Der Schüler Gerber

„Der Schüler Gerber“ von Friedrich Torberg (1930)

Es ist schon ein paar Jahre her, seitdem ich im Filmraum meiner Schule gesessen und mit meinem Pädagogik-Kurs „Der Schüler Gerber“ angesehen habe – und ich war beim Lesen wirklich sehr überrascht, wie präsent mir einige Szenen und Figuren doch noch waren.

Die Prämisse des Buchs ist ziemlich klar. Da ist Kurt Gerber, der in einem Jahr seine Matura-Prüfungen ablegen muss und da ist „Gott“ Kupfer, der gnadenlose Mathematik-Professor, der dafür lebt, Schüler scheitern zu sehen, die ihm persönlich gegen den Strich gehen. Der lebensfrohe, eigensinnige Kurt, der beim Gedanken an die Matura-Prüfungen nicht sofort in Panik ausbricht, ist ihm ein Dorn im Auge. Der Roman umfasst das letzte Schuljahr von Kurt und wechselt dabei immer mal wieder den Fokus. Meistens geht es freilich um den titelgebenden Schüler Gerber, aber der Leser erhält auch Einsicht in die Psyche von „Gott“ Kupfer höchstpersönlich und Kurts Langzeit-Schwarm Lisa. Die verschiedenen sozialen Komponenten von Kurts Leben werden förmlich seziert und alle miteinander in Verbindung gebracht. Kurts Schulfreunde, Lisa, Lisas Freunde, die auch zu Kurts Bekannten werden und Kurts Familie, all das ist nicht unabhängig von der heiligen Matura. Alle Fäden scheint „Gott“ Kupfer zwischenzeitlich in der Hand zu halten. Um Leben und Tod geht es schon, wenn Kurt daran denkt, wie sein Vater mit dem schwachen Herzen auf einen blauen Brief reagieren wird, den er sich eingehandelt hat. Und um Leben und Tod geht es dann aber auch wirklich. Das Thema Leistungsdruck und Schülerselbstmorde wird nie ein alter Hut sein und es ist doch irgendwie sehr unheimlich, wie Kurt binnen einen Jahres immer weiter zur Verzweiflung getrieben wird und schließlich den Lebensmut verliert. (Ist das ein Spoiler? Vielleicht, aber eigentlich ist schon beim Blick auf die Buchrückseite überdeutlich, wo das alles hinführen wird. Das Buch liest sich auch nochmal viel intensiver, wenn man weiß, was am Ende passiert. Ich weiß noch, dass ich es beim Film auch irgendwie gewusst habe… und trotzdem hat das Ende reingehauen.)

Also. Der Schüler Gerber. Die Studie eines jungen Mannes, dessen Schicksal letztendlich von seiner sozialen Rolle als Schüler auf fatale Weise bestimmt wird. Ich habe so annähernd zwei Wochen an dem Buch gelesen, das ist für meine Verhältnisse ein relativ langer Zeitraum für so ein nicht wirklich dickes Buch. Diese etwas längere Lesezeit ist nicht der Tatsache geschuldet, dass es langweilig oder langatmig gewesen wäre – ich glaube ehrlich gesagt, ich hab mich ein bisschen davor gedrückt, mich noch einmal mit Kurt Gerbers Untergang auseinanderzusetzen. Aber irgendwann war dann doch die Sog-Wirkung da und ich wollte das Schiff auch sinken sehen…

Eine Leseempfehlung für alle, die ihre Schullaufbahn schon hinter sich haben. Wer sich ohnehin als prüfungsängstlich beschreiben würde, der braucht vielleicht nicht noch zusätzlich den Film in Kurts Kopf, in dem so eine grausame, übermächtig erscheinende Einzelperson wie „Gott“ Kupfer zu einem unüberwindlichen Hindernis wird.

Zum Foto: Eine Aufnahme der Decke von meinem eigenen Abiball. Bisschen Galgenhumor muss sein.

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