Abiball

„Abiball“ von Gwyneth Minte (2011)

Achtung, Achtung, das hier wird ein Verriss. Ich halte ja eigentlich nichts davon, meinen Ärger im Internet loszuwerden, aber manchmal muss ein bisschen Hass einfach sein. Bevor ich aber so richtig loslege, erläutere ich vielleicht erst einmal die Rahmenbedingungen dieser wenig wohlwollenden Rezension:

Abiball war ein Re-Read für mich. Ich habe es mir wahrscheinlich kurz nach der Veröffentlichung gekauft, also so 2011 oder 2012, als ich im besten Jugendbuchalter gewesen bin. Und ich bin mir natürlich darüber im Klaren, wie gefährlich Re-Reading und Re-Watching sein kann… Nostalgie ist schön und gut, aber manchmal wird man eben enttäuscht – und das ist ja auch okay. Dieses Risiko muss sein. Mit Abiball verhält es sich aber nun so, dass ich das Buch sicher dreimal oder so gelesen habe und es nie total toll fand, aber irgendwie doch… einigermaßen spannend. Und ganz gut zu lesen, leicht wegzulesen eben. Nach meinem eigenen Abi hat die Faszination am Thema Abiball dann logischerweise abgenommen. Und letzte Woche, ziemlich genau fünf Jahre nach meinem Abi, habe ich das Buch dann wieder in die Hand genommen. Und echt gekämpft.

Dieser Verriss enthält inhaltliche Spoiler. Warum auch nicht. Also falls jemand das Buch hier unbedingt noch lesen und sich die Spannung erhalten will… bitte wegklicken. Dankeschön.

Ich bin kein Weichei, wenn es um toxische Beziehungen geht. Ob es um wirklich romantische oder freundschaftliche oder familiäre Beziehungen geht, egal, ich kann mir das in literarischer oder filmischer Form jederzeit zu Gemüte führen, ohne einen Schreikrampf zu kriegen. Ich habe mir sogar vor Kurzem nochmal alle Twilight-Filme hintereinander weg angeguckt. Ohne mit der Wimper zu zucken. Das soll nur mal so dazugesagt werden. Aber Abiball ist von vorne bis hinten eine Katastrophe, was das Weltbild angeht, das dem jugendlichen Publikum da vermittelt werden soll. Oder einfach nur präsentiert wird, Vermittlung klingt wieder so nach heftigem pädagogischen Auftrag.

Die Hauptfigur, Sara, ist unsympathisch, selbstgefällig und hält sich dabei für ganz wunderbar unabhängig, erwachsen und über den Dingen stehend. Alle Figuren sind Klischees – und handeln auch so. Eine Jugend, in der Sex und Liebe und die stetige Suche nach einem „Mann“ keine Rolle spielt, eine solche Jugend kann es für die Figuren des Romans nicht geben. Es muss immer geflirtet werden. Es muss immer von Männern gesprochen werden. Es muss immer ein zackiger, pseudo-selbstbestimmer Kommentar auf den Lippen liegen. Und natürlich bekommt die kluge Vroni am Ende den jungen, attraktiven Mathelehrer ab, die etwas pummelige, blonde Vicky wird von einem türkischstämmigen Bruder einer Mitschüler umschwärmt und Sara, die geliebte Protagonistin des Romans, hat natürlich die Wahl zwischen zwei Männern. Am Ende des Abiballs hat sie leidenschaftlichen Sex in einem Kleinwagen und bekommt einen Heiratsantrag. Außerdem geigt sie natürlich all ihren ungeliebten Mitschülern mal so richtig die Meinung. Die unsympathischen Randfiguren wie der sexistische Sören, die eingebildete Desiree und die dumme Wiebke erleben keine Entwicklung. Die Lehrer sind entweder einigermaßen cool oder direkt Witzfiguren, die alle zu viel trinken oder irgendwelche psychischen Probleme haben, über die man sich lustig machen kann, weil es sind ja Lehrer. Keine Menschen.

Die einzigen Figuren, die so ein bisschen mehr als ein Gesicht haben sind Lasse, ein „love interest“ von Sara – alias „ihr aktueller Freund, der quasi den ganzen Abend nicht auftaucht und den sie auch gar nicht mal so gerne hat, aber es ist halt schön mit ihm Sex zu haben und er kann gut kochen, er ist ja so besonders und schon erwachsen“ – und Saras Eltern, die natürlich spießig und konservativ sind und ihre ganz eigenen Probleme haben.

Hach. Alleine diese Übersicht über die Figuren abzutippen, macht mich irgendwie schon wieder ein bisschen zu wütend. Ich meine, Klischees sind schön und gut, Jugendbücher dürfen auch gerne nach einem gewissen Muster ablaufen und so ein bisschen Teenie-Pathos, das ist auch immer nett, aber an Abiball ist gar nichts nett. Das Bild, das dort von dem Großereignis Abiball und all seinen Teilnehmern entworfen wird, ist schlicht und ergreifend ein hässliches Bild. Toxisch und überzogen. Schon als jugendliche Leserin bin ich nicht so ganz überzeugt gewesen, aber nicht einmal zehn Jahre später liest sich das Buch einfach nur noch unangenehm. Es ist normal, dass Bücher und gerade Jugendbüchern altern, aber so schnell sollte es nicht gehen. So unfassbar unerträglich sollte das alles nicht sein. 2011 hin oder her.

Der Garten Eden

„Der Garten Eden“ von Ernest Hemingway (1986)

Als Einstieg eine kleine Erläuterung zur Jahreszahl: Der Roman wurde rund fünfundzwanzig Jahre nach dem Tod des Autors publiziert. Das Internet sagt, dass Hemingway 1946 mit dem Buch begonnen und es nie so fertiggestellt hat, dass er damit zufrieden war. Die veröffentlichte Fassung ist dementsprechend eigentlich unvollständig, aber es liest sich ehrlich gesagt schon so, als wäre das Ende ein richtiges Ende. Wenn also vorneherein nicht die Information gedruckt wäre, dass es eine „Post-Production“ ist, dann hätte ich nichts gemerkt. Ich bin aber auch kein Hemingway-Experte.

