Der Mensch erscheint im Holozän

„Der Mensch erscheint im Holozän“ von Max Frisch (1979)

„Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen.“

Max Frisch

Angesichts des Klimawandels und anderen tagesaktuellen Krisen sticht dieser eine Satz aus Der Mensch erscheint im Holozän regelrecht hervor. Die Diskussion, ob wir uns nicht bereits im Anthropozän und nicht mehr im Holozän befinden, weil der Mensch die Welt so stark geprägt hat, dass man von einem geochronologischen Erdzeitalter des Menschen sprechen könnte, gehört eher dem Jahr 2020 als dem Jahr 1979 an, aber gerade deshalb ist der Roman von Max Frisch hochspannend – und seiner Zeit voraus.

Es wird die kurze Geschichte von Herrn Geiser erzählt. Herr Geiser lebt in Tessin, im Gebirge, und stellt während einer „Regenzeit“ fest, dass man nicht den ganzen Tag lesen kann. Er will sein Wissen sammeln, schreibt wichtige Informationen aus seinen Lexika heraus und heftet sie an die Wand, um sie immer sehen zu können. Er leidet unter seinem zunehmend schlechter werdenden Gedächtnis.

Die Tage im Leben eines alten Mannes, der dem Wissen nachjagt, es festhalten will und dabei beobachtet, ob es zu einem Rutsch des Berges kommt, der seinen Lebensraum vernichtet, ist detailverliebt niedergeschrieben. Die Zettel mit dem Wissen, das Herr Geiser für besonders wichtig erachtet, sind auch für den Leser abgedruckt, sodass man das Gefühl hat, den Raum mit den gesammelten Zetteln sehen zu können. Erst nach der Lektüre ist mir klar geworden, dass Herr Geiser fast bis zum Schluss nicht mit anderen Personen interagiert. Es ist ein Ein-Mann-Roman, Herr Geiser ist ein Solokünstler, der auch den Leser in seiner subjektiven Gedankenwelt gefangen hält.

Wer sich eine hochspannende Handlungskurve verspricht oder ein emotionales Drama erleben möchte, der ist bei Der Mensch erscheint im Holozän definitiv nicht an der richtigen Adresse. Der Roman ist ruhig, ein bisschen verschroben und auf seine Art dennoch ungeheuer simpel, ohne dabei etwas von seinem philosophischen Charme zu verlieren. Ich habe bei Weitem nicht genug Texte von Max Frisch gelesen, um zu sagen, ob dieser Roman typisch oder untypisch für Frisch ist, aber ich habe nicht das Gefühl, meine Zeit verschwendet zu haben.

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