Kurzgeschichte: Eine Weltreise 1953

Eine Weltreise 1953

„Als wir 20 waren, da wussten wir gar nicht, wie groß die Welt eigentlich ist. Auf unseren Landkarten gab es keine weißen oder schwarzen Flecken mehr, stattdessen waren da Orte, deren Namen wir nicht aussprechen konnten. Also haben wir es lieber gar nicht erst versucht, über das Unbekannte geschwiegen und sind zuhause geblieben. Unsere Welt war nicht so klein wie die Welt unserer Eltern oder Großeltern, aber wir haben sie klein gehalten. Warum woanders hingehen? Hier ist es doch gut. Wir haben doch alles.

1953, da war ich so alt wie du jetzt und meine Freundinnen, die waren alle verlobt oder hatten einen Jungen, dem sie besonders gefallen. Ich habe immer gerne gesungen und weil es im Ort ja auch sonst nicht viel zu tun gab, bin ich dem Chor beigetreten. Du kannst nicht singen, oder? Ich hatte eine klare Altstimme, meine Freundinnen haben alle Sopran gesungen und ich war manchmal neidisch, weil ich immer weiter hinten stehen musste. 1953, da sind wir nach Rothenburg ob der Tauber gefahren, eine Musikreise, die unsere Chorleiterin organisiert hat, da haben wir mit einem Chor junger Herren zusammen gesungen. Mit 20 Jahren bin ich zum ersten Mal verreist und habe meine Eltern zehn Tage lang nicht gesehen. Es war keine Weltreise, wir waren ja nicht einmal am anderen Ende des Landes, aber als ich deinen Großvater kennengelernt habe, da dachte ich, das wird doch nie werden. Das kann doch gar nicht sein. Das ist doch viel zu weit weg. Ich wollte seine Aufmerksamkeit nicht auf mich lenken, das hat man damals einfach nicht gemacht, aber er hat so fürchterlich schief gesungen. Im ganzen Chor gab es nur drei Tenöre und er war einer davon und mit Abstand der lauteste. Und der schlechteste. Ich war früher ja so albern und ich konnte nicht aufhören zu giggeln und da hab ich natürlich die ganze hintere Reihe mit angesteckt. Nein, war das komisch. Das werde ich nie vergessen!

Und du weißt ja wie dein Großvater ist, der ist ja immer ganz ernst und kann es nicht ertragen, wenn man über ihn lacht und fühlt sich gleich verspottet. Ganz grimmig geguckt hat er, als wir am letzten Tag in unseren Reisebus gestiegen sind, aber irgendwen muss er nach meiner Adresse gefragt haben, denn zwei Wochen später kam ein Brief von ihm. Besonders freundlich war er nicht, aber er hat mir ein Kompliment über meine Singstimme gemacht und mich darauf hingewiesen, dass ich an diesem herrlichen Abend, an dem wir wohl in einer Kirche gesungen haben, in der er jeden Sonntag ist, nicht nur meine Fassung verloren habe, sondern auch ein Halstuch. Er wollte es mir nicht gleich nachschicken, da er nicht sicher war, ob er die richtige Anschrift bekommen hatte und deswegen musste ich ihm antworten oder mein Tuch verloren geben.

Ich habe mir mit meiner Antwort ein bisschen zu viel Zeit gelassen, aber da gab es diesen Bruder meiner Nachbarin. der mir sehr gefiel und ich habe mich ganz mutig gefühlt, weil ich an manchen Tagen an zwei Männer gleichzeitig gedacht habe. Im September wurde es dann plötzlich kalt und meine Mutter hat mit mir geschimpft, wann immer ich ohne mein Halstuch aus dem Haus gegangen bin. Es war mein bestes Tuch, ein Geschenk meiner Patentante, die auch bald fragen würde, ob ich es verlegt habe. Also habe ich einen kurzen, höflichen Brief verfasst und innerhalb von einer Woche eine lange Antwort bekommen – und ein Päckchen mit meinem Tuch. Ich hatte meinen Besitz wiederbekommen, es gab also keinen Grund mehr, einen Brief zurückzuschreiben, aber ich wollte nicht undankbar sein und der Bruder meiner Nachbarin war für seine Lehre in eine andere Stadt gezogen, also habe ich mich noch einmal recht herzlich bedankt.

Danach war erst einmal Ruhe, aber an Weihnachten kam der nächste Brief. Darin waren ganz viele Fragen zu meiner Person, nichts ungeheuer Privates, aber er wollte wissen, was mein Vater beruflich macht, wann ich Geburtstag habe, ob ich ein Haustier habe, allerhand solche Sachen eben. Und wie du weißt, ist mein Geburtstag ja am 31. Dezember … das habe ich ihm auch ehrlich so geschrieben und was habe ich gestaunt, als noch am Morgen von meinem 21. Geburtstag ein Päckchen für mich bei der Post angekommen ist!

Ganz gründlich muss er meinen Brief gelesen haben, denn er hat mir ein hübsches Halsband für meinen Hund, damals hatte ich so einen kleinen Spitz, geschickt, das genau dieselben Farben wie mein Halstuch hatte. Das war so aufmerksam, dass ich ein bisschen geweint habe und bei der Neujahrsmesse, da hab ich immer wieder die falschen Strophen gesungen, weil ich mir ständig vorgestellt habe, wie dieser grimmige Mensch in ein Geschäft mit Hundehalsbändern geht und eines für mein Hündchen aussucht.

