Pro-sop-ag-no-sie

Keine besondere Schwäche.

Ich würde eigentlich jederzeit behaupten, dass ich ein ziemlich gutes Gedächtnis habe. Festnetztelefonnummern von Freundinnen, bei denen ich seit zehn Jahren nicht mehr angerufen habe; die Namen der Katzen von diesem Typen, mit dem ich mich vor zwei Jahren auf der Geburtstagsfeier einer Freundin drei Stunden unterhalten habe; den Titel von dem einzigen Paris-Hilton-Song, den man überhaupt kennen kann oder den Geburtstag meiner Klassenlehrerin aus der Grundschule. All diese Dinge, ob Wörter oder Zahlen, sind bei mir abrufbar, einige sogar im Halbschlaf – aber ich habe irgendwann gemerkt, dass es eine Sache auf der Welt gibt, die ich mir überhaupt nicht merken kann: Gesichter.

Wenn ich bei einigen Serien länger gebraucht habe, um die Charaktere auseinanderhalten zu können, dann habe ich mir nichts dabei gedacht, sie sahen schließlich alle ein bisschen gleich aus. Oder da gab es diese eine Freundin aus der Uni, die gerne unterschiedliche Frisuren und Haarfarben ausprobiert und mehr als eine Winterjacke hat und die mich dreimal innerhalb eines Semesters leicht vorwurfsvoll und auch ein bisschen ratlos fragt, warum ich nicht zurückgegrüßt habe. Darüber habe ich mir keine besonders großen Gedanken gemacht, bis ich irgendwo einen Artikel zum Thema „Faceblindness“ gelesen habe. Ich glaube, es ging um irgendeinen Promi, Matthias Schweighöfer oder Brad Pitt, der außer seinen Angehörigen niemanden erkennt, kein Wunder, dachte ich im ersten Moment, wenn man jeden Tag so viele neue Leute kennenlernt.

Aber irgendwie ist das Thema immer wieder aufgekommen und meine Eltern haben immer herzlich darüber gelacht, wenn ich wieder von einem Stammgast erzählt habe, den ich nicht erkannt habe. Es hat immer dazu gehört, dass ich eben ein bisschen schlecht mit Gesichtern bin, aber irgendwann habe ich – was sollte man im Jahr 2019 auch anderes machen, wenn einen etwas beschäftigt – mich dem Internet zugewandt. Und ich bin keineswegs alleine mit Brad Pitt und Matthias Schweighöfer, etwa 2 von 100 Menschen haben Probleme damit, sich an Gesichter zu erinnern. Es gibt sogar einen weitaus weniger griffigen Namen für dieses Phänomen als Faceblindness: Prosopagnosie. Kein sehr handliches Wort, aber ein Wort, das man sich merken kann, wenn man keine Schwierigkeiten mit Fremdwörtern hat – wie geschaffen also für die betroffenen Personen.

Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass ich eine kognitive Störung haben könnte – aber im Internet klingt ja grundsätzlich alles schlimmer als es ist. Bis jetzt habe ich mich auf dem medizinischen Level nicht weiter eingelesen, warum manche Menschen sich problemlos an das Zusammenspiel von Augen, Nasen, Mündern und Wangenknochen erinnern können – und andere eben nicht. Es ist ja auch wirklich nicht tragisch, nicht zu wissen, dass die Frau an der Bushaltestelle, mit der man noch nie geredet hat, fast jeden Tag dort sitzt. Aber ein bisschen blöd kommt man sich manchmal eben doch vor. Prosopagnosie in einer so schwachen Ausprägung wie bei mir als ernsthafte Krankheit oder als richtiges Problem zu bezeichnen, fühlt sich so an, als würde man aus der sprichwörtlichen Mücke den sprichwörtlichen Elefanten machen. Es ist schließlich kein Drama, aber es ist trotzdem interessant zu lesen, dass man damit nicht allein ist. Und dass man nicht unbedingt etwas daran ändern kann.

Als ich meinen Eltern davon erzählt habe, hat sich mein Vater auch an den Artikel über Brad Pitt und den anderen deutschen Promi, den Wie-hieß-er-nochmal erinnert, während meine Mutter meinte, das könnte man doch üben. Im Internet gibt es verschiedene Tests von Universitäten, an denen „Gesichtsblindheit“ untersucht wird, und ich habe meine Eltern dazu bringen können, dieselben Tests wie ich zu machen. Das Ergebnis: meine Mutter war überraschend gut, mein Vater überraschend schlecht. Prosopagnosie ist vererblich, das habe ich wenigstens mal irgendwo gelesen, aber woran liegt es, dass meinem Vater überhaupt nicht bewusst gewesen ist, dass er sich keine Gesichter merken kann? Ich habe doch oft genug von den peinlichen Begegnungen am Bahnhof erzählt, bei denen ich einen alten Klassenkameraden nicht auf Anhieb erkannt habe, obwohl er sich nicht so besonders verändert hat. (Und immer noch dieselbe Winterjacke trägt wie vor vier Jahren.)