Bislang ist mir Hemingway zweimal begegnet. Zum einen habe ich – freiwillig – Der alte Mann und das Meer (Originaltitel: The Old Man And The Sea)gelesen, weil irgendwie ist das ja doch ein Titel, der einem immer wieder begegnet und es ist auch ein relativ dünnes Buch, also nichts, womit man sich wochenlang quälen könnte. Zum anderen habe ich In einem andern Land (Originaltitel: A Farewell To Arms) für ein Seminar in der Uni im englischen Original gelesen. Weder das eine noch das andere Werk hat mich jetzt besonders begeistert – oder besonders gefoltert. Die Bücher waren angenehm zu lesen, ich wurde emotional nicht besonders mitgenommen und ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, warum Hemingway als einer der ganz Großen gehandelt wird. Aber vermutlich liegt das daran, dass ich irgendetwas nicht kapiert habe.

Die sprichwörtliche „Spitze des Eisbergs“ kennt man ja dann doch – und ich muss zugeben, ich finde Hemingways literaturwissenschaftliche Eisberg-Theorie immer wieder spannend. Sollte das Wesentliche einer Geschichte wirklich zwischen den Zeilen stecken? Soll das, was tatsächlich schwarz auf weiß niedergeschrieben und in uns bekannte Worte gefasst wird, eigentlich nur ein Hinweis auf das sein, was eigentlich gesagt wird? Diese Theorie hat ihren Reiz definitiv, man kann in einem Text immer nach mehr suchen – und wenn man einen Autor und seine Stilmittel kennt, dann kann dieses Suchspiel auch ehrlich Spaß machen. Vor allem kann man wunderbar über ein Buch diskutieren, wenn man weiß, dass es doch angeblich immer mehr zu entdecken gibt. Aber leider sehe ich dadurch auch immer das Problem, dass zwei Klassen von Lesern entstehen. Die einen Leser, die clever genug sind, die Hinweise zu entdecken und die den Autor besonders gut durchschauen und die deswegen irgendwie die „besseren“ Leser sind – und dann eben die „normalen“ Leser, die einfach „runterlesen“ und dabei vielleicht eine ganz banale Geschichte erfassen, aber kein großartiges Meisterwerk. Als jemand, der seit rund fünf Jahren Texte studiert und den Reiz von diesen Eisbergspitzen zu schätzen weiß, will ich nicht sagen, dass ich diese Herangehensweise an Literatur blöd finde. Aber manchmal fühlt man sich eben blöd, weil man ein Buch ganz privat liest, niemanden zum Diskutieren hat und deswegen schließlich den Eindruck bekommt, eigentlich eher ein halbes Buch gelesen zu haben.

So viel vielleicht allgemein zu Hemingway und mir. Das Gefühl, eher ein halbes Buch gelesen zu haben, hat sich bei Der Garten Eden dann natürlich auch wieder breitgemacht. Oberhalb der Meeresoberfläche haben wir einen Schriftsteller und seine frisch angetraute Ehefrau, die ihre ausgedehnten Flitterwochen in Europa verbringen, am Meer, französische und spanische Küste, alles sehr idyllisch. Der Schriftsteller, David, hat sein zweites Buch veröffentlich, kassiert positive Reaktionen und schreibt gerade an einem Bericht über die Reise von Catherine und ihm. Soweit so gut. Das Miteinander der Eheleute ist geprägt von viel Alkohol, viel Essen, viel Sex und viel Sonne. Alles sehr harmonisch und sehr dialoglastig. Dann kommt Catherine auf die Idee, dass sie ein bisschen Schwung in das gemeinsame Liebesleben bringen möchte. Sie möchte im Bett nicht „das Mädchen“ sein. Was genau man sich darunter vorstellen darf, wird nicht explizit erläutert. Die schmutzige Fantasie des Lesers ist gefragt – auch mal schön. Das Spiel mit Catherines sexueller Identität eskaliert in einem radikalen Friseurbesuch und als schließlich die schöne Marita auftaucht und sich eine „ménage à trois“ entwickelt, da geht dann richtig die Post ab. Mal ganz salopp gesagt.

Im direkten Vergleich mit Erotikromanen des 21. Jahrhunderts ist die Story absolut harmlos, aber es geht auf den ersten Blick doch wirklich nur um das Eine. Und dann eben auch wieder nicht. Weil da ja der Eisberg ist. Es geht natürlich um mehr als eine schlichte Dreiecksgeschichte, aber irgendwie auch wieder nicht. Ich könnte jetzt hier die Gedanken, die ich mir beim Lesen so gemacht habe, sicherlich aufzählen, aber damit würde ich dann wohl doch zu viel über den Inhalt des Romans verraten… und mich gegebenenfalls blamieren, man weiß ja nie, wie abseitig man dann doch denkt.

Da das ja nun auch eine Rezension und keine Analyse ist, mache ich hier lieber einen Punkt. Der Garden Eden liest sich flüssig, es gibt scharfe Wortwechsel, eine Geschichte in der Geschichte und Figuren, die man auch in einem französischen Schwarz-Weiß-Film gerne sehen würde. Im Grunde genommen ist das Lesen des Buches eigentlich gut mit einem Kinobesuch zu vergleichen. Man sieht den Film, man sieht die Charaktere von außen handeln, man hört die Gespräche – aber man kann nicht in ihre Köpfe gucken. Es gibt keine Inneneinsichten, keine personalen Einstreuungen… und wenn man das nicht frustrierend, sondern reizvoll findet, dann enttäuscht der Roman keinesfalls.

Queen July

„Queen July“ von Philipp Stadelmaier (2019)

Die Rückseite des Romans behauptet, es sei „ein Buch wie ein französischer Film – anspruchsvoll, frivol, politisch, atemlos und leicht“ und das trifft es ziemlich genau. Da hat jemand seinen Job – ein ganzes  Buch in nur einen Satz packen – ziemlich gut gemacht. Ich sage trotzdem noch ein bisschen mehr, damit das hier eine anständige Rezension wird.

Queen July ist Architektin, sie baut normalerweise Brücken in Portugal, aber ihren Urlaub verbringt sie zuhause in Paris. Sie thront in ihrer Badewanne, trinkt Wein, lässt immer mal wieder kaltes Wasser nachlaufen und hört sich die elend quälende Liebesgeschichte ihrer Untermieterin Aziza an. Gemessen an dem Titel des Buches sollte man meinen, dass July die Hauptperson ist und irgendwo ist sie das, aber Aziza ist diejenige, die meistens erzählt. Der Leser hört ihr zu und findet sich in Julys Rolle der Zuhörerin wieder. Manchmal streut July aber auch eine Anekdote ein und dann ist der Leser wieder für sich alleine der Beobachter des Geschehens. Alleine dieses Prinzip des abwechselnden Zuhörens und Erzählens ist ziemlich spannend.