Ab sofort haben wir uns jede Woche Briefe geschrieben. Mein Vater hat geschimpft, weil man Briefmarken nach Franken damals noch teuer fand und weil er es ehrlich gesagt auch gar nicht mochte, dass ich einem jungen Mann schreibe, dessen Familie er gar nicht kennt und von dem er keine Vorstellung hat. Einige meiner Briefe wollte er sogar lesen, um sich ein Bild von meinem „Verehrer“ zu machen.

Als unser Chor an Pfingsten wieder die Reise nach Rothenburg unternommen hat, da haben meine Eltern schon gedacht, dass ich gleich dort bleibe und sie mich nie wiedersehen, aber das konnte ich ihnen nicht antun, ich war ja ein Einzelkind und meine Mutter hing sehr an mir und ich auch an ihr.

Viermal bin ich vor meiner Verlobung noch nach Hause zurückgefahren, aber das Zugfahren hat mich gelangweilt und ganz unglücklich gemacht und die Kosten waren auch nicht tragbar, darum habe ich meine wichtigsten Sachen in zwei Koffer gepackt, mich von meinen Freundinnen und meinen Eltern verabschiedet und bin nach Rothenburg gefahren. Mein Hündchen musste ich zurücklassen, das war das Schlimmste für mich.

Du willst gar nicht wissen, wie oft ich mir in den letzten sechzig Jahren gewünscht habe, noch einmal 20 zu sein und alle Entscheidungen noch vor mir zu haben. An manchen Tagen denke ich mir, ich würde hier bleiben, zusehen wie mein Hund alt wird und sein hübsches Halsband bewundern, wenn ich mit ihm spazieren gehe und dabei dem Bruder meiner Nachbarin vorsichtig zuwinke.

Aber ich erzähle dir das nicht, damit du hier bleibst und ich dich öfter sehen kann, auch wenn dein Großvater dir das einreden will, so eine Egoistin bin ich nicht. Du sollst dir nur jemanden suchen, der dich freiwillig zum Lachen bringt und keinen, der sich darüber beklagt, dass du albern bist. Such dir vielleicht auch direkt jemanden, der gerne an Orte reist, deren Namen er nicht aussprechen kann. Oder jemanden, dessen Namen du nicht aussprechen kannst.“

Kurzgeschichte: Auf Einmalwiedersehen

Auf Einmalwiedersehen

Früher war der Himmel blau. Sie sollte sich nicht daran erinnern können. Für sie sollte es kein „früher“, kein „damals“ und keine „gute alte Zeit“ geben. Nicht zum ersten Mal fragt sie sich, wem da wohl ein Fehler unterlaufen ist und wieso. Sie ist defekt und deshalb darf sie nicht mit gesunden Menschen sprechen. Sie darf sich nicht anmerken lassen, dass sie sich an ihre Geschichten, ihre Namen und ihre Gesichter erinnern kann. Sie muss alles löschen.

Man muss wirklich vorsichtig sein. Wenn die Kunden zu ihr kommen, dann darf ihr nichts herausrutschen. Sie darf ihnen nicht sagen, dass sie abgenommen haben oder dass sie ihre neue Brille mag. Sie muss ihnen immer dieselben Fragen stellen. Das Protokoll ist nicht zu „sprechen“. Alle Abweichungen sind verboten.

Amadeus sieht sie am liebsten. Er verändert sich kaum und deshalb kann sie sich ein wenig gehen lassen. Außerdem hat er die Eigenart, nie zweimal in einem Zyklus dasselbe Getränk zu bestellen. Das ist gut, denn dadurch kann sie sich nicht an diese Kleinigkeiten gewöhnen. Sie muss sich von ihm überraschen lassen und das ist meistens der aufregendste Moment der Woche. Alle anderen Komplimente, Maschen, Wünsche und Leidensgeschichten kennt sie auswendig.

Es ist ein Montag und montags ist der Himmel rosa. An Montagen bleibt Amadeus zuhause. An Montagen bleiben die meisten Kunden zuhause, denn sie sind pflichtbewusst, obwohl sie ihre Dienste begehren. Leider verirren sich immer ein paar nichtsnutzige Seelen, die ihr Denken in Anspruch nehmen. Denken ist erlaubt. Fürs Denken wird sie bezahlt. Ihre Vorstellungskraft ist außerordentlich und deshalb wurde sie noch nicht verschrottet. Die Kunden fragen gezielt nach ihr, weil sie mehr Farben bieten kann als die anderen Mädchen.

In ihrer Krankenakte, die sich mit ihren Defekten auseinandersetzt, ist vermerkt, dass die Patientin glaubt, Erinnerungen zu besitzen, aber höchstwahrscheinlich nur an einem Übermaß von Fantasie erkrankt ist. Ein Übermaß an Fantasie. Das ist eine Gabe und eine Diagnose zugleich.

