Gedicht: Deine Lieblingssachen

Deine Lieblingssachen

Am Telefon fragt meine Oma, wie es dir geht,
sie will wissen, wie es um dein Examen steht,
ob du dich über Selbstgestricktes freust
oder ob du in Wollsocken die Öffentlichkeit scheust.

(Ganz so fragt sie nicht, denn Oma reimt nicht.)
Mich fragt sie, ob ich den Kontakt zu dir auch nicht verlier‘.

Früher waren deine Freunde meine Freunde,
dein Haus war ein Haus, in dem ich jedes Zimmer kannte.
Ich hab mich in deinem Leben so gut zurechtgefunden,
die Stunden in den Wohn- und Esszimmern deiner Familie waren nur Sekunden.

Meine Tante war deine Lieblingsverwandte,
sie ist vor vier Jahren gestorben und wir haben sie einmal im Sommer und einmal im Winter besucht.
Meine Freunde waren nicht deine Freunde, weil du dich selten an ihre Namen erinnern konntest,
auch wenn es wichtig gewesen wäre.
(Für mich.)

Am Telefon kann sich meine Oma nur gelegentlich an Namen erinnern,
aber dich vergisst sie nie.
Ob du gerne Selbstgebackenes isst?
Ob es noch mehr Lieblingssachen von dir gibt
und ob du auch immer noch mein Liebling bist?

Gedicht: In deinem Film

Ein kurzes Wort zum Thema „Gedichte“ – Und warum mir diese Textform nicht so ganz behagt

Ich sage es lieber gleich: Ich schreibe eigentlich keine Gedichte mehr, seitdem ich 15 oder so bin. Aber manchmal dann eben doch. Und so richtig wohl fühle ich mich dabei auch nie… keine Ahnung, mit 15 sind Gedichte immer so melodramatisch und hyperpersönlich gewesen und jetzt kommt es mir vor, als würde ich da immer extrem unpersönliche Sachen schreiben – und trotzdem das Pronomen „Du“ benutzen, obwohl es eigentlich kein echtes „Du“ gibt. Das ist ein merkwürdiges Gefühl, irgendwie unangenehm eben. Aber weil ich dem Internet schon so viel zugemutet habe, wäre es auch irgendwie albern, gerade da die Schmerzgrenze zu ziehen. Deswegen versuche ich mich mal an dem Upload von ein paar „unangenehmen“ Gedichten. Ach so… reimen kann ich nicht so richtig, aber manchmal versuche ich es trotzdem, nicht sehr konsequent eben.

In deinem Film

Ansprüche sinken. Kaffee trinken.
Menschen swipen. Menschen hypen.
Fotos mit Hunden von Freunden
von Freunden. Gute Bekannte.

Personen, die du vielleicht mal kanntest
oder kennen wolltest.
Dafür, dass ich dich kennenlernen durfte,
will ich dir danken.

Am selben Abend drei neue Superlikes.
Niemand weist mich in meine Schranken.
(Das ist out, so sagt man das nicht mehr.)

Wo wolltest du schon immer mal hinfahren?
Mit dem Auto, meine ich. So ganz klimaneutral.
Ans Meer. Ganz spontan. Ohne Plan,
ohne Koffer, mit halbleerem Tank.

Das könnte dein Til-Schweiger-Film sein.
Dein deutschpoppiger Singersongwriter-Song.

Lächeln. Antworten. Den Frieden bewahren.
Die Kunst des Smalltalks verhindert,
dass du Dinge über mich weißt,
die mein Postbote – zum Beispiel –
nicht wissen kann.

Superlike. Und wo bleibt der Dank?

Die Frau und der Affe

„Die Frau und der Affe“ von Peter Høeg (1996)

Bei dieser Rezension weiß ich gar nicht, in welche Kategorie ich sie packen soll, denn es ist wirklich schwer Die Frau und der Affe irgendeinem Genre zuzuordnen. Es ist nicht Fantasy, es ist nicht wirklich Science-Fiction, es ist auch kein richtiger Thriller, es ist nicht mal wirklich mit dem Schlagwort Magischer Realismus zu fassen, obwohl es gefühlt Spuren von allem Möglichen enthält. Trotzdem ist das Buch nicht unentschlossen. Ich habe wirklich lange nichts mehr gelesen, das so reingehauen hat!

Ich habe gefühlt drei oder vier Mal während der gesamten Lektüre innegehalten und einen Satz immer und immer wieder gelesen, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass das wirklich da steht! Also in Sachen unvorhersehbare Wendepunkte liegt dieses Buch ganz weit vorne. Da liest man Sätze, die man so einfach nicht hat kommen sehen. Und so wahrscheinlich auch nirgendwo sonst lesen kann. Es ist einfach alles unfassbar innovativ und so wenig abgeschmackt – mir fällt absolut kein Buch ein, das ich inhaltlich so richtig damit vergleichen könnte. Und das muss man ja auch erstmal schaffen.

Zur Ausgangssituation: Madelene, eine gebürtige Dänin, ist mit dem Engländer Adam Burden verheiratet, der bald schon der Direktor des angesehenen Londoner Zoos werden soll. Der Erfolg, der Reichtum und das gute Aussehen von Adam führen allerdings nicht dazu, dass Madelene in ihrer Ehe besonders glücklich ist. Sie trinkt – und das nicht zu knapp. Als eines Tages ein Menschenaffe auf der Bildfläche erscheint, mit dem Adam sich seinen zoologischen Weltruhm sichern will, gerät der apathische Alltag von Madelene außer Kontrolle.  

Auch auf der sprachlichen und stilistischen Ebene bin ich ziemlich überzeugt worden. Die Kapitel haben eine angenehme Länge, die Sätze genauso. Es gibt kein Gelaber, nichts an der Geschichte fühlt sich zu ausgeschmückt oder zu sparsam erzählt an. Es ist nicht melodramatisch, es ist nicht prätentiös, es haut einfach nur rein, da kann ich mich nur wiederholen.

Die Hauptfigur Madelene ist für den Leser oftmals ein bisschen schwer zu fassen, aber das macht sie nur umso interessanter. Sie weiß immer wieder zu überraschen und ist zugleich immer auf einem ähnlichen „Wissensstand“ wie der Leser, sodass man ihr gut durch die Handlung folgen kann. Viele der Figuren, die eigentlich doch relativ wichtig sind, lesen sich eher wie Nebenfiguren, aber das stört gar nicht, denn sie verkommen nicht zu Klischees oder handeln allzu durchschaubar. Die andere Titelfigur, der Affe, ist eine Nummer für sich und über ihn kann man kaum etwas sagen, ohne direkt zu viel zu verraten.

Eine absolute Leseempfehlung, mehr kann ich hier auch gar nicht mehr sagen. Ich weiß nicht, ob ich mich so bald wieder an den Autor wagen werde, denn immerhin ist Fräulein Smillas Gespür für Schnee auch irgendwie so ein Buch, das man vom Hörensagen kennt und gefühlt auch wieder gelesen haben muss… vielleicht gucke ich auch endlich mal Planet der Affen. Um ein bisschen beim Thema zu bleiben.

