Erwartungshaltungen oder Den Baum im Wald nicht sehen

Erwartungshaltungen oder Den Baum im Wald nicht sehen

„Context is all.“

Margaret Atwood, The Handmaid’s Tale

Zufallsbegegnungen sind für mich das Grauen, das ist ja klar. Aber ich staune immer wieder darüber, wie klein der „richtige Kontext“ ist, in dem ich Menschen sofort erkennen und einordnen kann. Vielleicht liegt es daran, dass Kontext nicht ganz das richtige Wort ist. Es ist anscheinend weniger eine Frage von Ort und Zeit, sondern mehr noch die Frage danach, ob ich erwarte, jemanden zu sehen.

Zwei Beispiele aus den letzten Wochen und Tagen haben mich daran erinnert, dass ich auch an meinem Arbeitsplatz nicht immer mit meinen Kollegen und auch in der Universität nicht immer mit meinen Mitstudierenden geschweige denn meinen Dozenten rechne.

Ich arbeite neben meinem Studium in einem kleineren Kino mit einer übersichtlichen Anzahl von Kollegen. Ich kenne dieses Dutzend Personen zum Teil seit mehreren Jahren und trotzdem schaue ich vor jeder Schicht auf den Dienstplan, um zu wissen, mit wem ich heute zusammenarbeiten muss. Weil es sonst leider mal passieren kann, dass ich hinter der Kasse stehe und dann ein Mensch durch die Tür kommt, den ich kenne und viel zu langsam erkenne. Eine Situation, auf die man sich leider nicht einstellen kann, ist der Moment, in dem ein Kollege, der nicht arbeiten muss, beschlossen hat, in seiner Freizeit ins Kino zu gehen. Wenn nicht viel Betrieb ist, dann reagiere ich zwar verzögert, aber einigermaßen rechtzeitig. An besucherstarken Tagen jedoch, an denen eine Schlange vor der Kasse steht und ich mich immer nur auf die Person, die direkt vor mir steht und ihre Bestellung aufgibt, konzentrieren kann, werde ich immer wieder aus dem Konzept gebracht und hab schon höflich und etwas zu unpersönlich „Hallo“ gesagt, ehe ich meinen Kollegen erkenne, der in der Masse von „normalen“ Gästen untergegangen ist. Nun gibt es eine Reihe von Entschuldigungen, die ich in diesem Augenblick erfinde könnte, zum Beispiel die mittelmäßige Beleuchtung des Kino-Foyers oder der Stress durch die hohe Anzahl der Besucher, aber meistens sage ich mittlerweile einfach, dass ich leider nicht so „schnell“ darin bin, Menschen zu erkennen. Meistens stößt das, je besser ich die Leute eigentlich kenne, auf umso mehr Empörung. Einen Kollegen zu übersehen, das ist eine Sache, doch wenn die Grenze zwischen Zusammenarbeiten und Freundschaft nicht so klar gezogen ist, dann entsteht leider schnell der Eindruck, dass mir jemand nicht „wichtig“ genug ist, damit ich ihn mir merke. Das ist natürlich Unsinn. Ich kann auch engsten Freunde und meine eigenen Eltern übersehen, wenn die Sterne besonders schlecht stehen – und meine Erwartungshaltung nicht stimmt.

Doch der eigentliche Auslöser dafür, dass ich in dieser Kategorie wieder einen Beitrag schreibe, war der Gruß eines mittelalten Mannes am gestrigen Abend. Ich habe das Universitätsgebäude verlassen, ich war gerade mal mit dem Fuß aus der Tür raus, als ich ein freundliches „Hallo“ gehört habe. Ich habe mich nicht angesprochen gefühlt, aber da außer mir niemand dort war und obendrein nur ein einzelner Mann direkt an mir vorbeigelaufen ist, habe ich ihn direkt angesehen. Und dann einen Dozenten erkannt, den ich in diesem Semester jede Woche sehe und bei dem ich schon vor einem Jahr ein Seminar absolviert habe. Und da hab ich mich mal wieder gefragt, was eigentlich genau mein Problem ist?

Denn der Kontext war ja richtig. Ich war in der Universität – und wo sonst sollte ich mit einem Dozenten rechnen? Gut, streng genommen war ich auf der Treppe vor der Universität und mein Dozent ist mir nicht entgegengekommen, sondern von rechts nach links durch mein Blickfeld gelaufen, aber er hat mich ja schließlich erkannt, obwohl es eigentlich eher anzunehmen wäre, dass ein Dozent eine seiner Studentinnen nicht präsent hat als umgekehrt. Gestern Abend habe ich dann mal wieder angefangen, die Situation zu analysieren und meine vorläufige Problemdiagnose lautet: Mein Dozent hat eine Mütze getragen. Dieses Bild war neu für mich, da ich den Mann normalerweise nur in geschlossenen Räumen und dementsprechend ohne Mütze, Schal oder Jacke sehe – und die Mütze hat es in diesem Fall wahrscheinlich wirklich gerissen. Außerdem war es ein Dienstag – und ich rechne offenbar nur an Donnerstagen damit, besagtem Dozenten im Seminar zu begegnen. (Fun Fact: Ich habe denselben Mann bereits auf einer Veranstaltung der Fachschaft außerhalb des Campus und am Bahnsteig prompt erkannt.) 

Das Ende der Geschichte: Nach einigen Sekunden Verspätung habe ich es dann doch noch geschafft, hastig zurück zu grüßen – und meinen Dozenten damit ebenso sehr verwirrt wie er mich bis dahin. Ich tröste mich damit, dass er vielleicht auch einige Sekunden lang unsicher war, ob er da nicht gerade eine fremde Person angesprochen hat – aber vermutlich hat er sich auch nur gefragt, was denn bitte mit mir los ist, dass ich nur so leise und so verlangsamt „Hallo“ sagen kann.

Und weil das hier ja keine wissenschaftliche Abhandlung ist, in der immer alles logisch sein muss oder ein roter Faden erkennbar sein sollte, berichte ich auch noch kurz von einer kleinen Heldentat meines Hirns in folgender Situation:

Wieder ein Dienstag. Acht Uhr morgens. Am Bahngleis. Ich bin vollkommen darauf konzentriert, in den gut gefüllten Zug zu steigen und im Optimalfall noch einen Sitzplatz zu bekommen. Ich bin schon so halb eingestiegen und werde auf die Schulter getippt. Ich drehe mich um, einer meiner Kollegen, nennen wir ihn S., wünscht mir einen guten Morgen. Ich erkenne S. auf Anhieb und reagiere zeitig und ganz normal. Wir steigen zusammen ein. Happy End.

Wieso hat das nun geklappt? S. steigt normalerweise nicht an diesem Bahnhof ein, hat bis vor kurzem in einer anderen Stadt gewohnt und ist mir noch nie an diesem Ort oder um diese Uhrzeit begegnet. S. hat eine Kopfbedeckung getragen. Ich war müde. Ich habe S. davor seit einigen Wochen nicht mehr bei der Arbeit gesehen, weil sich unsere Schichten nicht gekreuzt haben.

Es ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel, warum ich S. einwandfrei erkannt habe. Eventuell rechne ich an diesem Bahnhof damit, alles und jeden treffen zu können? Oder es liegt daran, dass S. direkt etwas gesagt hat und ich seine Stimme recht gut kenne und ich zugleich frontale Sicht auf sein Gesicht hatte? Oder die Beleuchtung des Zuges ist herausragend gut? Oder ich war gar nicht so müde wie ich dachte?

Circa eine Woche später ist S. zusammen mit seinem Vater im Kino gewesen und ich habe gestutzt, als S. plötzlich „wie aus dem Nichts“ vor mir stand. Da war es dann auf einmal wieder das übliche, peinliche Zögern. Es liegt also nicht daran, dass ich S. immer besonders gut erkennen würde, sondern doch irgendwie wieder an der Situation.

Ist dieser Beitrag frustrierend und sinnlos? Vielleicht. Aber ich habe ja nicht den Anspruch, hier irgendeinen Spannungsbogen aufzubauen oder irgendwie eine Erklärung dafür zu finden, wie Prosopagnosie funktioniert. Und was da genau wann und wieso nicht funktioniert.

