Serientäter

Serien sind eigentlich eine sehr dankbare Sache, denn man hat deutlich mehr Zeit als bei einem Film, um sich auf die Figuren und die Handlung einzulassen. Nach einigen Staffeln hat man manchmal sogar das Gefühl, man kehrt zu alten Freunden zurück. Obwohl ich Filme wirklich mag, finde ich das Konzept von Serien manchmal fast noch ein bisschen besser, weil ich mich gerne an Charaktere gewöhne und liebevoll auserzählte Geschichten mag. (Und Running Gags.) Trotzdem gab es in den letzten Jahren mehr als nur eine Serie, die ich als anstrengend empfunden habe … und mittlerweile bin ich mir sicher, dass das auch irgendwie an meiner Schwäche für Gesichter liegt.

Ich habe bereits erwähnt, dass bei vielen Faceblindness-Selbsttests, die man im Internet finden kann, auch die Frage danach kommt, ob man manchmal Schwierigkeiten hat, einer Serie oder einem Film zu folgen. Ob man es herausfordernd findet, den Überblick über die einzelnen Figuren zu behalten und die Charaktere in allen Szenen unmittelbar erkennen kann. Heute möchte ich mich einer Reihe von Serien widmen, die ich eigentlich gerne angesehen habe und die mir trotzdem immer wie „schwere Kost“ erschienen sind.