Der Goldene Kompass

„Der Goldene Kompass“ von Philip Pullman (1995)

Fantasy und ich, das ist so eine Sache für sich. Ich liebe die Fantasy-Reihen, mit denen ich aufgewachsen bin und ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich die Harry-Potter-Bücher gelesen habe oder die beiden Vampir-Universen von Stephenie Meyer oder Lynn Raven verschlungen habe, aber wenn es darum geht, mich auf ein neues Fantasy-Universum einzulassen, dann bin ich sehr zögerlich. Woran genau das liegt, weiß ich gar nicht, es ist nämlich nicht so, als wäre ich dem Genre entwachsen, aber irgendwie messe ich jedes neue Buch an meinen persönlichen Klassikern. Und wie viele Welten sind schon so gut gemacht wie Mittelerde oder Narnia?

Doch im Rahmen der „Arbeit“ an meinem „Regal ungelesener Bücher“ habe ich mich nach Jahren des Aufschiebens mal wieder an den Auftakt einer Fantasy-Reihe gewagt. Ich fand schon immer, dass His Dark Materials ein wahnsinnig toller Titel ist – und doch habe ich lange nicht kapiert, dass Der Goldene Kompass und dieser tolle Titel etwas miteinander zu tun haben. Aber die deutsche Übersetzung des Originaltitels Northern Lights ist auch wahrlich keine Glanzleistung. Überhaupt ist es ein einziger Unsinn, denn es geht nicht mal wirklich um einen Kompass. Das hat mich schon verwirrt, als ich vor etwas mehr als zehn Jahren die wenig gerühmte Verfilmung dieses Buches angesehen habe, das mich dann in der letzten Woche echt unvorbereitet umgehauen hat.

Der Goldene Kompass präsentiert „eine Welt, die der unseren sehr ähnlich ist“ und die sich aber doch in einigen wesentlichen Dingen von der sogenannten Realität unterscheidet. Die Weltkarte und die Aufteilung der Kontinente sind nicht ganz fremd, aber eben doch etwas anders. Menschen haben Daemonen an ihrer Seite – Gestaltwandler, die irgendwie so was wie ihre sprechende, personalisierte Seele und ein absolutes Heiligtum sind. Und es gibt sprechende Bären. Panzerbären. Und ganz ehrlich, die Panzerbären waren für mich das absolute Highlight! Auch die anderen Wesen und Völker und Orte, die in dem Buch vorgestellt werden, sind gut ausgedacht, aber die Panzerbären und ihr Königreich Svalbard waren einfach nur großartig! Die Haupthandlung selbst war auch erstaunlich gut gemacht. Anfangs war ich ein bisschen… na ja, nicht gelangweilt, aber eine zehnjährige, weibliche Heldin, die kaum irgendwelche Entscheidungen selbstständig trifft, sondern eher so durch das Abenteuer schlingert und erstmal aufwendig gemacht erfährt, wer ihre leiblichen Eltern sind… ich fand es ein bisschen wenig originell. Und am Ende hab ich mich gleich dafür geschämt, weil Lyra irgendwie doch ein ziemlich gut konstruierter Charakter war. Weil die ganze Figurenkonstellation überhaupt ziemlich wohldurchdacht ist.

Obwohl ich so meine Zweifel daran habe, dass His Dark Materials auf mich persönlich so einen starken Eindruck machen werden die Harry Potter oder Der Kuss des Dämons (ja, es ist eine Schande, weil Philip Pullman der um Welten bessere Autor ist!) oder Herr der Ringe, habe ich den festen Vorsatz, mich auch mit dem Rest der Trilogie auseinanderzusetzen. Und mir zum ersten Mal seit Jahren aus freien Stücken wieder Fantasy-Bücher zu kaufen. Für die frühkindliche Prägung durch die Reihe ist es zwar zu spät, aber vielleicht wird es mal wieder Zeit, sich so richtig auf eine gut gebaute Welt mit eigenen Regeln einzulassen. Außerdem ist Der Goldene Kompass sowieso alles andere als ein Kinderbuch. Das ist auch nur wieder so ein Missverständnis, dem ich erlegen gewesen bin.

Abiball

„Abiball“ von Gwyneth Minte (2011)

Achtung, Achtung, das hier wird ein Verriss. Ich halte ja eigentlich nichts davon, meinen Ärger im Internet loszuwerden, aber manchmal muss ein bisschen Hass einfach sein. Bevor ich aber so richtig loslege, erläutere ich vielleicht erst einmal die Rahmenbedingungen dieser wenig wohlwollenden Rezension:

Abiball war ein Re-Read für mich. Ich habe es mir wahrscheinlich kurz nach der Veröffentlichung gekauft, also so 2011 oder 2012, als ich im besten Jugendbuchalter gewesen bin. Und ich bin mir natürlich darüber im Klaren, wie gefährlich Re-Reading und Re-Watching sein kann… Nostalgie ist schön und gut, aber manchmal wird man eben enttäuscht – und das ist ja auch okay. Dieses Risiko muss sein. Mit Abiball verhält es sich aber nun so, dass ich das Buch sicher dreimal oder so gelesen habe und es nie total toll fand, aber irgendwie doch… einigermaßen spannend. Und ganz gut zu lesen, leicht wegzulesen eben. Nach meinem eigenen Abi hat die Faszination am Thema Abiball dann logischerweise abgenommen. Und letzte Woche, ziemlich genau fünf Jahre nach meinem Abi, habe ich das Buch dann wieder in die Hand genommen. Und echt gekämpft.

Dieser Verriss enthält inhaltliche Spoiler. Warum auch nicht. Also falls jemand das Buch hier unbedingt noch lesen und sich die Spannung erhalten will… bitte wegklicken. Dankeschön.

Ich bin kein Weichei, wenn es um toxische Beziehungen geht. Ob es um wirklich romantische oder freundschaftliche oder familiäre Beziehungen geht, egal, ich kann mir das in literarischer oder filmischer Form jederzeit zu Gemüte führen, ohne einen Schreikrampf zu kriegen. Ich habe mir sogar vor Kurzem nochmal alle Twilight-Filme hintereinander weg angeguckt. Ohne mit der Wimper zu zucken. Das soll nur mal so dazugesagt werden. Aber Abiball ist von vorne bis hinten eine Katastrophe, was das Weltbild angeht, das dem jugendlichen Publikum da vermittelt werden soll. Oder einfach nur präsentiert wird, Vermittlung klingt wieder so nach heftigem pädagogischen Auftrag.

Die Hauptfigur, Sara, ist unsympathisch, selbstgefällig und hält sich dabei für ganz wunderbar unabhängig, erwachsen und über den Dingen stehend. Alle Figuren sind Klischees – und handeln auch so. Eine Jugend, in der Sex und Liebe und die stetige Suche nach einem „Mann“ keine Rolle spielt, eine solche Jugend kann es für die Figuren des Romans nicht geben. Es muss immer geflirtet werden. Es muss immer von Männern gesprochen werden. Es muss immer ein zackiger, pseudo-selbstbestimmer Kommentar auf den Lippen liegen. Und natürlich bekommt die kluge Vroni am Ende den jungen, attraktiven Mathelehrer ab, die etwas pummelige, blonde Vicky wird von einem türkischstämmigen Bruder einer Mitschüler umschwärmt und Sara, die geliebte Protagonistin des Romans, hat natürlich die Wahl zwischen zwei Männern. Am Ende des Abiballs hat sie leidenschaftlichen Sex in einem Kleinwagen und bekommt einen Heiratsantrag. Außerdem geigt sie natürlich all ihren ungeliebten Mitschülern mal so richtig die Meinung. Die unsympathischen Randfiguren wie der sexistische Sören, die eingebildete Desiree und die dumme Wiebke erleben keine Entwicklung. Die Lehrer sind entweder einigermaßen cool oder direkt Witzfiguren, die alle zu viel trinken oder irgendwelche psychischen Probleme haben, über die man sich lustig machen kann, weil es sind ja Lehrer. Keine Menschen.

