse Etwas fehlt. Seine Erzähler sind keine leichtfertigen, humorvollen Figuren, sondern wie Joe immer ernsthaft und eher verhalten. Auch Candy kommt ohne besonders viel Sinn für Humor aus und ist vielleicht gerade deshalb lesenswert. Joe ist ein Romantiker, aber Candy ist es nicht und deshalb hat man am Ende nicht das Gefühl, dass man gerade eine Liebesgeschichte gelesen hat. Candy thematisiert nicht nur Abhängigkeit (von Drogen und von Menschen), aber die Sucht gerät bei aller Handlung und dem zunehmend stärkeren Fokus auf den Prostitutionsalltag von Candy nicht in Vergessenheit.

Junk – Melvin Burgess (1996)

Gemma und Tar sind verliebt. Gemma und Tar laufen weg, um ein neues, perfektes Leben zu finden, in dem Tars gewalttätiger Vater und Gemmas kontrollsüchtige Eltern nicht existieren. Sie werden Teil einer Gruppe Jugendlicher, die Häuser besetzen und Heroin nehmen.

Junk legt den Fokus nicht darauf zu erzählen, aus welchen Gründen Gemma und Tar abhängig werden, sondern zeigen verschiedene „Typen“ von Abhängigen. Gemma und Tar sind immer noch verliebt, aber während Tar beharrlich zu leugnen versucht wie viel er konsumiert und sich für seine Sucht schämt, verliert sich Gemma in der Sozialisation der Abhängigen. Die Spielräume von Entzug, Prostitution und der Schwangerschaft einer Süchtigen werden drastisch aufgezeigt. Die Parallelen zu Wir Kinder vom Bahnhof Zoo sind gegeben, aber der Erzählstil ist ganz anders. Durch die verschiedenen Blickwinkel und damit einhergehenden Haltungen aus denen Junk erzählt wird, fühlt der Leser sich den Figuren nicht so nah wie Christiane. Das, was tatsächlich passiert, ist konkreter und klarer beschrieben als das, was die Figuren fühlen und was sie bewegt – denn das ist ehrlich gesagt manchmal gar nicht so besonders viel. Man kann zwar nachvollziehen, warum Gemma und Tar so sind wie sie sind, aber man sieht sie weniger als Individuen, sondern als Stellvertreter für verschiedene Werdegänge Süchtiger.

Fragt mal Alice (1971)

Fragt mal Alice ist das Tagebuch von Alice, die eigentlich ein kluges Mädchen mit normalen Wünschen und Problemen ist. Sie sehnt sich nach Freunden, ein bisschen Freiheit und danach, dass sie irgendjemand versteht. Dabei gerät sie geradewegs in einen Teufelskreis. Aus Freunden werden andere Süchtige, aus ein bisschen Freiheit wird die Flucht vor ihrer Vergangenheit und Anonymität in einer fremden Stadt. Alice versteht sich selbst nicht mehr, aber nach und nach realisiert sie, dass sie ein Problem hat.

Fragt mal Alice ist ein Buch, das schnell gelesen, aber nicht schnell verdaut ist. Obwohl es noch nicht lange her ist, dass ich es in der Hand gehabt habe, sind mir viele Details verloren gegangen, ich erinnere mich nicht mehr genau an die Handlung, aber dafür umso intensiver daran, dass man mit jedem neuen Tagebucheintrag das Gefühl bekommt, dass gerade etwas ganz gehörig schief läuft.  

Noch mehr Bücher zu diesem Thema:

  • Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung – Valentina d’Urbano (2012)
  • Wie im Rausch – Diane Tullson (2004)
  • Die Nackten – Iva Procházková (2008)
  • Unter Null – Bret Easton Ellis (1985) … und eigentlich auch alle anderen Bücher von Bret Easton Ellis

Und zum Abschluss noch eine Liste mit Büchern, die ich noch nicht kenne, aber in naher oder ferner Zukunft noch lesen möchte:

  • Trainspotting – Irvine Welsh
  • Crank  – Ellen Hopkins
  • Zwölf – Nick McDonell