Vielleicht liegt es daran, dass ich im Alltag häufig in Situationen gerate, in denen ich Menschen wiedererkennen muss, während mein Vater solche Situationen vielleicht sogar unterbewusst meidet oder ganz einfach nicht mehr so viele neue Menschen kennenlernt und abspeichern muss. Ich bin mittlerweile beinahe in einem  zweistelligen Fachsemester an der Uni und ich habe in jedem Semester neue Bekanntschaften geschlossen; bei meinem Nebenjob bin ich an einer Kasse und verkaufe Kinotickets an Menschen, die ich manchmal zuletzt vor einer Woche, vor sechs Monaten oder überhaupt noch nie gesehen habe; auf dem Weg zur Uni nutze ich immer dieselben Bus- und Bahnlinien. An all diesen Orten gibt es Menschen, die ich wiedererkennen könnte. Rein theoretisch. Zwischen vielen Gesichtern, die mir tatsächlich unbekannt sind, muss ich diejenigen bemerken, die ich schon zweimal oder zweihundert Mal gesehen habe.

Wenn man im Internet Tests machen, um herauszufinden, ob man nun wirklich diese Prosopagnosie hat, kommen immer wieder dieselben Arten von Fragen. Einige davon kann ich zweifelsfrei bejahen (etwa so was wie: Konnten Sie schon einmal einem Film oder einer Serie nicht folgen, weil Sie nicht wussten, welche Figur gerade zu sehen ist? oder Haben Sie schon einmal einen Arbeitskollegen in einer ungewohnten Umgebung, zum Beispiel im Supermarkt, nicht erkannt?), bei anderen Fragen dachte ich hingegen nur, um Gottes Willen, wer kann denn so etwas nicht? Wer weiß denn bei einer Familienfeier nicht, wer wer ist? Wer erkennt sich selbst auf Fotos nicht? Und wer erkennt seine eigenen Eltern nicht? Nun muss ich aber bedenken, dass meine Familie relativ klein ist und dass Familienfeiern dementsprechend eine eher übersichtliche Angelegenheit sind. Und ich muss zugeben, dass meine Mutter eine auffällige Haarfarbe hat und ebenso zu auffälliger Kleidung neigt, während mein Vater ein (Achtung, das Wort ist gewagt, wenn es von mir kommt) sogenanntes „Dutzendgesicht“ hat. Je mehr Tests ich gemacht habe, umso deutlicher ist es geworden, dass es etliche Abstufungen von Prosopagnosie gibt – und dass es gar nicht so ungerechtfertigt ist, wenn Wikipedia von einer „Gesichtserkennungsschwäche oder Gesichtsblindheit“ spricht. Eine Schwäche, so würde ich das auch nennen, wie eine Krankheit oder eine Behinderung (darf man das Wort überhaupt so freimütig benutzen?) fühlt es sich eigentlich nicht an.

Ich habe – teils bewusst, teils nicht ganz so bewusst – verschiedene Methoden, um diese Schwäche zu kaschieren. Meine Strategien sind nicht besonders einfallsreich, auch das haben mir meine Ausflüge ins World Wide Web verraten, aber trotzdem lohnt sich eine kleine Liste:

