Sommerlektüre

Leseliste: Sommerlektüre

Ich bin ein Ganzjahresleser und an sich finde ich es auch albern zu behaupten, dass Sommerzeit Lesezeit ist, aber ich merke ja selber, dass ich manche Bücher bevorzugt im Sommer lese – und im Dezember oder Januar nicht unbedingt aus dem Regal ziehen würde. Außerdem haben aufgrund der Sommerferien und den erhöhten Temperaturen, die einen manchmal scheinbar zum Nichtstun verdammen, viele Menschen (mein Vater ist nur mal so ein Beispiel) im Sommer irgendwie mehr Zeit zum Lesen.

Was nun folgt ist eine Auflistung von Büchern, die mehr oder weniger zum Themenfeld „Sommer“ passen – entweder weil sie im Sommer spielen, sich selbst als Sommerlektüre vermarkten oder ganz einfach deshalb, weil sie mich im Sommer besonders herausfordernd aus der Vitrine mit meinen Lieblingsbüchern anschauen.

Die „Sommer“-Trilogie von Jenny Han (2011-2012)

Band 1: Der Sommer, als ich schön wurde

Band 2: Ohne dich kein Sommer

Band 3: Der Sommer, der nur uns gehörte

Man merkt es schon an den Titeln … diese Bücher wollen nicht im Herbst, Winter oder Frühling gelesen werden! Jenny Han ist im letzten Jahr einem breiteren Publikum durch „To All The Boys I‘ve Loved Before“ – dem ersten Band einer anderen Trilogie, der von Netflix verfilmt wurde – bekannt geworden, aber bevor es Lara Jean und ihre Briefe gab, da gab es Belly und den Sommer. Der Name des zweiten Bandes ist bei mir Programm, ich lese diese Bücher ganz nostalgisch jedes Jahr und auch wenn ich mit jedem Jahr mehr und mehr merke, dass ich allmählich zu alt und zu kritisch werde, kann ich mich der Sommer-Teenie-Kitsch-Nostalgie nicht entziehen.

Die drei Bücher erzählen aus dem Leben von Belly, einer zu Beginn Siebzehnjährigen, in deren Leben der Sommer einen besonderen Platz hat, weil sie die Ferien zusammen mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und der Familie der besten Freundin ihrer Mutter verbringt. Das klingt unübersichtlich, aber das ist es nicht, denn diese beiden Familien gehören fest zusammen, gehören in dieses Sommerhaus, an diesen Strand und wachsen dort zusammen, auch wenn sie sich das ganze Jahr über nicht sehen. Während Susanna, die beste Freundin ihrer eigenen Mutter, die Frau ist, die Belly bewundert und über alles liebt, sind ihre Söhne Conrad und Jeremiah, Bellys große Lieben. Auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Es ist eine typische Geschichte über Dreiecke, das Erwachsen-Werden und Trauer. Eine Prise der für amerikanische Jugendbücher manchmal typischen Prüderie wird einem erwachsenen Leser womöglich unangenehm aufstoßen, Bellys Entscheidungen und Gefühle werden weniger nachvollziehbarer mit der Zeit (ich habe die Bücher sicherlich sechs oder sieben Mal gelesen), aber dafür versteht man andere Figuren nach und nach umso besser.

Da ich relativ wenige Bücher in dieser Häufung gelesen habe, erscheint mir Jenny Hans Trilogie mittlerweile womöglich komplexer und irgendwie auch magischer als sie ist und ich will gar nicht leugnen, dass es ein bisschen trivial zugeht … aber schön ist es trotzdem.

Tschick von Wolfgang Herrendorf (2010)

„Tschick“ ist eines dieser Bücher, an denen wohl fast niemand vorbeikommt. Und wenn man das schlichte Cover und den Titel, der erst einmal ratlos stimmt, nur aus dem Augenwinkel mal in einer Buchhandlung gesehen hat, irgendwie kennt man es wohl doch. Wenigstens ging es mir jahrelang so, ehe ich mir das Buch dann endlich gekauft und es verschlungen habe.