  1. Borgia. Diese Serie widmet sich der Familie Borgia, die im Europa des 15. und 16. Jahrhunderts zunehmend an Einfluss gewinnt, nachdem der Patriarch Rodrigo Borgia den Heiligen Stuhl als Papst Alexander VI. besetzt. Borgia ist eine historische Serie, die nicht an aufwendigen Kostümen und Massenszenen spart. Es gibt deutlich mehr männliche als weibliche Figuren – und spätestens dann, wenn in einer Szene alle Kardinäle versammelt werden, sehe ich nur noch ein Dutzend alter Männer in roten Roben, deren Namen ich zwar theoretisch kenne, aber deren Gesichter ich praktisch und im Ernstfall nicht wirklich auseinanderhalten kann. Die Serie lebt von ihren Intrigen, die nicht minutiös und idiotensicher erklärt werden, sodass man als Zuschauer ab und an mit erzählerischen Lücken alleine gelassen wird, die man spielend leicht füllen kann, insofern man in der Lage ist, die Charaktere auch in einer Szene, in der man eventuell nicht mit ihnen gerechnet hat, zu erkennen. Ich habe alle drei Staffeln von Borgia gesehen und meiner Schwäche für „Kostümschinken“ wurde kein Dämpfer versetzt, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass ich mehr hätte „sehen“ können.
  2. Peaky Blinders. Auch die britische Produktion Peaky Blinders, die von den Mitgliedern der Familie Shelby erzählt, die sich im Birmingham der 1910er-Jahre von der gefürchtetsten Gangs der Stadt hin zu einer Familie entwickeln, deren Namen man sogar in New York City kennt, als an der Wall Street 1929 alles zusammenbricht, fällt nun wieder in die Kategorie „historischer Stoff“ und „Familiensaga“ und leichte Kost soll es ganz sicher auch nicht sein. Genau wie im Fall von Borgia ist die Besetzung überwiegend männlich – und zumindest in den ersten Staffeln sind alle Peaky Blinders annähernd identisch gekleidet: lange, staubfarbene Mäntel, Mützen mit den berüchtigten, eingenähten Rasierklingen, kurz geschorene Haare, schick-schäbige Anzüge in braun-grau-Tönen. Die Hauptfiguren Thomas und Arthur Shelby stechen hervor – Thomas durch seine markanten Augen und Wangenknochen, Arthur durch seinen Schnurrbart. Die anderen Shelby-Brüder ähneln Tommy Shelby aufs Übelste, sodass ich manchmal nur durch den Kontext oder durch die Verwendung von Vornamen sicher sein konnte, wer gerade im Bild zu sehen ist. (Zwei der Schauspieler sind tatsächlich Brüder, die Familienähnlichkeit ist also nicht umsonst so überzeugend.)
  3. Babylon Berlin. Und? Erkennt man schon ein Muster? Serien mit historischen Kostümen bereiten mir durch die Bank weg Schwierigkeiten. Bei Babylon Berlin ist es ganz ähnlich wie bei Peaky Blinders, der (männliche) Einheitslook der 20er-Jahre macht mich fertig und dem Anspruch der Serie an den Zuschauer, einige Szenen ohne viele Erklärungen und Worte, sondern durch das bloße Wiedererkennen der Charaktere und das Erinnern ihrer Geschichten, zu erschließen, kann ich nicht immer gerecht werden. Natürlich geht die Handlung nicht komplett an mir vorbei und früher oder später weiß ich dann doch, was gerade passiert und worauf ich achten muss, was die Szene bedeutsam macht, aber ich brauche länger als beispielsweise bei Sitcoms oder Serien, in denen die Hauptfiguren sich klar voneinander unterscheiden lassen. Das Ansehen der Serien wird dadurch anstrengender – und das kann ich bei Babylon Berlin nicht einmal darauf schieben, dass ich gleichzeitig die Untertitel mitlesen (die Synchronisation von Peaky Blinders ist leicht gruselig) oder mich auf italienische Nachnamen konzentrieren muss.
  4. Game of Thrones. Keine real-historische Show diesmal – aber auch wieder eine Serie, die auf mehrere, nebeneinanderherlaufende Handlungsstränge und optische Familienzusammengehörigkeit setzt. Ich bin sicher nicht die Einzige, die einige Folgen gebraucht hat, um sich in dem Universum von Game of Thrones einzufinden, aber ich bezweifle, dass der durchschnittliche Zuschauer sich so auf die Kleidungsstile und das Setting der verschiedenen Königreiche von Westeros fokussiert hat. In dieser Hinsicht sind Fantasy-Epen wie Game of Thrones – oder auch die „Herr der Ringe“-Filme – relativ dankbar, weil die verschiedenen Länder/ Völker meistens sehr deutlich voneinander abgegrenzt werden. Je weiter die Handlung sich entwickelt hat, umso leichter ist es mir auch gefallen, die Mitglieder der Familie Stark auseinanderzuhalten, die alles in allem die größte Herausforderung gewesen sind … bis irgendwann ein paar von ihnen verschieden sind. Aber Spoiler gehören nicht hierher!
  5. Elité und Baby. Sowohl die spanische als auch die italienische Netflix-Produktion arbeiten mit einem sehr jungen Cast und spielen in der Gegenwart. Die Hauptfiguren sind in beiden Serien durch äußerliche Merkmale (Kopftuch; Haarschnitt/ Haarfarbe) relativ gut zu erkennen, aber bei den Nebenfiguren wird es schon schwieriger, da (und das ist der Punkt, an dem das hier rassistisches Potenzial hat, aber so ist es natürlich gar nicht gemeint!) alle Schauspieler, die spanische/ italienische Jungen zwischen 15 und 20 Jahren verkörpern, einigermaßen gleich aussehen. Dunkle Haare, mal lockig, mal kurz geschnitten, ebenmäßige Gesichter und … Schuluniformen. In beiden Serien spielen sich nicht wenige Szenen während der Schulzeit ab, dementsprechend tragen alle Schauspieler identische Kleidung. Und das ist der Horror schlechthin, weil es dadurch deutlich schwieriger wird, Namen und Persönlichkeiten zuzuordnen, die sonst über den Stil der Figuren ausgedrückt werden. Der Gedanke von Schuluniformen ist es ja, eine Art Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und äußerliche Unterschiede weniger wichtig zu machen – und das ist auch ein sehr schöner Gedanke, aber bei dem Konsum dieser beider Serien ist mir das Konzept wirklich in die Quere gekommen.

Nun folgt noch eine kleine Aufzählung von Serien, die ich bald/eines schönen Tages sehen möchte und bei denen ich eine leise Ahnung habe, dass ich das Gucken als anstrengend empfinden werde: Mad Men, Grand Hotel, Versailles, Charité, Land Girls, The Crown, Spartacus, The Assassination of Gianni Versace. Auch hier sind wieder überwiegend historische und spanische/ italienische Serien vertreten sowie Serien, die mit einem großen Cast arbeiten und Massenszenarien nicht ausschließen.

Doch man darf sich schließlich nicht entmutigen lassen und vollkommen den amerikanischen Sitcoms, Animationsserien und grellbunten Teenie-Serien überlassen. Der Konsum von Filmen und Serien darf schließlich auch mal eine kleine Herausforderung sein und ganz bewusst geschehen.

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