Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien

Bettina Böhler: „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ (2020)

Ich weiß manchmal nicht, ob ich es schade finde, weil ich zu jung bin, um mich bewusst an Schlagzeilen über die Hochzeit schillernder Persönlichkeiten wie Christoph Schlingensief, Christo oder Joseph Beuys zu erinnern oder ob ich sehr viel Glück habe, weil ich jetzt die Chance habe, die großartigen Biopics zu sehen, mit denen diesen Künstlern nachträglich ein Denkmal gesetzt wird.

Der Film von Bettina Böhler ist einer von diesen extrem angenehmen und doch anstrengenden Filmen, der ohne Stimme aus dem Off oder sperrige Überleitungen auskommt, sondern stattdessen die Hauptperson für sich selbst sprechen lässt – und dabei derartig auf Tempo gecuttet ist, dass man mit einem leichten Schwindelgefühl den Kinosaal verlässt.

Vor dem Kinobesuch wusste ich rein gar nichts über Schlingensief, was ich nicht der kurzen Filmbeschreibung im Flyer entnommen hätte. Nicht einmal das Gesicht kam mir bekannt vor, aber gut, der Mann ist auch bereits 2010 verstorben und 2010 waren die einzigen Künstler, die ich kannte, die Leute, die im Kunstunterricht besprochen wurden. Oder die in irgendwelchen Museen ausgestellt haben, in die mich meine Eltern verschleppt haben. Nach dem Film habe ich nun immerhin das Gefühl, einen groben Überblick bekommen zu haben. Und ich fühle mich, ganz wie der Zusatztitel In das Schweigen hineinschreien es verspricht, auch wirklich ein bisschen angebrüllt. Aber auf eine gute Art.

Ich habe hier nicht mehr viel zu sagen, weil man den Inhalt unmöglich adäquat zusammenfassen kann. Gibt es Handlung? Na ja, es ist eben doch irgendwie eine Biographie, also ganz klares Jein. Gibt es Konfro? Ja, herrlich viel Konfro. Ich hatte Spaß – und ein bisschen Kopfschmerzen. Aber eine 130 Minuten lange Achterbahnfahrt hätte sicherlich einen weitaus übleren Effekt gehabt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Von Masken und Menschen

Von Masken und Menschen

Die aktuelle Situation bringt ja immer mal wieder so einige Grundsatzdiskussionen und absurde Regelungen mit sich, aber kaum ein Thema war in den letzten Monaten in den Medien und auch in privaten Gesprächen so dauerhaft präsent wie der Mund-Nasen-Schutz. Masken sind Accessoires, modische Statements oder Einweg-Produkte, je nachdem wie umweltfreundlich man sich präsentieren möchte. Sie treten in allen Farben und Materialien auf und sind manchmal eigentlich Schals oder T-Shirt-Säume.

Für mich und meine Schwäche in Sachen Gesichtserkennung sind die Masken auf der einen Seite ein neues Hindernis, aber auf der anderen Seite auch eine Art Segen, denn es geht  gefühlt zum ersten Mal allen Menschen so wie mir. Man überlegt im Supermarkt zweimal, ob sich hinter der hellblauen Maske die Nachbarin verbirgt; ob das ein bekanntes Gesicht ist, das da halb in einen Schal eingewickelt wurde oder ob die Mutter einer Schulfreundin eine von diesen massiven Bauarbeitermasken aufgetrieben hat. Das Grußverhalten der Menschen ist generell entschleunigt – und überhaupt ist „Ich hab dich nicht gleich erkannt“ plötzlich ein Satz, den man einfach so sagen kann. Da kommt dann verständnisvolles Nicken, so ein bisschen Schimpfen über die blöden, aber notwendigen Maskierungen und ein Lächeln, das man nur in den Augen erkennen kann. Ich habe seit Monaten niemandem mehr erklären müssen, dass ich „nicht so gut“ mit Gesichtern bin – das liegt einmal natürlich daran, dass ich in dem letzten halben Jahr deutlich weniger unterwegs gewesen bin als sonst, aber dann liegt es eben auch an den Masken.

