Der verlorene Sohn

„Der verlorene Sohn“ von Helme Heine und Gisela von Radowitz (2010)

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich „Der verlorene Sohn“ von der ersten Seite an gepackt hätte, aber nach knapp einem Drittel hat das Buch dann doch Fahrt aufgenommen und ich denke, es hat sich eine ordentliche Rezension verdient. Bei diesem Roman handelt es sich um einen Zufallskauf, von dem ich ungefähr zwei Wochen dachte, dass ich das Geld doch lieber nicht ausgegeben hätte. Der Grund für meine fehlende Begeisterung ist der Protagonist, der 2010 vielleicht noch irgendwie originell gewesen ist, aber zehn Jahre später wie das überzeichnete Klischee eines ratlosen Abiturienten rüberkommt. (Eine männliche Australien-Lisa, falls das irgendwem ein Stichwort ist.)

Thomas hat sein Abitur gemacht und weiß nicht, was er mit seinem Leben anfangen will. Die ganze Welt steht ihm offen – und doch irgendwie nicht. Seine Eltern wünschen sich eine sichere Laufbahn, ein Studium und eine Karriere als Beamter wären schön. Bei dem weiblichen Geschlecht kommt Thomas aufgrund seiner Schüchternheit nicht besonders gut an, doch bei seinem Abiball wird er von seinem Langzeitschwarm mit in ein Hotelzimmer genommen und dort entjungfert. Am nächsten Morgen ist das Mädchen verschwunden und Thomas weiß nicht, was er will. So gar nicht. In seine Abizeitung hat er aufgrund fehlender Träume und Visionen nur ein Wort an die für große Pläne vorgesehene Stelle eintragen lassen: Neuseeland. Weil seine Eltern vor zwanzig Jahren mal ein Paar aus Neuseeland in München getroffen haben und man sich beim sommerlichen Schwatzen im Biergarten so gut verstanden hat, dass man Adressen austauschte. Weil man ja immer mal ans andere Ende der Welt reisen wollte. Dieses einzelne Wort ist es übrigens auch gewesen, das Thomas Schwarm auf ihn aufmerksam gemacht hat. Weil Neuseeland, das ist ja ganz spannend. Das ist ja so ungewöhnlich und mysteriös, dass da irgendjemand hin will. An dieser Stelle ist nun die Anmerkung nötig, dass das Buch in den 80er oder 90er-Jahren spielt. Instagram, Facebook und die „Herr der Ringe“-Filme gehören der Zukunft an, Neuseeland ist also noch keine so ganz bekannte Ecke.

Dieser Ort, die Leute, die seine Eltern damals kennengelernt haben, scheinen also das Schicksal von Thomas zu sein. Sobald er dort ankommt, wird das Buch auch merklich interessanter, denn mit den alten Bekannten seiner Eltern scheint etwas ganz massiv nicht zu stimmen. Nach und nach erfährt Thomas, der vor Ort von allen nur Tom genannt wird, dass die Familie Robinson einen Sohn in seinem Alter hat, dem etwas zugestoßen ist. Die Entblätterung der Geschichte des gleichaltrigen Edward ist das Herzstück des Buches.

Der Roman bekommt eine phantastische Komponente, als Thomas und der Leser erfahren, dass er und der Sohn der Robinsons einander zum Verwechseln ähneln. Das Doppelgänger-Motiv wird hier in eine dramatische, aber nicht überzogene Familientragödie eingebunden, die Komplexität von Eltern-Kind-Beziehungen wird sehr schön dargestellt und der Mythos vom freien, „exotischen“ Neuseeland wird heftig angegangen. Denn nicht nur in Deutschland, mit den Beamtenträumen der eigenen Eltern im Nacken, ist Thomas ein Gefangener. Wie frei ein Mensch sein kann und wie viel Freiheit ein Mensch braucht, das ist eine ziemlich zeitlose Frage, auf die der Roman natürlich nicht die Antwort liefern kann. Doch die Konflikte und Themen, denen der Protagonist hier ausgesetzt wird, die Entscheidungen und Urteile, die ihm abverlangt werden, lassen beim Leser das dringende Gefühl zurück, darüber reden zu wollen. Und was kann man Besseres über einen Buch sagen als dass nach dem Lesen akuter Rede- und Diskussionsbedarf besteht?

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