Gedicht: Zwanzig Zwanzig

Zwanzig Zwanzig

Man müsste nochmal.
Um die Ecke gibt es ein Lokal,
in dem wird Brot serviert, kostenlos.

Alle 11 Minuten.
Warum sind es immer elf?
Bei Parship und Paulo Coelho,
der immer noch gelesen wird.

Er ist einer von den Guten.
Finders Keepers. Er bezahlt
für das kostenlose Brot
und sagt, man müsste
nochmal herkommen
und 11 mal 11
Minuten verstreichen lassen,
ohne dabei die Angst in sich zu tragen,
gerade etwas zu verpassen.

Oder zu denken, dass man die Zeit
doch besser mit Paulo Coelho vertrieben hätte.

Gedicht: Lieblingsbücher

Lieblingsbücher

Du liest nicht gern,
hast aber ein Lieblingsbuch
aus dem ein Film gemacht wurde,
den du auch gut findest
und in deiner Wohnung
mit mir gucken willst,
weil ich bestimmt gerne lese,
weil ich doch was studiere,
was mit Wörtern
und so einem umständlichen Namen,
den sich ja keiner merken kann,
der das nicht selber tut,
aber es ist cool, dass ich das mache,
was mir Spaß macht,
wir sind ja noch jung,
wir beide und du verstehst
das ja, du hast ja auch
ein Lieblingsbuch.

Gedicht: Geistwerdung

Geistwerdung

Für mich bist du ein Geist geworden.
Ohne Telefonanschluss, ohne einen Tag
der offenen Türen.

Mir wird kalt, mich schaudert,
wenn ich deine Ketten sehe,
also meine Ketten, die du mir
geschenkt hast. Schmuck zu
feierlichen Anlässen, nicht
rechtlich bindend, aber trotzdem schön
und irreführend bedeutsam.

Knarrendes Holz, von selbst
zufallende Türen, weggezogene
Bettdecken und dein Stöhnen
haben dich eigentlich schon
früh verraten.

Ich hätte immer wissen können,
dass du für mich ein Geist werden würdest.

Gedicht: Karaokay

Karaokay


Mit dir reden ist wie Karaoke.
Alle Wörter sind da, ich muss
nur den richtigen Ton treffen,
aber es ist auch okay,
wenn ich schief singe, zum Schluss
gibt es trotzdem Applaus.

I will always love you vor Publikum
ist weniger verbindlich
als Ich liebe dich
im Wohnzimmer, Kino, auf dem Gehweg
oder im Aquarium.
Ein bisschen peinlich ist das,
so muss das, etwas lächerlich.

Deine Augen sind Scheinwerfer, Glühbirnen,
Du bist mein Rampenlicht.
I will always love you hab ich
gesungen, ohne mich zu verhaspeln.
Vergiss das nicht,
wenn du auf die Bühne gehst.

Gedicht: Auf den billigen Plätzen

Auf den billigen Plätzen

Auf den billigen Plätzen haben wir am liebsten gesessen,
Immer am Reden, Trinken, Rauchen, Essen.
Fleißig am Lästern über die Leute von heute
und den Schnee von gestern.

Wir haben verlernt, einander zu schätzen,
und stattdessen angefangen,
uns mit wenig Worten zu vergrätzen,
stoisch  zu verlangen,
dass wir uns immer noch alles erzählen.

Ob sich Bekannte verloben, verlassen, vermählen
oder Kinder kriegen, Häuser bauen,
sich das Leben nehmen,
Scheiße statt Häuser bauen,
das alles gilt es zu erwähnen,
wenn wir da sitzen, wo wir immer saßen
mit müden Zungen, heimlich gähnen
und uns ein bisschen hassen,
weil wir immer noch hier sind.

Gedicht: Deine Lieblingssachen

Deine Lieblingssachen

Am Telefon fragt meine Oma, wie es dir geht,
sie will wissen, wie es um dein Examen steht,
ob du dich über Selbstgestricktes freust
oder ob du in Wollsocken die Öffentlichkeit scheust.

(Ganz so fragt sie nicht, denn Oma reimt nicht.)
Mich fragt sie, ob ich den Kontakt zu dir auch nicht verlier‘.

Früher waren deine Freunde meine Freunde,
dein Haus war ein Haus, in dem ich jedes Zimmer kannte.
Ich hab mich in deinem Leben so gut zurechtgefunden,
die Stunden in den Wohn- und Esszimmern deiner Familie waren nur Sekunden.

Meine Tante war deine Lieblingsverwandte,
sie ist vor vier Jahren gestorben und wir haben sie einmal im Sommer und einmal im Winter besucht.
Meine Freunde waren nicht deine Freunde, weil du dich selten an ihre Namen erinnern konntest,
auch wenn es wichtig gewesen wäre.
(Für mich.)

Am Telefon kann sich meine Oma nur gelegentlich an Namen erinnern,
aber dich vergisst sie nie.
Ob du gerne Selbstgebackenes isst?
Ob es noch mehr Lieblingssachen von dir gibt
und ob du auch immer noch mein Liebling bist?

Gedicht: In deinem Film

Ein kurzes Wort zum Thema „Gedichte“ – Und warum mir diese Textform nicht so ganz behagt

Ich sage es lieber gleich: Ich schreibe eigentlich keine Gedichte mehr, seitdem ich 15 oder so bin. Aber manchmal dann eben doch. Und so richtig wohl fühle ich mich dabei auch nie… keine Ahnung, mit 15 sind Gedichte immer so melodramatisch und hyperpersönlich gewesen und jetzt kommt es mir vor, als würde ich da immer extrem unpersönliche Sachen schreiben – und trotzdem das Pronomen „Du“ benutzen, obwohl es eigentlich kein echtes „Du“ gibt. Das ist ein merkwürdiges Gefühl, irgendwie unangenehm eben. Aber weil ich dem Internet schon so viel zugemutet habe, wäre es auch irgendwie albern, gerade da die Schmerzgrenze zu ziehen. Deswegen versuche ich mich mal an dem Upload von ein paar „unangenehmen“ Gedichten. Ach so… reimen kann ich nicht so richtig, aber manchmal versuche ich es trotzdem, nicht sehr konsequent eben.

In deinem Film

Ansprüche sinken. Kaffee trinken.
Menschen swipen. Menschen hypen.
Fotos mit Hunden von Freunden
von Freunden. Gute Bekannte.

Personen, die du vielleicht mal kanntest
oder kennen wolltest.
Dafür, dass ich dich kennenlernen durfte,
will ich dir danken.

Am selben Abend drei neue Superlikes.
Niemand weist mich in meine Schranken.
(Das ist out, so sagt man das nicht mehr.)

Wo wolltest du schon immer mal hinfahren?
Mit dem Auto, meine ich. So ganz klimaneutral.
Ans Meer. Ganz spontan. Ohne Plan,
ohne Koffer, mit halbleerem Tank.

Das könnte dein Til-Schweiger-Film sein.
Dein deutschpoppiger Singersongwriter-Song.

Lächeln. Antworten. Den Frieden bewahren.
Die Kunst des Smalltalks verhindert,
dass du Dinge über mich weißt,
die mein Postbote – zum Beispiel –
nicht wissen kann.

Superlike. Und wo bleibt der Dank?