Der Tod in Venedig

„Das Tod in Venedig“ von Thomas Mann (1911)

Thomas Mann hat seinen Ruf als einer der wichtigsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts zweifelsohne nicht zu Unrecht – und ich frage mich immer noch, wie ich es in fünf Jahren literaturwissenschaftlichem Studium geschafft habe, diesem Mann (unbeabsichtigt schlechtes Wortspiel, sorry) aus dem Weg zu gehen.

Nachdem ich im zarten Alter von 13 oder 14 Jahren die Verfilmung von Der Tod in Venedig gesehen und mich tödlich gelangweilt habe, ist mein Interesse an einer näheren Bekanntschaft mit dem Autor ehrlich gesagt auch eher… verhalten… gewesen. Man könnte auch sagen, ich habe ganz gehörigen Respekt vor Thomas Mann, das klingt etwas besser. Die Annäherung ist in langsamen Schritten erfolgt… ein Besuch im Thomas-Mann-Haus in Lübeck… die Lektüre von Klaus Manns Schlüsselroman Mephisto… und gestern habe ich mich dann überwunden und die Erzählung Der Tod in Venedig in die Hand genommen.

Bereits nach wenigen Sätzen habe ich festgestellt, dass ich nicht ohne Grund jahrelang so meine Bedenken hatte… die Sprache des eigentlich gar nicht so langen Textes ist extrem vielseitig, sehr kunstvoll geschliffen und das Vokabular, das in der Erzählung steckt, ist ganz beachtlich! Da hat jemand keine halben Sachen gemacht, sondern allen bewiesen, was für einen großen Wortschatz er hat. Und wie lang ein Satz doch werden kann, ohne grammatikalische Fehler aufzuweisen. Das Lesen war mühsam, anstrengend und trotzdem irgendwie… schön. Um die Sätze besser handhaben zu können, habe ich mir den kompletten Text Wort für Wort selbst vorgelesen. Das ist eine Lese-Technik, auf die ich nur zurückgreife, wenn es ernst ist. Wenn das Überspringen von einzelnen Wörtern absolut verhängnisvoll ist und dazu führt, dass ich den Absatz quasi nochmal neu anfangen kann. Ich glaube, das letzte Buch, das ich so konsequent laut gelesen habe, waren Goethes Wahlverwandtschaften…ja doch, das gehört definitiv in dieselbe Liga wie Der Tod in Venedig.

Zur Handlung gibt es gar nicht so viel zu sagen: Der Schriftsteller Gustav von Aschenbach unternimmt eine Reise in den Süden, kommt schließlich in Venedig unter und fühlt sich dort gar nicht mal so wohl. Doch in seinem Hotel ist auch eine polnische Familie abgestiegen… die einen schönen Jüngling, schöner noch als eine antike Statue weil menschlich, bei sich hat… und da ist es um Gustav von Aschenbach geschehen. Der Roman berichtet von dem Schicksal eines einsamen, faszinierten Menschen. Unseriöse Anmerkung: Als meine Mutter den Film zum ersten Mal sah, fragte jemand in den Raum hinein: „Wann macht er endlich den Jungen klar?“ – und was soll ich da noch hinzufügen?

Ich habe mich für die Erzählung als Einstieg in das Werk von Mann weniger wegen dieser einseitigen Liebesgeschichte (ich will es mal so nennen) entschieden, sondern wegen der unterschwelligen Stimmung, der Krankheit der Stadt Venedig. Die Instinkte des Protagonisten, der in der Stadt schlecht zu atmen glaubt und sich immer wieder zurück zum etwas abgelegenen Hotel flüchtet, täuschen ihn nämlich nicht: Der Tod geht um in Venedig, die indische Cholera hat den Weg bis ins Mittelmeer gefunden…

Vielleicht ist es ein wenig geschmacklos ausgerechnet jetzt gerade eine Erzählung zu lesen, in der eine Seuche im Mittelpunkt steht, aber mir kam das höchst passend vor. Und es ist doch mehr als spannend, dass auch vor über hundert Jahren jemand über das Verhalten einer Stadt geschrieben hat, die sich zwar um die Gesundheit ihrer Einwohner und Besucher sorgt, sich fortwährend desinfiziert und ihre Toten verbirgt, aber zugleich nicht ihre Einnahmen durch den Tourismus verlieren will und an ihrem wirtschaftlichen Kapitel hängt. Ich kann nur sagen: Für mich kam dieser Klassiker zur rechten Zeit – und vielleicht wage ich mich in naher Zukunft an ein wesentlich umfangreicheres Werk, ein Monument, von Thomas Mann: Der Zauberberg. Mein Ehrgeiz ist zumindest geweckt.

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