Mini-Spoiler: Das Buch hat auch gar nicht den Anspruch, alles fertig zu erzählen, sondern hört manchmal ganz selbstzufrieden an Stellen auf, an denen es eigentlich doch erst spannend werden sollte. Mit diesem leichtfertigen Abbruch von Geschichten in einer Geschichte muss man umgehen können, sonst … ich behaupte mal vorsichtig, dass es dann ein etwas frustrierendes Lese-Erlebnis sein wird.

Die Haupthandlung (an der Anzahl der Seiten und Wörter, die darauf verwendet werden, als solche definiert) ist die Liebesgeschichte zwischen Aziza und Anselm Strehler. In ihrem letzten Schuljahr waren Aziza und Anselm ein paar Monate zusammen. Als Aziza zwei Tage mit ihrer Schwester nach London fährt und dann wiederkommt, will Anselm nicht mehr, es ist ihm alles zu viel, zu eng, ja einen richtigen Grund gibt es nicht, aber er will nicht mehr mit ihr zusammen sein. Dieses Abserviert-Werden ohne richtigen Grund, quasi aus dem Nichts, jagt Aziza. Anselm Strehler folgt ihr wie ein Schatten (ein Phantom, so sagt sie selbst) durch ihr halbes Erwachsenenleben, die Ungewissheit hindert sie daran, ernsthafte Beziehungen einzugehen oder ihn wenigstens zu vergessen. Diese Umtriebigkeit und Ruhelosigkeit sorgen dafür, dass sie sich in Dschibuti befindet, als sie nach rund 15 Jahren der Funkstille auf einmal eine Nachricht von Strehler erreicht. Über Facebook. Die Wiederaufnahme des Kontakts, scheinbar auch mal wieder so ganz ohne Grund, führen zu einer Vielzahl von Spekulationen auf Azizas Seite. Als schließlich das große Wiedersehen bevorsteht, weiß der Leser genauso wenig wie Aziza oder July, was er oder sie von diesem Strehler-Typen halten soll. Ist das nun ein bemitleidenswertes, psychisches Wrack? Ein gewissenloser Herzensbrecher? Eine Flachzange oder ein ganz ganz toller Typ? Man kann es nicht sagen, Azizas subjektives Erzählen ist viel zu perfekt, um die Figur Anselm Strehler zu erfassen, ehe man ihn auch zu fassen kriegen soll.

Queen July ist ein Roman, der auf eine ganz komische Art und Weise an die Nieren geht. Zwischendrin will man Aziza schütteln, weil sie sich so offensichtlich in einer unbedeutenden Jugendliebe verrannt hat, dann will man sie anfeuern, damit sie sich ihren Gefühlen voll und ganz stellt und dann erkennt man sich zwischendurch selbst wieder, weil vermutlich niemand immer nur mutig und vernünftig ist. Und dann ist da auch noch July, die immer mal wieder eine gute oder auch eine richtig blöde Zwischenfragen stellt, für nervige oder wünschenswerte Unterbrechungen der Strehler-Elegie sorgt… und die trotzdem eher mittendrin als nur dabei ist.

Es ist ganz schwer zu sagen, warum mich dieses Buch begeistert hat. Der Sprachstil war mir abwechselnd zu schwülstig und zu roh – aber vielleicht war das gar nicht der Stil des Buchs, sondern nur eine Laune von Aziza? Alles sehr schwer einzuschätzen. Das Buch ist nicht besonders dick und dieser Vergleich mit dem französischen Film, der trifft den Nagel auf den Kopf. Die Geschichte kommt mit ihrer Ausgangssituation so ganz schlicht und einfach daher, dann wird es kompliziert und emotional, dann sind alle wieder ganz lakonisch und leichtfertig und am Ende gibt es einen Wendepunkt, den man hätte fühlen müssen. Weil man an dem ganzen Roman fühlen kann.

Amour Fou

„Amour Fou“ von Arnon Grünberg (2000)

Es gibt sie immer wieder: Diese Autoren, die preisgekrönt, hyperproduktiv und von den Kritikern geliebt sind – und die man trotzdem einfach nicht kennt. Arnon Grünberg ist für mich so ein Autor und ich frage mich mal wieder, was mit mir nicht stimmt und warum es ein geschenktes Buch braucht, um auf diesen schreibenden Menschen aufmerksam zu werden. (Aber besser spät als gar nicht, oder?) „Amour Fou“ ist ein Roman, an den ich ohne allzu viele Erwartungen herangetreten bin – und eventuell hat er deshalb so heftig reingehauen.

Das Thema des Buches ist – offensichtlich – Amour Fou. Verrückte Liebe. Das Verrückt-Werden vor Liebe. Aber eigentlich ist es sogar ein bisschen mehr: Es geht um Liebe und es geht um Verrückte und um Wut, aber dabei ist das alles ganz undramatisch erzählt. Und die Art wie erzählt wird ist das eigentlich Highlight, auch wenn die Handlung Spaß macht.

Die Geschichte seiner Kahlheit, die möchte Marek van der Jagt dem Leser präsentieren. Marek ist ein Student der Philosophie, hauptberuflich Nachhilfelehrer und Sohn. Seine Mutter ist eine schillernde, schwierige Persönlichkeit, die ganz Wien um den Finger gewickelt hat und auch nach ihrem Tod eine zentrale Rolle in Mareks Leben spielt. Mareks Vater ist ein großer Schweiger, der sich neu verheiratet hat und ganz offensichtlich auf anstrengende Frauen steht, die sehr viel Aufmerksamkeit benötigen. (Und sehr viel Geld haben.) In einer solchen Familienkonstellation würde man Marek zwei Brüder wünschen, die Verbündete sind, aber Daniel und Pavel sind… einfach nur da. Die drei Brüder stehen in einem unterschwellig rivalisierenden Verhältnis zueinander, aber eigentlich ist ihre geschwisterliche Beziehung dadurch gekennzeichnet, dass es kaum eine Beziehung gibt. Marek ist von jedem einzelnen Mitglied seiner Familie isoliert, man lebt aneinander vorbei, man redet aneinander vorbei – und man tut sich nicht so richtig weh, auch wenn man mitunter grausam miteinander umgeht.

