Das Jahr magischen Denkens

„Das Jahr magischen Denkens“ von Joan Didion (2005)

In dem autobiographischen Roman „Das Jahr magischen Denkens“ beschreibt die amerikanische Autorin Joan Didion ihr Leben in den zwölf Monaten nach dem Tod ihres Ehemanns John. Der Schriftsteller John Gregory Dunne und Didion waren beinahe 40 miteinander verheiratet. Dabei „beschreibt“ sie aber nicht nur ihre Gefühle, ihre Reaktionen auf ihre Umwelt und ihren Umgang mit den Spuren, die ein anderer Mensch innerhalb von vier Jahrzehnten im eigenen Leben hinterlässt, sondern analysiert in ihrem typisch journalistisch-poetischen Stil sich selbst, das Leben und das Sterben. Joan Didions Sätze sind simpel und hellsichtig und auch wenn man bei einer Autobiographie nie so richtig sagen kann, was davon letzten Endes Fiktion ist (und irgendwie doch immer vor der gewichtigen Frage danach steht, ob es so etwas wie eine geschriebene Wahrheit überhaupt geben kann – oder ob nicht am Ende doch jeder Versuch etwas zu Papier zu bringen irgendwie fiktiv ist), wirkt Didions Text aufrichtig.

Worum geht es?

Erinnerungen an eine Ehe, an ein miteinander leben und arbeiten und erzählen, an eine kleine, amerikanische Familie. Didion geht mit einem wissenschaftlichen Anspruch an ihr Jahr der Trauer heran, sie liest Sigmund Freuds Schriften, sie liest Bücher von Ärzten über das Sterben und versucht die Umstände des plötzlichen Todes ihres Mannes bis ins kleinste medizinische Detail zu erfassen. Sie entwirft das Gesamtbild eines allesverändernden Tages – und greift dabei auf ein ganzes Leben zurück. Der Tonfall ist weder sentimental noch unangenehm sachlich.

Im Hintergrund spukt ein Jahr lang der Gedanke, dass John wiederkommt und seine Schuhe braucht und sein Buch auf dem Nachttisch zu Ende lesen will, bei dem die Seite verschlagen ist. Das Jahr vergeht und an Johns erstem Todestag wird die Tatsache unausweichlich, dass es den Gedanken daran, was John letztes Jahr genau um diese Zeit getan hat, in Zukunft nicht mehr geben kann.

Read it?

Es ist ein Buch, das man nur dann schreiben kann, wenn man ein Großteil des eigenen Lebens gelebt hat und sich dessen bewusst ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine 40-jährige oder 50-jährige Frau in der Lage wäre, so ein Buch zu schreiben. (Eventuell kann überhaupt niemand außer Joan Didion so ein Buch schreiben, aber womöglich ist das jetzt auch zu viel der Ehre. Schwer zu sagen.)

Es ist eine persönliche Erfahrung, eine absolut subjektive Geschichte – und trotzdem irgendwie ein ungeheuer allgemeingültiges Buch über Trauer und den Ort, der Leid ist.

Wer „Das Jahr magischen Denkens“ mag, der findet vielleicht auch Gefallen an:

  • Süden und Westen. Notizen von Joan Didion. (Eine Reiseberich über den Sommer 1970, in dem Didion und ihr Mann durch die amerikanischen Südstaaten gefahren sind und das Lebensgefühl und den Zeitgeist in Anekdoten und Stichworten eingefangen haben. Erschreckend prophetisch in Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen 2016.)
  • Die Mitte wird nicht halten. (Kein Buch sondern eine Doku über Joan Didion, die der eigenen Vorstellungskraft reale Bilder aus dem Leben der Familie Didion liefert.)
  • Conversations with Joan Didion von Scott F. Parker. (Noch mehr Redezeit für Didion.)

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