Kurzgeschichte: Zehn-Euro-Stunden

Zehn-Euro-Stunden

Jonas hat letzte Woche seinen achtzehnten Geburtstag gefeiert und will nächsten Sommer sein Abi in der Tasche haben. Er ist fünf Jahre jünger als ich und wir kennen uns schon, seit er in die neunte Klasse gekommen ist und seine Mutter entschieden hat, dass er in Deutsch ein bisschen Hilfe gebrauchen kann.

Diese „Hilfe“ wird mit einem Zehn-Euro-Schein für je eine Stunde meiner Zeit vergütet. Seitdem er in die Oberstufe gekommen ist, hat Jonas meine Handynummer, damit er mir auch seine Hausaufgaben schicken kann oder Texte, die er außerhalb der Zehn-Euro-Stunden geschrieben hat, um sich auf die nächste Klausur vorzubereiten. Um ehrlich zu sein, macht er nicht besonders oft Gebrauch von dieser Möglichkeit der ständigen, digitalen Erreichbarkeit. Sein Leben besteht aus Klausurphasen und ich weiß dank kleinen Einblicken in den Familienkalender, den seine Mutter führt, ungefähr wann ich mit satzzeichenlosen Textnachrichten rechnen darf.

Heute sitze ich wieder im Esszimmer von Jonas Familie. Es ist die erste Nachhilfestunde nach den Sommerferien und Jonas ist noch nicht so richtig nervös. Die Klausur ist erst in vier Wochen und er will sich noch nicht so ganz eingestehen, dass die Ferien vorbei sind. Ich kann das nachvollziehen. Ich an seiner Stelle würde mich auch nicht sehen wollen. Ich würde mir vermutlich nicht so höflich die Hand schütteln. Das erste Thema des Halbjahres sind Gedichte, Jonas Lehrerin ist wohl auch noch in Sommerlaune – oder sie hat vergessen, dass ihre Zwölftklässler anders als sie selbst keine sechs Wochen damit verbracht haben, Kreuzworträtsel zu lösen, Neuerscheinungen zu lesen, die das ganze Jahr über in der Originalverpackung auf dem Nachttisch liegen geblieben sind und die Lieblingsbücher im Regal neu zu arrangieren.

Auf Jonas T-Shirt ist ein kleines, grünes Krokodil, auf seiner Hose ist der Nike-Haken über seinem rechten Knie gesetzt. Ich lasse einen von Jonas Bleistiften, die ich mir für meine halbherzigen Korrekturen ausleihe (weil man mit Kugelschreiber seine Schrift nicht von meiner unterschieden kann und ich mich weigere seinen roten Filzstift zu benutzen, obwohl ich ja gerade für 60 Minuten seine Lehrerin bin), vom Tisch rollen und bücke mich. Adidas-Schlappen. Check. Kein roter Faden im Marken-System.

Wir lesen ein Frühlingsgedicht, obwohl es gerade Herbst wird. Ich lasse Jonas laut lesen, auch wenn ihm das peinlich ist, damit ich merke, welche Wörter er nicht kennt. Lyrik ist nicht seine starke Seite, das ist nichts Neues. Joseph von Eichendorff sagt ihm nicht besonders zu und ich kann ihm das nicht verübeln. Im letzten Schuljahr hat sein Kurs über den deutschen Expressionismus gesprochen, das hat im direkten Vergleich doch mehr gefetzt. Aber Eichendorff und seine Frische Fahrt könnten halten, was sie versprechen, wenn Jonas eine etwas weniger monotone Vorlesestimme hätte. Modulation ist ihm ein Fremdwort, aber es ist nicht mein Job, ihm zu sagen, dass man im Leben nicht weit kommt, wenn man nicht ab und an die Stimme hebt und senkt. Außerdem wäre es wohl irgendwie beleidigend zu sagen, dass ich ihm nicht zuhören würde, wenn es keinen Zehn-Euro-Schein dafür gäbe – und irgendwie macht es mir ja doch Spaß, mir diese kleine Tragödie anzusehen, die sich hier direkt vor meinen Augen abspielt.

