Sommerfest

„Sommerfest“ – Frank Goosen (2012)

Die Romane von Frank Goosen sind Bücher für eine bestimmte Zielgruppe. Je näher man am Ruhrgebiet dran wohnt, umso besser. Je näher man der 45 gekommen ist, ohne sich so richtig wie 45 zu fühlen, umso mehr Freude hat man an den Charakteren. Meine Kindheit kann ich zwar nicht gerade in den 1970er-Jahren in Bochum, Essen oder Duisburg verorten, aber trotzdem habe ich irgendwie Gefallen an dem Tonfall des Autors gefunden. Beim Lesen fühlt man sich immer so als würde man einem verschollenen Verwandten aus einer anderen Ecke von Nordrheinwestfalen zuhören und wenn man dann ein paar Dialektausdrücke doch irgendwie schon mal gehört hat, dann freut man sich. Ohne Grund.

Auf Goosens Bücher bin ich nach und nach aufmerksam geworden. Erst bin ich in der Buchhandlung daran vorbei gelaufen, dann gab es zwei Verfilmungen, die ich so am Rande mitbekommen habe und irgendwann stand ich dann da, hatte Radio Heimat in der Hand, hatte ein Kinoticket für Sommerfest gekauft und als ich dann in der Stadtbücherei vor dem Buchstaben G stand, dachte ich, warum denn nicht weitermachen? Sommerfest klingt auch ein bisschen cooler, ein bisschen altersentsprechender, als Raketenmänner und Vertrautes ist manchmal beruhigend. So viel zu meinen Rechtfertigungen, wie ich an ein Buch geraten bin, das mich irgendwie nicht wirklich zu seiner Zielgruppe zählen darf.

Worum geht es?

Stefan lebt seit zehn Jahren in München, führt eine halbwegs solide Beziehung und ist Schauspieler. Die Frage, ob man ihn denn kennen müsse, verneint er stets, denn er ist ja nur im Theater und bei kleinen Produktionen aktiv, die im Nachtprogramm versendet werden. Als Onkel Hermann stirbt, muss Stefan zurück in die Heimat. Heimat heißt in diesem Fall Omma Luise, Autobahnsperrung als Volksfestersatz, Jugendfreunde und Geschichten, die auf der Straße liegen. Und ein Wiedersehen mit Charlie, die Stefans Sandkastenliebe war und mit der es trotzdem irgendwie nie so richtig geklappt hat. Nägel mit Köpfen ist hier das Schlagwort.

Goosens Erzählstil lebt von seinem unschlüssigen, heimatverdrossenen und gleichzeitig nostalgischen Protagonisten. Stefans Faszination von der eigenen Heimat überwältigt ihn und schreckt ihn gleichzeitig ab. Er war lange genug weg, um zu verdrängen wie es wirklich ist, wenn man nie rausgekommen ist, aber nicht lange genug, um keine alten Kontakte mehr zu haben, die man erfolgreich aufwärmen könnte. Kleine Anekdoten aus dem Ruhrgebiet, regional gefärbte Kalendersprüche und die Figuren, die man gezwungenermaßen Charaktere nennen muss. Weil sie alle irgendwie Charakter haben. Weil es immer eine kleine Story gibt, ein paar Macken, die man auserzählen muss, ein paar Running Gags und weil man wirklich ganz genau hinschauen muss, um das liebevoll verhätschelte Klischee zu erkennen.

Die chronische Unentschlossenheit von Stefan wird erst auf den letzten Metern ein wenig anstrengend und das Mysterium des ewigen Hin und Her wird meiner Meinung nach kurz vor Schluss unnötig lange ausgereizt. Aber vielleicht spricht gerade das auch für die Geschichte, denn immerhin wird die große Aussprache von Stefan und Charlie von allen Charakteren herbeigesehnt. Ungeduldig gestimmt sind sie, ständig haken sie nach, schubsen Stefan in Richtung seiner Vergangenheit und hüllen sich in Schweigen, wenn Stefan versucht aus ihnen irgendetwas über Charlies Leben in den letzten zehn Jahren herauszubekommen.

Read it?

Stefan steht mit einem Bein in München und mit dem anderen Bein in seiner Heimatstadt. Diese Zerrissenheit macht die Geschichte aus und auch wenn man – wie ich –  irgendwann die Geduld verliert, ist es nicht so leicht, das Buch aus der Hand zu legen. Im Gegenteil, ich habe am Ende darauf gebrannt zu erfahren, ob es ein nostalgisches oder ein rationales Happy End mit einem bitteren Beigeschmack gibt.

Sommerfest relativiert die Idee eines klassischen Happy Ends. Ob Stefan sich für oder gegen Charlie, für oder gegen sein 30-jähriges Ich, das nach München geflüchtet ist, entscheidet, das ist irgendwie beides nicht das Wahre. Wenn man will, kann man immer ein Haar in der Suppe finden. Aber das ist dann auch wieder so ein Kalenderspruch.

Absolut lesenswert – das sind andere Bücher. Aber Spaß macht Sommerfest trotzdem. Besonders dann, wenn man einen Bezug zur A40, eine Omma Luise und genug Abstand zur eigenen Jugendliebe hat, um ein bisschen sentimental zu werden.

Wer „Sommerfest“ mag, der liest vielleicht auch gerne:

  • Der Junge muss an die frische Luft von Hape Kerkeling. Ähnliche Zielgruppe, aber etwas trauriger und weniger auf eine Liebesgeschichte fokussiert.
  • Radio Heimat oder andere Romane von Frank Goosen. In Radio Heimat liefert Goosen Fetzen aus dem Leben von vier Jugendlichen. Mit vielen Selterbuden, mit Spielervereinigung, Ommas und Oppas und allem, was man eben so braucht.
  • Unentschieden von Alexandra Maxeimer. Eine Geschichte darüber, dass „ein Funken“ manchmal auch nach zwei Jahrzehnten noch für einen gefühligen Brandherd sorgen kann.

2 Kommentare zu „Sommerfest

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