Amour Fou

„Amour Fou“ von Arnon Grünberg (2000)

Es gibt sie immer wieder: Diese Autoren, die preisgekrönt, hyperproduktiv und von den Kritikern geliebt sind – und die man trotzdem einfach nicht kennt. Arnon Grünberg ist für mich so ein Autor und ich frage mich mal wieder, was mit mir nicht stimmt und warum es ein geschenktes Buch braucht, um auf diesen schreibenden Menschen aufmerksam zu werden. (Aber besser spät als gar nicht, oder?) „Amour Fou“ ist ein Roman, an den ich ohne allzu viele Erwartungen herangetreten bin – und eventuell hat er deshalb so heftig reingehauen.

Das Thema des Buches ist – offensichtlich – Amour Fou. Verrückte Liebe. Das Verrückt-Werden vor Liebe. Aber eigentlich ist es sogar ein bisschen mehr: Es geht um Liebe und es geht um Verrückte und um Wut, aber dabei ist das alles ganz undramatisch erzählt. Und die Art wie erzählt wird ist das eigentlich Highlight, auch wenn die Handlung Spaß macht.

Die Geschichte seiner Kahlheit, die möchte Marek van der Jagt dem Leser präsentieren. Marek ist ein Student der Philosophie, hauptberuflich Nachhilfelehrer und Sohn. Seine Mutter ist eine schillernde, schwierige Persönlichkeit, die ganz Wien um den Finger gewickelt hat und auch nach ihrem Tod eine zentrale Rolle in Mareks Leben spielt. Mareks Vater ist ein großer Schweiger, der sich neu verheiratet hat und ganz offensichtlich auf anstrengende Frauen steht, die sehr viel Aufmerksamkeit benötigen. (Und sehr viel Geld haben.) In einer solchen Familienkonstellation würde man Marek zwei Brüder wünschen, die Verbündete sind, aber Daniel und Pavel sind… einfach nur da. Die drei Brüder stehen in einem unterschwellig rivalisierenden Verhältnis zueinander, aber eigentlich ist ihre geschwisterliche Beziehung dadurch gekennzeichnet, dass es kaum eine Beziehung gibt. Marek ist von jedem einzelnen Mitglied seiner Familie isoliert, man lebt aneinander vorbei, man redet aneinander vorbei – und man tut sich nicht so richtig weh, auch wenn man mitunter grausam miteinander umgeht.

Doch Mareks klar geordnete und gleichzeitig chaotische Familienverhältnisse sind gar nicht sein größtes Problem, so einfach ist es dann doch nicht. Marek ist auf der Suche nach der Amour Fou, die er für den Sinn des menschlichen Lebens hält, für seine Bestimmung. Dabei begegnet er zwei Mädchen aus Luxemburg, die leicht entflammbar sind, aber sich für Marek doch nicht so richtig begeistern können. Man isst Pekingente zusammen. Man schreibt sich eine Postkarte. Und das war’s. Doch Marek gibt nicht auf, er lässt sich von Fräulein Oertel, die fünfzehn Jahre älter ist, an der Abendschule unterrichtet und noch bei ihrer Mutter lebt, mit nach Hause nehmen. Und so weiter und so fort.

Ein junger Mann auf der Suche nach der Amour Fou, Mutterkomplexe, explizit ausgeschriebenes sexuelles Versagen, das Kreisen um die Frage nach echter, funktionaler Männlichkeit – will man das 2020 überhaupt noch lesen? Ist das nicht eigentlich out? Das kann schon sein, aber Grünbergs Art von Mareks Leiden zu erzählen ist hochkomisch und wunderbar leichtfertig, obwohl er seinen Protagonisten durchaus ernst nimmt. Ernst genug, um die Geschichte seiner Kahlheit zunächst unter dem Pseudonym Marek van der Jagt zu veröffentlichen.

Für mich ist „Amour Fou“ eine Geschichte gewesen, die aus vielen einzelnen, absolut zitierfähigen Sätzen besteht und von einer kolossalen Hauptfigur zusammengehalten wird, an die ich mich hoffentlich auch in ein paar Jahren noch erinnern werde, wenn ich das Ende des Romans vergessen habe und das Buch zum zweiten Lesen aus dem Regal ziehe.

Das nächste Jahrzehnt

Leselistenthema: Das nächste Jahrzehnt

Eine Leseliste für die nächsten zehn Jahre erscheint vielleicht ein wenig übertrieben, aber man muss ja auch mal groß denken. Tatsächlich ist diese Liste aber auch nur eine charmante Verpackung für meinen „Stapel ungelesener Bücher“ oder meine Lesen-wollen-Liste oder wie auch immer man das adäquat ausdrücken möchte.  Die nachfolgenden Titel will ich teils seit mehreren Jahren lesen… und ich habe dafür eigentlich keine „Deadline“ oder so. In diesem Leben noch. Und vielleicht ja in den nächsten zehn Jahre oder sogar vor meinem dreißigsten Geburtstag.

Diese Liste generiert sich aus Empfehlungen von Freunden, „Tipps“ von Seiten der Universität, Zufällen und regelmäßigen Google-Suchen nach „Büchern, die man gelesen haben muss“ – und dann eben auch gelesen haben will.

Belletristik

Aldous Huxley: Crome Yellow

Alfred Kubin: Die andere Seite

Alfred Uhry: Driving Miss Daisy

Anthony Burgess: Uhrwerk Orange

Arthur Miller: Hexenjagd (22/1/2020)

Barbara Pym: Less Than Angels

Bret Easton Ellis: Die Informanten

Charlotte Bronte: Jane Eyre

Christa Wolf: Der geteilte Himmel

Christa Wolf: Kein Ort nirgends

Daphne DuMaurier: Meine Cousine Rachel

Daphne DuMaurier: Rebecca

David Lodge: Die Therapie

David Sedaris: Nackt

E. A. Poe: Der Rabe

Ernest Hemingway: Fiesta

Ernest Hemingway: Männer ohne Frauen

Ernest Hemingway: Wem die Stunde schlägt

Ernest Hemingway: Paris – Ein Fest fürs Leben

Fjodor Dostojewski: Schuld und Sühne

Friedrich Torberg: Der Schüler Gerber

F. Scott Fitzgerald: Die Schönen und die Verdammten

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört

Haruki Murakami: Sputnik Sweetheart

James Joyce: Ulysses (seien wir ehrlich: das wird eher nicht passieren)

Jane Austen: Emma

Joan Didion: Play It As It Lays

Joan Didion: A Book Of Common Prayer

Joan Didion: Slouching Towards Bethlehem

Joan Didion: Blue Nights

Joey Goebel: Vincent

John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama

John Irving: Owen Meany

Kurt Vonnegut: Breakfast of Champions

Leo Tolstoi: Anna Karenina

Leo Tolstoi: Krieg und Frieden

Leo Tolstoi: Die Kreuzersonate

Louisa May Alcott: Little Women

Neil Gaiman: American Gods

Nick Cave: Und die Eselin sah den Engel

Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro

Nick Hornby: A long way down

Patrick Süßkind: Das Parfüm

Oscar Wilde: Ein idealer Gatte

Oscar Wilde: Lady Windmeres Fächer

Raymond Chandler: The Big Sleep

Roald Dahl: Matilda

Stephen King: Misery

Stephen King: Friedhof der Kuscheltiere

Stephen King: Cujo

Stephen King: Das Institut

Stephen King: Das Spiel

Stieg Larsson: Millennium-Trilogie

Thomas Mann: Tod in Venedig

Thomas Mann: Der Zauberberg

Umberto Eco: Der Name der Rose

Vladimir Nabokov: Ada

Vergil: Änaeis

William Styron: Sophies Entscheidung

Philosophie

Friedrich Nietzsche: Ecce Homo

Friedrich Nietzsche: Genealogie der Moral

Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden

Markus Gabriel: Warum es die Welt nicht gibt

Platon: Symposium

Platon: Politeia

tbc

Auch wenn diese Liste mehr oder weniger für mich ist, sind Kommentare, Anregungen und Einsprüche natürlich gerne gesehen!