„Ich bin farbenblind. Die Dame am Empfang sagte, dass du mir da besonders gut weiterhelfen könntest.“ Man sieht ihm nicht an, dass er farbenblind ist. Farbenblindheit ist mittlerweile so gängig wie Kurz- oder Weitsichtigkeit es früher war und die meisten Farbenblinden ziehen sich entweder einfarbig an oder lassen sich vor dem Kauf beraten, sodass sie nur schwarze und weiße Kleidungsstücke besitzen. Das macht das Kombinieren einfacher. Einige andere ignorieren ihre Schwäche komplett. Diese Exemplare erinnern sie an Zirkusclowns. Aber dieser Gast ist anders. Das satte Grün seines Hemdes passt zu seinen Augen. Seine Hosenträger sind braun, doch die Hose selbst ist schwarz. Die Schuhe haben beinahe denselben Braunton wie die Träger und die Socken, von denen man einen Streifen unter den Hosenbeinen erahnen kann, sind hellgrün. Ein außergewöhnlich harmonischer Anblick. Die Schuhe passen sogar zu seinen Augen. Sie ist beeindruckt, auch wenn sie seine Stimme nicht mag. Sie kratzt. Wie eine alte Schallplatte. Sie beißt sich auf die Unterlippe. Sie muss aufhören an Schallplatten zu denken, ehe die Sitzung beginnt. „Wie ist dein Name?“

„Mein Name ist Maria.“ Das darf sie sagen. Sie muss ihre Produktionsnummer verschweigen, denn es gibt keine funktionalen Exemplare mehr, die vor 2025 hergestellt wurden.

„Kannst du mir helfen, Maria?“

„Ich kann dir helfen.“ Sie setzt sich auf ihre Knie und hält ihm ihre Hände entgegen. Sie muss nichts erklären, das ist nicht ihre Aufgabe. Die Kunden werden am Empfang nach ihren Wünschen und ihrem Preislimit befragt. Sobald sie hinreichende Antworten gegeben haben, werden sie instruiert und über den Vorgang aufgeklärt, insofern sie nicht ohnehin wissen, was sie erwarten können und was nicht. Sie ist sehr froh, dass sie solche Gespräche nicht führen muss. Alle Empfangsdamen sind 2030er. Für sie hat der Himmel schon immer seine Farben gewechselt und für sie gab es immer nur Tage, Wochen und Monate. Keine Jahre. Keine Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende. Am Ende jeden Monats werden die Erinnerungen gelöscht. Oder zumindest probiert es jedes Mal wieder ein fleißiger, junger Mann, der zwei Augenklappen trägt und versucht sie zu synchronisieren. Zu heilen.

Der Gast, dessen Namen sie nie erfahren wird, falls er sich ihr nicht vorstellt, setzt sich ihr gegenüber. Er ist zum ersten Mal hier. Vielleicht kommt er wieder. Falls er wiederkommt, wird er sie nicht wiedererkennen. Möglicherweise wird er auch einem anderen Mädchen zugewiesen, weil seine Wünsche sich nach seiner Synchronisation verändert haben. Das kann man nie wissen. Nicht alle Männer sind so zuverlässig wie Amadeus.

Seine Hände sind kalt und seine Nägel wurden seit mindestens drei Wochen nicht geschnitten. Vermutlich wird es jemand bei der nächsten Synchronisation für ihn tun und ihm einflüstern, dass Nagelpflege wichtig ist, wenn man seine Traumspenderin nicht verletzen will. Träume spenden, so nennt sie das, der offizielle Name für das, was sie tut, ist ein anderer. Sie stellt ihre Fantasie zur Verfügung, ihre intimsten Wünsche und ihre ausgefallensten Gedankenschleifen. Und manchmal auch ihr defektes Gedächtnis.

Dieser Mann profitiert davon, dass sie sich daran erinnern kann, wie sie zum ersten Mal an einem Strand gelegen und das Summen der Sonne auf ihrer Haut gefühlt hat. Die Vibrationen des Lichts, die sich für ihn vielleicht nur wie ein Mückenstich anfühlen. Für sie fühlen sich die Dinge anders an, meistens besser. Und jetzt fühlt es sich auch für ihn besser an. Er kann eine ihrer Sommerromanzen mitverfolgen und wahrscheinlich hält er sich für den spanischen Jungen, der ihr Luftküsse zuwirft.

Aus den Wünschen, die beim Empfang von und auf ihm festgeschrieben wurden, kann sie entziffern, dass er sich eine unschuldige Romanze wünscht. Und ein bisschen Wärme. Sommerwärme. Das ist ein entspannender Wunsch, denn auch für sie ist es schön, diese Momente erneut zu erleben. Weniger schön ist es, wenn ein Kunde seine Aggressionen abbauen möchte. Dann muss sie für ihn ein Szenario erfinden, in dem eine Frau zu Schaden kommt, in dem die Körper rücksichtslos aufeinanderprallen und in dem Tränen vergossen werden.

Am liebsten erzählt sie Liebesgeschichten. Dann geht sie in der Zeit zurück und bereitet den Kunden ein authentisches Erlebnis. Das ist ihre Spezialität. Dabei spielt es keine Rolle, dass sie nur drei verschiedene Geschichten zur Auswahl hat, denn die meisten Gäste kommen nicht regelmäßig genug, um sich an eine davon zu erinnern. Für sie ist es immer das erste Mal. Der spanische Junge wirft sie nie zweimal im Sand zu Boden, der Taxifahrer begleitet sie nur ein einziges Mal bis zur Tür und sie ist nur einmal die Ballkönigin.

