Gedicht: Lieblingsbücher

Lieblingsbücher

Du liest nicht gern,
hast aber ein Lieblingsbuch
aus dem ein Film gemacht wurde,
den du auch gut findest
und in deiner Wohnung
mit mir gucken willst,
weil ich bestimmt gerne lese,
weil ich doch was studiere,
was mit Wörtern
und so einem umständlichen Namen,
den sich ja keiner merken kann,
der das nicht selber tut,
aber es ist cool, dass ich das mache,
was mir Spaß macht,
wir sind ja noch jung,
wir beide und du verstehst
das ja, du hast ja auch
ein Lieblingsbuch.

Master Cheng in Pohjanjoki

Mika Kaurismäki: Master Cheng in Pohjanjoki (2020)

Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal ein Quartal lang überhaupt nicht im Kino gewesen bin. Der letzte Film, den ich auf der großen Leinwand gesehen habe, waren die Känguru-Chroniken Anfang März… und für den Wiedereinstieg habe ich mir mit Master Cheng in Pohjanjoki nicht unbedingt ein Highlight ausgesucht, aber zumindest einen sehr entspannenden Film. (O-Ton meiner Begleitung: „Wie ein langer, ruhiger Fluss.“)

Die Ausgangssituation ist schnell erklärt: Cheng und sein Sohn sind auf der Suche nach „Fongtron“ und landen dabei in einer Kleinstadt in Lappland. Durch die Stammkunden und die Inhaberin eines kleinen Restaurants, in dem es tagaus tagein Wurst gibt (wahlweise mit Soße oder ohne) finden Vater und Sohn Anschluss. Auf der scheinbar aussichtslosen Suche nach dem ominösen „Fongtron“ soll jeder Stein umgedreht werden – und ganz nebenbei wird Cheng in den Restaurantbetrieb eingebunden und beglückt die läppischen Kleinstädter – zunächst nur die besonders mutigen, alten Männer – mit der chinesischen Kochkunst. Ganz nebenbei verliebt er sich natürlich so ein kleines bisschen in die schöne, blonde Sirrka, die Inhaberin des Restaurants, die ihn so herzlich aufgenommen hat.

Von der reinen Spannungskurve her kann der Film ehrlich gesagt so gar nicht überzeugen, denn es kommt nahezu keine Spannung auf. Leider wird viel zu früh geklärt, wer oder was „Fongtron“ ist und viel mehr Rätsel will der Film dann auch nicht aufgeben. Die Liebesgeschichte war für meinen Geschmack ein bisschen zu kitschig und erst zu langsam und dann am Ende komischerweise doch zu schnell in der Entwicklung. Ich weiß auch nicht, da hat der Film mich wirklich nicht abgeholt.

Glänzend gemacht sind allerdings die Nebenfiguren: Alte, finnische Männer, die bereit sind, an die Heilkraft von Rentier mit Kräutern glauben, es nicht aufgeben, vom „rennenden Tier“ anstatt vom Rentier zu sprechen und den hilflosen Cheng in die Sauna schleppen. Inklusive Selbstgeißelung mit Zweigen. In den Momenten, in denen der Film versucht, witzig zu sein, ist er das auch. Aber wenn man wie ich den Trailer gesehen hat, dann ist leider die Hälfte der Pointen schon ausgereizt worden… also den Trailer schenkt man sich lieber, wenn man ein bisschen herzhaft auflachen möchte. Ganz heißer Tipp.

Mein persönliches Highlight waren die unerwarteten musikalischen Momente – mit ihren teils (ungewollt?) hochkomischen, teils sehr poetischen Untertiteln.  Überhaupt gibt es in dem Film eine ganze Menge Untertitel, denn es wurden ausschließlich die Redeanteile der Finnen untereinander synchronisiert, während das gebrochene Englisch von beiden Seiten und die Unterhaltungen von Cheng und seinem Sohn auf Chinesisch aus der Originalfassung übernommen wurden. Dieses liebevoll erhaltene Misch-Masch von drei Sprachen finde ich sehr schön, aber ich bin auch generell für mehr Untertitel im Kino.