Die einzigen Figuren, die so ein bisschen mehr als ein Gesicht haben sind Lasse, ein „love interest“ von Sara – alias „ihr aktueller Freund, der quasi den ganzen Abend nicht auftaucht und den sie auch gar nicht mal so gerne hat, aber es ist halt schön mit ihm Sex zu haben und er kann gut kochen, er ist ja so besonders und schon erwachsen“ – und Saras Eltern, die natürlich spießig und konservativ sind und ihre ganz eigenen Probleme haben.

Hach. Alleine diese Übersicht über die Figuren abzutippen, macht mich irgendwie schon wieder ein bisschen zu wütend. Ich meine, Klischees sind schön und gut, Jugendbücher dürfen auch gerne nach einem gewissen Muster ablaufen und so ein bisschen Teenie-Pathos, das ist auch immer nett, aber an Abiball ist gar nichts nett. Das Bild, das dort von dem Großereignis Abiball und all seinen Teilnehmern entworfen wird, ist schlicht und ergreifend ein hässliches Bild. Toxisch und überzogen. Schon als jugendliche Leserin bin ich nicht so ganz überzeugt gewesen, aber nicht einmal zehn Jahre später liest sich das Buch einfach nur noch unangenehm. Es ist normal, dass Bücher und gerade Jugendbüchern altern, aber so schnell sollte es nicht gehen. So unfassbar unerträglich sollte das alles nicht sein. 2011 hin oder her.

Der Schüler Gerber

„Der Schüler Gerber“ von Friedrich Torberg (1930)

Es ist schon ein paar Jahre her, seitdem ich im Filmraum meiner Schule gesessen und mit meinem Pädagogik-Kurs „Der Schüler Gerber“ angesehen habe – und ich war beim Lesen wirklich sehr überrascht, wie präsent mir einige Szenen und Figuren doch noch waren.

Die Prämisse des Buchs ist ziemlich klar. Da ist Kurt Gerber, der in einem Jahr seine Matura-Prüfungen ablegen muss und da ist „Gott“ Kupfer, der gnadenlose Mathematik-Professor, der dafür lebt, Schüler scheitern zu sehen, die ihm persönlich gegen den Strich gehen. Der lebensfrohe, eigensinnige Kurt, der beim Gedanken an die Matura-Prüfungen nicht sofort in Panik ausbricht, ist ihm ein Dorn im Auge. Der Roman umfasst das letzte Schuljahr von Kurt und wechselt dabei immer mal wieder den Fokus. Meistens geht es freilich um den titelgebenden Schüler Gerber, aber der Leser erhält auch Einsicht in die Psyche von „Gott“ Kupfer höchstpersönlich und Kurts Langzeit-Schwarm Lisa. Die verschiedenen sozialen Komponenten von Kurts Leben werden förmlich seziert und alle miteinander in Verbindung gebracht. Kurts Schulfreunde, Lisa, Lisas Freunde, die auch zu Kurts Bekannten werden und Kurts Familie, all das ist nicht unabhängig von der heiligen Matura. Alle Fäden scheint „Gott“ Kupfer zwischenzeitlich in der Hand zu halten. Um Leben und Tod geht es schon, wenn Kurt daran denkt, wie sein Vater mit dem schwachen Herzen auf einen blauen Brief reagieren wird, den er sich eingehandelt hat. Und um Leben und Tod geht es dann aber auch wirklich. Das Thema Leistungsdruck und Schülerselbstmorde wird nie ein alter Hut sein und es ist doch irgendwie sehr unheimlich, wie Kurt binnen einen Jahres immer weiter zur Verzweiflung getrieben wird und schließlich den Lebensmut verliert. (Ist das ein Spoiler? Vielleicht, aber eigentlich ist schon beim Blick auf die Buchrückseite überdeutlich, wo das alles hinführen wird. Das Buch liest sich auch nochmal viel intensiver, wenn man weiß, was am Ende passiert. Ich weiß noch, dass ich es beim Film auch irgendwie gewusst habe… und trotzdem hat das Ende reingehauen.)

Also. Der Schüler Gerber. Die Studie eines jungen Mannes, dessen Schicksal letztendlich von seiner sozialen Rolle als Schüler auf fatale Weise bestimmt wird. Ich habe so annähernd zwei Wochen an dem Buch gelesen, das ist für meine Verhältnisse ein relativ langer Zeitraum für so ein nicht wirklich dickes Buch. Diese etwas längere Lesezeit ist nicht der Tatsache geschuldet, dass es langweilig oder langatmig gewesen wäre – ich glaube ehrlich gesagt, ich hab mich ein bisschen davor gedrückt, mich noch einmal mit Kurt Gerbers Untergang auseinanderzusetzen. Aber irgendwann war dann doch die Sog-Wirkung da und ich wollte das Schiff auch sinken sehen…

Eine Leseempfehlung für alle, die ihre Schullaufbahn schon hinter sich haben. Wer sich ohnehin als prüfungsängstlich beschreiben würde, der braucht vielleicht nicht noch zusätzlich den Film in Kurts Kopf, in dem so eine grausame, übermächtig erscheinende Einzelperson wie „Gott“ Kupfer zu einem unüberwindlichen Hindernis wird.

Zum Foto: Eine Aufnahme der Decke von meinem eigenen Abiball. Bisschen Galgenhumor muss sein.

Träum erst, wenn es dunkel wird

„Träum erst, wenn es dunkel wird“ von Daphne DuMaurier

Träum erst, wenn es dunkel wird ist zugleich der Titel einer einzelnen Kurzgeschichte als auch einer Sammlung von Kurzgeschichten. Ich habe mich durch den ganzen Sammelband gelesen, weil ich vor zwei Jahren die sogenannten Meister-Erzählungen von Daphne DuMaurier gelesen habe und sehr begeistert gewesen bin. Wie ich diese deutschen Ausgaben finden soll und wer für diese Zusammenstellungen und Obertitel verantwortlich ist… ich weiß es nicht so richtig und ich finde es immer verwirrend, wenn so eine Sammlung den Namen einer einzelnen Geschichte trägt, aber gut, das sind die Formalitäten und ich will ja auch nicht undankbar sein, dass ich diese beiden nicht mehr ganz so neuen Bücher auf Flohmärkten und anderswo gebraucht erstanden habe. Nur weiß ich gerade nicht so richtig, was ich hier rezensiere und warum, denn ich bezweifle irgendwie, dass man diese Mischung von Geschichte immer noch in derselben Ausgabe finden kann, wenn man dann diese Rezension als Anregung sehen würde, sich diesen Band kaufen zu wollen… egal, das geht hier schon sehr stark in Richtung einer „Wer bin ich und warum tue ich das, anstatt meine Meinung für mich zu behalten?“-Existenzkrise. Man betrachte diesen Eintrag bitte einfach als ein Plädoyer für den Konsum von Daphne DuMauriers Texten.