Letzte Woche bin ich dann bei der Arbeit erstmalig wieder in die Verlegenheit gekommen, dass ich erkannt wurde, aber nicht wusste, wer mich da erkannt hat. Es war eine Frau, die an zwei Tagen hintereinander im Kino gewesen ist. Am ersten Tag saßen wir im Kinosaal in derselben Reihe, am Platz ohne unsere Masken, wir haben uns freundlich begrüßt, weil man eben einen netten Umgang pflegen kann, wenn einen zwei Meter Abstand trennen und man jeweils alleine in einen Film geht – am zweiten Tag stand ich hinter Maske und Plexiglas  an der Kasse und sie fragte mich ganz freundlich, wie ich den Film gefunden hätte. Und da hatte ich dann meinen ersten Aussetzer und musste mich entschuldigen, weil ich sie nicht einordnen konnte. Nach ein oder zwei Minuten hatte ich dann den entsprechenden Geistesblitz und ihre Reaktion war auch sehr verständnisvoll – wie sollte ich sie denn auch erkennen, wenn sie gerade ihre Maske trägt und ich täglich so viele Menschen sehe? (So viele sind es nicht, aber ich habe da mal nicht widersprochen.)

Ich kann zwar sowieso nicht behaupten, dass es mir schon mal jemand ernsthaft übel genommen hat, dass ich ihn oder sie nicht zeitig erkannt habe, aber ich bilde mir trotzdem ein, dass der Alltag mit Maske einen neuen Level von Verständnis mit sich bringt. Mein klassisches Zögern kann von den meisten Menschen langsam eher nachvollzogen werden, auch wenn es natürlich immer noch die Leute gibt, die nichts und niemand aufhalten kann und die einen auch spontan richtig einordnen können, wenn man Sonnenbrille und ein rosafarbenes Stück Stoff anstelle von Augen, Nase und Mund präsentiert.

Eine Sache, die neben dem „Wiederkennen“ für mich mit den Masken erschwert wird, ist das Schätzen von dem Alter einer anderen Person. Wenn an der Kasse eine Familie vor mir steht, dann muss ich noch genauer als sonst fragen, mit wie vielen Kindern und wie vielen Erwachsenen ich es zu tun habe, weil ich gerade bei groß gewachsenen Kinder und nicht ganz so groß gewachsenen Erwachsenen nicht mehr klar sagen kann, ob jemand 12 oder 32 Jahre alt ist. Das klingt wie ein sehr extrem gewähltes Beispiel, aber ich habe erst neulich eine Gruppe von sieben Personen komplett falsch eingeordnet und zwei Mütter für Kinder gehalten… das war auch schön peinlich.

Ich will hier nun gar keine Prognose für die Zukunft abgeben, aber ich denke, die Masken werden uns gerade im öffentlichen Personennahverkehr und im Supermarkt noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Meine Hoffnung ruht darauf, dass die Einweg-Maske irgendwann ausgedient hat und Masken eine ähnlich lange Lebenszeit wie andere Kleidungsstücke haben werden, sodass man irgendwann weiß, bei wem man mit welcher Musterung rechnen muss. Dann kann man sich fortan merken, welche diversen Muster von wem bevorzugt werden und am Bahnhof nicht nach der Freundin mit dem markanten Wintermantel, sondern mit dem Mund-Nasen-Schutz in Regenbogenfarben oder politischer Message Ausschau halten. Und für so eine Welt wäre ich ja sogar ein bisschen zu haben.

Berlin Alexanderplatz

Burhan Qurbani: „Berlin Alexanderplatz“ (2020)

Ich habe mit dem Gedanken gespielt, einen Doppelbeitrag zu schreiben, in dem ich den Roman von Alfred Döblin und die filmische Interpretation von Burhan Qurbani nebeneinanderstelle und rezensiere… aber ich habe – Schande über mich – den Roman nicht gelesen und er steht nicht einmal in meinem Regal mit den ungelesenen Büchern. Bin ich also überhaupt kompetent genug, um diesen Film zu bewerten? Man weiß es nicht, aber ich finde, wenn ich mir drei Stunden deutsches Kino, das den künstlerischen Anspruch haben will, angucke, dann kann ich da auch was mit machen.