Master Cheng in Pohjanjoki ist definitiv kein Film, den man unbedingt im Kino oder überhaupt unbedingt gesehen haben müsste, aber er tut auch nicht weh. Und so ein paar chinesische Köstlichkeiten und Rentiere (lebende, in diesem Fall!) in freier Wildbahn über die Leinwand flimmern zu sehen, das ist dann eigentlich doch ganz nett. Mit seinem Minimum an Handlung und seinen 114 Minuten Laufzeit ist der Film für mich so um die zwanzig Minuten zu lang gewesen… aber wenn man im Kino sitzt, dann sitzt man. Und ich bin doch irgendwie ganz froh, einfach mal wieder dort gesessen zu haben.

Gedicht: Geistwerdung

Geistwerdung

Für mich bist du ein Geist geworden.
Ohne Telefonanschluss, ohne einen Tag
der offenen Türen.

Mir wird kalt, mich schaudert,
wenn ich deine Ketten sehe,
also meine Ketten, die du mir
geschenkt hast. Schmuck zu
feierlichen Anlässen, nicht
rechtlich bindend, aber trotzdem schön
und irreführend bedeutsam.

Knarrendes Holz, von selbst
zufallende Türen, weggezogene
Bettdecken und dein Stöhnen
haben dich eigentlich schon
früh verraten.

Ich hätte immer wissen können,
dass du für mich ein Geist werden würdest.

Table 19 – Liebe ist fehl am Platz

Jeffrey Blitz: Table 19 – Liebe ist fehl am Platz (2017)

Hochzeiten, Taufen, Geburtstage und Beerdigungen zählen zu den Lieblingsschauplätzen von romantischen Komödien. Es gibt eher wenige Filme des Genres, bei dem keines dieser „sozialen Events“ irgendwie handlungstreibend ist. Manchmal schaffen es sogar alle „Lebensereignisse“ in einen einzigen Film. Ich glaube, Zwei an einem Tag wäre ein Beispiel dafür, dann auch wenn dort vielleicht nicht alle diese Events dargestellt werden, wird gestorben, geboren und geheiratet.  Da das hier irgendwie negativ klingt, stelle ich besser klar, dass ich wirklich gerne Rom-Coms gucke. Das ist so eine jugendliche Schwäche, die ich mir erhalten habe, genau wie Jugendbücher. Denn auch wenn es eindeutig bessere Filme gibt… manchmal muss ich auch Filme (und Serien) konsumieren wie Marie Kondo aufräumt und mich fragen: Does it spark joy?

Hier soll es um einen Film gehen, der in seinem Genre wirklich nichts Besonderes ist, aber mir trotzdem sehr viel Freude gemacht hat. Ich kann mir selber nicht erklären, wie Table 19 an mir vorübergehen konnte, denn im Jahr 2017 bin ich schon ziemlich aufmerksam gewesen, was Filmstarts und Trailer angeht… aber wenn ich bedenke, dass im deutschen Wikipedia auch kein Eintrag zu dem Film verzeichnet ist  – trotz recht prominenter Besetzung durch Anna Kendrick, Lisa Kudrow, Stephen Merchant und Tony Revolori, die man irgendwie alle von irgendwo kennt – dann vermute ich fast, dass der Film in Deutschland direkt auf DVD erschienen ist… oder einen ganz undankbaren Starttermin im Kino hatte.  