Die Sonne geht unter, versinkt hinter dem Horizont und die Zeit ist um. Seine Hände zittern und er sieht sie mit weit aufgerissenen Augen an. Sie hat darauf geachtet, ihm möglichst viele Farben zu liefern. Der Himmel war blauer als er je sein könnte, das Erdbeereis war pink und die Luftmatratze, auf der sie sich geküsst haben, war knallrot. Das Flirren der Luft hatte beinahe seine eigene Farbe, die sie aber nicht genau benennen kann.

„Das war echt? War das echt? Meine Haut ist ganz warm.“ Das ist die Erregung, aber das darf sie ihm nicht sagen. Sie darf keine klare Grenze zwischen Traum und Realität ziehen. Auch für dieses Rätsel bezahlen die Kunden. Niemand sagt ihnen, ob sie wirklich am Strand gelegen haben oder ob sie das Zimmer nie verlassen haben. Ab und zu versuchen sie hartnäckig es herauszufinden, indem sie immer und immer wiederkommen, doch das nützt nichts. Er kurbelt das Geschäft an, sonst nichts.

Sie setzte sich auf ihre Fersen und legt ihre Hände in ihrem Schoß ab. Das ist das Signal für den Kunden, dass die Sitzung beendet ist und sie den Raum verlassen müssen. Diese Regel wiederholen die Empfangsdamen ganz besonders oft. Vielen Männern fällt es schwer, ihre Zauberinnen zu verlassen.

„So was habe ich noch nie gesehen. Sieht die Welt für dich immer so aus? So … bunt? Bunt nennt man das doch oder? Und war das blau? Der Himmel? Der blaue Himmel?“ Das ist nicht gut. Er sollte nicht wissen, dass der Himmel blau ist. Blau sollte für ihn gar nichts bedeuten.

Sie lügt. Das darf sie in besonderen Ausnahmesituationen. Und das hier kommt ihr ganz wie so eine Ausnahme vor. „Nein. Das ist Rot.“

„Rot? Wirklich? Das ist Rot?“ Er glaubt ihr nicht. Aus der Ausnahmesituation wird eine kritische Situation. Wenn er nicht bald geht, dann muss sie sich beim Empfang melden und von dem Vorfall berichten. Dann wird er nicht wieder herkommen dürfen. „Verrückt. Ständig habe ich diesen Satz gehört. Früher war der Himmel blau. Es war wie eine Musik, die im Hintergrund spielt. Selbst als die Gitarrenklänge kamen, war dieser Satz immer noch da. Ich bin ihn nicht losgeworden, aber na ja … vielleicht war das auch nur ein Teil deines tückischen Spiels.“

Sie atmet erleichtert auf und lächelt ihn an. Es war ihr Fehler. Ihr Geist war nicht leer genug. Es hätte mehr Anstrengung erfordert und sie hat diese Mühen nicht unternommen. Vielleicht, weil sie unbedingt in seine grünen Augen sehen und sich die Farbe seiner Socken einprägen musste.

Die Farbe seiner Augen lässt sich nicht löschen, aber sie versucht es wirklich, während er aufsteht und ein wenig unsicher in Richtung der Tür geht. Er dreht sich nicht zu ihr um, aber er stellt eine letzte, verheerende Frage. „Und was ist dieses Früher? Ist das ein Ort? Auf Früher ist der Himmel blau?“

„Das könnte der Name einer Insel sein.“ Sie darf nicht sagen, dass es der Name einer Insel ist, aber sie darf auch nicht behaupten, dass sie sich diesen Namen und die Insel ausgedacht hat. Die Regeln sind streng und sie wünschte, sie könnte ihm wenigstens ein persönliches Wort des Abschieds zukommen lassen, aber es gibt nur zwei Grußformeln zwischen denen sie auswählen kann. „Auf Einmalwiedersehen.“

Nun dreht er sich doch noch einmal um und lächelt sie an. „Auf Einmalwiedersehen? Sagt man das so auf Früher?“ Sie wünschte, es gäbe eine Möglichkeit ihm begreiflich zu machen, dass er gegen die Regeln verstößt. Aber die Gäste kennen nicht einmal die Hälfte aller Regeln. Es ist ihre Aufgabe, sich darum zu kümmern, dass sie Sitzungen unproblematisch verlaufen. Komplikationen sind nie die Schuld des Kunden, sondern immer die Schuld des Träumers. „Ja dann … auf Einmalwiedersehen.“

Der Kunde hat das letzte Wort. Sie sieht ihm nach und wartet bis die Tür sich hinter ihm geschlossen hat. Erst dann darf sie aufstehen, ihre Haare raufen, die empfindlichen Handflächen mit ihren Nägeln traktieren und die Finger zum Gebet falten. Ein Gebet dafür, dass er in den nächsten Tagen niemandem von der Sitzung erzählen wird. Ein Gebet dafür, dass sie nicht aussortiert wird.

Am Donnerstagabend betritt Amadeus ihr Zimmer. Er balanciert zwei Becher Kakao auf einem Tablett. Kakao trinkt er zum dritten Mal und er bringt ihr zum zweiten Mal eine Tasse mit. Sie mag Kakao nicht besonders gerne, aber das darf sie ihm nicht sagen. Alle Geschenke der Kunden müssen angenommen werden.