Berlin Alexanderplatz war eine Erfahrung. Das wusste ich vorher. Leider habe ich so viel Gutes über den Film gehört, dass meine Erwartungen ein bisschen zu hoch gesteckt waren und ich kann leider nicht behaupten, dass sich diese 183 Minuten nicht nach 183 Minuten angefühlt haben. Eine richtige „Sogwirkung“ hat der Film für mich auch nicht entwickelt. Aber ich habe mich auch nicht gelangweilt. Nur wären zwei Stunden für mich auch genug gewesen.

Berlin Alexanderplatz ist in fünf Kapitel und einen Epilog aufgeteilt und erzählt die Lebensgeschichte von Francis. Francis kommt als Flüchtling nach Deutschland und möchte „gut“ sein und ein „anständiges Leben“ führen. Die Flashbacks, in denen man Einblicke in Francis‘ Prä-Berlin-Leben erhält, sind für mich eines der Highlights des Films, weil sie ohne irgendwelche langen Dialoge oder richtige Erklärungen auskommen. Sie sind grell, überhaupt glänzt der ganze Film immer wieder im Neon-Großstadt-Licht, und einleuchtend, obwohl man wirklich oft einfach nur Francis und einen riesigen Bullen sieht, der an das Opfertier am Ende vom Apocalypse Now erinnert, sodass ich für meinen Teil die ganze Zeit  gehofft habe, dass man nicht sieht, wie das arme Tier zerlegt wird.

Der Darsteller von Francis, Welket Bungué, leistet mit der Figur wirklich ganze Arbeit. Man kann den Schauspieler hinter Francis in keiner Sekunde sehen und ich als sprachfixierter Mensch habe mir die ganze Zeit den Kopf darüber zerbrochen, ob Welket Bungué eigentlich deutscher Muttersprachler ist oder flüssig Deutsch spricht oder ob er wirklich über einen ähnlich großen Wortschatz wie sein Charakter verfügt. Ich habe recherchiert und es ist sein erster deutschsprachiger Film, eigentlich ist im portugiesischen Kino aktiv. Allerdings lebt er seit einigen Jahren in Berlin. Geboren ist er wie sein Charakter Francis in Guinea-Bissau – und dabei handelt es sich nicht um einen Zufall, nein, der Regisseur hat die Schauspieler dazu angehalten, eine Biographie für ihre Rollen zu schreiben und bei dem Casting offenbar mehr als nur ein bisschen Interesse an seinem Projekt erwartet. Diese Mühen machen sich bezahlt, denn kaum eine der Rollen wirkt oberflächlich oder flach geschrieben. Meine persönlichen Highlights waren der gealterte Drogen-Boss Pums, gespielt von Joachim Król, und Francis‘ Nemesis/ Alter-Ego/ Kontrahent (ganz ehrlich, call it what you want, ich will mich hier nicht an einer Filmanalyse versuchen) mit dem schönen Namen Reinhold, gespielt von Albrecht Schuch, den ich in Systemsprenger noch so sympathisch fand und der hier formvollendet abstoßend ist. Was für mich nicht so richtig funktioniert hat, ist die Erzählstimme von Jella Haase, aber das liegt weniger an der Schauspielerin und mehr an meiner Wahrnehmung. Wenn ich versuche, ihre Rolle pseudo-objektiv zu beurteilen, dann war sie wahrscheinlich irgendwie gut gemacht, aber mich hat die Storyline zwischen Francis und Mieze mit am wenigsten abgeholt. Das ist die Lovestory, die irgendwie doch einen Ticken vorhersehbarer verlaufen ist als der Rest des Films und die für mich die Längen des Dreistünders ausgemacht hat.

