Nur eine Frau

Sherry Hormann: „Nur eine Frau“ (2019)

Nur eine Frau ist einer von diesen Filmen, von denen mir gar nicht klar ist, wie unbedingt ich sie sehen will, bis ich es dann endlich getan habe. Als der Film im vergangenen Jahr ins Kino gekommen ist, da habe ich ihn natürlich registriert und den Menschen auch mit Freuden Tickets dafür in die Hand gedrückt, aber ich hatte nicht so richtig das Bedürfnis, ihn mir selbst anzusehen. Nun habe ich ihn vor zwei Tagen in einer öffentlich-rechtlichen Mediathek entdeckt und war ganz hingerissen.

Trotzdem bin ich froh, den Film nicht im Kino angeschaut zu haben. Denn Nur eine Frau ist harter Tobak, wie man so schön sagt. Der sogenannte Ehrenmord an der türkisch-kurdischen Berlinerin (ja, das ist bei Wikipedia abgeschrieben, aber ich will es korrekt benennen) Hatun „Aynur“ Sürücü ist aber auch harter Tobak. Es ist der 7. Februar 2005. Kurz nach ihrem 23. Geburtstag wird Aynur an einer Bushaltestelle von ihrem kleinen Bruder erschossen. Der Grund dafür ist ihr Verhalten, durch welches die Familie ihre „Ehre“ verloren hat. Die einzelnen Komponenten dieses „Ehrverlusts“ sind Aynurs Ablegen des Kopftuchs; die Flucht aus der Türkei zurück nach Berlin, hochschwanger und ohne ihren Ehemann; die Abkehr von ihrer streng religiösen Familie; die Erziehung ihres Sohnes Can; ihre Ausbildung als Elektroinstallateurin, ihr Wunsch nach mehr Selbstständigkeit. Und so weiter. Und so fort. Die Liste könnte detaillierter sein.

Der Film basiert auf Tatsachen. Weil ich im Jahr 2005 zwar schon lesen konnte, aber (zum Glück) keine ganzen Zeitungsartikel über Morde in die Hände bekommen habe, waren mir die Fakten ziemlich unbekannt. Von Anfang an zeigt der Film, wie er enden wird. Die Stimme der Toten erzählt beinahe beunruhigend ruhig ihre Geschichte. Zwischendurch wird immer wieder Bildmaterial von der echten Aynur eingeblendet, Fotos und Videos. Es ist ziemlich unmöglich, sich der Wucht und Ungerechtigkeit dieses kurzen Lebens zu entziehen, das hier porträtiert wird.

Besonders spannend fand ich allerdings, dass der Film sich an ein deutsches Publikum richtet. Und zwar deutsch-deutsch. Die Erzählerin spricht Deutsch, doch es gibt immer wieder Szenen, in denen die Schauspieler Türkisch miteinander sprechen. Es gibt keine Untertitel. Es ist kein Versehen. Bereits in den ersten Minuten des Films, in denen der Zuschauer mit einer untertitellosen Szene zwischen Mutter und Tochter bei der Anprobe des Brautkleids konfrontiert wird, wird die vierte Wand von der Erzählerin brutal niedergerissen: „Ah, habe ich vergessen. Ihr versteht uns ja nicht, weder unsere Sprache, noch unsere Kultur. Das eine kann man ändern…“ Dann sprechen die Figuren auf einmal Deutsch.

Zwischenzeitlich fand ich diesen Vorwurf, dieses „Ihr versteht uns nicht“, ein bisschen… aggressiv. Unnötig aggressiv und unnötig anklagend. Aber es stimmt ja. Aynur ist keine nahbare Figur. Sie ist keine Figur, sie ist ein Mensch. Man kann ihre Beweggründe nicht immer nachvollziehen. Man wünscht sich, sie würde auf ihren großen Bruder hören, der sich von der Familie freigemacht und in ein anderes Bundesland geflüchtet hat und ihr rät, dasselbe zu tun. Zu wissen, dass Aynur nicht auf ihn hören, sondern in Berlin bleiben und sterben wird, hat mich beim Zusehen unfassbar nervös gemacht. Und ich fand den Vorwurf nach und nach gar nicht mehr unnötig. Ich habe Aynur nicht verstanden. Ich kann Frauen wie Aynur nicht verstehen, nicht gänzlich. Ich kann nur hoffen, dass es mehr Filme wie Nur eine Frau geben wird, die so wenig romantisierend und so wenig abstrakt sind.

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