Das Setting von Table 19 ist eine Hochzeit. Nicht die Hochzeit von einem der Protagonisten und das macht es schon wieder so schön. Beinahe der gesamte Film, mit Ausnahme einzelner Szenen am Anfang und Ende, spielt auf dieser Hochzeit. Wer heiratet und in welcher Verbindung die einzelnen Protagonisten zum Brautpaar stehen, erfährt man über die erste Hälfte des Films hinweg verteilt, wodurch eine gewisse Spannung aufgebaut wird, weil man sich erstmal in das Beziehungsgeflecht reinfuchsen muss. Die Gemeinsamkeit der recht unterschiedlichen Hauptfiguren ist der titelgebende Table 19, der Tisch in der hinterletzten Ecke, der auf dem Sitzplan der Hochzeit mit „Randoms“ bezeichnet wird – eine schmeichelhafte Umschreibung dafür, dass dort die Leute sitzen, die man irgendwie gezwungenermaßen einladen musste, aber eigentlich nicht unbedingt sehen will.

Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass die junge, hübsche Eloise (gespielt von Anna Kendrick) im Zentrum der Handlung steht und der Film fokussiert sich darauf, ihre Geschichte ein wenig ausführlicher zu erzählen als die der anderen „Randoms“ – aber wenn man bedenkt, dass bei romantischen Komödien gerne mal überhaupt keine Nebenhandlung stattfindet, dann muss man dem Film ein großes Kompliment dafür machen, dass er in der zweiten Hälfte trotz dieser Fokussierung auf Eloise keine der anderen Figuren aus dem Auge verliert. Am Ende des Films hat man das befriedigende Gefühl, dass alle Geschichten, die in der ersten Hälfte angerissen werden, auch ordentlich zu Ende erzählt sind. Überhaupt hinterlässt der Film ein gutes Gefühl bei seinen Zuschauern – und das ist bei Filmen, die sich explizit als romantische Filme vermarkten, für mich auch irgendwie der springende Punkt. Hier wird kein Mord aufgeklärt, kein politischer Konflikt ausgetragen, kein Thema thematisiert, das sonst auf der Kinoleinwand zu wenig Platz erhält, aber schön ist es trotzdem.

Meine Begeisterung mag auch ein bisschen darin begründet liegen, dass meine Erwartungen an den Film nicht besonders hoch gewesen sind und ich ihn eigentlich nur wegen der angenehmen Länge (etwas weniger als 90 Minuten, das war überzeugend, denn nichts ist schlimmer als eine Liebesgeschichte, die eine Stunde zu lang ist) und Anna Kendrick angesehen habe. Es ist natürlich nicht der beste Film mit Anna Kendrick und in Pitch Perfect oder A Simple Favor  blüht sie deutlich mehr auf, aber Table 19 weiß auch, was er an ihr hat, und lässt sie eher glänzen als Twilight oder Mike And Dave Need Wedding Dates. Wow. Ich merke gerade, wie lächerlich viele Filme mit Anna Kendrick ich gesehen habe. Ich schätze, ich bin ein Fan.

Gedicht: Karaokay

Karaokay


Mit dir reden ist wie Karaoke.
Alle Wörter sind da, ich muss
nur den richtigen Ton treffen,
aber es ist auch okay,
wenn ich schief singe, zum Schluss
gibt es trotzdem Applaus.

I will always love you vor Publikum
ist weniger verbindlich
als Ich liebe dich
im Wohnzimmer, Kino, auf dem Gehweg
oder im Aquarium.
Ein bisschen peinlich ist das,
so muss das, etwas lächerlich.

Deine Augen sind Scheinwerfer, Glühbirnen,
Du bist mein Rampenlicht.
I will always love you hab ich
gesungen, ohne mich zu verhaspeln.
Vergiss das nicht,
wenn du auf die Bühne gehst.

Gedicht: Auf den billigen Plätzen

Auf den billigen Plätzen

Auf den billigen Plätzen haben wir am liebsten gesessen,
Immer am Reden, Trinken, Rauchen, Essen.
Fleißig am Lästern über die Leute von heute
und den Schnee von gestern.

Wir haben verlernt, einander zu schätzen,
und stattdessen angefangen,
uns mit wenig Worten zu vergrätzen,
stoisch  zu verlangen,
dass wir uns immer noch alles erzählen.