Auch wenn in diesem Band keine der „Blockbuster“-Kurgeschichten wie Die Vögel oder Wenn die Golden Trauer tragen enthalten waren, bin ich doch ziemlich gut unterhalten wurde. Die Texte von Daphne DuMaurier haben immer einen doppelten Boden. Nicht immer gibt es Mord, Todschlag und Intrigen, manchmal gibt es auch ein glückliches Ende, aber immer mit einem gewissen Augenzwinkern dabei. Die Figuren reden sich um Kopf und Kragen und häufig schwant einem als Leser schnell, dass der Erzähler vielleicht gar nicht so unbedingt der Sympathieträger ist und dennoch muss man ausgerechnet ihm mit seiner Seite der Geschichte folgen. Die Figuren sind keine Helden, meist nicht einmal Helden des Alltags, sondern häufig selbstsüchtige, gemeine Kleingeister. Die Doppelmoral der feinen Gesellschaft wird hochgenommen. Die Reichen und die Schönen werden von ihrer Überheblichkeit zu Fall gebracht. Und manchmal trifft es auch die Guten, die Armen, eben die, denen man alles Glück der Welt gegönnt hätte, denn so ist das ja auch im Leben, es geht nicht immer gerecht zu, Schwindler werden nicht immer ertappt oder bestraft.

Von einem Roman oder einer Geschichte als „zeitlos“ zu sprechen, finde ich immer ein bisschen schwierig. Aber über die Kurzgeschichten von Daphne DuMaurier kann man vielleicht zumindest irgendwie sagen, dass man beim Lesen nicht unbedingt das Gefühl hat, sich auf ein historisches Setting einlassen zu müssen. Auch wenn man die Währungen nicht kennt, die Preise alle lächerlich bezuglos sind, eigentlich niemand Flugzeuge nutzt und längere Reisen zu Schiff oder mit dem Zug erledigt werden und in Sachen Technik auch nicht so ganz viel los ist. Na gut, so uralt sind die Geschichten nun auch wieder nicht, immerhin hat die Autorin einen Großteil des 20. Jahrhunderts miterlebt. Es gibt also keine Pferdekutschen mehr, aber eben auch noch keine Handys. Und die Zeit und der Raum spielen auch keine allzu große Rolle in den Kurzgeschichten selbst… wobei, London, Venedig und Paris sind doch manches Mal die Dreh- und Angelpunkte.  Also alles abwechselnd hübsch kosmopolitisch oder britisch-ländlich angelegt.

Meine Lieblingsgeschichte war vielleicht sogar die Geschichte Ganymed, die Der Tod in Venedig ganz herrlich aufs Korn genommen und gnadenlos entromantisiert hat. Ein längeres Darüber-Nachsinnen hat aber vermutlich auch Die Großherzogin verdient. In dieser Geschichte werden die Globalisierung und die Entwicklung von Kapitalismus und Tourismus am Beispiel eines fiktiven Staates, dem „letzten Königreich von Binneneuropa“ scharf gezeichnet. Ob die Figur der titelgebenden Großherzogin ein bisschen an Elizabeth II. und an den Sündenfall in der Bibel denken lässt? Vielleicht. Die Königin von England ist ja faszinierenderweise für uns genauso tagesaktuell wie für Daphne DuMaurier. (So viel zum Thema Zeitlosigkeit.)

Also… diese Rezension ist keine runde Sache, wirklich nicht, aber was ich wohl damit sagen will: Wer über einen Flohmarkt schlendert und eine alte, gebundene Ausgabe mit einem glänzenden Umschlag entdeckt, auf dem der Name Daphne DuMaurier steht, der sollte vielleicht einfach ein bisschen Kleingeld locker machen und einen Versuch wagen. Es lohnt sich. Auch wenn es nicht immer die Wucht und die Grausamkeit von Meine Cousine Rachel oder Die Vögel hat.  

Brida

„Brida“ von Paulo Coelho (1990)

Da der Hype um den brasilianischen Schriftsteller Paulo Coelho ja durchaus real ist, lasse ich mich auch immer mal wieder hinreißen und lese etwas von ihm. Der Alchimist hat bei mir keinen besonderen Eindruck hinterlassen, Veronika beschließt zu sterben fand ich hingegen ziemlich gut und angenehm zu lesen und mit Brida habe ich jetzt ein Buch gefunden, das angenehm zu lesen ist und keinen besonderen Eindruck hinterlässt.

Die Geschichte um die 21-jährige Dublinerin Brida, die weiß, dass sie eine Hexe ist und ihre magischen Kräfte ergründen will, ist… na ja, nicht langweilig, aber besonders spannend fand ich das Gewese um die Sonnentradition, die Mondtradition und die Suche nach dem anderen Teil nicht. Die vermeintliche Dreiecksgeschichte, die auf dem Buchrücken angekündigt wird, ist auch eher… harmlos. Und da die Figuren sowieso nicht besonders zugänglich sind, hab ich mich jetzt auch emotional nicht so abgeholt gefühlt. An sich finde ich die Idee spannend, die das Buch mitbringt. Denn was ist, wenn alle Menschen früher „ein Leben“ waren und dieses Leben, dieses perfekte, harmonische Ganze, sich im Laufe der Zeit gespalten hat, sodass es auf der Welt nicht nur einen, sondern sogar mehrere Menschen gibt, die „der andere Teil“ von einem selbst sind? Und was ist, wenn man gleich zwei von diesen anderen Teilen trifft und sich entscheiden muss? Hinter so einem Gedankenexperiment steckt schon was und ich bin für so philosophisch-romantisches Gedankengut eigentlich immer zu haben, aber Bridas Lebens- und Liebesgeschichte hat mich trotzdem nicht mitgenommen. Dafür ist es bei aller Tiefe irgendwie zu flach gewesen.

Ein weiteres „Problem“, das ich mit dem Buch hatte, war die seltsame Vermischung von Hexerei und Christentum. Die Idee, dass alle Menschen mehr als ein Leben hinter sich haben, dass man von früheren Leben geprägt ist, dass Mensch und Natur verbunden sind und dass man seine eigene Magie kennenlernen kann… das ist schon alles okay als Idee, aber irgendwie fand ich diese alltäglichen Verknüpfungen mit dem Christentum ein bisschen inkonsequent. Also nicht, dass ich mich hier gegen Hexerei, Okkultismus oder das Christentum aussprechen will, auf keinen Fall, aber in Brida findet all das auf eine Weise zusammen, die für mich irgendwie nicht überzeugend gewesen ist. Streckenweise fand ich es sogar regelrecht albern, wie eine 21-jährige Studentin sich da besonders und aufregend fühlt, weil sie mit einem alten Magier durch den Wald läuft und in einem Pub betrinkt, weil das ja alles eine ganz krasse Erfahrung ist…

Das Beste, was ich über das Buch sagen kann, ist wahrscheinlich, dass es sich wunderbar lesen lässt. Wenn es sprachlich und stilistisch nicht so gefällig gewesen wäre, dann hätte ich es vermutlich früher oder später abgebrochen, weil es inhaltlich irgendwie auf der Stelle getreten ist, aber so habe ich mich nicht damit gequält. Leider gehe ich davon aus, dass ich in ein paar Monaten vergessen habe, worum es eigentlich ging… aber vielleicht ist das auch gut, dann bin ich nächstes oder übernächstes Jahr bereit für einen weiteren Roman für Coelho – und vielleicht habe ich diesmal mehr Glück. Vielleicht suche ich da auch etwas gezielter nach einem Werk, das Veronika beschließt zu sterben ähnelt.