Kurzgeschichte: Zehn-Euro-Stunden

Zehn-Euro-Stunden

Jonas hat letzte Woche seinen achtzehnten Geburtstag gefeiert und will nächsten Sommer sein Abi in der Tasche haben. Er ist fünf Jahre jünger als ich und wir kennen uns schon, seit er in die neunte Klasse gekommen ist und seine Mutter entschieden hat, dass er in Deutsch ein bisschen Hilfe gebrauchen kann.

Diese „Hilfe“ wird mit einem Zehn-Euro-Schein für je eine Stunde meiner Zeit vergütet. Seitdem er in die Oberstufe gekommen ist, hat Jonas meine Handynummer, damit er mir auch seine Hausaufgaben schicken kann oder Texte, die er außerhalb der Zehn-Euro-Stunden geschrieben hat, um sich auf die nächste Klausur vorzubereiten. Um ehrlich zu sein, macht er nicht besonders oft Gebrauch von dieser Möglichkeit der ständigen, digitalen Erreichbarkeit. Sein Leben besteht aus Klausurphasen und ich weiß dank kleinen Einblicken in den Familienkalender, den seine Mutter führt, ungefähr wann ich mit satzzeichenlosen Textnachrichten rechnen darf.

Heute sitze ich wieder im Esszimmer von Jonas Familie. Es ist die erste Nachhilfestunde nach den Sommerferien und Jonas ist noch nicht so richtig nervös. Die Klausur ist erst in vier Wochen und er will sich noch nicht so ganz eingestehen, dass die Ferien vorbei sind. Ich kann das nachvollziehen. Ich an seiner Stelle würde mich auch nicht sehen wollen. Ich würde mir vermutlich nicht so höflich die Hand schütteln. Das erste Thema des Halbjahres sind Gedichte, Jonas Lehrerin ist wohl auch noch in Sommerlaune – oder sie hat vergessen, dass ihre Zwölftklässler anders als sie selbst keine sechs Wochen damit verbracht haben, Kreuzworträtsel zu lösen, Neuerscheinungen zu lesen, die das ganze Jahr über in der Originalverpackung auf dem Nachttisch liegen geblieben sind und die Lieblingsbücher im Regal neu zu arrangieren.

Auf Jonas T-Shirt ist ein kleines, grünes Krokodil, auf seiner Hose ist der Nike-Haken über seinem rechten Knie gesetzt. Ich lasse einen von Jonas Bleistiften, die ich mir für meine halbherzigen Korrekturen ausleihe (weil man mit Kugelschreiber seine Schrift nicht von meiner unterschieden kann und ich mich weigere seinen roten Filzstift zu benutzen, obwohl ich ja gerade für 60 Minuten seine Lehrerin bin), vom Tisch rollen und bücke mich. Adidas-Schlappen. Check. Kein roter Faden im Marken-System.

Wir lesen ein Frühlingsgedicht, obwohl es gerade Herbst wird. Ich lasse Jonas laut lesen, auch wenn ihm das peinlich ist, damit ich merke, welche Wörter er nicht kennt. Lyrik ist nicht seine starke Seite, das ist nichts Neues. Joseph von Eichendorff sagt ihm nicht besonders zu und ich kann ihm das nicht verübeln. Im letzten Schuljahr hat sein Kurs über den deutschen Expressionismus gesprochen, das hat im direkten Vergleich doch mehr gefetzt. Aber Eichendorff und seine Frische Fahrt könnten halten, was sie versprechen, wenn Jonas eine etwas weniger monotone Vorlesestimme hätte. Modulation ist ihm ein Fremdwort, aber es ist nicht mein Job, ihm zu sagen, dass man im Leben nicht weit kommt, wenn man nicht ab und an die Stimme hebt und senkt. Außerdem wäre es wohl irgendwie beleidigend zu sagen, dass ich ihm nicht zuhören würde, wenn es keinen Zehn-Euro-Schein dafür gäbe – und irgendwie macht es mir ja doch Spaß, mir diese kleine Tragödie anzusehen, die sich hier direkt vor meinen Augen abspielt.

„Also, laue Luft kommt blau geflossen – was sagt dir das? Was ist blaue Luft?“ Jonas legt seine Stirn in Falten und beißt auf seinen Kugelschreiber. Wahrscheinlich hat er irgendwann mal gehört, dass man so zerstreut und konzentriert wirkt.

„Kalt? Winter? Aber da steht Frühling. Ich glaube, der wünscht sich Frühling, weil gerade der Winter kommt.“

Das ist ein ganz netter Ansatz und ich schlucke die Bemerkung herunter, dass seit Mörike der Frühling und seine blauen Bänder ein Ding sind. Blau ist eine kalte Farbe. Blau bedeutet Winter. Das ist absolut logisch und ich weiß, dass ich ihn nur deprimieren würde, wenn ich ihm jetzt gleich stecken würde, dass Logik ihn bei Gedichten nicht unbedingt weiterbringt. Deswegen machen wir weiter. Bis es so bodenlos wird, dass auch Jonas schwant, dass das hier kein Gedicht über den Winter sein kann.

Nach 56 Minuten sind wir beide erschöpft und Jonas entscheidet, dass er das Gedicht morgen fertig analysiert und mir das Ergebnis dann per WhatsApp schickt. Beim nächsten Mal können wir ja auch nochmal drüber reden. Ich bin damit einverstanden, denn die Aussicht, Jonas jetzt noch eine Stunde beim Niederschreiben seiner spontanen Gedanken zuzusehen, nur um einen zweiten Zehner abzustauben, ist unerträglich. So was machen wir nicht mehr, seitdem ich seiner Mutter schonungslos eröffnet habe, dass es nicht so furchtbar effektiv ist, ihrem Kind beim Schreiben zuzusehen.

Als ich im SUV von Jonas Mutter sitze und wir auf halber Strecke zu mir sind, fällt mir siedend heiß ein, dass ich Jonas gar nicht nach meinen Büchern gefragt habe. Über die Sommerferien leihe ich ihm traditionell immer zwei oder drei Romane aus meinem Fundus aus. Jugendbücher; Bücher, die ich für halbwegs cool und altersgerecht halte; wirklich coole Bücher zu Themen, die einen mit 18 nicht zwingend kalt lassen müssen. Jonas Mutter erzählt mir gerade, dass er im nächsten Herbst ja schon gerne studieren würde, aber noch nicht ganz sicher ist und überhaupt ja immer noch nicht wirklich weiß, was er machen will, obwohl es langsam doch wirklich knapp wird. In Naturwissenschaften ist er ja so gut, auch wenn der Bio-Leistungskurs ihm viel schwerer fällt als sie dachte, aber vielleicht könnte er ja später trotzdem bei Bayer arbeiten? Oder wenigstens mal ein Praktikum da machen, aber wann soll er dafür Zeit finden? Er hat ja Training und Fußball soll er ja auch nicht aufgeben, Jungs brauchen ja einen Ausgleich.

Ihr sorgenvoller Monolog tritt schließlich auf der Stelle und ich nutze meine Chance und frage vorsichtig, was denn eigentlich aus den Büchern geworden ist. Jonas Mutter runzelt kurz die Stirn (Bücher? Was für Bücher? In meinem Haus?) und nickt dann.

„Ja, die sind in Jonas Zimmer. Er soll morgen sowieso sein Zimmer aufräumen, dann sammele ich sie ein und beim nächsten Mal kannst du sie mitnehmen.“

„Ach, er kann sie auch noch ein bisschen behalten, wenn er bisher keine Zeit hatte.“ Keine Zeit. Er hatte Sommerferien. Seine Mutter seufzt und es klingt beinahe ein wenig genervt.