Doch Mareks klar geordnete und gleichzeitig chaotische Familienverhältnisse sind gar nicht sein größtes Problem, so einfach ist es dann doch nicht. Marek ist auf der Suche nach der Amour Fou, die er für den Sinn des menschlichen Lebens hält, für seine Bestimmung. Dabei begegnet er zwei Mädchen aus Luxemburg, die leicht entflammbar sind, aber sich für Marek doch nicht so richtig begeistern können. Man isst Pekingente zusammen. Man schreibt sich eine Postkarte. Und das war’s. Doch Marek gibt nicht auf, er lässt sich von Fräulein Oertel, die fünfzehn Jahre älter ist, an der Abendschule unterrichtet und noch bei ihrer Mutter lebt, mit nach Hause nehmen. Und so weiter und so fort.

Ein junger Mann auf der Suche nach der Amour Fou, Mutterkomplexe, explizit ausgeschriebenes sexuelles Versagen, das Kreisen um die Frage nach echter, funktionaler Männlichkeit – will man das 2020 überhaupt noch lesen? Ist das nicht eigentlich out? Das kann schon sein, aber Grünbergs Art von Mareks Leiden zu erzählen ist hochkomisch und wunderbar leichtfertig, obwohl er seinen Protagonisten durchaus ernst nimmt. Ernst genug, um die Geschichte seiner Kahlheit zunächst unter dem Pseudonym Marek van der Jagt zu veröffentlichen.

Für mich ist „Amour Fou“ eine Geschichte gewesen, die aus vielen einzelnen, absolut zitierfähigen Sätzen besteht und von einer kolossalen Hauptfigur zusammengehalten wird, an die ich mich hoffentlich auch in ein paar Jahren noch erinnern werde, wenn ich das Ende des Romans vergessen habe und das Buch zum zweiten Lesen aus dem Regal ziehe.

The Lying Game #1

„The Lying Game – Und Raus Bist Du“ von Sara Shepard (2010)

Nachdem ich angefangen habe, die Pretty Little Liars-Reihe von der Autorin zu verschlingen (eine ausführliche Besprechung kommt noch, sobald ich komplett durch bin, aktuell habe ich zehn von sechzehn Bänden gelesen und nein, ich mache keine halben Sachen), hat mich eine fürsorgliche Freundin mit ihrer anderen Buchreihe bekannt gemacht. Anders als bei Pretty Little Liars ist mir bei The Lying Game die Serie nicht bekannt gewesen – und ich habe mich auf das große Unbekannte eingelassen…

Worum geht es?

Seit ihrer frühen Kindheit wird Emma von Pflegefamilie zu Pflegefamilie weitergereicht, macht kleine Jobs, um Geld fürs College zu sparen und hat gelernt, sich in kürzester Zeit auf ein neues Umfeld einzustellen. Zwei Wochen vor ihrem achtzehnten Geburtstag entdeckt sie durch Zufall ein Video von einem Mädchen, das erwürgt wird. Und genauso aussieht wie sie selbst. Nach einigen Nachforschungen findet Emma heraus, dass sie eine Zwillingsschwester hat, die ein deutlich glamouröseres Leben führt als sie selbst. Doch als Emma der Einladung ihrer Schwester in die beschauliches Kleinstadt Tucson folgt, merkt sie schnell, dass nicht alles so perfekt ist wie es auf dem Facebook-Profil ihrer Schwester ausgesehen hat. Zur Begrüßung wird Emma von den Freundinnen ihrer Schwester und ominösen Drohungen empfangen … und schnell wird klar, dass es ein entscheidendes Problem mit dem Leben der fabelhaften Sutton Mercer gibt: es ist bereits vorbei. Und irgendjemand möchte, dass Emma ihren Platz einnimmt. Denn wo keine Leiche ist, da gab es auch keinen Mord. Oder?

Read it or eat it?

Die Geschichte wird aus Emmas Perspektive erzählt – und zugleich von Sutton kommentiert. Dieser narrative Kniff ist zuerst ein wenig gewöhnungsbedürftig, zeigt aber bald seine Stärke. Emma lernt die Welt der verschwundenen Sutton neu kennen – und Sutton beobachtet Emma dabei und versorgt den Leser ab und an mit Erinnerungen aus ihrer nicht ganz untadeligen Vergangenheit, die vermeintliche Hinweise darauf geben, wer sie ermordet hat. Sutton weiß nicht mehr, wie sie gestorben ist – und Emma möchte es herausfinden. Suttons Freundinnen, ihr Freund, ihre Familie, alle sind verdächtig und der Leser muss genau wie Emma bewerten, wem er vertrauen kann und wem nicht.

Das Setting von The Lying Game ist den Stammlesern von Shepard altvertraut: eine kleine Stadt, eine Gruppe gemeiner Mädchen und viele viele Geheimnisse. Im Gegensatz zu Pretty Little Liars gibt es allerdings deutlich weniger Handlungsstränge und nur eine richtige Perspektive, wodurch die Geschichte wesentlich zielführender erzählt wird. (Wahrscheinlich gibt es deshalb von der einen Reihe sechzehn Bände und von der anderen sechs.) Emma ist eine unbelastete, beinahe schon unbedarfte und deswegen stellenweise naive Erzählerin (ich persönlich warte noch auf ihren Durchbruch), die versucht die dunklen Abgründe ihrer Zwillingsschwester zu ergründen. Verglichen mit Emma scheint Sutton nämlich zu Lebzeiten ein regelrechtes Biest gewesen zu sein, auch wenn sie im Jenseits nichts mehr davon weiß und nur das vage Gefühl hat, dass sie selbst an ihrem Tod vielleicht nicht ganz unschuldig sein könnte. Die Unterschiede zwischen Emma und Sutton sind anfangs klar und deutlich gezeichnet, aber als hoffnungsvoller Leser glaubt man natürlich daran, dass die Klischees bald schwinden und die Grenze zwischen Schwarz und Weiß verwischt wird…

Ich sehe Potenzial – und muss der Übersetzerin ein großes Kompliment aussprechen. Es mag daran liegen, dass The Lying Game und die deutsche Jugendsprache seiner Übersetzung ein paar Jahre weniger auf dem Buckel haben, aber Violeta Topalova hat sich meiner bescheidenen Meinung nach gesteigert. Ich hab nur ein oder zweimal zusammengezuckt, weil ein Begriff irgendwie echt „out“ war.

