The Sick Bag Song

„The Sick Bag Song“ von Nick Cave (2015)

Wenn es um Musik geht, dann neige ich nicht wirklich dazu, fanatisch zu sein und exzessiv und exklusiv für einzelne Musiker zu schwärmen, aber wenn es einen Künstler gibt, der ein gewisses Maß an „Fangirling“ bei mir hervorruft, dann ist das definitiv Nick Cave.

Mit der Band „Nick Cave & The Bad Seeds“ hat Nick Cave in den letzten vier Jahrzehnten mehrere Studioalben veröffentlicht, er hat bei Soundtracks mitgewirkt, Filme gedreht und komponiert – und er hat Bücher geschrieben. Diese Bücher stehen bei mir seit Jahren auf diesen ehrgeizigen, potenziell lebenslänglich fortgeführten Will-Lesen-Listen und an Weihnachten ist endlich der Stein ins Rollen gekommen. Ich habe „The Sick Bag Song“ in einem meiner Lieblingsbuchläden entdeckt und sofort gekauft. Als Weihnachtsgeschenk für meinen Vater. Und für mich. Eine Anschaffung für die ganze Familie, so soll es sein.

Während „The Sick Bag Song“ eher in die Sparte autobiographisch-poetisch fällt, sind „And The Ass Saw The Angel“ und „The Death of Bunny Munro“ eher klassische Romane. (Die ich auch bald, sehr bald, lesen werde, denn ich habe keine halben Sachen gemacht und alle drei Bücher unter dem Weihnachtsbaum deponiert.)

Das Buch ist während einer Tournee der Bad Seeds durch Nordamerika entstanden. In Bussen, Flugzeugen, Hotels. In Bewegung Auf Spucktüten. Deswegen auch der Titel. Simpel und einleuchtend, oder? For Motion Discomfort.

Eine richtige Handlung gibt es nicht, es gibt vielmehr einige Motive, quasi rote Fäden, die sich durch das gesamte Buch ziehen, das vielleicht richtigerweise als episches Lang-Gedicht oder Ballade bezeichnet werden müsste. Es liest sich ein wenig wie das Booklet eines Albums, aber doch anders. In der zweisprachigen Ausgabe sind zuerst die von Nick Cave bemalten, betexteten, bekritzelten und doch niemals im klassischen Sinne „benutzten“ Spucktüten in Farbe abgedruckt, dann folgt Stadt für Stadt, Tüte für Tüte die deutsche Übersetzung des Textes, der daraus entstanden ist. Die zweite Hälfte des Buches präsentiert dann ganz schlicht noch einmal die englischen Originalfassungen des gedruckten Textes. Ein multimediales Erlebnis, das dringend nötig ist, denn eine reine Übersetzung zu lesen, wäre irgendwie unbefriedigend gewesen. Obwohl es eine sehr gelungene Übersetzung ist, sehnt man sich als Kenner der Lyrics von Nick Cave nach dem originalen Wortlaut. Man kann sogar so weit gehen und sagen, es kommt auf jedes einzelne Wort an.

Eine Liste von wiederkehrenden Motiven:

Der Junge auf der Brücke, der sein Ohr an die Gleise legt, um den Zug zu hören.

Das Mädchen in dem kurzen Rock (Ahornblätter, stars and stripes, je nachdem), das fliegen und nicht fallen will. Auch auf der Brücke.

Brücken.

Die Frau, die nicht ans Telefon geht. Ring. Ring. Ring.

Die ausgefransten Fäden in den Ärmeln der Jacke.

Der Mann auf der Bühne, der ein Gott ist, der Nichts ist.

Memory is just another form of possession.

Essen.

Listen.

Bryan Ferry, Leonard Cohen, Bob Dylan, John Berryman.

That the world may know that I died of love.

Vampirismus, keine Vampire.

Wem das jetzt zu kontextfrei und unzusammenhängend war, der möge seine Hände von dem „Sick Bag Song“ lassen. Das Buch gefällt wahrscheinlich dann, wenn man die Musik von Nick Cave mag. Es ist einfach ein Teil des Gesamtkunstwerks, das dieser Mann eventuell gar nicht sein will, aber irgendwie doch ist.

Ich weiß nicht so richtig, wie ich das Buch rezensieren sollte, wie ich das zusammenfassen soll, aber es war mir wichtig, etwas darüber zu schreiben und das hier ist der erste Versuch. Vielleicht fällt mir irgendwann mehr ein, aber wahrscheinlich eher nicht.

Ich mache es einfach ganz kurz: „The Sick Bag Song“ ist das erste Buch, das ich 2020 gelesen habe und ich könnte darüber gar nicht glücklicher sein.

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