„Jetzt fangen ja bald wieder die Klausuren an und im Sommer … er soll sich ja auch mal erholen und nicht an die Schule denken. Und nach den Gedichten  müssen sie ja bestimmt auch schon wieder was lesen.“

„Ja, wahrscheinlich.“ Für Jonas Mutter ist es keine Tatsache, dass lesende Kinder automatisch erfreulichere Noten in Deutsch mit nach Hause bringen, weil sie ein besseres Sprachgefühl haben, einen größeren Wortschatz und eine weniger hölzerne Grammatik. Für Jonas Mutter ist ihr Mann ja schon ein ganz großer Leser, weil er in ihrem Schlafzimmer ein Regalbrett mit seinen Ken-Follett-Romanen füllt. Nichts gegen Ken Follett, aber „Die Säulen der Erde“ machen noch keine „Leseratte“. Seit drei Jahren ärgere ich mich mittlerweile über diese Einstellung und in diesem Jahr wird alles anders. In diesem Jahr sage ich einfach mal etwas, das durchaus als Kritik an Jonas Erziehung verstanden werden darf. „Es würde aber wirklich helfen, wenn er wenigstens ein bisschen lesen würde. Hörbücher wären vielleicht ein Anfang, wenn er da mehr Lust zu hat.“ Jonas ist 18. Erwachsen. Auf einmal schäme ich mich, dass ich mir Tricks ausdenke, um einen Erwachsenen ans Lesen zu bekommen. „Oder auch nicht. Ist ja nur noch ein Jahr. Das schafft er auch so und danach wird er ja sicher nichts mit Deutsch machen.“

„Also … ich hätte ja auch nichts dagegen, wenn er mehr lesen würde und wir sind früher mit ihm ja auch manchmal zur Buchhandlung gefahren, aber Bücher sind schon teuer. Und wenn er sie am Ende doch nicht liest, dann nehmen sie nur Platz weg. Du weißt ja, mein Mann hat seine historischen Schinken, die stapeln sich auch bei uns, obwohl er sie ja doch nur einmal liest … aber in die Stadtbücherei geht Jonas auch nicht. Da fährt ja auch kein Bus hin und mit dem Fahrrad ist das lästig, wenn er dann doch etwas findet. Es ist eben alles ein bisschen umständlich. Du kennst das ja. Hier ist ja sicher auch keine Buchhandlung in der Nähe und du musst deine Sachen in Köln kaufen.“

Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen, als Jonas Mutter den Motor abstellt und in Richtung unseres Hauses sieht, das am Ende einer dörflichen Sackgasse liegt und an einen Wald grenzt. Ja, das hier sieht vielleicht wirklich ein bisschen nach dem Ende der Welt aus. Aber darüber muss sie sich nicht so freuen, daraus muss sie kein Argument machen, um ihren eigenen Widerwillen gegen bedruckte Bäume auszudrücken. „Zwanzig Gehminuten. Zu Stadtbücherei und Buchhandlung. Sie liegen sogar fast direkt nebeneinander. Und Bücher kann man ja auch gebraucht im Internet kaufen. Dann kommen sie sogar mit der Post direkt nach Hause.“

Ich gehe gerade ein bisschen zu weit und ich reiße mich zusammen. Ich sage nicht, dass man für zehn Euro ein Buch ewig und drei Tage lang behalten kann, während man mich nach einer Stunde wieder nach Hause fahren muss. Das kann man ja auch nicht miteinander vergleichen. Ich ringe mir ein Lächeln ab, bedanke mich für den Rücktransport und sage Jonas Mutter, dass Jonas sich bei mir wegen der nächsten Stunde melden soll. Das wird er nicht, aber sie wird ihn beim Abendessen solange daran erinnern, dass er Nachhilfe braucht, bis er es doch tut und nach den Herbstferien, wenn die Klausurphase dann wieder im vollen Gang ist, dann bekomme ich wieder satzzeichenlose Textnachrichten und Fotos von unfertigen Analysen. Ich freue mich schon. Ja ehrlich. Ich mache das ja nicht für die Zehn-Euro-Scheine, sondern weil ich daran glaube, dass Jonas irgendwann doch noch die Idee kommt, dass der Frühling eine blaue Sache ist.

The Sick Bag Song

„The Sick Bag Song“ von Nick Cave (2015)

Wenn es um Musik geht, dann neige ich nicht wirklich dazu, fanatisch zu sein und exzessiv und exklusiv für einzelne Musiker zu schwärmen, aber wenn es einen Künstler gibt, der ein gewisses Maß an „Fangirling“ bei mir hervorruft, dann ist das definitiv Nick Cave.

Mit der Band „Nick Cave & The Bad Seeds“ hat Nick Cave in den letzten vier Jahrzehnten mehrere Studioalben veröffentlicht, er hat bei Soundtracks mitgewirkt, Filme gedreht und komponiert – und er hat Bücher geschrieben. Diese Bücher stehen bei mir seit Jahren auf diesen ehrgeizigen, potenziell lebenslänglich fortgeführten Will-Lesen-Listen und an Weihnachten ist endlich der Stein ins Rollen gekommen. Ich habe „The Sick Bag Song“ in einem meiner Lieblingsbuchläden entdeckt und sofort gekauft. Als Weihnachtsgeschenk für meinen Vater. Und für mich. Eine Anschaffung für die ganze Familie, so soll es sein.

Während „The Sick Bag Song“ eher in die Sparte autobiographisch-poetisch fällt, sind „And The Ass Saw The Angel“ und „The Death of Bunny Munro“ eher klassische Romane. (Die ich auch bald, sehr bald, lesen werde, denn ich habe keine halben Sachen gemacht und alle drei Bücher unter dem Weihnachtsbaum deponiert.)

Das Buch ist während einer Tournee der Bad Seeds durch Nordamerika entstanden. In Bussen, Flugzeugen, Hotels. In Bewegung Auf Spucktüten. Deswegen auch der Titel. Simpel und einleuchtend, oder? For Motion Discomfort.

Eine richtige Handlung gibt es nicht, es gibt vielmehr einige Motive, quasi rote Fäden, die sich durch das gesamte Buch ziehen, das vielleicht richtigerweise als episches Lang-Gedicht oder Ballade bezeichnet werden müsste. Es liest sich ein wenig wie das Booklet eines Albums, aber doch anders. In der zweisprachigen Ausgabe sind zuerst die von Nick Cave bemalten, betexteten, bekritzelten und doch niemals im klassischen Sinne „benutzten“ Spucktüten in Farbe abgedruckt, dann folgt Stadt für Stadt, Tüte für Tüte die deutsche Übersetzung des Textes, der daraus entstanden ist. Die zweite Hälfte des Buches präsentiert dann ganz schlicht noch einmal die englischen Originalfassungen des gedruckten Textes. Ein multimediales Erlebnis, das dringend nötig ist, denn eine reine Übersetzung zu lesen, wäre irgendwie unbefriedigend gewesen. Obwohl es eine sehr gelungene Übersetzung ist, sehnt man sich als Kenner der Lyrics von Nick Cave nach dem originalen Wortlaut. Man kann sogar so weit gehen und sagen, es kommt auf jedes einzelne Wort an.

Eine Liste von wiederkehrenden Motiven:

Der Junge auf der Brücke, der sein Ohr an die Gleise legt, um den Zug zu hören.

Das Mädchen in dem kurzen Rock (Ahornblätter, stars and stripes, je nachdem), das fliegen und nicht fallen will. Auch auf der Brücke.

Brücken.

Die Frau, die nicht ans Telefon geht. Ring. Ring. Ring.

Die ausgefransten Fäden in den Ärmeln der Jacke.

Der Mann auf der Bühne, der ein Gott ist, der Nichts ist.

Memory is just another form of possession.

Essen.

Listen.

Bryan Ferry, Leonard Cohen, Bob Dylan, John Berryman.

That the world may know that I died of love.

Vampirismus, keine Vampire.

Wem das jetzt zu kontextfrei und unzusammenhängend war, der möge seine Hände von dem „Sick Bag Song“ lassen. Das Buch gefällt wahrscheinlich dann, wenn man die Musik von Nick Cave mag. Es ist einfach ein Teil des Gesamtkunstwerks, das dieser Mann eventuell gar nicht sein will, aber irgendwie doch ist.

Ich weiß nicht so richtig, wie ich das Buch rezensieren sollte, wie ich das zusammenfassen soll, aber es war mir wichtig, etwas darüber zu schreiben und das hier ist der erste Versuch. Vielleicht fällt mir irgendwann mehr ein, aber wahrscheinlich eher nicht.

Ich mache es einfach ganz kurz: „The Sick Bag Song“ ist das erste Buch, das ich 2020 gelesen habe und ich könnte darüber gar nicht glücklicher sein.