Als jemand, der für die Uni auch durchaus mal Filmanalysen schreiben muss, sind einige Szenen und Ideen von Berlin Alexanderplatz einfach nur ein Fest – und ein kleiner Trigger. Wer sich auch nur etwas in Postkolonialismus eingelesen oder eingeguckt hat, der sieht den Film vermutlich auch immer ein Stück weit durch diese Schablone – und ich finde, das ist eine gute Sache, wenn ich im Kino sitze und teilweise sehen kann, mit welchen literarischen Vorlagen (neben der offensichtlichen)  und welchen Grundgedanken hier gearbeitet wurde. Gleichzeitig vermute ich, dass man den Film auch gut gucken kann, ohne dabei gedanklich zusammenzuzucken und an Heart Of Darkness oder Apocalypse Now zu denken. Man muss das ja nicht immer alles zusammendenken, aber ich sehe einen Film, der so viel will, immer ein bisschen mit diesem „wissenschaftlichen“ Blick. Deswegen ist die Länge des Films auch irgendwie fast tröstlich für mich, denn ich kann mir ganz sicher sein, dass ich in den drei Stunden nicht alles mitgenommen habe, was man mitnehmen konnte. Zugleich ist Berlin Alexanderplatz für mich einer dieser Filme, bei denen ich nicht sagen kann, ob ich sie gut oder schlecht finde. Schlecht, das ganz sicher nicht, aber wirklich gut? Auch irgendwie nicht. Es war interessant. Und ich bin froh, dass ich mich dann doch endlich aufgerafft habe und ins Kino gegangen bin. Aber absolut euphorisch bin ich dann auch nicht.

Eurovision Song Contest: The Story Of Fire Saga

David Dobkin: „Eurovision Song Contest: The Story Of Fire Saga“ (2020)

Nachdem ich heute bei dem 10-Stunden-Video von „Jaja Ding Dong“ gelandet bin, sehe ich mich irgendwie zu diesem Outing hier genötigt. Ich liebe den Eurovision Song Contest. Alles daran. Von der Pyrotechnik über die überdrehten Kostüme, die jedes Jahr gleich klingenden Euro-Dance-Mischungen, die unnötig langwierige Punktevergabe, die unzähligen Schnelldurchläufe und die bissigen Kommentare von Peter Urban. Ich gucke Best-Of-Videos auf YouTube, ich lese mir vorher die Prognosen durch, wer wohl wie gut abschneiden mag und ich markiere mir den Termin vom Finale im Kalender, damit ich an dem Abend nicht arbeiten muss. Ich bin also genau die Art Mensch für die Eurovision Song Contest: The Story Of Fire Saga produziert wurde… und ich liebe es. Ich bin absolut machtlos. Das diesjährige Ausbleiben der Europameisterschaft hätte mir nicht egaler sein können, aber um den ESC in Rotterdam tat es mir ehrlich leid. Ich habe mich sowohl an den Ersatzprogrammen der ARD als auch dem Raab-Verschnitt auf Pro7 versucht und es war… okay, aber einfach nicht dasselbe. Dann kam dieser Film. Und mein Herz ist geplatzt.

Bei Netflix-Produktionen kann man ja manchmal durchaus skeptisch sein, aber dieser Film ist Liebe pur. Er dauert rund zwei Stunden, aber keine Minute davon ist zu lang. Die Ausgangsstory ist relativ leicht erklärt: Da ist Lars, ein absoluter Eurovision-Hardliner, der davon träumt, einmal in seinem Leben sein Heimatland Island beim ESC zu vertreten und mit einem Sieg Eurovisionsgeschichte zu schreiben – und da ist Sigrid, seine Kindheitsfreundin/ große Liebe/ Seelenverwandte, die denselben Traum träumt. Durch eine unglaubliche Verkettung von Zufällen (man will nichts verraten, weil es einfach viel zu schön ist, um wahr zu sein) rückt dieser Traum dann auch in greifbare Nähe. Trotz Sigrids Gesangstalent und der Leidenschaft von Lars sind die beiden alles andere als Favoriten – aber das isländische Entscheidungskomitee weiß ja selber sehr gut, dass Island sowieso nicht gewinnen darf, weil man dann ja im Folgejahr den ESC ausrichten müsste und wo um Himmels Willen sollen diese Millionen Menschen, die dafür anreisen würden, denn im schönen, beschaulichen Island untergebracht werden? Und überhaupt, wer soll das alles bezahlen?

Der Film reiht alle ESC-Klischees aneinander: Der betont männliche, russische Kandidat, der auf den ersten und zweiten Blick irgendwie zwielichtig rüberkommt; die griechische Sex-Bombe und natürlich die Leute, die sich insgeheim eigentlich zu cool für Eurovision fühlen und alles sehr professionell und steril angehen. Das sind Stereotypen wie man sie jedes Jahr wieder erleben kann – aber so schön und liebevoll komprimiert wie in diesem Film findet man sie nirgendwo.