„Maria, schön siehst du aus. Dieses Gelb gefällt mir ganz besonders an dir.“ Amadeus weiß es nicht, aber er gibt in der vierten Woche seines Synchronisationszyklus besonders gerne damit an, dass er sich an ihren Namen erinnern kann und dass er nicht farbenblind ist. Das ist ihm ab einem bestimmten Zeitpunkt des Zyklus immer furchtbar wichtig. Als würde er instinktiv fürchten, dass sich bald alles ändern könnte. Manchmal beneidet sie ihn darum, dass er jeden Monat neu erlebt, dass es für ihn keine Wiederholungen und keine traumatischen Erlebnisse gibt. Sein Schmerz ist niemals dauerhaft. Er altert, aber er kann im Spiegel keinen Unterschied sehen.

„Vielen Dank, das ist zu freundlich.“ Sie soll bescheiden sein und höflich. Eine förmliche Anrede ist nicht so gerne gesehen, da sich der Kunde sonst des Altersunterschiedes bewusst werden könnte. Amadeus ist sich nicht im Klaren darüber, dass sie seine Tochter sein könnte. Sie ist es nicht, da ist sie ganz sicher, denn sie weiß noch, dass der Name ihres Vaters mit F anfängt, aber mehr weiß sie nicht mehr über ihn.

„Ich habe dir etwas mitgebracht. Du magst doch Kakao, oder? Ich weiß es nicht, aber irgendwie habe ich es gedacht. Komisch, nicht wahr? Manchmal überrascht mich mein eigener Kopf doch noch.“ Seine Augen glänzen gierig. „Natürlich ist es nicht mit dem zu vergleichen, was du im Kopf hast, aber dennoch habe ich mir diese kleine Aufmerksamkeit erlaubt.“ Amadeus denkt, er ist ein Gentleman und meistens ist er das auch. In der ersten Woche seines Zyklus ist er immer ein wenig ungestüm. Da kann sie seinen Wünschen nicht so leicht gerecht werden, muss ihren Geist in Abgründe stürzen und sich dem Wissen, dass er auf gar keinen Fall ihr Vater ist, ergeben. Aber gegen Ende des Zyklus sehnt er sich nach einer großen Romanze und deswegen lässt sie die Geschichte der Ballkönigin für ihn ablaufen.

Der Tanz im Scheinwerferlicht, die feuchten Hände der Tanzenden, die nervösen Blicke, die Luftballons an der Decke der Turnhalle und dieser zaghafte Kuss, der von der Menge bejubelt wird. Das ist seine Lieblingsgeschichte, auch wenn er mittlerweile zu alt dafür ist. Aber so darf sie nicht denken. Das Alter ist nur eine Zahl. Sie ist Maria 2020. Er ist ursprünglich Amadeus 1992 gewesen, aber seit geraumer Zeit weiß er das nicht mehr und entspricht dem Modell Amadeus 2035. Sein Geist ist jünger als ihrer, aber das kann sie nicht sehen.

Sie sieht sein faltiges Gesicht und hört seinen schweren Atem, als sie die Augen im selben Moment öffnen. Dieser Augenblick ist gefährlich. Manchmal sind die Kunden emotional immer noch zu aufgeladen, um den Traum und die Realität trennen zu können. Dann versuchen sie von Zeit zu Zeit, den Traum weiterzuführen oder sie zu küssen. Bei Amadeus passiert das zum Glück nie, auch wenn sie manchmal den Nebel in seinen Pupillen bemerkt. Er wird nicht mehr ewig herkommen dürfen, sonst wird sich irgendwann eine gewisse Abhängigkeit einstellen und Abhängigkeit ist verboten.

„Ich genieße jede Minute mit dir, Maria. Du bist die Einzige, an die ich noch denken kann.“ Nächste Woche wird er nicht mehr wissen, wer sie ist. Er wird, wahrscheinlich am vierten oder fünften Tag nach der Synchronisation, hier auftauchen und ein Mädchen beschreiben, das er in seinen Händen zerquetschen und zu Tode lieben will und dann wird er vielleicht zu ihr geschickt. Oder zu Maria 2525, die ihr sehr ähnlich ist, da sie beide demselben Grundmodell entsprechen. Aber ihr fehlt der entscheidende Defekt.

Für Amadeus wählt sie grundsätzlich die andere Abschiedsformel, weil sie bemerkt hat, dass sie ihm besser gefällt. „ Auf Immerwiedersehen.“

„Auf Immerwiedersehen, Maria.“ In seiner Stimme schwingt nicht einmal ein Hauch von Unsicherheit mit. Dabei kann er nicht wissen, dass sie sich niemals wiedersehen. Oder wenigstens nicht für immer. Diese Abschiedsworte mag sie weniger gerne und sie verwendet sie nur bei Kunden wie Amadeus, die eine Vorliebe für Endgültiges zu haben glauben. Sie lügt nicht gerne.

Drei Wochen nach seinem ersten Besuch bei ihr steht er plötzlich wieder in ihrem Zimmer. Er trägt dieselben Schuhe und dieselben Hosenträger, aber sein Hemd ist weiß, seine Hose blau und seine Socken haben ein kompliziertes Karomuster, in dem unterschiedliche Nuancen der beiden Farben enthalten sind. Womöglich wird er von jemandem eingekleidet, der mehr sehen kann als er. Es ist unwahrscheinlich, dass er so eine geduldige und geschmackvolle Verkäuferin gefunden hat.