Unterleuten

„Unterleuten“ von Juli Zeh (2016)

Als ich dieses Buch begonnen habe, ist der Hype um „Unterleuten“ von Juli Zeh zwar längst vorbei gewesen, aber ich hatte immer noch im Hinterkopf, wie lang dieser Titel in den Bestseller-Listen zu finden war – und meine Erwartungen sind ganz unwillkürlich sehr hoch gewesen. Das kann ja nur schief gehen, dachte ich – und ich hatte irgendwie Recht.

Worum geht es?

„Mit dem Dorf stimmt was nicht. Ganz massiv.“ Diese zwei kurzen Sätze sind auf dem Buchrücken abgedruckt und fassen den Inhalt des über 600 Seiten langen Romans ganz hervorragend zusammen: Unterleuten, das Dorf mit dem sprechenden Namen, das im Brandenburg‘schen Nichts liegt und in dem sich die großen Konflikte der deutschen Gegenwart auf kleinstem Raum abspielen.

Das Konzept, wichtige gesellschaftliche und politische Themen irgendwie greifbarer zu machen, indem sie auf den Mikrokosmos eines Dorfes projiziert werden, ist wirklich gut. Über Windkraft, die Krise der Landwirtschaft, die Altlasten der DDR, Sozialismus und Kapitalismus und all das zu sprechen, ohne dabei staubtrocken, belehrend oder einfach nur anstrengend zu sein, ist nicht einfach. Ich bin immer noch beeindruckt, dass ein Buch, in dem all diese Themen durchgehend präsent sind, ein Bestseller geworden ist. So weit, so gut.

In Unterleuten versammeln sich „Wessis“ und „Ossis“, Zugezogene und Alteingesessene, Sozialisten und Kapitalisten, Gutgläubige und Bösdenkende. Die Geschichte des Dorfes wird aus mehr als einem Dutzend Perspektiven erzählt und jeder der Protagonisten liest sich ein wenig anders. Trotz der Vielzahl der Figuren und Verstrickungen verliert man nicht den Überblick, sondern kann die Handlungsstränge und Familienzugehörigkeiten immer einwandfrei zuordnen. Das liegt zum einen daran, dass das Buch sehr gut geschrieben ist – und zum anderen daran, dass die Figuren nicht direkt Klischees sind, aber doch immer sehr repräsentativ. Sie sind Stellvertreter für eine bestimmte Denkweise, demonstrieren eine Zwickmühle, eine politische Gesinnung, eine gesellschaftliche Rolle oder einfach nur ein böses Vorurteil.

Was ist Freiheit? Was ist Macht? Was ist Feindschaft? Die Klärung all dieser großen Begriffe, mit denen gerade in den „sachlichen“ Medien, aber auch in der Literatur, gerne ein bisschen verschwenderisch umgegangen wird, strebt der Roman an. Dass das Buch dabei selbst zu der inflationären Verwendung solcher großen Wörter neigt… daran kann man sich stören, muss man aber nicht. 600 Seiten sind viel Platz, da muss man sich auch schon mal wiederholen.

Read it?

Eine ganze Weile lang macht es Spaß, sich in den komplexen, sozialen Lebensraum Unterleuten einzulesen und sich in die verschiedenen Dynamiken hineinzudenken, aber für meinen Geschmack ist letzten Endes doch zu wenig passiert. Ein Kind scheint verschwunden, ein Windpark soll entstehen und doch nicht entstehen, ein vermeintlicher Mord, der zwanzig Jahre her ist, will geklärt werden. Die Handlung des Romans folgt einem roten Faden und beweist schließlich, dass Macht, Freiheit und Feindschaft nichts bedeuten. Alles ändert sich und doch bleibt alles wie es ist. Das ist natürlich so ganz richtig und ich bin niemand, der daran glaubt, dass besonders dicke Bücher auch eine besonders krasse Botschaft haben müssen, aber letzten Endes habe ich wohl doch zu viel erwartet.

Ich wurde von dem Buch unterhalten – aber leider an keiner Stelle schockiert oder überrascht. Es ist ein gelungenes, zeitgeistliches Porträt, aber gerade in umweltpolitischen Fragen ist seit 2016 doch eine Menge Staub aufgewirbelt worden… und deswegen wirkt der Roman fast schon wieder ein bisschen „zu klein“ gedacht, obwohl das ja nach meinem Verständnis gerade der Witz ist: große Gedanken in einem kleinen, klar abgegrenzten Bereich. Trotzdem wirkt irgendetwas an dem Buch irgendwie jetzt schon „veraltet“ –  sodass unfreiwillig gezeigt wird, dass das Einfangen von einem bestimmten Zeitgeist zwar schön und gut und auch ein großes Kunststück ist, aber dass „zeitgeistlich“ und „zeitlos“ in diesem Fall leider unvereinbare Gegensätze sind.

Das Buch ist gut, aber mit dem Buch stimmt was nicht. Ganz massiv.

Was mich allerdings doch noch richtig begeistert: Die Autorin und der Verlag haben eine Homepage für Unterleuten erstellt und halten so den Anspruch, die Grenzen zwischen Fiktionalität und Realität zu verwischen, noch ein wenig höher: https://www.unterleuten.de/index.html#main

2019 – Meine Autoren

2019

Jahresrückblick: Meine Autoren

Das Jahr 2019 nähert sich dem Ende, ich habe fast 100 Bücher gelesen und ich habe es endlich mal geschafft, einen Buchblog einzurichten… mit dem Gedanken spiele ich seit Jahren und auch, wenn dieses Projekt hier immer noch in seinen Kinderschuhen steckt, bin ich schon etwas stolz, dass ich es überhaupt mal gemacht habe.

Ursprünglich wollte ich meine 19 Lieblingsbücher des Jahres heraussuchen und vorstellen, aber beim Durchgehen der Liste mit den Titeln, die ich gelesen habe, sind mir zwei Dinge aufgefallen. Zum einen habe ich den Büchern, die mir besonders am Herzen lagen, schon virtuellen Raum auf dieser Seite gewidmet – zum anderen sähe so eine Liste eher einseitig aus, weil ich mich in diesem Jahr auf einige Autoren eingeschossen habe. Also habe ich entschieden, hier fünf von den Autoren vorzustellen, die mich mit ihren Werken durch das Jahr begleitet haben.

Colette

Sidonie-Gabrielle Claudine Colette wurde 1873 geboren und verstarb 1954. Sie war die erste Französin, die ein Staatsbegräbnis erhielt. Anfang des Jahres ist ein filmisches Porträt ihres Lebens die Kinos gekommen und ich war direkt fasziniert von Colettes Geschichte. Im Sommer habe ich mich dann einer ganz persönlichen Herausforderung gestellt und mir den Debütroman von ihr im französischen Original geholt: Claudine à l’École.

Die Geschichte über Claudine, ein forsches, freches Mädchen aus einer französischen Kleinstadt, das mit Intelligenz und Witz durch den Schulalltag geht und dabei die Moral und Regeln ihrer Zeit auf den Kopf stellt, ist 1900 erschienen. Das ist verdammt lange her – und trotzdem macht es immer noch Spaß, sich Claudines Eskapaden durchzulesen. Das Buch kommt wie ein „Mädchenroman“ daher, ist aber trotzdem gemein und manches Mal so subtil, dass meine Französisch-Kenntnisse an ihre Grenzen gestoßen sind… ehrlicherweise muss ich wohl sagen, dass ich das Buch zu 85 Prozent wirklich gelesen und mir den Rest irgendwie zusammengereimt habe.

Ich bin fest entschlossen, mehr von Colette – und eventuell auch mehr von Claudine – zu lesen, auch wenn ich wahrscheinlich beim nächsten Versuch lieber zu einer Übersetzung greifen werde.

Andrea Camilleri

Der italienische Schriftteller Andrea Camilleri ist mir auch eher zu Anfang des Jahres begegnet. Durch puren Zufall, so ganz wunderbar unvorhergesehen bei einem Streifzug durch ein modernes Antiquariat, das eine ganze Ladung Literatur aus Italien bekommen hat. Ich habe mir ein ganz dünnes Buch mit dem Titel „Mein Ein und Alles“ gekauft, es in einem Zug durchgelesen und mir in der nächsten Woche ein zweites, ebenso dünnes Buch geholt: „Ein Nachmittag unter Freunden“. Auch dieses zweite Buch habe ich innerhalb weniger Stunden verschlungen und bei meinem nächsten Besuch in dem modernen Antiquariat musste ich enttäuscht feststellen, dass das Regalbrett mit Camilleri sich bereits geleert hat.