Kurzgeschichte: Eine Weltreise 1953

Eine Weltreise 1953

„Als wir 20 waren, da wussten wir gar nicht, wie groß die Welt eigentlich ist. Auf unseren Landkarten gab es keine weißen oder schwarzen Flecken mehr, stattdessen waren da Orte, deren Namen wir nicht aussprechen konnten. Also haben wir es lieber gar nicht erst versucht, über das Unbekannte geschwiegen und sind zuhause geblieben. Unsere Welt war nicht so klein wie die Welt unserer Eltern oder Großeltern, aber wir haben sie klein gehalten. Warum woanders hingehen? Hier ist es doch gut. Wir haben doch alles.

1953, da war ich so alt wie du jetzt und meine Freundinnen, die waren alle verlobt oder hatten einen Jungen, dem sie besonders gefallen. Ich habe immer gerne gesungen und weil es im Ort ja auch sonst nicht viel zu tun gab, bin ich dem Chor beigetreten. Du kannst nicht singen, oder? Ich hatte eine klare Altstimme, meine Freundinnen haben alle Sopran gesungen und ich war manchmal neidisch, weil ich immer weiter hinten stehen musste. 1953, da sind wir nach Rothenburg ob der Tauber gefahren, eine Musikreise, die unsere Chorleiterin organisiert hat, da haben wir mit einem Chor junger Herren zusammen gesungen. Mit 20 Jahren bin ich zum ersten Mal verreist und habe meine Eltern zehn Tage lang nicht gesehen. Es war keine Weltreise, wir waren ja nicht einmal am anderen Ende des Landes, aber als ich deinen Großvater kennengelernt habe, da dachte ich, das wird doch nie werden. Das kann doch gar nicht sein. Das ist doch viel zu weit weg. Ich wollte seine Aufmerksamkeit nicht auf mich lenken, das hat man damals einfach nicht gemacht, aber er hat so fürchterlich schief gesungen. Im ganzen Chor gab es nur drei Tenöre und er war einer davon und mit Abstand der lauteste. Und der schlechteste. Ich war früher ja so albern und ich konnte nicht aufhören zu giggeln und da hab ich natürlich die ganze hintere Reihe mit angesteckt. Nein, war das komisch. Das werde ich nie vergessen!

Und du weißt ja wie dein Großvater ist, der ist ja immer ganz ernst und kann es nicht ertragen, wenn man über ihn lacht und fühlt sich gleich verspottet. Ganz grimmig geguckt hat er, als wir am letzten Tag in unseren Reisebus gestiegen sind, aber irgendwen muss er nach meiner Adresse gefragt haben, denn zwei Wochen später kam ein Brief von ihm. Besonders freundlich war er nicht, aber er hat mir ein Kompliment über meine Singstimme gemacht und mich darauf hingewiesen, dass ich an diesem herrlichen Abend, an dem wir wohl in einer Kirche gesungen haben, in der er jeden Sonntag ist, nicht nur meine Fassung verloren habe, sondern auch ein Halstuch. Er wollte es mir nicht gleich nachschicken, da er nicht sicher war, ob er die richtige Anschrift bekommen hatte und deswegen musste ich ihm antworten oder mein Tuch verloren geben.

Ich habe mir mit meiner Antwort ein bisschen zu viel Zeit gelassen, aber da gab es diesen Bruder meiner Nachbarin. der mir sehr gefiel und ich habe mich ganz mutig gefühlt, weil ich an manchen Tagen an zwei Männer gleichzeitig gedacht habe. Im September wurde es dann plötzlich kalt und meine Mutter hat mit mir geschimpft, wann immer ich ohne mein Halstuch aus dem Haus gegangen bin. Es war mein bestes Tuch, ein Geschenk meiner Patentante, die auch bald fragen würde, ob ich es verlegt habe. Also habe ich einen kurzen, höflichen Brief verfasst und innerhalb von einer Woche eine lange Antwort bekommen – und ein Päckchen mit meinem Tuch. Ich hatte meinen Besitz wiederbekommen, es gab also keinen Grund mehr, einen Brief zurückzuschreiben, aber ich wollte nicht undankbar sein und der Bruder meiner Nachbarin war für seine Lehre in eine andere Stadt gezogen, also habe ich mich noch einmal recht herzlich bedankt.

Danach war erst einmal Ruhe, aber an Weihnachten kam der nächste Brief. Darin waren ganz viele Fragen zu meiner Person, nichts ungeheuer Privates, aber er wollte wissen, was mein Vater beruflich macht, wann ich Geburtstag habe, ob ich ein Haustier habe, allerhand solche Sachen eben. Und wie du weißt, ist mein Geburtstag ja am 31. Dezember … das habe ich ihm auch ehrlich so geschrieben und was habe ich gestaunt, als noch am Morgen von meinem 21. Geburtstag ein Päckchen für mich bei der Post angekommen ist!

Ganz gründlich muss er meinen Brief gelesen haben, denn er hat mir ein hübsches Halsband für meinen Hund, damals hatte ich so einen kleinen Spitz, geschickt, das genau dieselben Farben wie mein Halstuch hatte. Das war so aufmerksam, dass ich ein bisschen geweint habe und bei der Neujahrsmesse, da hab ich immer wieder die falschen Strophen gesungen, weil ich mir ständig vorgestellt habe, wie dieser grimmige Mensch in ein Geschäft mit Hundehalsbändern geht und eines für mein Hündchen aussucht.

Ab sofort haben wir uns jede Woche Briefe geschrieben. Mein Vater hat geschimpft, weil man Briefmarken nach Franken damals noch teuer fand und weil er es ehrlich gesagt auch gar nicht mochte, dass ich einem jungen Mann schreibe, dessen Familie er gar nicht kennt und von dem er keine Vorstellung hat. Einige meiner Briefe wollte er sogar lesen, um sich ein Bild von meinem „Verehrer“ zu machen.

Als unser Chor an Pfingsten wieder die Reise nach Rothenburg unternommen hat, da haben meine Eltern schon gedacht, dass ich gleich dort bleibe und sie mich nie wiedersehen, aber das konnte ich ihnen nicht antun, ich war ja ein Einzelkind und meine Mutter hing sehr an mir und ich auch an ihr.

Viermal bin ich vor meiner Verlobung noch nach Hause zurückgefahren, aber das Zugfahren hat mich gelangweilt und ganz unglücklich gemacht und die Kosten waren auch nicht tragbar, darum habe ich meine wichtigsten Sachen in zwei Koffer gepackt, mich von meinen Freundinnen und meinen Eltern verabschiedet und bin nach Rothenburg gefahren. Mein Hündchen musste ich zurücklassen, das war das Schlimmste für mich.

Du willst gar nicht wissen, wie oft ich mir in den letzten sechzig Jahren gewünscht habe, noch einmal 20 zu sein und alle Entscheidungen noch vor mir zu haben. An manchen Tagen denke ich mir, ich würde hier bleiben, zusehen wie mein Hund alt wird und sein hübsches Halsband bewundern, wenn ich mit ihm spazieren gehe und dabei dem Bruder meiner Nachbarin vorsichtig zuwinke.

Aber ich erzähle dir das nicht, damit du hier bleibst und ich dich öfter sehen kann, auch wenn dein Großvater dir das einreden will, so eine Egoistin bin ich nicht. Du sollst dir nur jemanden suchen, der dich freiwillig zum Lachen bringt und keinen, der sich darüber beklagt, dass du albern bist. Such dir vielleicht auch direkt jemanden, der gerne an Orte reist, deren Namen er nicht aussprechen kann. Oder jemanden, dessen Namen du nicht aussprechen kannst.“

Kurzgeschichte: Auf Einmalwiedersehen

Auf Einmalwiedersehen

Früher war der Himmel blau. Sie sollte sich nicht daran erinnern können. Für sie sollte es kein „früher“, kein „damals“ und keine „gute alte Zeit“ geben. Nicht zum ersten Mal fragt sie sich, wem da wohl ein Fehler unterlaufen ist und wieso. Sie ist defekt und deshalb darf sie nicht mit gesunden Menschen sprechen. Sie darf sich nicht anmerken lassen, dass sie sich an ihre Geschichten, ihre Namen und ihre Gesichter erinnern kann. Sie muss alles löschen.

