Der Garten Eden

„Der Garten Eden“ von Ernest Hemingway (1986)

Als Einstieg eine kleine Erläuterung zur Jahreszahl: Der Roman wurde rund fünfundzwanzig Jahre nach dem Tod des Autors publiziert. Das Internet sagt, dass Hemingway 1946 mit dem Buch begonnen und es nie so fertiggestellt hat, dass er damit zufrieden war. Die veröffentlichte Fassung ist dementsprechend eigentlich unvollständig, aber es liest sich ehrlich gesagt schon so, als wäre das Ende ein richtiges Ende. Wenn also vorneherein nicht die Information gedruckt wäre, dass es eine „Post-Production“ ist, dann hätte ich nichts gemerkt. Ich bin aber auch kein Hemingway-Experte.

Bislang ist mir Hemingway zweimal begegnet. Zum einen habe ich – freiwillig – Der alte Mann und das Meer (Originaltitel: The Old Man And The Sea)gelesen, weil irgendwie ist das ja doch ein Titel, der einem immer wieder begegnet und es ist auch ein relativ dünnes Buch, also nichts, womit man sich wochenlang quälen könnte. Zum anderen habe ich In einem andern Land (Originaltitel: A Farewell To Arms) für ein Seminar in der Uni im englischen Original gelesen. Weder das eine noch das andere Werk hat mich jetzt besonders begeistert – oder besonders gefoltert. Die Bücher waren angenehm zu lesen, ich wurde emotional nicht besonders mitgenommen und ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, warum Hemingway als einer der ganz Großen gehandelt wird. Aber vermutlich liegt das daran, dass ich irgendetwas nicht kapiert habe.

Die sprichwörtliche „Spitze des Eisbergs“ kennt man ja dann doch – und ich muss zugeben, ich finde Hemingways literaturwissenschaftliche Eisberg-Theorie immer wieder spannend. Sollte das Wesentliche einer Geschichte wirklich zwischen den Zeilen stecken? Soll das, was tatsächlich schwarz auf weiß niedergeschrieben und in uns bekannte Worte gefasst wird, eigentlich nur ein Hinweis auf das sein, was eigentlich gesagt wird? Diese Theorie hat ihren Reiz definitiv, man kann in einem Text immer nach mehr suchen – und wenn man einen Autor und seine Stilmittel kennt, dann kann dieses Suchspiel auch ehrlich Spaß machen. Vor allem kann man wunderbar über ein Buch diskutieren, wenn man weiß, dass es doch angeblich immer mehr zu entdecken gibt. Aber leider sehe ich dadurch auch immer das Problem, dass zwei Klassen von Lesern entstehen. Die einen Leser, die clever genug sind, die Hinweise zu entdecken und die den Autor besonders gut durchschauen und die deswegen irgendwie die „besseren“ Leser sind – und dann eben die „normalen“ Leser, die einfach „runterlesen“ und dabei vielleicht eine ganz banale Geschichte erfassen, aber kein großartiges Meisterwerk. Als jemand, der seit rund fünf Jahren Texte studiert und den Reiz von diesen Eisbergspitzen zu schätzen weiß, will ich nicht sagen, dass ich diese Herangehensweise an Literatur blöd finde. Aber manchmal fühlt man sich eben blöd, weil man ein Buch ganz privat liest, niemanden zum Diskutieren hat und deswegen schließlich den Eindruck bekommt, eigentlich eher ein halbes Buch gelesen zu haben.

So viel vielleicht allgemein zu Hemingway und mir. Das Gefühl, eher ein halbes Buch gelesen zu haben, hat sich bei Der Garten Eden dann natürlich auch wieder breitgemacht. Oberhalb der Meeresoberfläche haben wir einen Schriftsteller und seine frisch angetraute Ehefrau, die ihre ausgedehnten Flitterwochen in Europa verbringen, am Meer, französische und spanische Küste, alles sehr idyllisch. Der Schriftsteller, David, hat sein zweites Buch veröffentlich, kassiert positive Reaktionen und schreibt gerade an einem Bericht über die Reise von Catherine und ihm. Soweit so gut. Das Miteinander der Eheleute ist geprägt von viel Alkohol, viel Essen, viel Sex und viel Sonne. Alles sehr harmonisch und sehr dialoglastig. Dann kommt Catherine auf die Idee, dass sie ein bisschen Schwung in das gemeinsame Liebesleben bringen möchte. Sie möchte im Bett nicht „das Mädchen“ sein. Was genau man sich darunter vorstellen darf, wird nicht explizit erläutert. Die schmutzige Fantasie des Lesers ist gefragt – auch mal schön. Das Spiel mit Catherines sexueller Identität eskaliert in einem radikalen Friseurbesuch und als schließlich die schöne Marita auftaucht und sich eine „ménage à trois“ entwickelt, da geht dann richtig die Post ab. Mal ganz salopp gesagt.

Im direkten Vergleich mit Erotikromanen des 21. Jahrhunderts ist die Story absolut harmlos, aber es geht auf den ersten Blick doch wirklich nur um das Eine. Und dann eben auch wieder nicht. Weil da ja der Eisberg ist. Es geht natürlich um mehr als eine schlichte Dreiecksgeschichte, aber irgendwie auch wieder nicht. Ich könnte jetzt hier die Gedanken, die ich mir beim Lesen so gemacht habe, sicherlich aufzählen, aber damit würde ich dann wohl doch zu viel über den Inhalt des Romans verraten… und mich gegebenenfalls blamieren, man weiß ja nie, wie abseitig man dann doch denkt.

Da das ja nun auch eine Rezension und keine Analyse ist, mache ich hier lieber einen Punkt. Der Garden Eden liest sich flüssig, es gibt scharfe Wortwechsel, eine Geschichte in der Geschichte und Figuren, die man auch in einem französischen Schwarz-Weiß-Film gerne sehen würde. Im Grunde genommen ist das Lesen des Buches eigentlich gut mit einem Kinobesuch zu vergleichen. Man sieht den Film, man sieht die Charaktere von außen handeln, man hört die Gespräche – aber man kann nicht in ihre Köpfe gucken. Es gibt keine Inneneinsichten, keine personalen Einstreuungen… und wenn man das nicht frustrierend, sondern reizvoll findet, dann enttäuscht der Roman keinesfalls.

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