Ob sich Bekannte verloben, verlassen, vermählen
oder Kinder kriegen, Häuser bauen,
sich das Leben nehmen,
Scheiße statt Häuser bauen,
das alles gilt es zu erwähnen,
wenn wir da sitzen, wo wir immer saßen
mit müden Zungen, heimlich gähnen
und uns ein bisschen hassen,
weil wir immer noch hier sind.

Gedicht: Deine Lieblingssachen

Deine Lieblingssachen

Am Telefon fragt meine Oma, wie es dir geht,
sie will wissen, wie es um dein Examen steht,
ob du dich über Selbstgestricktes freust
oder ob du in Wollsocken die Öffentlichkeit scheust.

(Ganz so fragt sie nicht, denn Oma reimt nicht.)
Mich fragt sie, ob ich den Kontakt zu dir auch nicht verlier‘.

Früher waren deine Freunde meine Freunde,
dein Haus war ein Haus, in dem ich jedes Zimmer kannte.
Ich hab mich in deinem Leben so gut zurechtgefunden,
die Stunden in den Wohn- und Esszimmern deiner Familie waren nur Sekunden.

Meine Tante war deine Lieblingsverwandte,
sie ist vor vier Jahren gestorben und wir haben sie einmal im Sommer und einmal im Winter besucht.
Meine Freunde waren nicht deine Freunde, weil du dich selten an ihre Namen erinnern konntest,
auch wenn es wichtig gewesen wäre.
(Für mich.)

Am Telefon kann sich meine Oma nur gelegentlich an Namen erinnern,
aber dich vergisst sie nie.
Ob du gerne Selbstgebackenes isst?
Ob es noch mehr Lieblingssachen von dir gibt
und ob du auch immer noch mein Liebling bist?

Gedicht: In deinem Film

Ein kurzes Wort zum Thema „Gedichte“ – Und warum mir diese Textform nicht so ganz behagt

Ich sage es lieber gleich: Ich schreibe eigentlich keine Gedichte mehr, seitdem ich 15 oder so bin. Aber manchmal dann eben doch. Und so richtig wohl fühle ich mich dabei auch nie… keine Ahnung, mit 15 sind Gedichte immer so melodramatisch und hyperpersönlich gewesen und jetzt kommt es mir vor, als würde ich da immer extrem unpersönliche Sachen schreiben – und trotzdem das Pronomen „Du“ benutzen, obwohl es eigentlich kein echtes „Du“ gibt. Das ist ein merkwürdiges Gefühl, irgendwie unangenehm eben. Aber weil ich dem Internet schon so viel zugemutet habe, wäre es auch irgendwie albern, gerade da die Schmerzgrenze zu ziehen. Deswegen versuche ich mich mal an dem Upload von ein paar „unangenehmen“ Gedichten. Ach so… reimen kann ich nicht so richtig, aber manchmal versuche ich es trotzdem, nicht sehr konsequent eben.

In deinem Film

Ansprüche sinken. Kaffee trinken.
Menschen swipen. Menschen hypen.
Fotos mit Hunden von Freunden
von Freunden. Gute Bekannte.

Personen, die du vielleicht mal kanntest
oder kennen wolltest.
Dafür, dass ich dich kennenlernen durfte,
will ich dir danken.

Am selben Abend drei neue Superlikes.
Niemand weist mich in meine Schranken.
(Das ist out, so sagt man das nicht mehr.)

Wo wolltest du schon immer mal hinfahren?
Mit dem Auto, meine ich. So ganz klimaneutral.
Ans Meer. Ganz spontan. Ohne Plan,
ohne Koffer, mit halbleerem Tank.

Das könnte dein Til-Schweiger-Film sein.
Dein deutschpoppiger Singersongwriter-Song.

Lächeln. Antworten. Den Frieden bewahren.
Die Kunst des Smalltalks verhindert,
dass du Dinge über mich weißt,
die mein Postbote – zum Beispiel –
nicht wissen kann.

