Orlando

„Orlando“ von Virginia Woolf  (1928)

Ich will gar nicht lügen: Ich hätte meinen Pretty-Little-Liars-Leserausch nicht unterbrochen, wenn ich nicht eine Liste mit Pflichtlektüre im Hinterkopf hätte, die ich nicht endlos aufschieben kann. Also habe ich den seichten Sommer-Teenie-Trash zur Seite gelegt und mich dem kompletten Gegenteil gewidmet: Orlando. Eine fiktive Autobiographie, in der Woolf ihren Protagonisten zur Protagonistin werden und durch vier Jahrhunderte spazieren lässt. Und, schon verwirrt?

Worum geht es?

Orlando ist ein schöner, junger Mann, der in seiner Jugend das sogenannte Goldene Zeitalter Englands erlebt. Unter der Herrschaft von Elizabeth der Ersten blüht die englische Literatur auf, Shakespeare ist eine ganz große Nummer und für die Adeligen ist alles wunderbar. (Ganz grobe Zusammenfassung vom Zeitgeist, das hätte man jetzt deutlich besser machen können, aber für Geschichtsunterricht bin ich hier nicht zuständig.) Nach und nach wird deutlich, dass Orlando keine gewöhnliche Hauptfigur ist, sondern sehr anpassungsfähig. Eine einzige verwischte Grenze ist der gute „Mann“. Orlando lebt und altert zunächst auch ganz gewöhnlich, doch er stirbt nicht. Aus einem Mann wird eine Frau, aus einem Duke eine Lady, aus der glorreichen Monarchie der Neuzeit wird das britische Empire, bis wir schließlich mitsamt Orlando in Woolfs Gegenwart, den 1920ern landen. Und dazwischen passiert sehr viel.

Read it or eat it?

Im Kontext mit Virginia Woolf wird ja gerne eine bestimmte, hochanstrengende Erzähltechnik, der „stream of consciousness“, genannt – und ich will es gar nicht verschweigen, das Lesen dieses Buches ist keine pure Entspannung. Die Sätze sind lang und verworren. Die Handlung ist kompakt, wenn man bedenkt, dass sie im 16. Jahrhundert einsetzt und im 20. Jahrhundert ankommt, aber auch hier muss man mit einer sehr flexiblen Haltung an das Werk herangehen, um ein bisschen Freude damit zu haben.

Weil „Orlando“ definitiv lesenswert ist, aber vielleicht nicht unbedingt die Art Buch ist, die man bei 40 Grad Außentemperatur unbedingt angehen will, folgen hier ein paar kleine Ideen, mit denen das Lesen lustiger wird:

  1. Laut lesen. Ich unterhalte mich immer gerne selber damit, dass ich fremdsprachige Romane oder Gedichte oder einfach sehr verschlungene Texte laut vorlese. In einem abwechselnd brutal deutschen Akzent oder sehr distinguiertem Englisch. (Oder wie ich mir das eben so vorstelle, wenn die Upper Class Haupt- und Nebensätze aneinanderreiht.) Es ist nicht nur herrlich bescheuert, es hilft auch dabei die Bandwurmsätze in den Griff zu kriegen – und bei Dialogen die Pointen nicht zu verpassen. (Ich habe tatsächlich mehrmals laut gelacht. Qualitätsbeweis.)
  2. Historischer Kontext. Woolf setzt ein paar Grundkenntnisse der europäischen (Literatur-)Geschichte voraus und um die Bälle, die sie wirft, sicher zu fangen und nichts ins Gesicht zu kriegen, schadet es nicht, sich vorher ein paar kleine Dokus zu historischen Stoffen zu genehmigen.
  3. Ab und zu an Orlando Bloom denken. Es kann keine Absicht sein, da Virginia Woolf ja bekanntermaßen nicht mehr im Kino sitzen konnte, als Orlando Bloom seine Blockbuster gedreht hat, aber wenigstens zu Anfang entsprechen die Beschreibungen von Orlandos Äußerem der Optik eines jungen Orlando Bloom. Sehr banaler Tipp, ich weiß.

Das war jetzt weniger eine Rezension und viel mehr eine kleine Unterweisung in meinen Lese-Strategien für Bücher, die ich schon immer mal lesen wollte … aber irgendwie auch nicht so richtig.

Wer „Orlando“ mag, der findet vielleicht auch Gefallen an:

  • „To The Lighthouse“ von Virginia Woolf. Ähnlicher Stil, aber übersichtlichere Kulisse und weniger Figuren. Eine komplexe Geschichte in einem übersichtlichen Rahmen.
  • Kurzgeschichten von Katherine Mansfield. Eine Zeitgenossin und Bekannte von Virginia Woolf. Die Themen sind ähnlich, aber der Stil ist leichtfertiger und witziger. Schöne Satiren auf die Gesellschaft der 1910er und 1920er-Jahre. (Die prominenteste der Kurzgeschichten ist vermutlich „Bliss“.)
  • Der Brocken unter den Brocken aller literarischen Brocken: „Ulysses“ von James Joyce. Ich persönlich halte davon (noch und vielleicht auch für alle Zeit) respektvollen Abstand, aber wer sich von Woolfs Bewusstseinsströmen unterfordert fühlt, der findet hier sicherlich seinen Meister.

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