Man muss wirklich vorsichtig sein. Wenn die Kunden zu ihr kommen, dann darf ihr nichts herausrutschen. Sie darf ihnen nicht sagen, dass sie abgenommen haben oder dass sie ihre neue Brille mag. Sie muss ihnen immer dieselben Fragen stellen. Das Protokoll ist nicht zu „sprechen“. Alle Abweichungen sind verboten.

Amadeus sieht sie am liebsten. Er verändert sich kaum und deshalb kann sie sich ein wenig gehen lassen. Außerdem hat er die Eigenart, nie zweimal in einem Zyklus dasselbe Getränk zu bestellen. Das ist gut, denn dadurch kann sie sich nicht an diese Kleinigkeiten gewöhnen. Sie muss sich von ihm überraschen lassen und das ist meistens der aufregendste Moment der Woche. Alle anderen Komplimente, Maschen, Wünsche und Leidensgeschichten kennt sie auswendig.

Es ist ein Montag und montags ist der Himmel rosa. An Montagen bleibt Amadeus zuhause. An Montagen bleiben die meisten Kunden zuhause, denn sie sind pflichtbewusst, obwohl sie ihre Dienste begehren. Leider verirren sich immer ein paar nichtsnutzige Seelen, die ihr Denken in Anspruch nehmen. Denken ist erlaubt. Fürs Denken wird sie bezahlt. Ihre Vorstellungskraft ist außerordentlich und deshalb wurde sie noch nicht verschrottet. Die Kunden fragen gezielt nach ihr, weil sie mehr Farben bieten kann als die anderen Mädchen.

In ihrer Krankenakte, die sich mit ihren Defekten auseinandersetzt, ist vermerkt, dass die Patientin glaubt, Erinnerungen zu besitzen, aber höchstwahrscheinlich nur an einem Übermaß von Fantasie erkrankt ist. Ein Übermaß an Fantasie. Das ist eine Gabe und eine Diagnose zugleich.

„Ich bin farbenblind. Die Dame am Empfang sagte, dass du mir da besonders gut weiterhelfen könntest.“ Man sieht ihm nicht an, dass er farbenblind ist. Farbenblindheit ist mittlerweile so gängig wie Kurz- oder Weitsichtigkeit es früher war und die meisten Farbenblinden ziehen sich entweder einfarbig an oder lassen sich vor dem Kauf beraten, sodass sie nur schwarze und weiße Kleidungsstücke besitzen. Das macht das Kombinieren einfacher. Einige andere ignorieren ihre Schwäche komplett. Diese Exemplare erinnern sie an Zirkusclowns. Aber dieser Gast ist anders. Das satte Grün seines Hemdes passt zu seinen Augen. Seine Hosenträger sind braun, doch die Hose selbst ist schwarz. Die Schuhe haben beinahe denselben Braunton wie die Träger und die Socken, von denen man einen Streifen unter den Hosenbeinen erahnen kann, sind hellgrün. Ein außergewöhnlich harmonischer Anblick. Die Schuhe passen sogar zu seinen Augen. Sie ist beeindruckt, auch wenn sie seine Stimme nicht mag. Sie kratzt. Wie eine alte Schallplatte. Sie beißt sich auf die Unterlippe. Sie muss aufhören an Schallplatten zu denken, ehe die Sitzung beginnt. „Wie ist dein Name?“

„Mein Name ist Maria.“ Das darf sie sagen. Sie muss ihre Produktionsnummer verschweigen, denn es gibt keine funktionalen Exemplare mehr, die vor 2025 hergestellt wurden.

„Kannst du mir helfen, Maria?“

„Ich kann dir helfen.“ Sie setzt sich auf ihre Knie und hält ihm ihre Hände entgegen. Sie muss nichts erklären, das ist nicht ihre Aufgabe. Die Kunden werden am Empfang nach ihren Wünschen und ihrem Preislimit befragt. Sobald sie hinreichende Antworten gegeben haben, werden sie instruiert und über den Vorgang aufgeklärt, insofern sie nicht ohnehin wissen, was sie erwarten können und was nicht. Sie ist sehr froh, dass sie solche Gespräche nicht führen muss. Alle Empfangsdamen sind 2030er. Für sie hat der Himmel schon immer seine Farben gewechselt und für sie gab es immer nur Tage, Wochen und Monate. Keine Jahre. Keine Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende. Am Ende jeden Monats werden die Erinnerungen gelöscht. Oder zumindest probiert es jedes Mal wieder ein fleißiger, junger Mann, der zwei Augenklappen trägt und versucht sie zu synchronisieren. Zu heilen.

Der Gast, dessen Namen sie nie erfahren wird, falls er sich ihr nicht vorstellt, setzt sich ihr gegenüber. Er ist zum ersten Mal hier. Vielleicht kommt er wieder. Falls er wiederkommt, wird er sie nicht wiedererkennen. Möglicherweise wird er auch einem anderen Mädchen zugewiesen, weil seine Wünsche sich nach seiner Synchronisation verändert haben. Das kann man nie wissen. Nicht alle Männer sind so zuverlässig wie Amadeus.

Seine Hände sind kalt und seine Nägel wurden seit mindestens drei Wochen nicht geschnitten. Vermutlich wird es jemand bei der nächsten Synchronisation für ihn tun und ihm einflüstern, dass Nagelpflege wichtig ist, wenn man seine Traumspenderin nicht verletzen will. Träume spenden, so nennt sie das, der offizielle Name für das, was sie tut, ist ein anderer. Sie stellt ihre Fantasie zur Verfügung, ihre intimsten Wünsche und ihre ausgefallensten Gedankenschleifen. Und manchmal auch ihr defektes Gedächtnis.

Dieser Mann profitiert davon, dass sie sich daran erinnern kann, wie sie zum ersten Mal an einem Strand gelegen und das Summen der Sonne auf ihrer Haut gefühlt hat. Die Vibrationen des Lichts, die sich für ihn vielleicht nur wie ein Mückenstich anfühlen. Für sie fühlen sich die Dinge anders an, meistens besser. Und jetzt fühlt es sich auch für ihn besser an. Er kann eine ihrer Sommerromanzen mitverfolgen und wahrscheinlich hält er sich für den spanischen Jungen, der ihr Luftküsse zuwirft.

Aus den Wünschen, die beim Empfang von und auf ihm festgeschrieben wurden, kann sie entziffern, dass er sich eine unschuldige Romanze wünscht. Und ein bisschen Wärme. Sommerwärme. Das ist ein entspannender Wunsch, denn auch für sie ist es schön, diese Momente erneut zu erleben. Weniger schön ist es, wenn ein Kunde seine Aggressionen abbauen möchte. Dann muss sie für ihn ein Szenario erfinden, in dem eine Frau zu Schaden kommt, in dem die Körper rücksichtslos aufeinanderprallen und in dem Tränen vergossen werden.