Superlike. Und wo bleibt der Dank?

Die Frau und der Affe

„Die Frau und der Affe“ von Peter Høeg (1996)

Bei dieser Rezension weiß ich gar nicht, in welche Kategorie ich sie packen soll, denn es ist wirklich schwer Die Frau und der Affe irgendeinem Genre zuzuordnen. Es ist nicht Fantasy, es ist nicht wirklich Science-Fiction, es ist auch kein richtiger Thriller, es ist nicht mal wirklich mit dem Schlagwort Magischer Realismus zu fassen, obwohl es gefühlt Spuren von allem Möglichen enthält. Trotzdem ist das Buch nicht unentschlossen. Ich habe wirklich lange nichts mehr gelesen, das so reingehauen hat!

Ich habe gefühlt drei oder vier Mal während der gesamten Lektüre innegehalten und einen Satz immer und immer wieder gelesen, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass das wirklich da steht! Also in Sachen unvorhersehbare Wendepunkte liegt dieses Buch ganz weit vorne. Da liest man Sätze, die man so einfach nicht hat kommen sehen. Und so wahrscheinlich auch nirgendwo sonst lesen kann. Es ist einfach alles unfassbar innovativ und so wenig abgeschmackt – mir fällt absolut kein Buch ein, das ich inhaltlich so richtig damit vergleichen könnte. Und das muss man ja auch erstmal schaffen.

Zur Ausgangssituation: Madelene, eine gebürtige Dänin, ist mit dem Engländer Adam Burden verheiratet, der bald schon der Direktor des angesehenen Londoner Zoos werden soll. Der Erfolg, der Reichtum und das gute Aussehen von Adam führen allerdings nicht dazu, dass Madelene in ihrer Ehe besonders glücklich ist. Sie trinkt – und das nicht zu knapp. Als eines Tages ein Menschenaffe auf der Bildfläche erscheint, mit dem Adam sich seinen zoologischen Weltruhm sichern will, gerät der apathische Alltag von Madelene außer Kontrolle.  

Auch auf der sprachlichen und stilistischen Ebene bin ich ziemlich überzeugt worden. Die Kapitel haben eine angenehme Länge, die Sätze genauso. Es gibt kein Gelaber, nichts an der Geschichte fühlt sich zu ausgeschmückt oder zu sparsam erzählt an. Es ist nicht melodramatisch, es ist nicht prätentiös, es haut einfach nur rein, da kann ich mich nur wiederholen.

Die Hauptfigur Madelene ist für den Leser oftmals ein bisschen schwer zu fassen, aber das macht sie nur umso interessanter. Sie weiß immer wieder zu überraschen und ist zugleich immer auf einem ähnlichen „Wissensstand“ wie der Leser, sodass man ihr gut durch die Handlung folgen kann. Viele der Figuren, die eigentlich doch relativ wichtig sind, lesen sich eher wie Nebenfiguren, aber das stört gar nicht, denn sie verkommen nicht zu Klischees oder handeln allzu durchschaubar. Die andere Titelfigur, der Affe, ist eine Nummer für sich und über ihn kann man kaum etwas sagen, ohne direkt zu viel zu verraten.

Eine absolute Leseempfehlung, mehr kann ich hier auch gar nicht mehr sagen. Ich weiß nicht, ob ich mich so bald wieder an den Autor wagen werde, denn immerhin ist Fräulein Smillas Gespür für Schnee auch irgendwie so ein Buch, das man vom Hörensagen kennt und gefühlt auch wieder gelesen haben muss… vielleicht gucke ich auch endlich mal Planet der Affen. Um ein bisschen beim Thema zu bleiben.