Wer „The Lying Game – Und du bist raus“ mag, der liest vielleicht auch gerne:

  • Buchreihen in diesem Stil, von denen es sicherlich zahlreiche gibt, sodass ich hier nur meine drei aktuellen Favoriten nenne: Gossip Girl und It Girl von Cecily von Ziegesar und natürlich die endlose Saga über die kleinen Lügnerinnen von Sara Shepard herself.

Pretty Little Liars #1

„Pretty Little Liars – Unschuldig“ von Sara Shepard (2006)

Mit der Serie „Pretty Little Liars“ verbindet mich eine kleine Hassliebe – ich kann aus dem Stehgreif gleich mehrere Dinge nennen, die ich daran einfach nur furchtbar fand (zu lang, zu verworren, zu viele Familiengeheimnisse, zu viele merkwürdige Auflösungen, die keine waren … zu viele schwarze Kapuzenpullover, chrm), aber nichtsdestotrotz habe ich die Serie bis zum Ende angesehen. Sieben Staffeln. Pro Staffel immer rund 20 Folgen. Jede Folge gestreckt auf 40-45 Minuten. Das ist nicht unbedingt wenig Lebenszeit, aber ich bin irgendwie trotz allem gut unterhalten gewesen (und ich wollte wissen wie es ausgeht, den Wikipedia-Artikel zu lesen wäre viel zu einfach gewesen) … also warum nicht noch ein bisschen mehr Lebenszeit an Aria, Emily, Spencer und Hanna verschwenden? Warum nicht die Romanvorlage lesen? Auch wenn ich weiß wie es ausgeht. (Das habe ich dann leider doch auf Wikipedia gelesen und obwohl das über ein Jahr her ist, hat sich des Rätsels Lösung in mein Gehirn eingebrannt, während ich schon nicht mehr weiß, was ich vorgestern gegessen habe. Toll wie die Neuronen da oben funktionieren.)

Also worum geht es?

Die Geschichte beginnt damit, dass Alison DiLaurentis spurlos verschwindet. Alison ist das Zentrum einer Clique von verwöhnten Siebtklässlerinnen, die in der fiktiven Kleinstadt Rosewood in der Nähe von Philadelphia leben und in der hochschicken Vorstadt zu viel trinken, zu viel rauchen und überhaupt zu viele Dinge heimlich tun. Als Alison verschwindet, verschwindet auch die Person, die alle Geheimnisse zu kennen scheint – und selbst obendrein einen ganzen Geschenkkorb mit ihren eigenen Intrigen füllen könnte. Die vier Freundinnen, die übrig bleiben – die eben bereits namentlich genannten Grazien: Aria, Emily, Spencer und Hanna – leben sich nach und nach auseinander. Aus der immer schon leistungsorientierten Spencer wird eine überorganisierte, alleskönnende Vize-Schulsprecherin, aus der pummeligen Hanna wird das neue It-Girl der Schule, während Emily sich auf ihre halbherzigen „Leidenschaft“, das Schwimmen, fokussiert und Aria mit ihrer Familie nach Island gezogen ist. Drei Jahre nach Alisons verschwinden kehrt auch Aria nach Rosewood zurück und schon bald haben die vier so unterschiedlichen Mädchen eine Gemeinsamkeit: sie werden erpresst. Bedrohliche SMS und Mails erreichen sie, jemand scheint all ihre alten und neuen Geheimnisse zu kennen… die Nachrichten sind unterzeichnet mit einem schlichten A. – ein Buchstabe, den alle Zuschauer der Serie irgendwann leidgeworden sind. Denn früher oder später wird sich alles um diese eine Frage drehen … wer ist A? Alison? Anonyma?

Read it or eat it?

Der erste Band der „Pretty Little Liars“-Reihe entspricht ziemlich genau der ersten Folge der Serie, wer also den Anfang der Show vielversprechend fand, könnte hier durchaus glücklich werden … aber man muss nicht mit Überraschungen rechnen. Erstmal. Für all jene Leser, die sich von der Serie ferngehalten haben, gibt es zunächst ein paar saftige Klatscher in Sachen Jugendsprache der 2000er … in deutscher Übersetzung. Ganz schön gruselig. Einige Stichworte zur Kostprobe: „Tusnelda“, „Nulpe“, „leckerer Freund“, „Treo“. Wer jetzt schon irgendwas nachschlagen musste, wird sich am ersten Band die Zähne ausbeißen … oder sich totlachen. Die Übersetzung der deutschen Erstaufgabe ist einfach nicht mehr zeitgemäß und ganz ohne Fremdscham lässt sich der Spaß nicht lesen, aber es ist eben trotzdem ein Spaß. Falls man sich an oberflächlichen, klischeeverhangenen, pseudo-mystery, hyperamerikanischen Jugendromanen mit explizit weiblichem Zielpublikum erfreuen kann. Und ich kann das. Aber so was von.

Mir persönlich hat es außerdem viel Freude gemacht zu sehen wie typische Motive aus „klassischen“ Romanen und „Blockbustern“ verwendet werden: Die Handlungsstränge werden zum Großteil durch das Verschwinden oder Auftauchen bestimmter Personen eingeleitet. Der anonyme Erzähler beziehungsweise die anonyme Erzählerin, A., der beziehungsweise die am Anfang und am Ende des Buches zu Wort kommt. Die Fassade einer heilen amerikanischen Vorstadt. Die typischen Krisen von Teenie-Mädchen. Die überzeichneten Abgründe von Teenie-Mädchen. Das Rad wurde hier wirklich nicht neu erfunden, aber es dreht sich trotzdem ganz fröhlich.

Stilistisch ist der Auftakt der Reihe wirklich nicht allzu anspruchsvoll und das Vokabular der deutschen Übersetzung ist nichts für Leser mit einem empfindlichen Sprachgefühl. Die Figuren sind nicht zu simpel, aber auch nicht so komplex wie sie sich darstellen wollen. Es werden mehrere Handlungsstränge nebeneinander her gesponnen, die sich wenigstens im ersten Band noch nicht richtig ineinander gefügt haben … aber mal ehrlich, am Ende des Tages wollen wir doch alle nur wissen, wer A. ist, oder? (Nur ein Scherz. Es gibt so viel mehr da rauszuholen. Ich lebe für den Trash-Faktor.)

Keine uneingeschränkte Leseempfehlung … aber für Fans der Serie und Freunde der leichten Unterhaltung ist „Pretty Little Liars“ sicherlich nicht der schlechteste Lesestoff. Ich für meinen Teil werde weiterlesen und womöglich noch einmal eine allumfassende Rezension schreiben, wenn ich am Ende der Buchreihe angelangt bin.

