Kurzgeschichte: Eine Weltreise 1953

Eine Weltreise 1953

„Als wir 20 waren, da wussten wir gar nicht, wie groß die Welt eigentlich ist. Auf unseren Landkarten gab es keine weißen oder schwarzen Flecken mehr, stattdessen waren da Orte, deren Namen wir nicht aussprechen konnten. Also haben wir es lieber gar nicht erst versucht, über das Unbekannte geschwiegen und sind zuhause geblieben. Unsere Welt war nicht so klein wie die Welt unserer Eltern oder Großeltern, aber wir haben sie klein gehalten. Warum woanders hingehen? Hier ist es doch gut. Wir haben doch alles.

1953, da war ich so alt wie du jetzt und meine Freundinnen, die waren alle verlobt oder hatten einen Jungen, dem sie besonders gefallen. Ich habe immer gerne gesungen und weil es im Ort ja auch sonst nicht viel zu tun gab, bin ich dem Chor beigetreten. Du kannst nicht singen, oder? Ich hatte eine klare Altstimme, meine Freundinnen haben alle Sopran gesungen und ich war manchmal neidisch, weil ich immer weiter hinten stehen musste. 1953, da sind wir nach Rothenburg ob der Tauber gefahren, eine Musikreise, die unsere Chorleiterin organisiert hat, da haben wir mit einem Chor junger Herren zusammen gesungen. Mit 20 Jahren bin ich zum ersten Mal verreist und habe meine Eltern zehn Tage lang nicht gesehen. Es war keine Weltreise, wir waren ja nicht einmal am anderen Ende des Landes, aber als ich deinen Großvater kennengelernt habe, da dachte ich, das wird doch nie werden. Das kann doch gar nicht sein. Das ist doch viel zu weit weg. Ich wollte seine Aufmerksamkeit nicht auf mich lenken, das hat man damals einfach nicht gemacht, aber er hat so fürchterlich schief gesungen. Im ganzen Chor gab es nur drei Tenöre und er war einer davon und mit Abstand der lauteste. Und der schlechteste. Ich war früher ja so albern und ich konnte nicht aufhören zu giggeln und da hab ich natürlich die ganze hintere Reihe mit angesteckt. Nein, war das komisch. Das werde ich nie vergessen!

Und du weißt ja wie dein Großvater ist, der ist ja immer ganz ernst und kann es nicht ertragen, wenn man über ihn lacht und fühlt sich gleich verspottet. Ganz grimmig geguckt hat er, als wir am letzten Tag in unseren Reisebus gestiegen sind, aber irgendwen muss er nach meiner Adresse gefragt haben, denn zwei Wochen später kam ein Brief von ihm. Besonders freundlich war er nicht, aber er hat mir ein Kompliment über meine Singstimme gemacht und mich darauf hingewiesen, dass ich an diesem herrlichen Abend, an dem wir wohl in einer Kirche gesungen haben, in der er jeden Sonntag ist, nicht nur meine Fassung verloren habe, sondern auch ein Halstuch. Er wollte es mir nicht gleich nachschicken, da er nicht sicher war, ob er die richtige Anschrift bekommen hatte und deswegen musste ich ihm antworten oder mein Tuch verloren geben.

Ich habe mir mit meiner Antwort ein bisschen zu viel Zeit gelassen, aber da gab es diesen Bruder meiner Nachbarin. der mir sehr gefiel und ich habe mich ganz mutig gefühlt, weil ich an manchen Tagen an zwei Männer gleichzeitig gedacht habe. Im September wurde es dann plötzlich kalt und meine Mutter hat mit mir geschimpft, wann immer ich ohne mein Halstuch aus dem Haus gegangen bin. Es war mein bestes Tuch, ein Geschenk meiner Patentante, die auch bald fragen würde, ob ich es verlegt habe. Also habe ich einen kurzen, höflichen Brief verfasst und innerhalb von einer Woche eine lange Antwort bekommen – und ein Päckchen mit meinem Tuch. Ich hatte meinen Besitz wiederbekommen, es gab also keinen Grund mehr, einen Brief zurückzuschreiben, aber ich wollte nicht undankbar sein und der Bruder meiner Nachbarin war für seine Lehre in eine andere Stadt gezogen, also habe ich mich noch einmal recht herzlich bedankt.

Danach war erst einmal Ruhe, aber an Weihnachten kam der nächste Brief. Darin waren ganz viele Fragen zu meiner Person, nichts ungeheuer Privates, aber er wollte wissen, was mein Vater beruflich macht, wann ich Geburtstag habe, ob ich ein Haustier habe, allerhand solche Sachen eben. Und wie du weißt, ist mein Geburtstag ja am 31. Dezember … das habe ich ihm auch ehrlich so geschrieben und was habe ich gestaunt, als noch am Morgen von meinem 21. Geburtstag ein Päckchen für mich bei der Post angekommen ist!

Ganz gründlich muss er meinen Brief gelesen haben, denn er hat mir ein hübsches Halsband für meinen Hund, damals hatte ich so einen kleinen Spitz, geschickt, das genau dieselben Farben wie mein Halstuch hatte. Das war so aufmerksam, dass ich ein bisschen geweint habe und bei der Neujahrsmesse, da hab ich immer wieder die falschen Strophen gesungen, weil ich mir ständig vorgestellt habe, wie dieser grimmige Mensch in ein Geschäft mit Hundehalsbändern geht und eines für mein Hündchen aussucht.

Ab sofort haben wir uns jede Woche Briefe geschrieben. Mein Vater hat geschimpft, weil man Briefmarken nach Franken damals noch teuer fand und weil er es ehrlich gesagt auch gar nicht mochte, dass ich einem jungen Mann schreibe, dessen Familie er gar nicht kennt und von dem er keine Vorstellung hat. Einige meiner Briefe wollte er sogar lesen, um sich ein Bild von meinem „Verehrer“ zu machen.

Als unser Chor an Pfingsten wieder die Reise nach Rothenburg unternommen hat, da haben meine Eltern schon gedacht, dass ich gleich dort bleibe und sie mich nie wiedersehen, aber das konnte ich ihnen nicht antun, ich war ja ein Einzelkind und meine Mutter hing sehr an mir und ich auch an ihr.

Viermal bin ich vor meiner Verlobung noch nach Hause zurückgefahren, aber das Zugfahren hat mich gelangweilt und ganz unglücklich gemacht und die Kosten waren auch nicht tragbar, darum habe ich meine wichtigsten Sachen in zwei Koffer gepackt, mich von meinen Freundinnen und meinen Eltern verabschiedet und bin nach Rothenburg gefahren. Mein Hündchen musste ich zurücklassen, das war das Schlimmste für mich.

Du willst gar nicht wissen, wie oft ich mir in den letzten sechzig Jahren gewünscht habe, noch einmal 20 zu sein und alle Entscheidungen noch vor mir zu haben. An manchen Tagen denke ich mir, ich würde hier bleiben, zusehen wie mein Hund alt wird und sein hübsches Halsband bewundern, wenn ich mit ihm spazieren gehe und dabei dem Bruder meiner Nachbarin vorsichtig zuwinke.

Aber ich erzähle dir das nicht, damit du hier bleibst und ich dich öfter sehen kann, auch wenn dein Großvater dir das einreden will, so eine Egoistin bin ich nicht. Du sollst dir nur jemanden suchen, der dich freiwillig zum Lachen bringt und keinen, der sich darüber beklagt, dass du albern bist. Such dir vielleicht auch direkt jemanden, der gerne an Orte reist, deren Namen er nicht aussprechen kann. Oder jemanden, dessen Namen du nicht aussprechen kannst.“

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