Der Goldene Kompass

„Der Goldene Kompass“ von Philip Pullman (1995)

Fantasy und ich, das ist so eine Sache für sich. Ich liebe die Fantasy-Reihen, mit denen ich aufgewachsen bin und ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich die Harry-Potter-Bücher gelesen habe oder die beiden Vampir-Universen von Stephenie Meyer oder Lynn Raven verschlungen habe, aber wenn es darum geht, mich auf ein neues Fantasy-Universum einzulassen, dann bin ich sehr zögerlich. Woran genau das liegt, weiß ich gar nicht, es ist nämlich nicht so, als wäre ich dem Genre entwachsen, aber irgendwie messe ich jedes neue Buch an meinen persönlichen Klassikern. Und wie viele Welten sind schon so gut gemacht wie Mittelerde oder Narnia?

Doch im Rahmen der „Arbeit“ an meinem „Regal ungelesener Bücher“ habe ich mich nach Jahren des Aufschiebens mal wieder an den Auftakt einer Fantasy-Reihe gewagt. Ich fand schon immer, dass His Dark Materials ein wahnsinnig toller Titel ist – und doch habe ich lange nicht kapiert, dass Der Goldene Kompass und dieser tolle Titel etwas miteinander zu tun haben. Aber die deutsche Übersetzung des Originaltitels Northern Lights ist auch wahrlich keine Glanzleistung. Überhaupt ist es ein einziger Unsinn, denn es geht nicht mal wirklich um einen Kompass. Das hat mich schon verwirrt, als ich vor etwas mehr als zehn Jahren die wenig gerühmte Verfilmung dieses Buches angesehen habe, das mich dann in der letzten Woche echt unvorbereitet umgehauen hat.

Der Goldene Kompass präsentiert „eine Welt, die der unseren sehr ähnlich ist“ und die sich aber doch in einigen wesentlichen Dingen von der sogenannten Realität unterscheidet. Die Weltkarte und die Aufteilung der Kontinente sind nicht ganz fremd, aber eben doch etwas anders. Menschen haben Daemonen an ihrer Seite – Gestaltwandler, die irgendwie so was wie ihre sprechende, personalisierte Seele und ein absolutes Heiligtum sind. Und es gibt sprechende Bären. Panzerbären. Und ganz ehrlich, die Panzerbären waren für mich das absolute Highlight! Auch die anderen Wesen und Völker und Orte, die in dem Buch vorgestellt werden, sind gut ausgedacht, aber die Panzerbären und ihr Königreich Svalbard waren einfach nur großartig! Die Haupthandlung selbst war auch erstaunlich gut gemacht. Anfangs war ich ein bisschen… na ja, nicht gelangweilt, aber eine zehnjährige, weibliche Heldin, die kaum irgendwelche Entscheidungen selbstständig trifft, sondern eher so durch das Abenteuer schlingert und erstmal aufwendig gemacht erfährt, wer ihre leiblichen Eltern sind… ich fand es ein bisschen wenig originell. Und am Ende hab ich mich gleich dafür geschämt, weil Lyra irgendwie doch ein ziemlich gut konstruierter Charakter war. Weil die ganze Figurenkonstellation überhaupt ziemlich wohldurchdacht ist.

Obwohl ich so meine Zweifel daran habe, dass His Dark Materials auf mich persönlich so einen starken Eindruck machen werden die Harry Potter oder Der Kuss des Dämons (ja, es ist eine Schande, weil Philip Pullman der um Welten bessere Autor ist!) oder Herr der Ringe, habe ich den festen Vorsatz, mich auch mit dem Rest der Trilogie auseinanderzusetzen. Und mir zum ersten Mal seit Jahren aus freien Stücken wieder Fantasy-Bücher zu kaufen. Für die frühkindliche Prägung durch die Reihe ist es zwar zu spät, aber vielleicht wird es mal wieder Zeit, sich so richtig auf eine gut gebaute Welt mit eigenen Regeln einzulassen. Außerdem ist Der Goldene Kompass sowieso alles andere als ein Kinderbuch. Das ist auch nur wieder so ein Missverständnis, dem ich erlegen gewesen bin.