Am liebsten erzählt sie Liebesgeschichten. Dann geht sie in der Zeit zurück und bereitet den Kunden ein authentisches Erlebnis. Das ist ihre Spezialität. Dabei spielt es keine Rolle, dass sie nur drei verschiedene Geschichten zur Auswahl hat, denn die meisten Gäste kommen nicht regelmäßig genug, um sich an eine davon zu erinnern. Für sie ist es immer das erste Mal. Der spanische Junge wirft sie nie zweimal im Sand zu Boden, der Taxifahrer begleitet sie nur ein einziges Mal bis zur Tür und sie ist nur einmal die Ballkönigin.

Die Sonne geht unter, versinkt hinter dem Horizont und die Zeit ist um. Seine Hände zittern und er sieht sie mit weit aufgerissenen Augen an. Sie hat darauf geachtet, ihm möglichst viele Farben zu liefern. Der Himmel war blauer als er je sein könnte, das Erdbeereis war pink und die Luftmatratze, auf der sie sich geküsst haben, war knallrot. Das Flirren der Luft hatte beinahe seine eigene Farbe, die sie aber nicht genau benennen kann.

„Das war echt? War das echt? Meine Haut ist ganz warm.“ Das ist die Erregung, aber das darf sie ihm nicht sagen. Sie darf keine klare Grenze zwischen Traum und Realität ziehen. Auch für dieses Rätsel bezahlen die Kunden. Niemand sagt ihnen, ob sie wirklich am Strand gelegen haben oder ob sie das Zimmer nie verlassen haben. Ab und zu versuchen sie hartnäckig es herauszufinden, indem sie immer und immer wiederkommen, doch das nützt nichts. Er kurbelt das Geschäft an, sonst nichts.

Sie setzte sich auf ihre Fersen und legt ihre Hände in ihrem Schoß ab. Das ist das Signal für den Kunden, dass die Sitzung beendet ist und sie den Raum verlassen müssen. Diese Regel wiederholen die Empfangsdamen ganz besonders oft. Vielen Männern fällt es schwer, ihre Zauberinnen zu verlassen.

„So was habe ich noch nie gesehen. Sieht die Welt für dich immer so aus? So … bunt? Bunt nennt man das doch oder? Und war das blau? Der Himmel? Der blaue Himmel?“ Das ist nicht gut. Er sollte nicht wissen, dass der Himmel blau ist. Blau sollte für ihn gar nichts bedeuten.

Sie lügt. Das darf sie in besonderen Ausnahmesituationen. Und das hier kommt ihr ganz wie so eine Ausnahme vor. „Nein. Das ist Rot.“

„Rot? Wirklich? Das ist Rot?“ Er glaubt ihr nicht. Aus der Ausnahmesituation wird eine kritische Situation. Wenn er nicht bald geht, dann muss sie sich beim Empfang melden und von dem Vorfall berichten. Dann wird er nicht wieder herkommen dürfen. „Verrückt. Ständig habe ich diesen Satz gehört. Früher war der Himmel blau. Es war wie eine Musik, die im Hintergrund spielt. Selbst als die Gitarrenklänge kamen, war dieser Satz immer noch da. Ich bin ihn nicht losgeworden, aber na ja … vielleicht war das auch nur ein Teil deines tückischen Spiels.“

Sie atmet erleichtert auf und lächelt ihn an. Es war ihr Fehler. Ihr Geist war nicht leer genug. Es hätte mehr Anstrengung erfordert und sie hat diese Mühen nicht unternommen. Vielleicht, weil sie unbedingt in seine grünen Augen sehen und sich die Farbe seiner Socken einprägen musste.

Die Farbe seiner Augen lässt sich nicht löschen, aber sie versucht es wirklich, während er aufsteht und ein wenig unsicher in Richtung der Tür geht. Er dreht sich nicht zu ihr um, aber er stellt eine letzte, verheerende Frage. „Und was ist dieses Früher? Ist das ein Ort? Auf Früher ist der Himmel blau?“

„Das könnte der Name einer Insel sein.“ Sie darf nicht sagen, dass es der Name einer Insel ist, aber sie darf auch nicht behaupten, dass sie sich diesen Namen und die Insel ausgedacht hat. Die Regeln sind streng und sie wünschte, sie könnte ihm wenigstens ein persönliches Wort des Abschieds zukommen lassen, aber es gibt nur zwei Grußformeln zwischen denen sie auswählen kann. „Auf Einmalwiedersehen.“

Nun dreht er sich doch noch einmal um und lächelt sie an. „Auf Einmalwiedersehen? Sagt man das so auf Früher?“ Sie wünschte, es gäbe eine Möglichkeit ihm begreiflich zu machen, dass er gegen die Regeln verstößt. Aber die Gäste kennen nicht einmal die Hälfte aller Regeln. Es ist ihre Aufgabe, sich darum zu kümmern, dass sie Sitzungen unproblematisch verlaufen. Komplikationen sind nie die Schuld des Kunden, sondern immer die Schuld des Träumers. „Ja dann … auf Einmalwiedersehen.“

Der Kunde hat das letzte Wort. Sie sieht ihm nach und wartet bis die Tür sich hinter ihm geschlossen hat. Erst dann darf sie aufstehen, ihre Haare raufen, die empfindlichen Handflächen mit ihren Nägeln traktieren und die Finger zum Gebet falten. Ein Gebet dafür, dass er in den nächsten Tagen niemandem von der Sitzung erzählen wird. Ein Gebet dafür, dass sie nicht aussortiert wird.

Am Donnerstagabend betritt Amadeus ihr Zimmer. Er balanciert zwei Becher Kakao auf einem Tablett. Kakao trinkt er zum dritten Mal und er bringt ihr zum zweiten Mal eine Tasse mit. Sie mag Kakao nicht besonders gerne, aber das darf sie ihm nicht sagen. Alle Geschenke der Kunden müssen angenommen werden.

„Maria, schön siehst du aus. Dieses Gelb gefällt mir ganz besonders an dir.“ Amadeus weiß es nicht, aber er gibt in der vierten Woche seines Synchronisationszyklus besonders gerne damit an, dass er sich an ihren Namen erinnern kann und dass er nicht farbenblind ist. Das ist ihm ab einem bestimmten Zeitpunkt des Zyklus immer furchtbar wichtig. Als würde er instinktiv fürchten, dass sich bald alles ändern könnte. Manchmal beneidet sie ihn darum, dass er jeden Monat neu erlebt, dass es für ihn keine Wiederholungen und keine traumatischen Erlebnisse gibt. Sein Schmerz ist niemals dauerhaft. Er altert, aber er kann im Spiegel keinen Unterschied sehen.

„Vielen Dank, das ist zu freundlich.“ Sie soll bescheiden sein und höflich. Eine förmliche Anrede ist nicht so gerne gesehen, da sich der Kunde sonst des Altersunterschiedes bewusst werden könnte. Amadeus ist sich nicht im Klaren darüber, dass sie seine Tochter sein könnte. Sie ist es nicht, da ist sie ganz sicher, denn sie weiß noch, dass der Name ihres Vaters mit F anfängt, aber mehr weiß sie nicht mehr über ihn.