  1. Ich achte auf Frisuren, den Kleidungsstil und bestimmte Lieblingsstücke wie Taschen, Jacken, Mützen und Schals, die immer wieder getragen werden. Diese Methode ist effektiv, wenn es sich um Menschen handelt, die ihrem Stil treu bleiben und nicht dazu neigen, ihre Haarfarben und Frisuren zu ändern wie besagte Kommilitonin von mir.
  2. Ich präge mir Fotos ein. Soziale Medien und Messenger wie beispielsweise WhatsApp sind da eine echte Hilfe. Wenn ich im Zug sitze und glaube, einen alten Mitschüler zu erkennen, dann suche ich in meinem Handy in WhatsApp oder auf Instagram nach einem Foto, um einschätzen zu können, ob ich mich vergucke oder nicht. Generell sind Fotos eine große Hilfe, denn an solche statischen Bilder kann ich mich deutlich besser erinnern als an Gesichter in Bewegung. Ich habe auch keine Probleme damit, jemanden (oder mich selbst) auf einem Bild wiederzuerkennen. Eine echte Ausnahme sind auch C-Promis, die vollkommen unerwartet in einer Trash-Show im Fernsehen oder auf irgendeiner Titelseite wieder auftauchen, da bin ich ganz groß darin, die Leute mit Namen und unnützen Informationen in Gleichklang zu bringen. (Das gibt mir ehrlich gesagt ein bisschen zu denken, es spricht nicht unbedingt für die Prioritäten, die mein Gehirn setzt.)
  3. Immer wachsam! Wenn ich in der Uni oder mit dem öffentlichen Personennahverkehr unterwegs bin, rechne ich immer damit, jemanden zu treffen. Bei der Arbeit sowieso, wenn die Kunden verdächtig freundlich zu mir sind, dann bin ich ebenfalls unfassbar freundlich. Nur für den Fall, dass wir uns irgendwann mal fünf Minuten über das Wetter oder einen Film unterhalten haben.
  4. Stimmen. Besonders bei Filmen und Serien ist es ziemlich einfach auf Stimmen zu achten, weil es anders als im echten Leben keine störenden Hintergrundgeräusche gibt. Außerdem sind die Macher einer Serie meistens (außer jemand hat die Absicht, den Zuschauer aus dramaturgischen Gründen zu verwirren) darauf bedacht, den Figuren irgendeinen Wiedererkennungswert zu verleihen. Serien wie „New Girl“ oder „How I Met Your Mother“ machen es mir einfach, indem sie bewusst auf verschiedene Typen setzen, bei „Gossip Girl“ und „The Vampire Diaries“ hatte ich so meine Startschwierigkeiten, weil alle männlichen Hauptfiguren dunkelhaarig und im selben Alter waren – und bei „Game of Thrones“ habe ich eine volle Staffel gebraucht, um die ganzen Personen mit langen, dunklen Haaren auseinander zu bekommen. Generell habe ich gemerkt, dass ich mir Frauen besser einprägen kann als Männer, was daran liegen mag, dass ich mich auf Haare konzentriere und gerade weibliche Serienfiguren oft einprägsame Haare haben.
  5. Kommunikation. Seitdem ich vor kurzem ein Praktikum gemacht habe, in dem mir bereits an Tag 1 schwante, dass ich nicht alle der Mitarbeiterinnen (es gab einen männlichen Mitarbeiter, er war also nicht Teil des „Problems“, das ich da auf mich zukommen sah) auseinanderhalten können würde, kommuniziere ich sehr deutlich, dass ich „schlecht mit Gesichtern“ bin. Trotzdem war die Mitarbeiterin, die mich am ersten Tag herumgeführt hat, ein wenig beleidigt, als ich mich ihr am nächsten Morgen erneut vorgestellt und nach ihrem Namen erkundigt habe.

Alle Ansätze, um meine Schwäche zu kompensieren, sind nur bedingt wirkungsvoll. Ich kann mich noch daran erinnern, wie viel klarer die Welt geworden ist, als ich bei dem Sehtest für meinen Führerscheintest gemerkt habe, dass ich ein bisschen kurzsichtiger bin als ich fürs Autofahren sein dürfte. Das war ein richtiger, kleiner Aha-Effekt, den ich da erlebt habe, auch wenn ich damals noch nicht meine gesamte Wahrnehmung hinterfragt habe. Vor diesem Sehtest dachte ich, alle anderen würden genauso schlecht sehen wie ich, mittlerweile weiß ich, dass die meisten Menschen, auch die, die ihre Brille vergessen haben, in gewisser Weise besser sehen als ich.

Das ist manchmal ein bisschen unangenehm, aber nichts, worüber man nicht reden könnte. Schließlich geht es wenigstens durchschnittlich 2 von 100 Personen nicht besser als mir. Die meisten meiner Freunde haben angefangen, mir entgegenzukommen. Wenn wir uns an Orten treffen, die für mich unübersichtlich sind, dann bekomme ich vorher eine kurze Textnachricht, in der steht, wie sie angezogen sind, wenn ich nicht zurückgrüße, dann wird lautstark so lange gegrüßt, bis ich reagiere – und wenn ich irgendwann mal im selben Aufzug wie Brad Pitt stehe, ist es sicher in Ordnung, wenn ich es nicht merke.

Falls jemand bis hierhin gelesen hat, dann würde mich das sehr freuen. Ich möchte diesen virtuellen Platz nutzen, um ein paar Gedanken und Geschichten zu dem Thema loszuwerden.

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