Im Laufe des Jahres habe ich in allen Bibliotheken und Buchhandlungen den Namen Camilleri entdeckt, aber nicht zu einem weiteren Buch gegriffen. Neben Einzelromanen wie solchen, die ich für mich entdeckt habe, kennt man Camilleri vorwiegend für seine „Kommissar Montalbano“-Krimireihe, die sich über mehr als 30 Bände erstreckt und für das italienische Fernsehen verfilmt wurde.

Am 17. Juli diesen Jahres ist Andrea Camilleri im Alter von 93 Jahren verstorben. Ich bin zuversichtlich, dass der Zufall wieder auf meiner Seite sein wird und mich bald eine andere Geschichte des Autors in ihren Bann ziehen wird. (Vielleicht schummele ich auch einfach und bestelle ganz gezielt etwas. Man kann sich ja nicht immer auf die Fügungen des Schicksals verlassen.)

Sara Shepard

Das ist vielleicht die „zeitgenössischste“ Autorin, die mich dieses Jahr begleitet hat… und wenn man ehrlich ist, dann darf man hier eher nicht von großer Literatur sprechen, aber darum geht es ja auch gar nicht. Sara Shepard und ihre Buchreihen „Pretty Little Liars“ und „The Lying Game“ haben mich durch das Jahr begleitet – aktuell bin ich bei Band 13 von 16 der PLL-Saga und ja… mittlerweile fühlt sich das Lesen richtig heimisch an. Ich glaube, ich habe noch nie mit so einer Ausdauer eine Buchreihe verfolgt… die „Fear Street“-Romane einmal ausgenommen.

Die Bücher sind für ein jüngeres Publikum geschrieben und arbeiten mit simplen Methoden, um Spannung zu erzeugen. Es geht um Geheimnisse, Romanzen, Mörder und klassische Krisen aus einer amerikanischen Kleinstadt, die sich in ihrem Wohlstand langweilt. Und es ist trotzdem ein absolut herrlicher Zeitvertreib, ich stehe dazu. Sarah Shepards Romane sind pures und reines guilty pleasure – aber in diesem Jahr definitiv die Konstante in meinem Lese-Leben und deswegen gehört ihr Name auf diese Liste

Françoise Sagan

Vor einigen Jahren habe ich mir „Das Lächeln der Vergangenheit“ aus dem Bücherregal meiner Mutter ausgeliehen und ich war… ja, ganz gut unterhalten, aber nicht heftig begeistert. Ich mochte den Stil von Sagan, aber die Handlung (spoiler: Ich bin nicht sicher, ob es eine gab) hat mich nicht besonders gepackt. Aber weil ich grundsätzlich immer die Klappentexte lese und mehr über die Person hinter dem Buch wissen möchte, hat es nicht lange gedauert, bis ich an Sagans berüchtigten Debüt-Roman „Bonjour Tristesse“ geraten bin. Danach habe ich die Autorin vergessen und sie in diesem Sommer mehr oder weniger wiederentdeckt. Dank eines Verkäufers auf ebay-Kleinanzeigen, der im Besitz einer Sammlung mit Novellen von Guy de Maupassant war… und mehrere Romane von Sagan angeboten hat. Damit der Postbote seine Arbeit auch nicht umsonst war, habe ich mir die Novellen gekauft, die ich für die Uni brauchte – und fünf Bücher von Sagan, die mir alle gleichermaßen viel Freude gemacht haben, sodass ich mich dafür entschieden habe, nur „Blaue Flecken auf der Seele“ zu rezensieren, obwohl es jedes der Bücher verdient hätte, einzeln erwähnt zu werden.

Darum folgt hier nun eine Auflistung der Romantitel von Sagan, die meinen Sommer eine ganze Ecke schöner gemacht haben: „Chamade“ (1965), „Lieben Sie Brahms…“ (1959), „Ein verlorenes Profil“ (1974), „Blaue Flecken auf der Seele“ (1972), „Ein bisschen Sonne im kalten Wasser“ (1970).

J.M. Coetzee

Auch J.M. Coetzee ist keine „Neuentdeckung“ für mich. Vor zwei Jahren habe ich – wieder aus dem Bücherregal meiner Mutter – einen Teil seiner Autobiographie gelesen: „Boyhood“. Im Sommersemester ist Coetzee mir dann erneut begegnet, ich habe gelernt wie man seinen Nachnamen korrekt ausspricht (wenn ich noch richtig transkribieren könnte, würde ich das jetzt hier einbringen, aber so ist es nur ein kurzer Moment des Angebens gewesen) und ich habe mich mit drei weiteren Werken auseinandergesetzt. (Und mit einer Unmenge an Sekundärliteratur, die hier nicht wirklich erwähnt werden will.)

  1. „Summertime“ ist quasi eine Fortsetzung von „Boyhood“ und ein weiteres Teilstück von Coetzees autobiographischen Romanen. Ja, richtig gelesen: autobiographische Romane. Bei diesem Autor ist nichts ganz Fakt und nichts ganz Fiktion. Beide Romane tragen den Untertitel „Scenes from Provincial Life“ und spielen im Südafrika der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
  2. „Disgrace“ ist eine Geschichte über einen Literaturprofessor, der seinen Job und sein Ansehen verliert, nachdem er eine kurze, einseitige Affäre mit einer seiner Studentinnen hatte. Er lässt die Stadt hinter sich und kehrt bei seiner Tochter ein, die ein beschauliches Landleben führt. Die Situation eskaliert, als drei Männer in das Haus eindringen und etwas Unaussprechliches passiert. Ein dünnes Buch, das unzählige Motive hält, von denen eines schwerer verdaulich als das andere ist: Holocaust, Vergewaltigung, Doppelmoral, Rassismus – und Schande. Die titelgebende Schande.
  3. „The Good Story“ ist eine Sammlung von Gesprächen zwischen Coetzee, dem Autor und Literaturwissenschaftler und Mathematiker, und Arabella Kurtz, einer Psychologin, die im interdisziplinären Stil über große Themen sprechen: Wahrheit, Fiktion, die Seele des Menschen. Das Werk ist weder Sachbuch noch Roman, sondern einfach eine Unterhaltung zwischen sehr klugen Menschen, die einander verstehen, aber auch missverstehen, sodass man sich als Leser wie ein stummer Zuhörer fühlen darf.

Geständnisse

„Geständnisse“ von Kanae Minato (2008)

Die letzten Tage habe ich mit dem Roman „Geständnisse“ von der japanischen Autorin Kanae Minato verbracht, den mir eine Freundin ausgeliehen hat. Wie das bei solchen „Leihgaben“ und „Empfehlungen“ eben ist, waren meine Erwartungen höher als bei einem Zufallsgriff aus der Buchhandlung. Vorne im Buch waren einige lobpreisende Reviews abgedruckt – und es wurde obendrein der Vergleich mit Gillian Flynns Bestseller „Gone Girl“ gezogen, der zu den absoluten Favoriten in meinem Bücherregal gehört. „Geständnisse“ hatte es also nicht leicht – aber ich bin nach der Lektüre nicht wirklich enttäuscht gewesen, eher ein bisschen ernüchtert.

Worum geht es?

Die Mittelschule einer Kleinstadt wurde von einem tragischen Ereignis erschüttert: die 4-jährige Tochter einer Lehrerin ist im Schwimmbecken der Schule ertrunken. Die Geschichte beginnt damit, dass sich die Lehrerin am letzten Schultag des Jahres vor die Klasse stellt und verkündet, dass sie ihren Beruf aufgeben wird – und dass zwei Schüler der Klasse die Mörder ihrer kleinen Manami sind. Ohne Namen zu nennen, berichtet sie davon, wie die beiden Schüler, die sie A und B tauft, zu Mördern wurden. Und wie ihre Strafe aussehen soll.