Was den Film zu einem absoluten Muss für ESC-Liebhaber macht, ist natürlich der Soundtrack. Da wird nichts verschenkt. Die Musikszenen bekommen angemessen viel Raum in dem Film und tragen ganz erheblich zu dem ESC-Feeling bei. Auf der reinen Handlungsebene gibt es auch ein paar grandiose Momente (Elfen, ich sage nur Elfen als Running Gag!), aber die Musikszenen sind die Herzstücke. Ja, Mehrzahl, denn da gibt es definitiv mehr als ein Herzstück.

Für eine Szene mit einem ESC-Greatest-Hits-Riff-Off wurden sogar ein paar ESC-Gewinner/Ikonen der letzten zehn Jahre aufgefahren. Und ja, jetzt kommt das Name-Dropping, ich kann mich nicht bremsen: Alexander Rybak (Norwegen, Gewinner von 2009), Loreen (Schweden, Gewinnerin von 2012), Conchita Wurst (Österreich, Gewinner(in) von 2014) und Netta (Israel, Gewinnerin von 2018) – und das sind nur diejenigen, die ich auf den ersten Blick erkannt habe!

Doch auch die Eigenkompositionen für den Film haben es in sich… ehrlich gesagt, der Soundtrack ist ein Brett und man kann nur davon träumen, dass diese Lieder beim ESC 2021 in irgendeiner Form das Pausenprogramm darstellen werden. Hier wird alles geboten, vom witzig-pseudo-erotischen „Lion Of Love“ bis zu „Come And Play – Masquerade“ (die weibliche Fassung von Pseudo-Erotik, nicht zu verwechseln mit dem „Masquerade“-Song des ESC-Teilnehmers Eric Saade!) über emotionale Hymnen wie „Husavik (My Hometown)“… hach, ich könnten stundenlang schwärmen. Für den Euro-Dance-Moment sorgen die Kompositionen von Lars (gespielt übrigens von Will Ferrell, der diese Rolle lebt) mit den berauschenden Titeln „Double Trouble“ und „Volcano Man“. Es ist ikonisch, muss ich mehr sagen? Ja, ich muss mehr sagen. Denn der heimliche Siegertitel der Herzen ist eindeutig „Jaja Ding Dong“ – ein Nonsens-Schlager-Hit mit zweideutigem Text, der von der Fan-Community des Films, die sich in den letzten Wochen fest etabliert hat, als der Sommerhit 2020 gefeiert wird. Netflix hat auf die Wünsche der Fans reagiert und die besagte 10-Stunden-Version des Liedes auf YouTube veröffentlicht. Dieses Video hat über eine halbe Million Aufrufe… und können sich so viele Menschen wirklich irren? Ich denke nicht. Ich höre dieses Video seit beinahe einer halben Stunde und ich bin gerade erst so richtig angekommen. Eventuell hat die Hintergrundmusik marginalen Einfluss auf die Qualität dieser „Rezension“, aber ich bin mal kurz ehrlich mit mir selbst… das hier ist keine richtige Rezension, es ist schlichtes Fangirling und ich setze einen Punkt.

Kleine Anmerkung zur Besetzung: Falls es für irgendjemanden ein Qualitätsmerkmal ist… für den Spaß haben sich sowohl Demi Lovato, Graham Norton, Rachel McAdams als auch Pierce Brosnan hergegeben. Wobei… Letzterem unterstelle ich seit den Mamma Mia-Filmen auch einfach, dass er ein ehrlicher Fan ist. Von ABBA – und ABBA ist ja auch irgendwie ein Stück vom ESC, das natürlich auch im Film nicht vergessen wird. (Durch Pierce Brosnan in der Rolle von Lars Vater, einem Anti-ESC-Fan, bekommt der Film so einen Hauch von Crossover. Die Metaebene ist halt da, wenn man sie sehen will.)