„Ich habe dir etwas mitgebracht. Du magst doch Kakao, oder? Ich weiß es nicht, aber irgendwie habe ich es gedacht. Komisch, nicht wahr? Manchmal überrascht mich mein eigener Kopf doch noch.“ Seine Augen glänzen gierig. „Natürlich ist es nicht mit dem zu vergleichen, was du im Kopf hast, aber dennoch habe ich mir diese kleine Aufmerksamkeit erlaubt.“ Amadeus denkt, er ist ein Gentleman und meistens ist er das auch. In der ersten Woche seines Zyklus ist er immer ein wenig ungestüm. Da kann sie seinen Wünschen nicht so leicht gerecht werden, muss ihren Geist in Abgründe stürzen und sich dem Wissen, dass er auf gar keinen Fall ihr Vater ist, ergeben. Aber gegen Ende des Zyklus sehnt er sich nach einer großen Romanze und deswegen lässt sie die Geschichte der Ballkönigin für ihn ablaufen.

Der Tanz im Scheinwerferlicht, die feuchten Hände der Tanzenden, die nervösen Blicke, die Luftballons an der Decke der Turnhalle und dieser zaghafte Kuss, der von der Menge bejubelt wird. Das ist seine Lieblingsgeschichte, auch wenn er mittlerweile zu alt dafür ist. Aber so darf sie nicht denken. Das Alter ist nur eine Zahl. Sie ist Maria 2020. Er ist ursprünglich Amadeus 1992 gewesen, aber seit geraumer Zeit weiß er das nicht mehr und entspricht dem Modell Amadeus 2035. Sein Geist ist jünger als ihrer, aber das kann sie nicht sehen.

Sie sieht sein faltiges Gesicht und hört seinen schweren Atem, als sie die Augen im selben Moment öffnen. Dieser Augenblick ist gefährlich. Manchmal sind die Kunden emotional immer noch zu aufgeladen, um den Traum und die Realität trennen zu können. Dann versuchen sie von Zeit zu Zeit, den Traum weiterzuführen oder sie zu küssen. Bei Amadeus passiert das zum Glück nie, auch wenn sie manchmal den Nebel in seinen Pupillen bemerkt. Er wird nicht mehr ewig herkommen dürfen, sonst wird sich irgendwann eine gewisse Abhängigkeit einstellen und Abhängigkeit ist verboten.

„Ich genieße jede Minute mit dir, Maria. Du bist die Einzige, an die ich noch denken kann.“ Nächste Woche wird er nicht mehr wissen, wer sie ist. Er wird, wahrscheinlich am vierten oder fünften Tag nach der Synchronisation, hier auftauchen und ein Mädchen beschreiben, das er in seinen Händen zerquetschen und zu Tode lieben will und dann wird er vielleicht zu ihr geschickt. Oder zu Maria 2525, die ihr sehr ähnlich ist, da sie beide demselben Grundmodell entsprechen. Aber ihr fehlt der entscheidende Defekt.

Für Amadeus wählt sie grundsätzlich die andere Abschiedsformel, weil sie bemerkt hat, dass sie ihm besser gefällt. „ Auf Immerwiedersehen.“

„Auf Immerwiedersehen, Maria.“ In seiner Stimme schwingt nicht einmal ein Hauch von Unsicherheit mit. Dabei kann er nicht wissen, dass sie sich niemals wiedersehen. Oder wenigstens nicht für immer. Diese Abschiedsworte mag sie weniger gerne und sie verwendet sie nur bei Kunden wie Amadeus, die eine Vorliebe für Endgültiges zu haben glauben. Sie lügt nicht gerne.

Drei Wochen nach seinem ersten Besuch bei ihr steht er plötzlich wieder in ihrem Zimmer. Er trägt dieselben Schuhe und dieselben Hosenträger, aber sein Hemd ist weiß, seine Hose blau und seine Socken haben ein kompliziertes Karomuster, in dem unterschiedliche Nuancen der beiden Farben enthalten sind. Womöglich wird er von jemandem eingekleidet, der mehr sehen kann als er. Es ist unwahrscheinlich, dass er so eine geduldige und geschmackvolle Verkäuferin gefunden hat.

„Welche Farbe hat der Himmel heute, Maria?“ Es kann nicht mehr lange dauern, bis er synchronisiert wird, aber sie gönnt ihm seinen Versuch, an ihr letztes Treffen anzuknüpfen. Das ist normal. Jeder will etwas Besonderes für sie sein. Jeder will, dass sie sich an ihn erinnern kann, selbst wenn niemand außer ihr wirklich weiß, was es bedeutet, sich erinnern zu können. Es ist ein Instinkt oder eine Sache des Egos. Einfach eine weitere, widersinnige Eigenart des intakten Geistes.

„Ich kann es dir zeigen.“ Irgendwann einmal gab es in ihrer Welt Nebensätze. Das vermisst sie ganz furchtbar. Das Protokoll kennt nur einfache und klar strukturierte Sätze. In ihnen ist kein Platz für Füllwörter und umständliche Umschreibungen.

„Vorher will ich wissen, was du von meiner Kleidung hältst. Magst du die Farben? Oder sind sie zu aufdringlich?“ Solche Fragen sind riskant. Manchmal wollen die Kunden die unmöglichsten Sachen von ihr hören, dabei kann sie ihnen nichts erzählen, was sie nicht längst wissen. Sie darf ihre Welt nicht größer machen. Sie darf nur mit ihnen zusammen träumen.

„Es gefällt mir sehr, wie du aussiehst.“

„Ich wette, das sagst du immer.“ Stimmt. Das sagt sie immer. Das ist das Einzige, was sie sagen darf, ohne sich in eine schwierige Lage zu bringen. Alle persönlichen Variationen dieser Aussage, die keine neuen Informationen für den Kunden enthalten, sind theoretisch erlaubt, aber eben nicht ausdrücklich erlaubt. Eine Grauzone, gewissermaßen, aber das kann sie ihm wohl kaum erklären. „Schon gut. Du musst dich für mich nicht in Schwierigkeiten bringen … aber wenn du es wirklich magst, dann zwinkere mir mit dem linken Auge zu. Wenn du es grässlich findest, dann mit dem rechten.“

„Ich habe eine Links-Rechts-Schwäche.“

„Du bist doch eine echte Spielverderberin.“ Sie ist eine künstliche Spielverderberin, aber da er sehr bald vergessen wird, dass er ihr eine Regung entlockt hat, zwinkert sie wie zufällig mit dem linken Auge. Er strahlt sie an. „Besten Dank.“

Sie setzt sich auf ihre Knie und reicht ihm ihre Hände. Er schließt seine Augen zuerst und sie überlegt, welche Geschichte sie ihm heute erzählen kann. Irgendetwas stört sie, aber sie kann es nicht gleich einordnen. Seine Fingerkuppen fühlen sich weich auf ihrem Handgelenk an. Nichts piekt oder kratzt sie. Er hat seine Fingernägel selbstständig gekürzt, obwohl es nicht Teil seines Programms zu sein schien. Oder er wurde fehlerhaft synchronisiert. Ihr Herz schlägt schneller bei der Vorstellung, dass ihr jemand gegenübersitzen könnte, der sich wirklich an sie erinnern kann.

Zum ersten Mal erlaubt sie es sich selbst, sich während einer Sitzung einer Illusion hinzugeben. Sie lügt für ihn und für sich selbst das Blaue vom Himmel herab. Sie bringt ihn zurück an den Strand, aber diesmal gibt es keinen spanischen Jungen, keine Luftmatratze, sondern nur den heißen Sand und die Musik, die immer wieder dasselbe Lied spielt und ihm eine unvergessliche Wahrheit vorsingt. Marias Himmel ist immer noch blau. Marias Himmel ist immer blau gewesen. Marias Himmel wird auch in einem Jahr noch blau sein.