„Also, laue Luft kommt blau geflossen – was sagt dir das? Was ist blaue Luft?“ Jonas legt seine Stirn in Falten und beißt auf seinen Kugelschreiber. Wahrscheinlich hat er irgendwann mal gehört, dass man so zerstreut und konzentriert wirkt.

„Kalt? Winter? Aber da steht Frühling. Ich glaube, der wünscht sich Frühling, weil gerade der Winter kommt.“

Das ist ein ganz netter Ansatz und ich schlucke die Bemerkung herunter, dass seit Mörike der Frühling und seine blauen Bänder ein Ding sind. Blau ist eine kalte Farbe. Blau bedeutet Winter. Das ist absolut logisch und ich weiß, dass ich ihn nur deprimieren würde, wenn ich ihm jetzt gleich stecken würde, dass Logik ihn bei Gedichten nicht unbedingt weiterbringt. Deswegen machen wir weiter. Bis es so bodenlos wird, dass auch Jonas schwant, dass das hier kein Gedicht über den Winter sein kann.

Nach 56 Minuten sind wir beide erschöpft und Jonas entscheidet, dass er das Gedicht morgen fertig analysiert und mir das Ergebnis dann per WhatsApp schickt. Beim nächsten Mal können wir ja auch nochmal drüber reden. Ich bin damit einverstanden, denn die Aussicht, Jonas jetzt noch eine Stunde beim Niederschreiben seiner spontanen Gedanken zuzusehen, nur um einen zweiten Zehner abzustauben, ist unerträglich. So was machen wir nicht mehr, seitdem ich seiner Mutter schonungslos eröffnet habe, dass es nicht so furchtbar effektiv ist, ihrem Kind beim Schreiben zuzusehen.

Als ich im SUV von Jonas Mutter sitze und wir auf halber Strecke zu mir sind, fällt mir siedend heiß ein, dass ich Jonas gar nicht nach meinen Büchern gefragt habe. Über die Sommerferien leihe ich ihm traditionell immer zwei oder drei Romane aus meinem Fundus aus. Jugendbücher; Bücher, die ich für halbwegs cool und altersgerecht halte; wirklich coole Bücher zu Themen, die einen mit 18 nicht zwingend kalt lassen müssen. Jonas Mutter erzählt mir gerade, dass er im nächsten Herbst ja schon gerne studieren würde, aber noch nicht ganz sicher ist und überhaupt ja immer noch nicht wirklich weiß, was er machen will, obwohl es langsam doch wirklich knapp wird. In Naturwissenschaften ist er ja so gut, auch wenn der Bio-Leistungskurs ihm viel schwerer fällt als sie dachte, aber vielleicht könnte er ja später trotzdem bei Bayer arbeiten? Oder wenigstens mal ein Praktikum da machen, aber wann soll er dafür Zeit finden? Er hat ja Training und Fußball soll er ja auch nicht aufgeben, Jungs brauchen ja einen Ausgleich.

Ihr sorgenvoller Monolog tritt schließlich auf der Stelle und ich nutze meine Chance und frage vorsichtig, was denn eigentlich aus den Büchern geworden ist. Jonas Mutter runzelt kurz die Stirn (Bücher? Was für Bücher? In meinem Haus?) und nickt dann.

„Ja, die sind in Jonas Zimmer. Er soll morgen sowieso sein Zimmer aufräumen, dann sammele ich sie ein und beim nächsten Mal kannst du sie mitnehmen.“

„Ach, er kann sie auch noch ein bisschen behalten, wenn er bisher keine Zeit hatte.“ Keine Zeit. Er hatte Sommerferien. Seine Mutter seufzt und es klingt beinahe ein wenig genervt.