Dieser Film ist ein Denkmal für den Eurovision Song Contest. Wer den ESC liebt, wird hier glücklich. Wem beim Stichwort ESC eher ein leichter Schauer über den Rücken geht, der wird durch den Film auch kein Fan von dem Konzept einer irrsinnigen, internationalen Musik-Show. Ich habe gleich mehrfach Tränen in den Augen gehabt und laut aufgelacht. Und ich habe mich wochenlang zusammengerissen und nun bin ich doch hier und schreibe diesen Text. Weil dieser Film mich einfach nicht loslässt und ich aufrichtig befürchte, dass es mein Film-Highlight des Jahres sein wird. Das spricht nicht für mich – oder für das Kinojahr 2020.

Come fight me. Oder besser nicht. Ich weiß, dass ich hier nicht objektiv bin… aber muss ich ja auch nicht sein. Keep Calm And Listen To Jaja Ding Dong!

Gedicht: Zwanzig Zwanzig

Zwanzig Zwanzig

Man müsste nochmal.
Um die Ecke gibt es ein Lokal,
in dem wird Brot serviert, kostenlos.

Alle 11 Minuten.
Warum sind es immer elf?
Bei Parship und Paulo Coelho,
der immer noch gelesen wird.

Er ist einer von den Guten.
Finders Keepers. Er bezahlt
für das kostenlose Brot
und sagt, man müsste
nochmal herkommen
und 11 mal 11
Minuten verstreichen lassen,
ohne dabei die Angst in sich zu tragen,
gerade etwas zu verpassen.

Oder zu denken, dass man die Zeit
doch besser mit Paulo Coelho vertrieben hätte.

Gedicht: Lieblingsbücher

Lieblingsbücher

Du liest nicht gern,
hast aber ein Lieblingsbuch
aus dem ein Film gemacht wurde,
den du auch gut findest
und in deiner Wohnung
mit mir gucken willst,
weil ich bestimmt gerne lese,
weil ich doch was studiere,
was mit Wörtern
und so einem umständlichen Namen,
den sich ja keiner merken kann,
der das nicht selber tut,
aber es ist cool, dass ich das mache,
was mir Spaß macht,
wir sind ja noch jung,
wir beide und du verstehst
das ja, du hast ja auch
ein Lieblingsbuch.

Master Cheng in Pohjanjoki

Mika Kaurismäki: Master Cheng in Pohjanjoki (2020)

Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal ein Quartal lang überhaupt nicht im Kino gewesen bin. Der letzte Film, den ich auf der großen Leinwand gesehen habe, waren die Känguru-Chroniken Anfang März… und für den Wiedereinstieg habe ich mir mit Master Cheng in Pohjanjoki nicht unbedingt ein Highlight ausgesucht, aber zumindest einen sehr entspannenden Film. (O-Ton meiner Begleitung: „Wie ein langer, ruhiger Fluss.“)

Die Ausgangssituation ist schnell erklärt: Cheng und sein Sohn sind auf der Suche nach „Fongtron“ und landen dabei in einer Kleinstadt in Lappland. Durch die Stammkunden und die Inhaberin eines kleinen Restaurants, in dem es tagaus tagein Wurst gibt (wahlweise mit Soße oder ohne) finden Vater und Sohn Anschluss. Auf der scheinbar aussichtslosen Suche nach dem ominösen „Fongtron“ soll jeder Stein umgedreht werden – und ganz nebenbei wird Cheng in den Restaurantbetrieb eingebunden und beglückt die läppischen Kleinstädter – zunächst nur die besonders mutigen, alten Männer – mit der chinesischen Kochkunst. Ganz nebenbei verliebt er sich natürlich so ein kleines bisschen in die schöne, blonde Sirrka, die Inhaberin des Restaurants, die ihn so herzlich aufgenommen hat.

Von der reinen Spannungskurve her kann der Film ehrlich gesagt so gar nicht überzeugen, denn es kommt nahezu keine Spannung auf. Leider wird viel zu früh geklärt, wer oder was „Fongtron“ ist und viel mehr Rätsel will der Film dann auch nicht aufgeben. Die Liebesgeschichte war für meinen Geschmack ein bisschen zu kitschig und erst zu langsam und dann am Ende komischerweise doch zu schnell in der Entwicklung. Ich weiß auch nicht, da hat der Film mich wirklich nicht abgeholt.