Erzählt wird die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei ungleich-gleichen 14-jährigen Jungen, die in einem alten Auto (einem Lada in komplett desaströsem Zustand, wenn man es mal ehrlich sagt wie es ist) in die Walachei fahren wollen. Warum sie das wollen ist gar nicht so wichtig, sie machen es, das zählt. Der Erzähler ist Maik Klingenberg, der eigentlich aus einer Wohlstandsfamilie kommt und cool sein könnte, wenn da nicht seine alkoholkranke Mutter, sein Vater und dessen junge neue Sekretärin und Maiks eigene, übers Ziel hinausschießende Ehrlichkeit wäre, der er in einem Aufsatz über die Krankheit seiner Mutter vor seiner ganzen Klasse Ausdruck verliehen hat. Und dann ist da „Tschick“, der extrem unsolide Tschick, der Neue in der Klasse, dessen Nachnamen niemand so richtig aussprechen kann und der in einer weniger schönen Ecke der Stadt wohnt. Maik selbst identifiziert Tschick schnell als „Asi“ und ist zuerst schockiert, als Tschick sich ihm irgendwie annähert, aber aus gnadenlosem Misstrauen wird irgendwie so etwas wie Freundschaft. Und mehr kann und will man gar nicht sagen, um nichts von der Handlung vorwegzunehmen.

Der Roman, der mittlerweile sogar als Schullektüre für die Mittelstufe gängig geworden ist, beweist meiner bescheidenen Ansicht nach, dass auch alte Männer glaubhafte Jugendbücher schreiben können. Es ist eine schön konstruierte Geschichte mit spannenden Figuren, deren Abgründe angemessen angedeutet aber nicht überspitzt werden, alles bleibt ein bisschen rätselhaft und der Leser wird an Maik gebunden, der nicht alles in der Welt so richtig versteht und viele Dinge mit einer scharfsinnigen Naivität betrachtet, die herzerfrischend und angenehm ist und die stumpfsinnige Autofahrt der beiden Jungen erst zu einem richtigen Abenteuer macht.

„Der Junge“ von J.M. Coetzee (1997)

Der Untertitel von Coetzees autobiographischem (und fiktionalisiertem) Roman ist „Eine afrikanische Kindheit“ und man mag mir jetzt subtilen Rassismus vorwerfen, weil ich einen südafrikanischen Roman als Sommerlektüre verkaufen will, aber so ist es nicht gemeint. Eine Tatsache ist einfach, dass mir das Buch im letzten Sommer in die Hände gefallen ist und ich die Episoden einer Kindheit, die logischerweise so ganz anders war als meine eigene, gerne im Garten gelesen habe, weil ich mir an der frischen Luft und in der Sonne sitzend unbekannte Landschaften besser vorstellen kann als in geschlossenen Räumen. Und „so ganz anders“ oder „fremd“ oder was für schlimme Wörter man noch finden kann, um sich als europäischer Mensch unbeliebt zu machen, waren die kleinen Geschichten aus dem Leben des jungen Autors gar nicht. Kindheitsbiographien sind immer literarische Konstruktionen – und manchmal sind es wirklich gute Konstruktionen. Manchmal will man dank den Geschichten über ein Kind mehr über den ganzen Menschen und seine ganze Umgebung erfahren.

Coetzee erzählt nicht nur für ein Publikum, das mit seiner Lebenswirklichkeit vertraut ist sondern erläutert auch immer wieder Dinge, die jemandem merkwürdig oder unverständlich erscheinen könnten, der keine „afrikanische Kindheit“ erlebt hat – und gleichzeitig schafft er es besondere Anekdoten so zu erzählen, dass sich die kleinen Kinder-Gedanken irgendwie vertraut und schlüssig anfühlen.

Ich habe zwar ein Jahr gebraucht, aber bald werde ich mit „Summertime“ von J.M. Coetzee anfangen und vielleicht erfolgt dann noch eine einzelne, detaillierte Rezension.

„Call Me By Your Name“  von André Aciman (2007)

Ich habe den Film gesehen und ich habe das Buch gelesen und so richtig hundertzehnprozentig verstehe ich den Titel immer noch nicht – aber viel mehr kann man an „Call Me By Your Name“ nicht bemängeln. (Womöglich bin ich auch einfach nur zu blöd.) Aciman, der seines Zeichens eigentlich vergleichender Literaturwissenschaftler (Komparatist) ist und seine Leser das auch spüren lässt, erzählt die Geschichte von Oliver und Elio und diese Geschichte ist ganz schön aufregend. Aus mehreren Gründen.

  1. Es ist eine schwule Liebesgeschichte.
  2. Oliver ist ein erwachsener Mann und Elio braucht dafür noch ein paar Jahre.
  3. Es ist ungeheuer romantisch und subtil.
  4. Es ist ungeheuer explizit, wenn man ein wenig Vorstellungskraft hat.
  5. Obst wird zum Gegenstand sexueller Aktivitäten. Stichwort Pfirsich. Wer Pfirsiche tagtäglich und gerne isst und einen schwachen Magen hat, der sollte womöglich doch Abstand von dieser Leseempfehlung nehmen. (Ein YouTube-Video mit dem Titel „Peach Scene“ hat über 800.000 Aufrufe. Ist also schon essentiell und ein Hype.)

