Friedhof der Kuscheltiere

„Friedhof der Kuscheltiere“ von Stephen King (1983)

Egal wie lange ich auch nachdenke, mir fällt kaum ein produktiverer Autor als der König des Horrors ein. Pro Jahr veröffentlicht Stephen King gefühlt drei Bücher, die alle so dick sind, dass ich mich da erstmal einige Monate mental drauf vorbereiten muss. Warum ich mir dann kein frisches Werk von King gegriffen habe, sondern diesen alten Schinken? Ich weiß es selbst nicht so genau. Ich weiß nur, dass dieses Buch seit geraumer Zeit in meinem Regal steht und ich sowohl die alte als auch die neue Verfilmung dieses Horrorklassikers gesehen habe… es war also längst überfällig.

Und auch, wenn ich die Geschichte ja schon in zweierlei Varianten kannte, hat das Buch die übliche, hochfaszinierende King’sche Spannungskurve gehabt. Diese Kurve sieht meistens wie folgt aus: Das erste Viertel des Buches ist gut, ja, aber irgendwie liest es sich nicht so flott, etwas zäh, der Horror entfaltet sich langsam und ich kann das Werk auch gut mal ein paar Stunden/ Tage/ Wochen zur Seite legen. So im zweiten Viertel wird es dann intensiver und irgendwann kommt der Punkt, an dem ich wie gebannt von der Geschichte bin und sie einfach nur noch zu Ende lesen will. Zu Ende lesen muss. Weil das kann doch nicht sein, dass es so ausgeht.

Was mich immer wieder an Stephen Kings Romanen besticht ist die gnadenlose Konsequenz, mit der eine schlimme Idee zu Ende gebracht wird. Es gibt mitunter Wendepunkte, ja, aber keine krassen Schockmomente wie man sie gerne bei Horrorfilmen hat. Wenn ich ein Buch von Stephen King aus der Hand lege, habe ich grundsätzlich das Gefühl, dass es schlimmer nicht hätte kommen können. Und dass es anders nicht hätte kommen können. Die Enden von Kings Romanen hinterlassen bei mir immer den Eindruck, das einzig mögliche – und möglichst grausame – Ende gewesen zu sein. Und das ist für mich der Qualitätsbeweis. Dafür quäle ich mich gerne mit langgezogenen, gut gemachten Expositionen.

Friedhof der Kuscheltiere – um hier auch mal etwas spezifisch zu werden – erzählt die Geschichte der Familie Creed. Louis Creed, ein typischer, amerikanischer Familienvater aus dem King-Baukasten (nicht auf dem Level von Jack Torrance, aber schon destruktiv und von sich selbst und überhaupt eingeschränkt in seinen Handlungsmöglichkeiten), nimmt eine Stelle als leitender Arzt am Universitätsklinikum in Maine an und zieht mit seiner Familie, bestehend aus Ehefrau, Tochter, kleinem Sohn und dem  Kater namens Winston Churchill, ins beschauliche Ludlow. Das Haus ist bildschön, die Garten unüberschaubar groß, die Nachbarn freundlich – doch leider führt eine Schnellstraße direkt an dem Grundstück vorbei, die tagsüber wie nachts von schweren Lastwagen befahren wird. Bereits bei ihrer Ankunft warnt der Nachbar von gegenüber, dass die Creeds gut auf ihren Kater aufpassen müssen und ihn besser kastrieren lassen, weil herumstromernde, neugierige Haustiere in der Gegend keine besonders hohe Lebenserwartung haben… aus diesem Grund gibt es, quasi auf dem Grundstück der Creeds, einen Friedhof, auf dem die Kinder der Stadt ihre pelzigen Lieblinge seit Jahrzehnten begraben.

Es kommt dann alles, wie es kommen muss. Kein Unglück wird ausgespart. Kein Potenzial wird verschenkt. Die menschlichen Abgründe nahezu aller Figuren werden ausführlich beleuchtet und man kann keinem vorwerfen, sich ohne Grund irrational und dumm zu verhalten. Das hebt den Roman von zahlreichen Genrefilmen ab – und rechtfertigt auch irgendwie die Dicke des Buches.

Mein neuer Favorit von King wird Friedhof der Kuscheltiere wahrscheinlich eher nicht, dafür ist die Konkurrenz zu stark und meine Kenntnis des Gesamtwerks des Mannes dann doch zu begrenzt. Aber da ich den guten Mister King aller Wahrscheinlichkeit nach um (hoffentlich!) ein paar Jahrzehnte überleben werde, kann ich eventuell eines Tages behaupten, alles von ihm gelesen zu haben und eine weise Entscheidung darüber treffen, welches Buch von ihm mein Lieblingsbuch ist. Und bis dahin kann ich einfach die Stunden genießen, in denen ich beim Lesen meine Fingernägel abkaue.

Zum Foto: Ja, das ist unsere alte Katze… und nein, sie ist auf dem Bild nicht schrecklich unfreundlich getroffen. Das Foto hat ihren Charakter schon ganz gut für die Ewigkeit festgehalten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s