Queen July

„Queen July“ von Philipp Stadelmaier (2019)

Die Rückseite des Romans behauptet, es sei „ein Buch wie ein französischer Film – anspruchsvoll, frivol, politisch, atemlos und leicht“ und das trifft es ziemlich genau. Da hat jemand seinen Job – ein ganzes  Buch in nur einen Satz packen – ziemlich gut gemacht. Ich sage trotzdem noch ein bisschen mehr, damit das hier eine anständige Rezension wird.

Queen July ist Architektin, sie baut normalerweise Brücken in Portugal, aber ihren Urlaub verbringt sie zuhause in Paris. Sie thront in ihrer Badewanne, trinkt Wein, lässt immer mal wieder kaltes Wasser nachlaufen und hört sich die elend quälende Liebesgeschichte ihrer Untermieterin Aziza an. Gemessen an dem Titel des Buches sollte man meinen, dass July die Hauptperson ist und irgendwo ist sie das, aber Aziza ist diejenige, die meistens erzählt. Der Leser hört ihr zu und findet sich in Julys Rolle der Zuhörerin wieder. Manchmal streut July aber auch eine Anekdote ein und dann ist der Leser wieder für sich alleine der Beobachter des Geschehens. Alleine dieses Prinzip des abwechselnden Zuhörens und Erzählens ist ziemlich spannend.

Mini-Spoiler: Das Buch hat auch gar nicht den Anspruch, alles fertig zu erzählen, sondern hört manchmal ganz selbstzufrieden an Stellen auf, an denen es eigentlich doch erst spannend werden sollte. Mit diesem leichtfertigen Abbruch von Geschichten in einer Geschichte muss man umgehen können, sonst … ich behaupte mal vorsichtig, dass es dann ein etwas frustrierendes Lese-Erlebnis sein wird.

Die Haupthandlung (an der Anzahl der Seiten und Wörter, die darauf verwendet werden, als solche definiert) ist die Liebesgeschichte zwischen Aziza und Anselm Strehler. In ihrem letzten Schuljahr waren Aziza und Anselm ein paar Monate zusammen. Als Aziza zwei Tage mit ihrer Schwester nach London fährt und dann wiederkommt, will Anselm nicht mehr, es ist ihm alles zu viel, zu eng, ja einen richtigen Grund gibt es nicht, aber er will nicht mehr mit ihr zusammen sein. Dieses Abserviert-Werden ohne richtigen Grund, quasi aus dem Nichts, jagt Aziza. Anselm Strehler folgt ihr wie ein Schatten (ein Phantom, so sagt sie selbst) durch ihr halbes Erwachsenenleben, die Ungewissheit hindert sie daran, ernsthafte Beziehungen einzugehen oder ihn wenigstens zu vergessen. Diese Umtriebigkeit und Ruhelosigkeit sorgen dafür, dass sie sich in Dschibuti befindet, als sie nach rund 15 Jahren der Funkstille auf einmal eine Nachricht von Strehler erreicht. Über Facebook. Die Wiederaufnahme des Kontakts, scheinbar auch mal wieder so ganz ohne Grund, führen zu einer Vielzahl von Spekulationen auf Azizas Seite. Als schließlich das große Wiedersehen bevorsteht, weiß der Leser genauso wenig wie Aziza oder July, was er oder sie von diesem Strehler-Typen halten soll. Ist das nun ein bemitleidenswertes, psychisches Wrack? Ein gewissenloser Herzensbrecher? Eine Flachzange oder ein ganz ganz toller Typ? Man kann es nicht sagen, Azizas subjektives Erzählen ist viel zu perfekt, um die Figur Anselm Strehler zu erfassen, ehe man ihn auch zu fassen kriegen soll.

Queen July ist ein Roman, der auf eine ganz komische Art und Weise an die Nieren geht. Zwischendrin will man Aziza schütteln, weil sie sich so offensichtlich in einer unbedeutenden Jugendliebe verrannt hat, dann will man sie anfeuern, damit sie sich ihren Gefühlen voll und ganz stellt und dann erkennt man sich zwischendurch selbst wieder, weil vermutlich niemand immer nur mutig und vernünftig ist. Und dann ist da auch noch July, die immer mal wieder eine gute oder auch eine richtig blöde Zwischenfragen stellt, für nervige oder wünschenswerte Unterbrechungen der Strehler-Elegie sorgt… und die trotzdem eher mittendrin als nur dabei ist.

Es ist ganz schwer zu sagen, warum mich dieses Buch begeistert hat. Der Sprachstil war mir abwechselnd zu schwülstig und zu roh – aber vielleicht war das gar nicht der Stil des Buchs, sondern nur eine Laune von Aziza? Alles sehr schwer einzuschätzen. Das Buch ist nicht besonders dick und dieser Vergleich mit dem französischen Film, der trifft den Nagel auf den Kopf. Die Geschichte kommt mit ihrer Ausgangssituation so ganz schlicht und einfach daher, dann wird es kompliziert und emotional, dann sind alle wieder ganz lakonisch und leichtfertig und am Ende gibt es einen Wendepunkt, den man hätte fühlen müssen. Weil man an dem ganzen Roman fühlen kann.

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