„Welche Farbe hat der Himmel heute, Maria?“ Es kann nicht mehr lange dauern, bis er synchronisiert wird, aber sie gönnt ihm seinen Versuch, an ihr letztes Treffen anzuknüpfen. Das ist normal. Jeder will etwas Besonderes für sie sein. Jeder will, dass sie sich an ihn erinnern kann, selbst wenn niemand außer ihr wirklich weiß, was es bedeutet, sich erinnern zu können. Es ist ein Instinkt oder eine Sache des Egos. Einfach eine weitere, widersinnige Eigenart des intakten Geistes.

„Ich kann es dir zeigen.“ Irgendwann einmal gab es in ihrer Welt Nebensätze. Das vermisst sie ganz furchtbar. Das Protokoll kennt nur einfache und klar strukturierte Sätze. In ihnen ist kein Platz für Füllwörter und umständliche Umschreibungen.

„Vorher will ich wissen, was du von meiner Kleidung hältst. Magst du die Farben? Oder sind sie zu aufdringlich?“ Solche Fragen sind riskant. Manchmal wollen die Kunden die unmöglichsten Sachen von ihr hören, dabei kann sie ihnen nichts erzählen, was sie nicht längst wissen. Sie darf ihre Welt nicht größer machen. Sie darf nur mit ihnen zusammen träumen.

„Es gefällt mir sehr, wie du aussiehst.“

„Ich wette, das sagst du immer.“ Stimmt. Das sagt sie immer. Das ist das Einzige, was sie sagen darf, ohne sich in eine schwierige Lage zu bringen. Alle persönlichen Variationen dieser Aussage, die keine neuen Informationen für den Kunden enthalten, sind theoretisch erlaubt, aber eben nicht ausdrücklich erlaubt. Eine Grauzone, gewissermaßen, aber das kann sie ihm wohl kaum erklären. „Schon gut. Du musst dich für mich nicht in Schwierigkeiten bringen … aber wenn du es wirklich magst, dann zwinkere mir mit dem linken Auge zu. Wenn du es grässlich findest, dann mit dem rechten.“

„Ich habe eine Links-Rechts-Schwäche.“

„Du bist doch eine echte Spielverderberin.“ Sie ist eine künstliche Spielverderberin, aber da er sehr bald vergessen wird, dass er ihr eine Regung entlockt hat, zwinkert sie wie zufällig mit dem linken Auge. Er strahlt sie an. „Besten Dank.“

Sie setzt sich auf ihre Knie und reicht ihm ihre Hände. Er schließt seine Augen zuerst und sie überlegt, welche Geschichte sie ihm heute erzählen kann. Irgendetwas stört sie, aber sie kann es nicht gleich einordnen. Seine Fingerkuppen fühlen sich weich auf ihrem Handgelenk an. Nichts piekt oder kratzt sie. Er hat seine Fingernägel selbstständig gekürzt, obwohl es nicht Teil seines Programms zu sein schien. Oder er wurde fehlerhaft synchronisiert. Ihr Herz schlägt schneller bei der Vorstellung, dass ihr jemand gegenübersitzen könnte, der sich wirklich an sie erinnern kann.

Zum ersten Mal erlaubt sie es sich selbst, sich während einer Sitzung einer Illusion hinzugeben. Sie lügt für ihn und für sich selbst das Blaue vom Himmel herab. Sie bringt ihn zurück an den Strand, aber diesmal gibt es keinen spanischen Jungen, keine Luftmatratze, sondern nur den heißen Sand und die Musik, die immer wieder dasselbe Lied spielt und ihm eine unvergessliche Wahrheit vorsingt. Marias Himmel ist immer noch blau. Marias Himmel ist immer blau gewesen. Marias Himmel wird auch in einem Jahr noch blau sein.

Kurzgeschichte: Zehn-Euro-Stunden

Zehn-Euro-Stunden

Jonas hat letzte Woche seinen achtzehnten Geburtstag gefeiert und will nächsten Sommer sein Abi in der Tasche haben. Er ist fünf Jahre jünger als ich und wir kennen uns schon, seit er in die neunte Klasse gekommen ist und seine Mutter entschieden hat, dass er in Deutsch ein bisschen Hilfe gebrauchen kann.

Diese „Hilfe“ wird mit einem Zehn-Euro-Schein für je eine Stunde meiner Zeit vergütet. Seitdem er in die Oberstufe gekommen ist, hat Jonas meine Handynummer, damit er mir auch seine Hausaufgaben schicken kann oder Texte, die er außerhalb der Zehn-Euro-Stunden geschrieben hat, um sich auf die nächste Klausur vorzubereiten. Um ehrlich zu sein, macht er nicht besonders oft Gebrauch von dieser Möglichkeit der ständigen, digitalen Erreichbarkeit. Sein Leben besteht aus Klausurphasen und ich weiß dank kleinen Einblicken in den Familienkalender, den seine Mutter führt, ungefähr wann ich mit satzzeichenlosen Textnachrichten rechnen darf.