Dieser Roman ist keine leichte Kost und das will er auch gar nicht sein. Es ist eine Liebesgeschichte, ja, es ist Sommer, zweimal ja, aber deswegen wird einem das Herz nicht mit jeder umgeschlagenen Seite leichter. Ganz im Gegenteil. Aber man kann trotzdem nicht aufhören weiterzulesen.

„Sommerschwestern“ von Judy Blume (1998)

Ja, hier wird es trivial. Aber ist das so schlimm? Ich denke nicht, denn Judy Blume hat vielleicht eine einfache Sprache, aber das macht es noch lange nicht schlecht. Im Gegenteil. Ich habe vor einem Jahr einfach mal blind ein paar Bücher von Judy Blume billig ersteigert, weil ich wissen wollte, was an dem Mythos dran ist. Jugendbücher? Sexualität jugendgerecht verpackt? Und das alles in den 70ern und in Amerika? Und dann ist Judy Blume auch noch die heimliche Lieblingsautorin von Belly in „Der Sommer, als ich schön wurde“? Eine unheimliche krasse Person muss das sein, dachte ich, und so richtig enttäuscht wurde ich nicht. Denn irgendwie sind Judy Blumes Bücher (wenigstens die, die ich mittlerweile kenne) immer noch krass.

„Sommerschwestern“ erzählt die Geschichte von Vix und Caitlin. Zwei grundverschiedene, aber beste und unzertrennliche Freundinnen, die nicht nur miteinander aufwachsen im Sinne von am selben Ort, zur selben Zeit und in freundschaftlicher Verbundenheit sondern wirklich miteinander. Die Erfahrungen der einen prägen das Leben der anderen, gemeinsam entdecken sie ihre Sexualität, teilen erste Berührungen und erste Schwärmereien für Jungen, die der schüchternen Vix unerreichbar erscheinen und für Caitlin kleine Eroberungen sind. Die beiden Mädchen entsprechen heftigen Gegensätzen, ganz unterschiedlichen Typen von Frauen und trotzdem halten sie aneinander fest. Umso tragischer erscheint es dem mitfühlenden Leser, wenn die Wirklichkeiten der beiden Mädchen auseinanderdriften, gesellschaftliche und familiäre Aspekte eine größere Rolle einnehmen als die Freundschaft und sich die beiden Mädchen als Frauen schließlich entfremden. Das Hin und Her von extremer Nähe und extremer Distanz wird glaubwürdig geschildert und auch wenn sich der Roman zwischendrin nach mutigem Jugendbuch und wilder Seifenoper anfühlt, ist die Geschichte am Ende des Tages mitreißend und lässt den hart-gesottenen Leser mit rationalen Kritikpunkten und irritiertem Herzen zurück.

Also ein klarer Fall von leichter Kost, die einen schwer treffen kann, wenn man bereit ist den „Sommerschwestern“ (mit aufgetautem Herzen und von den sommerlichen Temperaturen erschöpftem Verstand) eine Chance zu geben.

„Mein Ein und Alles“ von Andrea Camilleri (2014)

„Mein Ein und Alles“ ist ein hauchdünner Roman, der alles bietet, was man sich von einem brutalen, romantischen Thriller erhofft: Erotik, Blut, True-Crime-Vibes und Phantastik. Am Ende merkt man, dass sich die Handlung in ein oder zwei Sätzen erzählen ließe, aber die Art und Weise wie Camilleri von der schönen Arianna und ihren Abgründen erzählt ist einfach besser als diese ein oder zwei Sätze, die man sich ausdenken könnte.

Arianna ist das Epizentrum der Geschichte. Einerseits scheint sie ganz Kind zu sein, obwohl sie eine erwachsene, vergebene Frau ist, andererseits ist ihre Sexualität eines ihrer präsentesten Merkmale. Arianna und ihre wilden Spiele, die von Giulio, der sie über alles liebt, toleriert und organisiert werden, sind plakativ und erst die Rückblenden in Ariannas undurchsichtige Vergangenheit verleihen der seltsamen Liebe zwischen Arianna und Giulio Tiefe.

„Mein Ein und Alles“ ist bis zum letzten Wort nicht auserzählt und die perfekte, drastische Lektüre für einen öden Sommernachmittag. Denn mehr als einen Nachmittag braucht man nicht, auch wenn man kein rasanter Leser ist.

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