Wer „Pretty Little Liars – Unschuldig“ mag, der liest vielleicht auch gerne:

  • Die „Gossip-Girl“-Romane von Cecily von Ziegesar. Ähnlicher Unterhaltungsfaktor. Ähnliches sprachliches Niveau. Ähnliche Fremdschäm-Momente. Identische Zielgruppe. (Here I am.)
  • „Nur eine Liste“ von Siobhan Vivian. Acht Mädchen mit acht Geheimnissen. Eine Liste jenseits von Gut und Böse. (Stichwort Hot or Not). Und eine Krone für die (Prom-)Königin.
  • „Von wegen Liebe“ von Kody Keplinger. Weniger Intrigen. Weniger Pseudo-Mystery-Momente. Aber dasselbe High-School-Feeling.
  • Und für alle, die den ultimativen Abgrund suchen: „Tagebuch eines Vampirs“/ „The Vampire Diaries“ von Lisa J. Smith. Auf dem Niveau, das diese Serie gegen Ende aller Staffeln erreicht, als allen die Ideen ausgegangen sind, startet die Buchvorlage ab dem zweiten Band. Es ist ein Fest. Ich habe bei Band 5 kapituliert. So viel zum Thema Leidensfähigkeit.

Die Mütter-Mafia

„Die Mütter-Mafia“ von Kerstin Gier (2005)

Neben einer normalen, jahreszeitlich angemessenen Erkältung hat mich auch das Kerstin-Gier-Fieber gepackt und deshalb habe ich mich an eines ihrer Bücher gewagt, das in meinem Bekanntenkreis schon immer hochgelobt wurde: Die Mütter-Mafia.

Und siehe da, die Protagonistin des Romans, Constanze, war gar keine Unbekannte für mich, sondern eine dezente Nebenfigur aus In Wahrheit wird viel mehr gelogen. Da bin ich doch glatt in ein kleines Universum gestolpert, ohne davon zu wissen. (Und das liegt nicht an mangelndem Wissensdurst meinerseits! Bei Wikipedia wird In Wahrheit wird viel mehr gelogen nicht zu den Romanen rund um die Mütter-Mafia gelistet. Die Gründe dafür sind mir schleierhaft.)

Worum geht es?

Constanze ist von Beruf Mutter von zwei bezaubernden Kindern und fällt aus allen Wolken, als ihr Ehemann Lorenz auf einmal verkündet, dass er sich von ihr scheiden lassen will und wird. Da Lorenz Oberstaatsanwalt ist und Constanze nach ihrem dritten Semester Psychologie keine Karriere verfolgt hat, sitzt ihr Ehemann, der sehr bestrebt ist sie so bald wie möglich loszuwerden, am längeren Hebel. Constanze wird mitsamt ihrer Kinder in das Haus ihrer verstorbenen Schwiegermutter verfrachtet und ist auf sich allein gestellt.

Was der Herr Oberstaatsanwalt vermutlich nicht wusste: das Haus steht in der Insektensiedlung, einer beschaulichen, vorstädtischen Ecke, in der die „Obermamis“ das Sagen haben. Die sogenannte Mütter-Society ist eine Ansammlung von allen nur denkbaren grausamen Helikopter-Mutti-Klischees. Die Kinder sollen ja richtige Namen bekommen und keine „Sammelbegriffe“ – und heißen deshalb Karsta oder Marie-Antoinette. Die kleinen Karstas und Marie-Antoinettes sind ja schon etwas ganz Besonderes, aber damit auch später niemand von verschenktem Potenzial spricht, werden sie vor der Einschulung zum Geigenunterricht geschickt und dürfen schon mal Japanisch lernen, damit sie später auf dem Arbeitsmarkt keinen so schweren Stand haben.

Constanze, die angesichts dieser Invasion der  Übermütter an ihrer eigenen Kompetenz zweifelt, möchte zunächst unbedingt ein Mitglied dieses matriarchalischen Vereins werden, merkt aber schnell, dass man wahre Freunde woanders findet und dass der schöne Schein nicht selten trügt.

Read it?

Mir persönlich ist es als mittelmäßig bezahlte Nachhilfelehrerin für die Kinder von etwas zu ehrgeizigen Müttern beim Lesen gleich mehrmals kalt den Rücken runtergelaufen – und mir ist auch wieder sehr deutlich vor Augen geführt worden, dass Fiktion schlimmer sein kann als die Realität… Wahrscheinlich kann sich jeder, der schon mal einer solchen „Obermami“ begegnet ist und sein Kind selbst vielleicht „nur“ zum Kindergartenschwimmen und bei der musikalischen Früherziehung angemeldet hat, in Constanze einfühlen. Durch die geschickte Zwischenschaltung von Blogeinträgen aus dem Online-Forum der „Mütter-Society“ bekommt der Leser einen schönen, überzeichneten Blick auf das Gift, das dort hinter den Kulissen verspritzt wird. So viele bösartige, hassenswerte und trotzdem irgendwie lebensnahe Frauenfiguren findet man nicht so schnell wieder auf einem Haufen versammelt. Generell wird in Giers Roman zumeist ziemlich klar zwischen den „Guten“ und den „Bösen“ unterschieden und die wenigen Überraschungsmomente, die es gibt, sind absehbar, wenn man mit den Erzähltechniken der Autorin halbwegs vertraut ist.

Einige ernstere Themen werden sogar als Nebenhandlung angerissen, aber leider auch sehr schnell abgehakt, während Erzählstränge wie beispielsweise die Renovierungsmaßnahmen von Constanzes Haus oder der juristische Terror durch das Nachbarsehepaar Hempel verhältnismäßig stark ausgeschmückt werden und sich durch den ganzen Roman ziehen.

Überhaupt wirkt Constanze im Jahr 2019 ein bisschen zu naiv und macht sich die Dinge ein bisschen zu einfach – aber wenn man mit einem feministischen Leseanspruch an diese Geschichte herangeht, dann macht man sich die Dinge auch entschieden ein bisschen zu schwer. Ansprüche sind angesichts der Lektüre sowieso ein verheerendes Stichwort, aber wenn man sich bloß ein bisschen aufregen und mitfühlen und „Hey, so eine kenn ich aber auch“ denken will, dann ist man bei der Mütter-Mafia bestens aufgehoben.