Heute sitze ich wieder im Esszimmer von Jonas Familie. Es ist die erste Nachhilfestunde nach den Sommerferien und Jonas ist noch nicht so richtig nervös. Die Klausur ist erst in vier Wochen und er will sich noch nicht so ganz eingestehen, dass die Ferien vorbei sind. Ich kann das nachvollziehen. Ich an seiner Stelle würde mich auch nicht sehen wollen. Ich würde mir vermutlich nicht so höflich die Hand schütteln. Das erste Thema des Halbjahres sind Gedichte, Jonas Lehrerin ist wohl auch noch in Sommerlaune – oder sie hat vergessen, dass ihre Zwölftklässler anders als sie selbst keine sechs Wochen damit verbracht haben, Kreuzworträtsel zu lösen, Neuerscheinungen zu lesen, die das ganze Jahr über in der Originalverpackung auf dem Nachttisch liegen geblieben sind und die Lieblingsbücher im Regal neu zu arrangieren.

Auf Jonas T-Shirt ist ein kleines, grünes Krokodil, auf seiner Hose ist der Nike-Haken über seinem rechten Knie gesetzt. Ich lasse einen von Jonas Bleistiften, die ich mir für meine halbherzigen Korrekturen ausleihe (weil man mit Kugelschreiber seine Schrift nicht von meiner unterschieden kann und ich mich weigere seinen roten Filzstift zu benutzen, obwohl ich ja gerade für 60 Minuten seine Lehrerin bin), vom Tisch rollen und bücke mich. Adidas-Schlappen. Check. Kein roter Faden im Marken-System.

Wir lesen ein Frühlingsgedicht, obwohl es gerade Herbst wird. Ich lasse Jonas laut lesen, auch wenn ihm das peinlich ist, damit ich merke, welche Wörter er nicht kennt. Lyrik ist nicht seine starke Seite, das ist nichts Neues. Joseph von Eichendorff sagt ihm nicht besonders zu und ich kann ihm das nicht verübeln. Im letzten Schuljahr hat sein Kurs über den deutschen Expressionismus gesprochen, das hat im direkten Vergleich doch mehr gefetzt. Aber Eichendorff und seine Frische Fahrt könnten halten, was sie versprechen, wenn Jonas eine etwas weniger monotone Vorlesestimme hätte. Modulation ist ihm ein Fremdwort, aber es ist nicht mein Job, ihm zu sagen, dass man im Leben nicht weit kommt, wenn man nicht ab und an die Stimme hebt und senkt. Außerdem wäre es wohl irgendwie beleidigend zu sagen, dass ich ihm nicht zuhören würde, wenn es keinen Zehn-Euro-Schein dafür gäbe – und irgendwie macht es mir ja doch Spaß, mir diese kleine Tragödie anzusehen, die sich hier direkt vor meinen Augen abspielt.

„Also, laue Luft kommt blau geflossen – was sagt dir das? Was ist blaue Luft?“ Jonas legt seine Stirn in Falten und beißt auf seinen Kugelschreiber. Wahrscheinlich hat er irgendwann mal gehört, dass man so zerstreut und konzentriert wirkt.

„Kalt? Winter? Aber da steht Frühling. Ich glaube, der wünscht sich Frühling, weil gerade der Winter kommt.“

Das ist ein ganz netter Ansatz und ich schlucke die Bemerkung herunter, dass seit Mörike der Frühling und seine blauen Bänder ein Ding sind. Blau ist eine kalte Farbe. Blau bedeutet Winter. Das ist absolut logisch und ich weiß, dass ich ihn nur deprimieren würde, wenn ich ihm jetzt gleich stecken würde, dass Logik ihn bei Gedichten nicht unbedingt weiterbringt. Deswegen machen wir weiter. Bis es so bodenlos wird, dass auch Jonas schwant, dass das hier kein Gedicht über den Winter sein kann.

Nach 56 Minuten sind wir beide erschöpft und Jonas entscheidet, dass er das Gedicht morgen fertig analysiert und mir das Ergebnis dann per WhatsApp schickt. Beim nächsten Mal können wir ja auch nochmal drüber reden. Ich bin damit einverstanden, denn die Aussicht, Jonas jetzt noch eine Stunde beim Niederschreiben seiner spontanen Gedanken zuzusehen, nur um einen zweiten Zehner abzustauben, ist unerträglich. So was machen wir nicht mehr, seitdem ich seiner Mutter schonungslos eröffnet habe, dass es nicht so furchtbar effektiv ist, ihrem Kind beim Schreiben zuzusehen.

Als ich im SUV von Jonas Mutter sitze und wir auf halber Strecke zu mir sind, fällt mir siedend heiß ein, dass ich Jonas gar nicht nach meinen Büchern gefragt habe. Über die Sommerferien leihe ich ihm traditionell immer zwei oder drei Romane aus meinem Fundus aus. Jugendbücher; Bücher, die ich für halbwegs cool und altersgerecht halte; wirklich coole Bücher zu Themen, die einen mit 18 nicht zwingend kalt lassen müssen. Jonas Mutter erzählt mir gerade, dass er im nächsten Herbst ja schon gerne studieren würde, aber noch nicht ganz sicher ist und überhaupt ja immer noch nicht wirklich weiß, was er machen will, obwohl es langsam doch wirklich knapp wird. In Naturwissenschaften ist er ja so gut, auch wenn der Bio-Leistungskurs ihm viel schwerer fällt als sie dachte, aber vielleicht könnte er ja später trotzdem bei Bayer arbeiten? Oder wenigstens mal ein Praktikum da machen, aber wann soll er dafür Zeit finden? Er hat ja Training und Fußball soll er ja auch nicht aufgeben, Jungs brauchen ja einen Ausgleich.