„Jetzt fangen ja bald wieder die Klausuren an und im Sommer … er soll sich ja auch mal erholen und nicht an die Schule denken. Und nach den Gedichten  müssen sie ja bestimmt auch schon wieder was lesen.“

„Ja, wahrscheinlich.“ Für Jonas Mutter ist es keine Tatsache, dass lesende Kinder automatisch erfreulichere Noten in Deutsch mit nach Hause bringen, weil sie ein besseres Sprachgefühl haben, einen größeren Wortschatz und eine weniger hölzerne Grammatik. Für Jonas Mutter ist ihr Mann ja schon ein ganz großer Leser, weil er in ihrem Schlafzimmer ein Regalbrett mit seinen Ken-Follett-Romanen füllt. Nichts gegen Ken Follett, aber „Die Säulen der Erde“ machen noch keine „Leseratte“. Seit drei Jahren ärgere ich mich mittlerweile über diese Einstellung und in diesem Jahr wird alles anders. In diesem Jahr sage ich einfach mal etwas, das durchaus als Kritik an Jonas Erziehung verstanden werden darf. „Es würde aber wirklich helfen, wenn er wenigstens ein bisschen lesen würde. Hörbücher wären vielleicht ein Anfang, wenn er da mehr Lust zu hat.“ Jonas ist 18. Erwachsen. Auf einmal schäme ich mich, dass ich mir Tricks ausdenke, um einen Erwachsenen ans Lesen zu bekommen. „Oder auch nicht. Ist ja nur noch ein Jahr. Das schafft er auch so und danach wird er ja sicher nichts mit Deutsch machen.“

„Also … ich hätte ja auch nichts dagegen, wenn er mehr lesen würde und wir sind früher mit ihm ja auch manchmal zur Buchhandlung gefahren, aber Bücher sind schon teuer. Und wenn er sie am Ende doch nicht liest, dann nehmen sie nur Platz weg. Du weißt ja, mein Mann hat seine historischen Schinken, die stapeln sich auch bei uns, obwohl er sie ja doch nur einmal liest … aber in die Stadtbücherei geht Jonas auch nicht. Da fährt ja auch kein Bus hin und mit dem Fahrrad ist das lästig, wenn er dann doch etwas findet. Es ist eben alles ein bisschen umständlich. Du kennst das ja. Hier ist ja sicher auch keine Buchhandlung in der Nähe und du musst deine Sachen in Köln kaufen.“

Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen, als Jonas Mutter den Motor abstellt und in Richtung unseres Hauses sieht, das am Ende einer dörflichen Sackgasse liegt und an einen Wald grenzt. Ja, das hier sieht vielleicht wirklich ein bisschen nach dem Ende der Welt aus. Aber darüber muss sie sich nicht so freuen, daraus muss sie kein Argument machen, um ihren eigenen Widerwillen gegen bedruckte Bäume auszudrücken. „Zwanzig Gehminuten. Zu Stadtbücherei und Buchhandlung. Sie liegen sogar fast direkt nebeneinander. Und Bücher kann man ja auch gebraucht im Internet kaufen. Dann kommen sie sogar mit der Post direkt nach Hause.“

Ich gehe gerade ein bisschen zu weit und ich reiße mich zusammen. Ich sage nicht, dass man für zehn Euro ein Buch ewig und drei Tage lang behalten kann, während man mich nach einer Stunde wieder nach Hause fahren muss. Das kann man ja auch nicht miteinander vergleichen. Ich ringe mir ein Lächeln ab, bedanke mich für den Rücktransport und sage Jonas Mutter, dass Jonas sich bei mir wegen der nächsten Stunde melden soll. Das wird er nicht, aber sie wird ihn beim Abendessen solange daran erinnern, dass er Nachhilfe braucht, bis er es doch tut und nach den Herbstferien, wenn die Klausurphase dann wieder im vollen Gang ist, dann bekomme ich wieder satzzeichenlose Textnachrichten und Fotos von unfertigen Analysen. Ich freue mich schon. Ja ehrlich. Ich mache das ja nicht für die Zehn-Euro-Scheine, sondern weil ich daran glaube, dass Jonas irgendwann doch noch die Idee kommt, dass der Frühling eine blaue Sache ist.

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