Glänzend gemacht sind allerdings die Nebenfiguren: Alte, finnische Männer, die bereit sind, an die Heilkraft von Rentier mit Kräutern glauben, es nicht aufgeben, vom „rennenden Tier“ anstatt vom Rentier zu sprechen und den hilflosen Cheng in die Sauna schleppen. Inklusive Selbstgeißelung mit Zweigen. In den Momenten, in denen der Film versucht, witzig zu sein, ist er das auch. Aber wenn man wie ich den Trailer gesehen hat, dann ist leider die Hälfte der Pointen schon ausgereizt worden… also den Trailer schenkt man sich lieber, wenn man ein bisschen herzhaft auflachen möchte. Ganz heißer Tipp.

Mein persönliches Highlight waren die unerwarteten musikalischen Momente – mit ihren teils (ungewollt?) hochkomischen, teils sehr poetischen Untertiteln.  Überhaupt gibt es in dem Film eine ganze Menge Untertitel, denn es wurden ausschließlich die Redeanteile der Finnen untereinander synchronisiert, während das gebrochene Englisch von beiden Seiten und die Unterhaltungen von Cheng und seinem Sohn auf Chinesisch aus der Originalfassung übernommen wurden. Dieses liebevoll erhaltene Misch-Masch von drei Sprachen finde ich sehr schön, aber ich bin auch generell für mehr Untertitel im Kino.

Master Cheng in Pohjanjoki ist definitiv kein Film, den man unbedingt im Kino oder überhaupt unbedingt gesehen haben müsste, aber er tut auch nicht weh. Und so ein paar chinesische Köstlichkeiten und Rentiere (lebende, in diesem Fall!) in freier Wildbahn über die Leinwand flimmern zu sehen, das ist dann eigentlich doch ganz nett. Mit seinem Minimum an Handlung und seinen 114 Minuten Laufzeit ist der Film für mich so um die zwanzig Minuten zu lang gewesen… aber wenn man im Kino sitzt, dann sitzt man. Und ich bin doch irgendwie ganz froh, einfach mal wieder dort gesessen zu haben.

Gedicht: Geistwerdung

Geistwerdung

Für mich bist du ein Geist geworden.
Ohne Telefonanschluss, ohne einen Tag
der offenen Türen.

Mir wird kalt, mich schaudert,
wenn ich deine Ketten sehe,
also meine Ketten, die du mir
geschenkt hast. Schmuck zu
feierlichen Anlässen, nicht
rechtlich bindend, aber trotzdem schön
und irreführend bedeutsam.

Knarrendes Holz, von selbst
zufallende Türen, weggezogene
Bettdecken und dein Stöhnen
haben dich eigentlich schon
früh verraten.

Ich hätte immer wissen können,
dass du für mich ein Geist werden würdest.

Table 19 – Liebe ist fehl am Platz

Jeffrey Blitz: Table 19 – Liebe ist fehl am Platz (2017)

Hochzeiten, Taufen, Geburtstage und Beerdigungen zählen zu den Lieblingsschauplätzen von romantischen Komödien. Es gibt eher wenige Filme des Genres, bei dem keines dieser „sozialen Events“ irgendwie handlungstreibend ist. Manchmal schaffen es sogar alle „Lebensereignisse“ in einen einzigen Film. Ich glaube, Zwei an einem Tag wäre ein Beispiel dafür, dann auch wenn dort vielleicht nicht alle diese Events dargestellt werden, wird gestorben, geboren und geheiratet.  Da das hier irgendwie negativ klingt, stelle ich besser klar, dass ich wirklich gerne Rom-Coms gucke. Das ist so eine jugendliche Schwäche, die ich mir erhalten habe, genau wie Jugendbücher. Denn auch wenn es eindeutig bessere Filme gibt… manchmal muss ich auch Filme (und Serien) konsumieren wie Marie Kondo aufräumt und mich fragen: Does it spark joy?

Hier soll es um einen Film gehen, der in seinem Genre wirklich nichts Besonderes ist, aber mir trotzdem sehr viel Freude gemacht hat. Ich kann mir selber nicht erklären, wie Table 19 an mir vorübergehen konnte, denn im Jahr 2017 bin ich schon ziemlich aufmerksam gewesen, was Filmstarts und Trailer angeht… aber wenn ich bedenke, dass im deutschen Wikipedia auch kein Eintrag zu dem Film verzeichnet ist  – trotz recht prominenter Besetzung durch Anna Kendrick, Lisa Kudrow, Stephen Merchant und Tony Revolori, die man irgendwie alle von irgendwo kennt – dann vermute ich fast, dass der Film in Deutschland direkt auf DVD erschienen ist… oder einen ganz undankbaren Starttermin im Kino hatte.  