Wer „Die Mütter-Mafia“ mag, liest vielleicht auch gerne:

  • Die Fortsetzungen? Nur so ein Gedanke: Die Patin, Gegensätze ziehen sich aus, Mütter-Mafia und Friends und natürlich auch In Wahrheit wird viel mehr gelogen. (Hätte ich noch mehr Freizeit, würde ich den Wikipedia-Artikel glatt korrigieren.)
  • Die Bridget-Jones-Romane von Helen Fielding: Schokolade zum Frühstück, Am Rande des Wahnsinns, Verrückt nach Ihm und Baby. Bridget Jones ist quasi eine bessere, britische Version von Kerstin Giers typischen Protagonistinnen. Mit mehr Witz, mehr Zigaretten, mehr Ambitionen – und mehr Chaos.
  • Besser nichts von Gaby Hauptmann oder Hera Lind. Außer der in Bücher-Blogs oft benannte „SuB“ (Stapel ungelesener Bücher) hat sich mitsamt der eigenen Schmerzgrenze in Luft aufgelöst.

Sommerfest

„Sommerfest“ – Frank Goosen (2012)

Die Romane von Frank Goosen sind Bücher für eine bestimmte Zielgruppe. Je näher man am Ruhrgebiet dran wohnt, umso besser. Je näher man der 45 gekommen ist, ohne sich so richtig wie 45 zu fühlen, umso mehr Freude hat man an den Charakteren. Meine Kindheit kann ich zwar nicht gerade in den 1970er-Jahren in Bochum, Essen oder Duisburg verorten, aber trotzdem habe ich irgendwie Gefallen an dem Tonfall des Autors gefunden. Beim Lesen fühlt man sich immer so als würde man einem verschollenen Verwandten aus einer anderen Ecke von Nordrheinwestfalen zuhören und wenn man dann ein paar Dialektausdrücke doch irgendwie schon mal gehört hat, dann freut man sich. Ohne Grund.

Auf Goosens Bücher bin ich nach und nach aufmerksam geworden. Erst bin ich in der Buchhandlung daran vorbei gelaufen, dann gab es zwei Verfilmungen, die ich so am Rande mitbekommen habe und irgendwann stand ich dann da, hatte Radio Heimat in der Hand, hatte ein Kinoticket für Sommerfest gekauft und als ich dann in der Stadtbücherei vor dem Buchstaben G stand, dachte ich, warum denn nicht weitermachen? Sommerfest klingt auch ein bisschen cooler, ein bisschen altersentsprechender, als Raketenmänner und Vertrautes ist manchmal beruhigend. So viel zu meinen Rechtfertigungen, wie ich an ein Buch geraten bin, das mich irgendwie nicht wirklich zu seiner Zielgruppe zählen darf.

Worum geht es?

Stefan lebt seit zehn Jahren in München, führt eine halbwegs solide Beziehung und ist Schauspieler. Die Frage, ob man ihn denn kennen müsse, verneint er stets, denn er ist ja nur im Theater und bei kleinen Produktionen aktiv, die im Nachtprogramm versendet werden. Als Onkel Hermann stirbt, muss Stefan zurück in die Heimat. Heimat heißt in diesem Fall Omma Luise, Autobahnsperrung als Volksfestersatz, Jugendfreunde und Geschichten, die auf der Straße liegen. Und ein Wiedersehen mit Charlie, die Stefans Sandkastenliebe war und mit der es trotzdem irgendwie nie so richtig geklappt hat. Nägel mit Köpfen ist hier das Schlagwort.

Goosens Erzählstil lebt von seinem unschlüssigen, heimatverdrossenen und gleichzeitig nostalgischen Protagonisten. Stefans Faszination von der eigenen Heimat überwältigt ihn und schreckt ihn gleichzeitig ab. Er war lange genug weg, um zu verdrängen wie es wirklich ist, wenn man nie rausgekommen ist, aber nicht lange genug, um keine alten Kontakte mehr zu haben, die man erfolgreich aufwärmen könnte. Kleine Anekdoten aus dem Ruhrgebiet, regional gefärbte Kalendersprüche und die Figuren, die man gezwungenermaßen Charaktere nennen muss. Weil sie alle irgendwie Charakter haben. Weil es immer eine kleine Story gibt, ein paar Macken, die man auserzählen muss, ein paar Running Gags und weil man wirklich ganz genau hinschauen muss, um das liebevoll verhätschelte Klischee zu erkennen.

Die chronische Unentschlossenheit von Stefan wird erst auf den letzten Metern ein wenig anstrengend und das Mysterium des ewigen Hin und Her wird meiner Meinung nach kurz vor Schluss unnötig lange ausgereizt. Aber vielleicht spricht gerade das auch für die Geschichte, denn immerhin wird die große Aussprache von Stefan und Charlie von allen Charakteren herbeigesehnt. Ungeduldig gestimmt sind sie, ständig haken sie nach, schubsen Stefan in Richtung seiner Vergangenheit und hüllen sich in Schweigen, wenn Stefan versucht aus ihnen irgendetwas über Charlies Leben in den letzten zehn Jahren herauszubekommen.

Read it?

Stefan steht mit einem Bein in München und mit dem anderen Bein in seiner Heimatstadt. Diese Zerrissenheit macht die Geschichte aus und auch wenn man – wie ich –  irgendwann die Geduld verliert, ist es nicht so leicht, das Buch aus der Hand zu legen. Im Gegenteil, ich habe am Ende darauf gebrannt zu erfahren, ob es ein nostalgisches oder ein rationales Happy End mit einem bitteren Beigeschmack gibt.

Sommerfest relativiert die Idee eines klassischen Happy Ends. Ob Stefan sich für oder gegen Charlie, für oder gegen sein 30-jähriges Ich, das nach München geflüchtet ist, entscheidet, das ist irgendwie beides nicht das Wahre. Wenn man will, kann man immer ein Haar in der Suppe finden. Aber das ist dann auch wieder so ein Kalenderspruch.

Absolut lesenswert – das sind andere Bücher. Aber Spaß macht Sommerfest trotzdem. Besonders dann, wenn man einen Bezug zur A40, eine Omma Luise und genug Abstand zur eigenen Jugendliebe hat, um ein bisschen sentimental zu werden.