Ihr sorgenvoller Monolog tritt schließlich auf der Stelle und ich nutze meine Chance und frage vorsichtig, was denn eigentlich aus den Büchern geworden ist. Jonas Mutter runzelt kurz die Stirn (Bücher? Was für Bücher? In meinem Haus?) und nickt dann.

„Ja, die sind in Jonas Zimmer. Er soll morgen sowieso sein Zimmer aufräumen, dann sammele ich sie ein und beim nächsten Mal kannst du sie mitnehmen.“

„Ach, er kann sie auch noch ein bisschen behalten, wenn er bisher keine Zeit hatte.“ Keine Zeit. Er hatte Sommerferien. Seine Mutter seufzt und es klingt beinahe ein wenig genervt.

„Jetzt fangen ja bald wieder die Klausuren an und im Sommer … er soll sich ja auch mal erholen und nicht an die Schule denken. Und nach den Gedichten  müssen sie ja bestimmt auch schon wieder was lesen.“

„Ja, wahrscheinlich.“ Für Jonas Mutter ist es keine Tatsache, dass lesende Kinder automatisch erfreulichere Noten in Deutsch mit nach Hause bringen, weil sie ein besseres Sprachgefühl haben, einen größeren Wortschatz und eine weniger hölzerne Grammatik. Für Jonas Mutter ist ihr Mann ja schon ein ganz großer Leser, weil er in ihrem Schlafzimmer ein Regalbrett mit seinen Ken-Follett-Romanen füllt. Nichts gegen Ken Follett, aber „Die Säulen der Erde“ machen noch keine „Leseratte“. Seit drei Jahren ärgere ich mich mittlerweile über diese Einstellung und in diesem Jahr wird alles anders. In diesem Jahr sage ich einfach mal etwas, das durchaus als Kritik an Jonas Erziehung verstanden werden darf. „Es würde aber wirklich helfen, wenn er wenigstens ein bisschen lesen würde. Hörbücher wären vielleicht ein Anfang, wenn er da mehr Lust zu hat.“ Jonas ist 18. Erwachsen. Auf einmal schäme ich mich, dass ich mir Tricks ausdenke, um einen Erwachsenen ans Lesen zu bekommen. „Oder auch nicht. Ist ja nur noch ein Jahr. Das schafft er auch so und danach wird er ja sicher nichts mit Deutsch machen.“

„Also … ich hätte ja auch nichts dagegen, wenn er mehr lesen würde und wir sind früher mit ihm ja auch manchmal zur Buchhandlung gefahren, aber Bücher sind schon teuer. Und wenn er sie am Ende doch nicht liest, dann nehmen sie nur Platz weg. Du weißt ja, mein Mann hat seine historischen Schinken, die stapeln sich auch bei uns, obwohl er sie ja doch nur einmal liest … aber in die Stadtbücherei geht Jonas auch nicht. Da fährt ja auch kein Bus hin und mit dem Fahrrad ist das lästig, wenn er dann doch etwas findet. Es ist eben alles ein bisschen umständlich. Du kennst das ja. Hier ist ja sicher auch keine Buchhandlung in der Nähe und du musst deine Sachen in Köln kaufen.“

Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen, als Jonas Mutter den Motor abstellt und in Richtung unseres Hauses sieht, das am Ende einer dörflichen Sackgasse liegt und an einen Wald grenzt. Ja, das hier sieht vielleicht wirklich ein bisschen nach dem Ende der Welt aus. Aber darüber muss sie sich nicht so freuen, daraus muss sie kein Argument machen, um ihren eigenen Widerwillen gegen bedruckte Bäume auszudrücken. „Zwanzig Gehminuten. Zu Stadtbücherei und Buchhandlung. Sie liegen sogar fast direkt nebeneinander. Und Bücher kann man ja auch gebraucht im Internet kaufen. Dann kommen sie sogar mit der Post direkt nach Hause.“

Ich gehe gerade ein bisschen zu weit und ich reiße mich zusammen. Ich sage nicht, dass man für zehn Euro ein Buch ewig und drei Tage lang behalten kann, während man mich nach einer Stunde wieder nach Hause fahren muss. Das kann man ja auch nicht miteinander vergleichen. Ich ringe mir ein Lächeln ab, bedanke mich für den Rücktransport und sage Jonas Mutter, dass Jonas sich bei mir wegen der nächsten Stunde melden soll. Das wird er nicht, aber sie wird ihn beim Abendessen solange daran erinnern, dass er Nachhilfe braucht, bis er es doch tut und nach den Herbstferien, wenn die Klausurphase dann wieder im vollen Gang ist, dann bekomme ich wieder satzzeichenlose Textnachrichten und Fotos von unfertigen Analysen. Ich freue mich schon. Ja ehrlich. Ich mache das ja nicht für die Zehn-Euro-Scheine, sondern weil ich daran glaube, dass Jonas irgendwann doch noch die Idee kommt, dass der Frühling eine blaue Sache ist.