Die Mütter-Mafia

„Die Mütter-Mafia“ von Kerstin Gier (2005)

Neben einer normalen, jahreszeitlich angemessenen Erkältung hat mich auch das Kerstin-Gier-Fieber gepackt und deshalb habe ich mich an eines ihrer Bücher gewagt, das in meinem Bekanntenkreis schon immer hochgelobt wurde: Die Mütter-Mafia.

Und siehe da, die Protagonistin des Romans, Constanze, war gar keine Unbekannte für mich, sondern eine dezente Nebenfigur aus In Wahrheit wird viel mehr gelogen. Da bin ich doch glatt in ein kleines Universum gestolpert, ohne davon zu wissen. (Und das liegt nicht an mangelndem Wissensdurst meinerseits! Bei Wikipedia wird In Wahrheit wird viel mehr gelogen nicht zu den Romanen rund um die Mütter-Mafia gelistet. Die Gründe dafür sind mir schleierhaft.)

Worum geht es?

Constanze ist von Beruf Mutter von zwei bezaubernden Kindern und fällt aus allen Wolken, als ihr Ehemann Lorenz auf einmal verkündet, dass er sich von ihr scheiden lassen will und wird. Da Lorenz Oberstaatsanwalt ist und Constanze nach ihrem dritten Semester Psychologie keine Karriere verfolgt hat, sitzt ihr Ehemann, der sehr bestrebt ist sie so bald wie möglich loszuwerden, am längeren Hebel. Constanze wird mitsamt ihrer Kinder in das Haus ihrer verstorbenen Schwiegermutter verfrachtet und ist auf sich allein gestellt.

Was der Herr Oberstaatsanwalt vermutlich nicht wusste: das Haus steht in der Insektensiedlung, einer beschaulichen, vorstädtischen Ecke, in der die „Obermamis“ das Sagen haben. Die sogenannte Mütter-Society ist eine Ansammlung von allen nur denkbaren grausamen Helikopter-Mutti-Klischees. Die Kinder sollen ja richtige Namen bekommen und keine „Sammelbegriffe“ – und heißen deshalb Karsta oder Marie-Antoinette. Die kleinen Karstas und Marie-Antoinettes sind ja schon etwas ganz Besonderes, aber damit auch später niemand von verschenktem Potenzial spricht, werden sie vor der Einschulung zum Geigenunterricht geschickt und dürfen schon mal Japanisch lernen, damit sie später auf dem Arbeitsmarkt keinen so schweren Stand haben.

Constanze, die angesichts dieser Invasion der  Übermütter an ihrer eigenen Kompetenz zweifelt, möchte zunächst unbedingt ein Mitglied dieses matriarchalischen Vereins werden, merkt aber schnell, dass man wahre Freunde woanders findet und dass der schöne Schein nicht selten trügt.

Read it?

Mir persönlich ist es als mittelmäßig bezahlte Nachhilfelehrerin für die Kinder von etwas zu ehrgeizigen Müttern beim Lesen gleich mehrmals kalt den Rücken runtergelaufen – und mir ist auch wieder sehr deutlich vor Augen geführt worden, dass Fiktion schlimmer sein kann als die Realität… Wahrscheinlich kann sich jeder, der schon mal einer solchen „Obermami“ begegnet ist und sein Kind selbst vielleicht „nur“ zum Kindergartenschwimmen und bei der musikalischen Früherziehung angemeldet hat, in Constanze einfühlen. Durch die geschickte Zwischenschaltung von Blogeinträgen aus dem Online-Forum der „Mütter-Society“ bekommt der Leser einen schönen, überzeichneten Blick auf das Gift, das dort hinter den Kulissen verspritzt wird. So viele bösartige, hassenswerte und trotzdem irgendwie lebensnahe Frauenfiguren findet man nicht so schnell wieder auf einem Haufen versammelt. Generell wird in Giers Roman zumeist ziemlich klar zwischen den „Guten“ und den „Bösen“ unterschieden und die wenigen Überraschungsmomente, die es gibt, sind absehbar, wenn man mit den Erzähltechniken der Autorin halbwegs vertraut ist.

Einige ernstere Themen werden sogar als Nebenhandlung angerissen, aber leider auch sehr schnell abgehakt, während Erzählstränge wie beispielsweise die Renovierungsmaßnahmen von Constanzes Haus oder der juristische Terror durch das Nachbarsehepaar Hempel verhältnismäßig stark ausgeschmückt werden und sich durch den ganzen Roman ziehen.

Überhaupt wirkt Constanze im Jahr 2019 ein bisschen zu naiv und macht sich die Dinge ein bisschen zu einfach – aber wenn man mit einem feministischen Leseanspruch an diese Geschichte herangeht, dann macht man sich die Dinge auch entschieden ein bisschen zu schwer. Ansprüche sind angesichts der Lektüre sowieso ein verheerendes Stichwort, aber wenn man sich bloß ein bisschen aufregen und mitfühlen und „Hey, so eine kenn ich aber auch“ denken will, dann ist man bei der Mütter-Mafia bestens aufgehoben.

Wer „Die Mütter-Mafia“ mag, liest vielleicht auch gerne:

  • Die Fortsetzungen? Nur so ein Gedanke: Die Patin, Gegensätze ziehen sich aus, Mütter-Mafia und Friends und natürlich auch In Wahrheit wird viel mehr gelogen. (Hätte ich noch mehr Freizeit, würde ich den Wikipedia-Artikel glatt korrigieren.)
  • Die Bridget-Jones-Romane von Helen Fielding: Schokolade zum Frühstück, Am Rande des Wahnsinns, Verrückt nach Ihm und Baby. Bridget Jones ist quasi eine bessere, britische Version von Kerstin Giers typischen Protagonistinnen. Mit mehr Witz, mehr Zigaretten, mehr Ambitionen – und mehr Chaos.
  • Besser nichts von Gaby Hauptmann oder Hera Lind. Außer der in Bücher-Blogs oft benannte „SuB“ (Stapel ungelesener Bücher) hat sich mitsamt der eigenen Schmerzgrenze in Luft aufgelöst.

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