Das Buch wechselt häufig in der Perspektive und versteht sich darauf, ein und dieselbe Geschichte aus mehreren Blickwinkeln zu erzählen. Es gibt mehrere Themen, die sich wie der berühmte rote Faden durch das Buch ziehen: Das Jugendstrafrecht in Japan; Mutter-Kind-Beziehungen (Helikoptermütter; Die Stigmatisierung von alleinerziehenden Müttern; Mutterkomplexe, die ganze Palette); Die panische Angst vor der Ansteckung mit Krankheiten; Der Leistungsdruck und das Wertesystem, das an japanischen Schulen vermittelt wird; Der Umgang der Medien mit den brutalen Verbrechen von Minderjährigen; Die Pflichten und die Erwartungen, die ein Lehrer erfüllen muss. Das Buch übt Kritik auf mehreren Ebenen – und das fast ohne plakativ oder zu direkt zu werden. Die verhängnisvollen Dynamiken zwischen Schülern und Lehrern, Eltern und Kindern, sind nicht spezifisch auf die japanische Gesellschaft zugeschnitten, sondern eher universell unheimlich. Und spannend. Die Sätze sind kurz, prägnant und eindringlich. Das Buch kommt ohne eine zu bildliche Sprache oder besonders viel Schnickschnack aus und lässt sich wunderbar nebenher lesen – oder am Stück, wenn man die Zeit dafür findet.

Read it?

Auch wenn ich nicht die Absicht gehabt hätte, das Buch seiner Besitzerin sobald wie möglich zurückzugeben, hätte ich „Geständnisse“ vermutlich ziemlich zügig gelesen, da die Spannungskurve nicht nachlässt. Obwohl ich im Nachhinein sagen muss, dass ich den Anfang besser fand als den Schluss. Das kann daran liegen, dass man sich irgendwann daran gewöhnt, dass alles immer ein bisschen anders ist als es scheint. Schon durch den Vergleich mit „Gone Girl“ (den ich nicht unterschreibe, nein wirklich nicht) ist irgendwie gesetzt, dass es heftige Plot-Twist geben wird. Aber wenn man auf Wendepunkte wartet, dann sind sie leider nur noch halb so wirkungsvoll. Leider ist das Ende des Romans deshalb auch beim ersten Lesen nicht schockierend. Das Konstrukt, das damit abgeschlossen wird, ist insgesamt so gemein, dass das Ende nicht wirklich nachtreten oder „noch einen draufsetzen“ kann. Besagte Freundin und Besitzerin des Buches meint allerdings, dass das Ende umso drastischer und gnadenloser erscheint, je länger das Lesen zurücklegt… also vielleicht ist es vorschnell eine Rezension zu schreiben, nachdem ich das Buch erst gestern Abend ausgelesen habe.

Da ich mich nun so viel über den Gone-Girl-Vergleich ausgelassen habe, möchte ich aber auch noch einem der abgedruckten Reviews zustimmen. Denis Scheck sagt über „Geständnisse“, es gehöre „zum Subtilsten, was ich seit langem gelesen habe“ – und da kann ich nur zustimmen. Einerseits setzt „Geständnisse“ auf Momente des lauten Schocks, aber andererseits schleicht die Boshaftigkeit der Geschichte sich an den Leser heran und wartet nur darauf, sich in einem der Wendepunkte zu offenbaren.

Wer „Geständnisse“ mag, liest vielleicht auch gerne:

  • „Gone Girl“ von Gillian Flynn. (Was für eine Überraschung.) Oder andere Thriller von Flynn wie „Cry Baby“ (Originaltitel: Sharp Objects) oder „Dark Places“.
  •  „Nichts. Was im Leben wichtig ist.“ von Janne Teller. Mindestens genauso abgründig, wenn es um die Dynamiken geht, die in einer Schulklasse entstehen können.
  • „Ich. Darf. Nicht. Schlafen.“ von S.J. Watson
  • „Miss Lizzie“ von Walter Satterthwait

Kaspar

„Kaspar“ von Peter Handke (1967)

In einigen Jahren geht die Vergabe des Literaturnobelpreises unbemerkt an mir vorbei, aber dieses Jahr habe ich aufgehorcht. Zum einen deshalb, weil mir der Name Peter Handke im Laufe meines Studiums bereits einige Male begegnet ist und ich trotzdem nie etwas von ihm gelesen habe und zum anderen, weil es diesmal doch ziemlich viel Gewese darum gab. Ich habe die Interaktionen zwischen dem Autor und der Öffentlichkeit nicht wirklich verfolgt, aber durch die Schlagzeilen, die mir beim Öffnen meines Emailpostfachs auf der Startseite meines Mailanbieters immer wieder angezeigt wurden, ist der Name doch irgendwie ständig präsent gewesen. Gestern habe ich mich dann vor die Regalreihe in meinem Zimmer gestellt, die meine Reihe der Schande ist. Dort stehen Bücher, die mir geschenkt wurden, die irgendein Familienmitglied oder Freund nicht mehr haben wollte oder die ich irgendwann im Affekt gekauft und nie gelesen habe. So eine Reihe haben wahrscheinlich die meisten Leser und ich weiß, dass auf vielen Blogs immer von dem SuB (Stapel ungelesener Bücher) gesprochen wird … und genau dort, erinnerte ich mich dumpf, liegt ein dünnes Buch von Handke herum. Ich kann also nicht wirklich behaupten, dass ich mich bewusst für „Kaspar“ entschieden habe, es ist mir mehr oder weniger in die Hände gefallen.

Worum geht es?

Das ist in diesem Fall keine besonders leicht zu beantwortende Frage. Wichtig zu sagen ist vielleicht erst einmal, dass „Kaspar“ kein Roman ist, sondern ein prosaisches Theaterstück, würde ich sagen. Es gibt so eine Art Erzähler, der Regieanweisungen und mehr erläutert und dann gibt es zwei Monologblöcke. Auf der einen Seite redet Kaspar, die einzige Figur des Stücks (Anmerkung: Es gibt allerding mehr als einen Kaspar. Verwirrender Spoiler Ende), und auf der anderen Seite reden die Stimmen. Teils wechseln sich beide Gesprächsseiten dialogisch ab, teils ergänzen sie einander, teils reden sie aneinander vorbei, teils wird kaum gesprochen. Die Drucklegung des Werks muss ein Abenteuer gewesen sein.

Ein wiederkehrendes Thema des Buches ist Ordnung. Und Plattitüden, Binsenweisheiten, Kalendersprüche, Mantras zum Thema Ordnung. Ich habe immer wieder gedacht, dass das irgendwie doch ein sehr deutsches Buch ist … ich weiß nicht, vielleicht gibt es in anderen Sprachen genauso viele Aphorismen zu dem Thema, aber mir wollten keine einfallen. Außerdem geht es um Sprache: Sprachspiele, Sprachkrisen, Sprachursprünge und mehr. Über einige dieser spielerischen Episoden konnte ich lachen, bei anderen ist der Witz oder der Sinn (falls es einen gab, wer weiß das schon) schlichtweg an mir vorbeigegangen.

Read it?

Obwohl „Kaspar“ ja nun wirklich nur ein sehr kleiner Teil von Handkes bisherigem Lebenswerk ist, habe ich das Gefühl, einen guten ersten Eindruck von Handkes Art zu schreiben bekommen zu haben. Das Buch ist nicht ohne, es ist eine Herausforderung, wenn man den Anspruch hat, jede Zeile zu verinnerlichen, nachzuvollziehen oder zu deuten. Ich muss ganz ehrlich einräumen, dass ich diesen Anspruch von Anfang an nicht hatte und deswegen habe ich den Text als recht flüssig zu lesen empfunden. Und doch relativ unterhaltsam. Es gab ein paar absurde Momente, ein paar witzige und sehr originelle Einfälle im Umgang mit dem Medium Buch und den Möglichkeiten, die besonders ein gedrucktes Theaterstück bietet. Kurz um: Ich fühle mich bereichert. Mein Interesse für das Mysterium „Kaspar Hauser“ ist wieder ein bisschen geweckt. Ich habe keine Lebenszeit verschwendet.