Wer „Sommerfest“ mag, der liest vielleicht auch gerne:

  • Der Junge muss an die frische Luft von Hape Kerkeling. Ähnliche Zielgruppe, aber etwas trauriger und weniger auf eine Liebesgeschichte fokussiert.
  • Radio Heimat oder andere Romane von Frank Goosen. In Radio Heimat liefert Goosen Fetzen aus dem Leben von vier Jugendlichen. Mit vielen Selterbuden, mit Spielervereinigung, Ommas und Oppas und allem, was man eben so braucht.
  • Unentschieden von Alexandra Maxeimer. Eine Geschichte darüber, dass „ein Funken“ manchmal auch nach zwei Jahrzehnten noch für einen gefühligen Brandherd sorgen kann.

In Wahrheit wird viel mehr gelogen

„In Wahrheit wird viel mehr gelogen “ von Kerstin Gier (2008)

Eine (bestenfalls etwas kritische) Rezension über einen Roman von Kerstin Gier zu schreiben ist eine persönliche Herausforderung für mich. Die Romane der Autorin haben bei mir nämlich immer den Effekt, dass ich sie innerhalb von 24 Stunden mit ungehemmter Begeisterung durchlese und mich dabei von dem witzigen, anekdotischen Schreibstil bezaubern lasse. Und es spricht wohl ganz eindeutig für ein Buch, wenn es seinen Leser so bannen kann und einen vergessen lässt, dass man es gerade eigentlich mit sehr leichter Kost zu tun hat. Deshalb eine ganz liebevolle Kritik zu  In Wahrheit wird viel mehr gelogen.

 Worum geht es?

Carolin ist 26 Jahre alt und gerade Witwe geworden. Als passionierte Leserin von Kerstin Giers Romanen kannte ich diese Ausgangssituation schon aus den kleinen, werbenden Zusammenfassungen auf den letzten Seiten ihrer anderen Bücher. Und ich fand den Trauerprozess einer fast noch jugendlichen Witwe lange Zeit gar nicht mal so verlockend.

Was ist also spannend an Carolin und ihrer Geschichte? Sie ist überdurchschnittlich intelligent, ziemlich bissig und auch sonst – trotz ihrer Überqualifikation als Identifikationsfigur –  sympathisch. Außerdem hat sie einen Mann geheiratet, der doppelt so alt gewesen ist wie sie selbst. Und obendrein der Vater ihres ersten (Ex-)Freundes gewesen ist. Es ist erfrischend, dass hier keine typische Vaterkomplexgeschichte konstruiert wird und man nicht direkt dazu geneigt ist über Caroline zu urteilen. Gier hat ein Talent dafür ihre Hauptfiguren in das richtige Licht zu rücken – und obwohl man im normalen Leben vielleicht eher Mitleid mit dem schnuckeligen, aber doch stark gekränkten Jurastudenten hätte, der seine Freundin an seinen Vater verloren hat, ist man beim Lesen irgendwie immer auf Carolins Seite. Man erlebt alle anderen Figuren durch ihre Perspektive, teilt ihre Gemeinheiten, ihre kleinen Hassattacken und ihre schwarzen Löcher. (Die selbstredend nicht zu tief sind und nie lange auserzählt werden, man hat keine Chance beim Lesen deprimiert zu werden.)

Am Anfang jedes Kapitels wartet Caroline mit grundlegenden Weisheiten (im Stil von „Man sieht sich immer zweimal im Leben!“) auf und kommentiert sie sarkastisch („Und man hat noch Glück gehabt, wenn es beim zweiten Mal bleibt!“).  Parallel zu der trauernden Carolin lernt man die fünf Jahre jüngere, frisch verliebte Carolin kennen. Sie erzählt von ihrer Vergangenheit, in der sie erst Leo und wenige Monate später seinen Vater Karl kennengelernt hat und steigert sich dabei in eine düster-komödiantische Familiengeschichte hinein, in der die Gemeinde Oer-Erkenschwick zum Running-Gag mutiert. Wer auf typischen Rheinlandhumor und Kleinstadtsnobs steht, kommt bei diesen Passagen ganz besonders auf seine Kosten. (Eventuell noch ein Grund dafür, warum ich bei Kerstin Gier-Romanen nicht objektiv sein kann.)

Read it?

Aber gibt es denn jetzt ein Problem? Ernsthafte Kritik? Ja, doch … schon. Und die wird sogar von der Autorin selbst im Nachwort angesprochen. (Und ist das nicht schon wieder verdammt sympathisch?) Die Protagonistin ist zu perfekt. Carolin ist witzig, sie ist ein herzensguter Mensch, sie spricht fünf (oder waren es sogar sechs?) Sprachen, sie ist eine virtuose Musikerin, hat mit 16 Jahren ihr Abitur gemacht und hat nach zehn Jahren fast drei Universitätsabschlüsse in komplett unterschiedlichen Fächern erworben. Und dann ist sie auch noch klein, zierlich gebaut und hübsch. Aber dabei so bodenständig und so uneitel, dass man als Fan von gebrochenen Figuren permanent einen inneren Schreikrampf haben könnte.

Insofern man also bereit ist eine quasi fehlerlose Erzählerin zu akzeptieren, gibt es keinen Grund In Wahrheit wird viel mehr gelogen nicht in die Hand zu nehmen und sich einen Nachmittag oder einen gemütlichen Abend lang von schrulligen Nebenfiguren (meine Highlights: ein ausgestopfter Hund, eine Oer-Erckenschwicker-Übermutti und eine 15-jährige, die als Einzige das Adjektiv „cool“ irgendwie verdient hat) und skurrilen, romantischen Zufällen entführen zu lassen.

Wer „In Wahrheit wird viel mehr gelogen“ mag, liest vielleicht auch gerne:

  • Andere Romane von Kerstin Gier. (Ha! Wer hätte das jetzt erwartet?) Meine persönlichen Mehrmals-gelesen-Lieblinge sind Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner, Ehemänner und andere Unschuldslämmer und Männer und andere Katastrophen. (Stichwort: leichte – aber gute – Kost!)
  • Nicht ohne meinen Mops von Silke Porath. (Für alle, die von einer WG mit einem homosexuellen Pärchen und einem Mops träumen.)
  • Rachel im Wunderland von Marian Keynes. Falls man eine weniger durchschaubare und komplizierter gestrickte Protagonistin bevorzugt. Und den Schrullen des Rheinlandes nichts abgewinnen kann, sondern lieber von irischen Landsleuten belustigt wird. Und etwas für eine Entzugsklinik als Kulisse übrig hat.