In Wahrheit wird viel mehr gelogen

„In Wahrheit wird viel mehr gelogen “ von Kerstin Gier (2008)

Eine (bestenfalls etwas kritische) Rezension über einen Roman von Kerstin Gier zu schreiben ist eine persönliche Herausforderung für mich. Die Romane der Autorin haben bei mir nämlich immer den Effekt, dass ich sie innerhalb von 24 Stunden mit ungehemmter Begeisterung durchlese und mich dabei von dem witzigen, anekdotischen Schreibstil bezaubern lasse. Und es spricht wohl ganz eindeutig für ein Buch, wenn es seinen Leser so bannen kann und einen vergessen lässt, dass man es gerade eigentlich mit sehr leichter Kost zu tun hat. Deshalb eine ganz liebevolle Kritik zu  In Wahrheit wird viel mehr gelogen.

 Worum geht es?

Carolin ist 26 Jahre alt und gerade Witwe geworden. Als passionierte Leserin von Kerstin Giers Romanen kannte ich diese Ausgangssituation schon aus den kleinen, werbenden Zusammenfassungen auf den letzten Seiten ihrer anderen Bücher. Und ich fand den Trauerprozess einer fast noch jugendlichen Witwe lange Zeit gar nicht mal so verlockend.

Was ist also spannend an Carolin und ihrer Geschichte? Sie ist überdurchschnittlich intelligent, ziemlich bissig und auch sonst – trotz ihrer Überqualifikation als Identifikationsfigur –  sympathisch. Außerdem hat sie einen Mann geheiratet, der doppelt so alt gewesen ist wie sie selbst. Und obendrein der Vater ihres ersten (Ex-)Freundes gewesen ist. Es ist erfrischend, dass hier keine typische Vaterkomplexgeschichte konstruiert wird und man nicht direkt dazu geneigt ist über Caroline zu urteilen. Gier hat ein Talent dafür ihre Hauptfiguren in das richtige Licht zu rücken – und obwohl man im normalen Leben vielleicht eher Mitleid mit dem schnuckeligen, aber doch stark gekränkten Jurastudenten hätte, der seine Freundin an seinen Vater verloren hat, ist man beim Lesen irgendwie immer auf Carolins Seite. Man erlebt alle anderen Figuren durch ihre Perspektive, teilt ihre Gemeinheiten, ihre kleinen Hassattacken und ihre schwarzen Löcher. (Die selbstredend nicht zu tief sind und nie lange auserzählt werden, man hat keine Chance beim Lesen deprimiert zu werden.)

Am Anfang jedes Kapitels wartet Caroline mit grundlegenden Weisheiten (im Stil von „Man sieht sich immer zweimal im Leben!“) auf und kommentiert sie sarkastisch („Und man hat noch Glück gehabt, wenn es beim zweiten Mal bleibt!“).  Parallel zu der trauernden Carolin lernt man die fünf Jahre jüngere, frisch verliebte Carolin kennen. Sie erzählt von ihrer Vergangenheit, in der sie erst Leo und wenige Monate später seinen Vater Karl kennengelernt hat und steigert sich dabei in eine düster-komödiantische Familiengeschichte hinein, in der die Gemeinde Oer-Erkenschwick zum Running-Gag mutiert. Wer auf typischen Rheinlandhumor und Kleinstadtsnobs steht, kommt bei diesen Passagen ganz besonders auf seine Kosten. (Eventuell noch ein Grund dafür, warum ich bei Kerstin Gier-Romanen nicht objektiv sein kann.)

Read it?

Aber gibt es denn jetzt ein Problem? Ernsthafte Kritik? Ja, doch … schon. Und die wird sogar von der Autorin selbst im Nachwort angesprochen. (Und ist das nicht schon wieder verdammt sympathisch?) Die Protagonistin ist zu perfekt. Carolin ist witzig, sie ist ein herzensguter Mensch, sie spricht fünf (oder waren es sogar sechs?) Sprachen, sie ist eine virtuose Musikerin, hat mit 16 Jahren ihr Abitur gemacht und hat nach zehn Jahren fast drei Universitätsabschlüsse in komplett unterschiedlichen Fächern erworben. Und dann ist sie auch noch klein, zierlich gebaut und hübsch. Aber dabei so bodenständig und so uneitel, dass man als Fan von gebrochenen Figuren permanent einen inneren Schreikrampf haben könnte.

Insofern man also bereit ist eine quasi fehlerlose Erzählerin zu akzeptieren, gibt es keinen Grund In Wahrheit wird viel mehr gelogen nicht in die Hand zu nehmen und sich einen Nachmittag oder einen gemütlichen Abend lang von schrulligen Nebenfiguren (meine Highlights: ein ausgestopfter Hund, eine Oer-Erckenschwicker-Übermutti und eine 15-jährige, die als Einzige das Adjektiv „cool“ irgendwie verdient hat) und skurrilen, romantischen Zufällen entführen zu lassen.

Wer „In Wahrheit wird viel mehr gelogen“ mag, liest vielleicht auch gerne:

  • Andere Romane von Kerstin Gier. (Ha! Wer hätte das jetzt erwartet?) Meine persönlichen Mehrmals-gelesen-Lieblinge sind Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner, Ehemänner und andere Unschuldslämmer und Männer und andere Katastrophen. (Stichwort: leichte – aber gute – Kost!)
  • Nicht ohne meinen Mops von Silke Porath. (Für alle, die von einer WG mit einem homosexuellen Pärchen und einem Mops träumen.)
  • Rachel im Wunderland von Marian Keynes. Falls man eine weniger durchschaubare und komplizierter gestrickte Protagonistin bevorzugt. Und den Schrullen des Rheinlandes nichts abgewinnen kann, sondern lieber von irischen Landsleuten belustigt wird. Und etwas für eine Entzugsklinik als Kulisse übrig hat.

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