Träum erst, wenn es dunkel wird

„Träum erst, wenn es dunkel wird“ von Daphne DuMaurier

Träum erst, wenn es dunkel wird ist zugleich der Titel einer einzelnen Kurzgeschichte als auch einer Sammlung von Kurzgeschichten. Ich habe mich durch den ganzen Sammelband gelesen, weil ich vor zwei Jahren die sogenannten Meister-Erzählungen von Daphne DuMaurier gelesen habe und sehr begeistert gewesen bin. Wie ich diese deutschen Ausgaben finden soll und wer für diese Zusammenstellungen und Obertitel verantwortlich ist… ich weiß es nicht so richtig und ich finde es immer verwirrend, wenn so eine Sammlung den Namen einer einzelnen Geschichte trägt, aber gut, das sind die Formalitäten und ich will ja auch nicht undankbar sein, dass ich diese beiden nicht mehr ganz so neuen Bücher auf Flohmärkten und anderswo gebraucht erstanden habe. Nur weiß ich gerade nicht so richtig, was ich hier rezensiere und warum, denn ich bezweifle irgendwie, dass man diese Mischung von Geschichte immer noch in derselben Ausgabe finden kann, wenn man dann diese Rezension als Anregung sehen würde, sich diesen Band kaufen zu wollen… egal, das geht hier schon sehr stark in Richtung einer „Wer bin ich und warum tue ich das, anstatt meine Meinung für mich zu behalten?“-Existenzkrise. Man betrachte diesen Eintrag bitte einfach als ein Plädoyer für den Konsum von Daphne DuMauriers Texten.

Auch wenn in diesem Band keine der „Blockbuster“-Kurgeschichten wie Die Vögel oder Wenn die Golden Trauer tragen enthalten waren, bin ich doch ziemlich gut unterhalten wurde. Die Texte von Daphne DuMaurier haben immer einen doppelten Boden. Nicht immer gibt es Mord, Todschlag und Intrigen, manchmal gibt es auch ein glückliches Ende, aber immer mit einem gewissen Augenzwinkern dabei. Die Figuren reden sich um Kopf und Kragen und häufig schwant einem als Leser schnell, dass der Erzähler vielleicht gar nicht so unbedingt der Sympathieträger ist und dennoch muss man ausgerechnet ihm mit seiner Seite der Geschichte folgen. Die Figuren sind keine Helden, meist nicht einmal Helden des Alltags, sondern häufig selbstsüchtige, gemeine Kleingeister. Die Doppelmoral der feinen Gesellschaft wird hochgenommen. Die Reichen und die Schönen werden von ihrer Überheblichkeit zu Fall gebracht. Und manchmal trifft es auch die Guten, die Armen, eben die, denen man alles Glück der Welt gegönnt hätte, denn so ist das ja auch im Leben, es geht nicht immer gerecht zu, Schwindler werden nicht immer ertappt oder bestraft.

Von einem Roman oder einer Geschichte als „zeitlos“ zu sprechen, finde ich immer ein bisschen schwierig. Aber über die Kurzgeschichten von Daphne DuMaurier kann man vielleicht zumindest irgendwie sagen, dass man beim Lesen nicht unbedingt das Gefühl hat, sich auf ein historisches Setting einlassen zu müssen. Auch wenn man die Währungen nicht kennt, die Preise alle lächerlich bezuglos sind, eigentlich niemand Flugzeuge nutzt und längere Reisen zu Schiff oder mit dem Zug erledigt werden und in Sachen Technik auch nicht so ganz viel los ist. Na gut, so uralt sind die Geschichten nun auch wieder nicht, immerhin hat die Autorin einen Großteil des 20. Jahrhunderts miterlebt. Es gibt also keine Pferdekutschen mehr, aber eben auch noch keine Handys. Und die Zeit und der Raum spielen auch keine allzu große Rolle in den Kurzgeschichten selbst… wobei, London, Venedig und Paris sind doch manches Mal die Dreh- und Angelpunkte.  Also alles abwechselnd hübsch kosmopolitisch oder britisch-ländlich angelegt.

Meine Lieblingsgeschichte war vielleicht sogar die Geschichte Ganymed, die Der Tod in Venedig ganz herrlich aufs Korn genommen und gnadenlos entromantisiert hat. Ein längeres Darüber-Nachsinnen hat aber vermutlich auch Die Großherzogin verdient. In dieser Geschichte werden die Globalisierung und die Entwicklung von Kapitalismus und Tourismus am Beispiel eines fiktiven Staates, dem „letzten Königreich von Binneneuropa“ scharf gezeichnet. Ob die Figur der titelgebenden Großherzogin ein bisschen an Elizabeth II. und an den Sündenfall in der Bibel denken lässt? Vielleicht. Die Königin von England ist ja faszinierenderweise für uns genauso tagesaktuell wie für Daphne DuMaurier. (So viel zum Thema Zeitlosigkeit.)

Also… diese Rezension ist keine runde Sache, wirklich nicht, aber was ich wohl damit sagen will: Wer über einen Flohmarkt schlendert und eine alte, gebundene Ausgabe mit einem glänzenden Umschlag entdeckt, auf dem der Name Daphne DuMaurier steht, der sollte vielleicht einfach ein bisschen Kleingeld locker machen und einen Versuch wagen. Es lohnt sich. Auch wenn es nicht immer die Wucht und die Grausamkeit von Meine Cousine Rachel oder Die Vögel hat.  

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