Serientäter

Serien sind eigentlich eine sehr dankbare Sache, denn man hat deutlich mehr Zeit als bei einem Film, um sich auf die Figuren und die Handlung einzulassen. Nach einigen Staffeln hat man manchmal sogar das Gefühl, man kehrt zu alten Freunden zurück. Obwohl ich Filme wirklich mag, finde ich das Konzept von Serien manchmal fast noch ein bisschen besser, weil ich mich gerne an Charaktere gewöhne und liebevoll auserzählte Geschichten mag. (Und Running Gags.) Trotzdem gab es in den letzten Jahren mehr als nur eine Serie, die ich als anstrengend empfunden habe … und mittlerweile bin ich mir sicher, dass das auch irgendwie an meiner Schwäche für Gesichter liegt.

Ich habe bereits erwähnt, dass bei vielen Faceblindness-Selbsttests, die man im Internet finden kann, auch die Frage danach kommt, ob man manchmal Schwierigkeiten hat, einer Serie oder einem Film zu folgen. Ob man es herausfordernd findet, den Überblick über die einzelnen Figuren zu behalten und die Charaktere in allen Szenen unmittelbar erkennen kann. Heute möchte ich mich einer Reihe von Serien widmen, die ich eigentlich gerne angesehen habe und die mir trotzdem immer wie „schwere Kost“ erschienen sind.

  1. Borgia. Diese Serie widmet sich der Familie Borgia, die im Europa des 15. und 16. Jahrhunderts zunehmend an Einfluss gewinnt, nachdem der Patriarch Rodrigo Borgia den Heiligen Stuhl als Papst Alexander VI. besetzt. Borgia ist eine historische Serie, die nicht an aufwendigen Kostümen und Massenszenen spart. Es gibt deutlich mehr männliche als weibliche Figuren – und spätestens dann, wenn in einer Szene alle Kardinäle versammelt werden, sehe ich nur noch ein Dutzend alter Männer in roten Roben, deren Namen ich zwar theoretisch kenne, aber deren Gesichter ich praktisch und im Ernstfall nicht wirklich auseinanderhalten kann. Die Serie lebt von ihren Intrigen, die nicht minutiös und idiotensicher erklärt werden, sodass man als Zuschauer ab und an mit erzählerischen Lücken alleine gelassen wird, die man spielend leicht füllen kann, insofern man in der Lage ist, die Charaktere auch in einer Szene, in der man eventuell nicht mit ihnen gerechnet hat, zu erkennen. Ich habe alle drei Staffeln von Borgia gesehen und meiner Schwäche für „Kostümschinken“ wurde kein Dämpfer versetzt, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass ich mehr hätte „sehen“ können.
  2. Peaky Blinders. Auch die britische Produktion Peaky Blinders, die von den Mitgliedern der Familie Shelby erzählt, die sich im Birmingham der 1910er-Jahre von der gefürchtetsten Gangs der Stadt hin zu einer Familie entwickeln, deren Namen man sogar in New York City kennt, als an der Wall Street 1929 alles zusammenbricht, fällt nun wieder in die Kategorie „historischer Stoff“ und „Familiensaga“ und leichte Kost soll es ganz sicher auch nicht sein. Genau wie im Fall von Borgia ist die Besetzung überwiegend männlich – und zumindest in den ersten Staffeln sind alle Peaky Blinders annähernd identisch gekleidet: lange, staubfarbene Mäntel, Mützen mit den berüchtigten, eingenähten Rasierklingen, kurz geschorene Haare, schick-schäbige Anzüge in braun-grau-Tönen. Die Hauptfiguren Thomas und Arthur Shelby stechen hervor – Thomas durch seine markanten Augen und Wangenknochen, Arthur durch seinen Schnurrbart. Die anderen Shelby-Brüder ähneln Tommy Shelby aufs Übelste, sodass ich manchmal nur durch den Kontext oder durch die Verwendung von Vornamen sicher sein konnte, wer gerade im Bild zu sehen ist. (Zwei der Schauspieler sind tatsächlich Brüder, die Familienähnlichkeit ist also nicht umsonst so überzeugend.)
  3. Babylon Berlin. Und? Erkennt man schon ein Muster? Serien mit historischen Kostümen bereiten mir durch die Bank weg Schwierigkeiten. Bei Babylon Berlin ist es ganz ähnlich wie bei Peaky Blinders, der (männliche) Einheitslook der 20er-Jahre macht mich fertig und dem Anspruch der Serie an den Zuschauer, einige Szenen ohne viele Erklärungen und Worte, sondern durch das bloße Wiedererkennen der Charaktere und das Erinnern ihrer Geschichten, zu erschließen, kann ich nicht immer gerecht werden. Natürlich geht die Handlung nicht komplett an mir vorbei und früher oder später weiß ich dann doch, was gerade passiert und worauf ich achten muss, was die Szene bedeutsam macht, aber ich brauche länger als beispielsweise bei Sitcoms oder Serien, in denen die Hauptfiguren sich klar voneinander unterscheiden lassen. Das Ansehen der Serien wird dadurch anstrengender – und das kann ich bei Babylon Berlin nicht einmal darauf schieben, dass ich gleichzeitig die Untertitel mitlesen (die Synchronisation von Peaky Blinders ist leicht gruselig) oder mich auf italienische Nachnamen konzentrieren muss.
  4. Game of Thrones. Keine real-historische Show diesmal – aber auch wieder eine Serie, die auf mehrere, nebeneinanderherlaufende Handlungsstränge und optische Familienzusammengehörigkeit setzt. Ich bin sicher nicht die Einzige, die einige Folgen gebraucht hat, um sich in dem Universum von Game of Thrones einzufinden, aber ich bezweifle, dass der durchschnittliche Zuschauer sich so auf die Kleidungsstile und das Setting der verschiedenen Königreiche von Westeros fokussiert hat. In dieser Hinsicht sind Fantasy-Epen wie Game of Thrones – oder auch die „Herr der Ringe“-Filme – relativ dankbar, weil die verschiedenen Länder/ Völker meistens sehr deutlich voneinander abgegrenzt werden. Je weiter die Handlung sich entwickelt hat, umso leichter ist es mir auch gefallen, die Mitglieder der Familie Stark auseinanderzuhalten, die alles in allem die größte Herausforderung gewesen sind … bis irgendwann ein paar von ihnen verschieden sind. Aber Spoiler gehören nicht hierher!
  5. Elité und Baby. Sowohl die spanische als auch die italienische Netflix-Produktion arbeiten mit einem sehr jungen Cast und spielen in der Gegenwart. Die Hauptfiguren sind in beiden Serien durch äußerliche Merkmale (Kopftuch; Haarschnitt/ Haarfarbe) relativ gut zu erkennen, aber bei den Nebenfiguren wird es schon schwieriger, da (und das ist der Punkt, an dem das hier rassistisches Potenzial hat, aber so ist es natürlich gar nicht gemeint!) alle Schauspieler, die spanische/ italienische Jungen zwischen 15 und 20 Jahren verkörpern, einigermaßen gleich aussehen. Dunkle Haare, mal lockig, mal kurz geschnitten, ebenmäßige Gesichter und … Schuluniformen. In beiden Serien spielen sich nicht wenige Szenen während der Schulzeit ab, dementsprechend tragen alle Schauspieler identische Kleidung. Und das ist der Horror schlechthin, weil es dadurch deutlich schwieriger wird, Namen und Persönlichkeiten zuzuordnen, die sonst über den Stil der Figuren ausgedrückt werden. Der Gedanke von Schuluniformen ist es ja, eine Art Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und äußerliche Unterschiede weniger wichtig zu machen – und das ist auch ein sehr schöner Gedanke, aber bei dem Konsum dieser beider Serien ist mir das Konzept wirklich in die Quere gekommen.

Nun folgt noch eine kleine Aufzählung von Serien, die ich bald/eines schönen Tages sehen möchte und bei denen ich eine leise Ahnung habe, dass ich das Gucken als anstrengend empfinden werde: Mad Men, Grand Hotel, Versailles, Charité, Land Girls, The Crown, Spartacus, The Assassination of Gianni Versace. Auch hier sind wieder überwiegend historische und spanische/ italienische Serien vertreten sowie Serien, die mit einem großen Cast arbeiten und Massenszenarien nicht ausschließen.

Doch man darf sich schließlich nicht entmutigen lassen und vollkommen den amerikanischen Sitcoms, Animationsserien und grellbunten Teenie-Serien überlassen. Der Konsum von Filmen und Serien darf schließlich auch mal eine kleine Herausforderung sein und ganz bewusst geschehen.