Das Setting von Table 19 ist eine Hochzeit. Nicht die Hochzeit von einem der Protagonisten und das macht es schon wieder so schön. Beinahe der gesamte Film, mit Ausnahme einzelner Szenen am Anfang und Ende, spielt auf dieser Hochzeit. Wer heiratet und in welcher Verbindung die einzelnen Protagonisten zum Brautpaar stehen, erfährt man über die erste Hälfte des Films hinweg verteilt, wodurch eine gewisse Spannung aufgebaut wird, weil man sich erstmal in das Beziehungsgeflecht reinfuchsen muss. Die Gemeinsamkeit der recht unterschiedlichen Hauptfiguren ist der titelgebende Table 19, der Tisch in der hinterletzten Ecke, der auf dem Sitzplan der Hochzeit mit „Randoms“ bezeichnet wird – eine schmeichelhafte Umschreibung dafür, dass dort die Leute sitzen, die man irgendwie gezwungenermaßen einladen musste, aber eigentlich nicht unbedingt sehen will.

Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass die junge, hübsche Eloise (gespielt von Anna Kendrick) im Zentrum der Handlung steht und der Film fokussiert sich darauf, ihre Geschichte ein wenig ausführlicher zu erzählen als die der anderen „Randoms“ – aber wenn man bedenkt, dass bei romantischen Komödien gerne mal überhaupt keine Nebenhandlung stattfindet, dann muss man dem Film ein großes Kompliment dafür machen, dass er in der zweiten Hälfte trotz dieser Fokussierung auf Eloise keine der anderen Figuren aus dem Auge verliert. Am Ende des Films hat man das befriedigende Gefühl, dass alle Geschichten, die in der ersten Hälfte angerissen werden, auch ordentlich zu Ende erzählt sind. Überhaupt hinterlässt der Film ein gutes Gefühl bei seinen Zuschauern – und das ist bei Filmen, die sich explizit als romantische Filme vermarkten, für mich auch irgendwie der springende Punkt. Hier wird kein Mord aufgeklärt, kein politischer Konflikt ausgetragen, kein Thema thematisiert, das sonst auf der Kinoleinwand zu wenig Platz erhält, aber schön ist es trotzdem.

Meine Begeisterung mag auch ein bisschen darin begründet liegen, dass meine Erwartungen an den Film nicht besonders hoch gewesen sind und ich ihn eigentlich nur wegen der angenehmen Länge (etwas weniger als 90 Minuten, das war überzeugend, denn nichts ist schlimmer als eine Liebesgeschichte, die eine Stunde zu lang ist) und Anna Kendrick angesehen habe. Es ist natürlich nicht der beste Film mit Anna Kendrick und in Pitch Perfect oder A Simple Favor  blüht sie deutlich mehr auf, aber Table 19 weiß auch, was er an ihr hat, und lässt sie eher glänzen als Twilight oder Mike And Dave Need Wedding Dates. Wow. Ich merke gerade, wie lächerlich viele Filme mit Anna Kendrick ich gesehen habe. Ich schätze, ich bin ein Fan.

Gedicht: Karaokay

Karaokay


Mit dir reden ist wie Karaoke.
Alle Wörter sind da, ich muss
nur den richtigen Ton treffen,
aber es ist auch okay,
wenn ich schief singe, zum Schluss
gibt es trotzdem Applaus.

I will always love you vor Publikum
ist weniger verbindlich
als Ich liebe dich
im Wohnzimmer, Kino, auf dem Gehweg
oder im Aquarium.
Ein bisschen peinlich ist das,
so muss das, etwas lächerlich.

Deine Augen sind Scheinwerfer, Glühbirnen,
Du bist mein Rampenlicht.
I will always love you hab ich
gesungen, ohne mich zu verhaspeln.
Vergiss das nicht,
wenn du auf die Bühne gehst.