Amour Fou

„Amour Fou“ von Arnon Grünberg (2000)

Es gibt sie immer wieder: Diese Autoren, die preisgekrönt, hyperproduktiv und von den Kritikern geliebt sind – und die man trotzdem einfach nicht kennt. Arnon Grünberg ist für mich so ein Autor und ich frage mich mal wieder, was mit mir nicht stimmt und warum es ein geschenktes Buch braucht, um auf diesen schreibenden Menschen aufmerksam zu werden. (Aber besser spät als gar nicht, oder?) „Amour Fou“ ist ein Roman, an den ich ohne allzu viele Erwartungen herangetreten bin – und eventuell hat er deshalb so heftig reingehauen.

Das Thema des Buches ist – offensichtlich – Amour Fou. Verrückte Liebe. Das Verrückt-Werden vor Liebe. Aber eigentlich ist es sogar ein bisschen mehr: Es geht um Liebe und es geht um Verrückte und um Wut, aber dabei ist das alles ganz undramatisch erzählt. Und die Art wie erzählt wird ist das eigentlich Highlight, auch wenn die Handlung Spaß macht.

Die Geschichte seiner Kahlheit, die möchte Marek van der Jagt dem Leser präsentieren. Marek ist ein Student der Philosophie, hauptberuflich Nachhilfelehrer und Sohn. Seine Mutter ist eine schillernde, schwierige Persönlichkeit, die ganz Wien um den Finger gewickelt hat und auch nach ihrem Tod eine zentrale Rolle in Mareks Leben spielt. Mareks Vater ist ein großer Schweiger, der sich neu verheiratet hat und ganz offensichtlich auf anstrengende Frauen steht, die sehr viel Aufmerksamkeit benötigen. (Und sehr viel Geld haben.) In einer solchen Familienkonstellation würde man Marek zwei Brüder wünschen, die Verbündete sind, aber Daniel und Pavel sind… einfach nur da. Die drei Brüder stehen in einem unterschwellig rivalisierenden Verhältnis zueinander, aber eigentlich ist ihre geschwisterliche Beziehung dadurch gekennzeichnet, dass es kaum eine Beziehung gibt. Marek ist von jedem einzelnen Mitglied seiner Familie isoliert, man lebt aneinander vorbei, man redet aneinander vorbei – und man tut sich nicht so richtig weh, auch wenn man mitunter grausam miteinander umgeht.

Doch Mareks klar geordnete und gleichzeitig chaotische Familienverhältnisse sind gar nicht sein größtes Problem, so einfach ist es dann doch nicht. Marek ist auf der Suche nach der Amour Fou, die er für den Sinn des menschlichen Lebens hält, für seine Bestimmung. Dabei begegnet er zwei Mädchen aus Luxemburg, die leicht entflammbar sind, aber sich für Marek doch nicht so richtig begeistern können. Man isst Pekingente zusammen. Man schreibt sich eine Postkarte. Und das war’s. Doch Marek gibt nicht auf, er lässt sich von Fräulein Oertel, die fünfzehn Jahre älter ist, an der Abendschule unterrichtet und noch bei ihrer Mutter lebt, mit nach Hause nehmen. Und so weiter und so fort.

Ein junger Mann auf der Suche nach der Amour Fou, Mutterkomplexe, explizit ausgeschriebenes sexuelles Versagen, das Kreisen um die Frage nach echter, funktionaler Männlichkeit – will man das 2020 überhaupt noch lesen? Ist das nicht eigentlich out? Das kann schon sein, aber Grünbergs Art von Mareks Leiden zu erzählen ist hochkomisch und wunderbar leichtfertig, obwohl er seinen Protagonisten durchaus ernst nimmt. Ernst genug, um die Geschichte seiner Kahlheit zunächst unter dem Pseudonym Marek van der Jagt zu veröffentlichen.

Für mich ist „Amour Fou“ eine Geschichte gewesen, die aus vielen einzelnen, absolut zitierfähigen Sätzen besteht und von einer kolossalen Hauptfigur zusammengehalten wird, an die ich mich hoffentlich auch in ein paar Jahren noch erinnern werde, wenn ich das Ende des Romans vergessen habe und das Buch zum zweiten Lesen aus dem Regal ziehe.

2 Kommentare zu „Amour Fou

  1. Uffff, das klingt so gut, I need it!!! To be honest, you had me at „Student der Philosophie“, denn in meinem Herzen und hobbymäßig bin auch ich Student*in der Philosophie. Auch ansonsten klingt das genau nach meinem Ding (unglückliche Familien! seltsame Beziehungen!) und es wandert auf jeden Fall in meinen Prioritäten ganz nach oben. 🙂

    P.S. Ich bin Rosa (jubilee line).

    Gefällt 1 Person

    1. Hey! 🙂 Das Stichwort „Student der Philosophie“ hat mich auch mehr als neugierig gemacht, sodass das Buch nicht erstmal irgendwo abgelegt, sondern direkt gelesen wurde 🙂 (Und danke für die Zuordnung!)

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